Goethe Gesellschaft Gera e.V. » Rückblick

Stützerbach, Langewiesen, „Volle Rose“

Tagesausflug am 17. Juni 2017

Unsere zweite Fahrt in die Ilmenauer Region führte uns zunächst ins Goethehaus Stützerbach. In diesem Museum informierten wir uns über die Aufenthalte Goethes zwischen 1776 und 1779. Insgesamt verbrachte er 15 Tage an diesem Ort, mehrere Übernachtungen sind bezeugt. Es handelt sich um das Wohnhaus des Glashüttenbesitzeres Gundelach, bei dem Goethe und der Herzog Carl August Unterkunft fanden. Gern verweilten wir im „Goethezimmer“ mit Goethes Bildnisbüste, geschaffen von keinem Gerinegeren als dem Bildhauer Christian Daniel Rauch. Es handelt sich allerdings nicht um das Original, sondern um einen Gipsabguss. Das Interieur vermittelt einen schönen Eindruck von der Wohnkultur um 1800.

Wahre Schelmenstreiche sind überliefert. So ließen Goethe und der Herzog Weinfässer des Hausherrn den Hang hinabrollen. Eitel, wie er war, ließ Gundelach ein Porträt von sich malen. Goethe schnitt dessen Kopf heraus und steckte den seinigen hindurch. Er und der Herzog hatten ihren Spaß daran, Gundelach weniger. Einmal waren sie in der Gegend unterwegs und fragten in einem Bauernhaus, ob sie ein Glas Milch bekommen könnten. Die Bäuerin wusste nicht, wen sie vor sich hatte, und forderte sie auf, ihr beim Buttermachen zu helfen. Der Herzog in höchsteigener Person schlug die Butter. Währenddem entdeckte Goethe einen räudigen Kater. Nicht faul, warf er das Tier in das Butterfass. Tage später erschienen die Beiden wieder und legten reumütig ein Geständnis ab. Sie bedauerten den Kater und die verdorbene Butter. Die Bäuerin lachte nur und gab niederschmetternde Auskunft. „Ach, de Botter, die hach off Weimer getrohn, bei Hofe, die frassen alles!“

Das 2015 neu gestaltete Museum zeigt auch Exponate der traditionellen Papier- und Glasherstellung jener Zeit. Goethe zeigte sich – nicht zuletzt im Hinblick auf seine Farbenlehre – fasziniert. Er untersuchte Farbphänomene, wie sie beispielsweise bei einfallendem Licht durch schnell abgekühlte Glastropfen entstehen. Aus Stützerbach bezog Goethe auch veschiedene Papiere.

Viele Zeichnungen Goethes sind in und um Stützerbach entstanden. Manche widmete er Charlotte von Stein. In dieser Gegend arbeitete er an der Prosafassung des Schauspiels „Iphigenie auf Tauris“ und hing ersten Ideen für „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ nach. Natürlich sind literaturinteressierte Einheimische stolz darauf, dass in ihrer Heimat einige Goethe-Gedichte entstanden, so „Ilmenau“, „Dem Schicksal“ und „Einschränkung“.

An sich führten dienstliche Verpflichtungen die hohen Gäste in die Ilmenauer Gegend. Goethe begleitete den Herzog bei amtlichen Inspektionen und auf der Jagd. Trotz aller Späße und ausgelassenen Tanzvergnügungen mit hiesigen „Miseln“ (Mädchen) blieben Goethe die dürftigen, ja armseligen Lebensbedingungen der Menschen nicht verborgen. Er äußerte sein Mitgefühl und bedauerte seine geringen Einflussmöglichkeiten, die Lage der Menschen im Thüringer Wald verbessern zu können.

Unsere zweite Station war das Heinse-Museum in Langewiesen. Der heute weitgehend vergessene Dichter wurde in diesem Ort 1746 als Sohn des Organisten, Stadtschreibers und späteren Bürgermeisters geboren. Er erwies sich frühzeitig als großes Talent in den Naturwissenschaften, in sprachlicher und musikalischer Hinsicht. Er lernte Christoph Martin Wieland kennen, über ihn befreundete er sich mit Ludwig Wilhelm Gleim in Halberstadt, der sein Mäzen und väterlicher Freund wurde. Heise gründete mit Freunden den „Halberstädter Dichterkreis“. 1774 erschien sein erster Roman „Laidion oder die „Eleusinischen Geheimnisse“. Im gleichen Jahr wurde er bei den Brüdern Jacobi in Düsseldorf Redakteur der Frauenzeitschroft „Iris“. Ebenfalls im gleichen Jahr kam es bei Wuppertal zu einer Begegnung mit Goethe. Der spendete dem „Laidion“ höchstes Lob: „Es ist so vieles darin, das nicht anders ist, als ob ich’s selbst geschrieben hätte!“

In dieser Zeit verfasste Heinse seine „Düsseldorfer Gemäldebriefe“, die Wieland in seiner Zeitschrift „Teutscher Merkur“ veröffentlichte.

1780 trat Heinse seine dreijährige Italienreise an. Hier entstand sein wohl berühmtester Roman „Ardinghello und die glückseligen Inseln“.

Nach seiner Rückkehr bekleidete Heinse das Amt des Vorlesers und Bibliothekars des Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal in Mainz. Hier lernte er den Mediziner und Naturforscher Samuel Thomas Sömmering, den Universitätsabibliothekar, Weltreisenden und Jakobiner Gorg Forster sowie den Schweizer Historiker und Kanzler von Kurmainz, Johannes Müller, kennen. In Mainz schrieb Heinse seinen Musikroman „Hildegard von Hohenthal“. 1803 entstand sein letzter Roman „Anastasia und das Schachspiel“. Heinse starb 1803 in Aschaffenburg. Wie groß man ihn seinerzeit schätzte, wird schon an der Tatsache deutlich, dass ihm der bayrische König Ludwig I. einen Ehrenplatz – eine Büste – in der Walhalla zu Regensburg einräumte.

Den Museenbesuchen schloss sich eine Fahrt ins Schaubergwerk „Volle Rose“ sowie eine Fahrt in der Feldbahn durch idyllische Schortental an. Ein gemütliches Beisammensein in der Ausflugsgaststätte „Riechheimer Berg“ beschloss den ereignisreichen Tag.

Der Koran ist groß, streng und furchtbar – zur Aktualität des Goethe’schen Islam-Verständnisses

Vortrag von Dr. Manfred Osten, Bonn, am 7. Juni 2017

Friedrich Nietzsche behauptete, Goethe sei „in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen“. Dies stimmt natürlich so nicht. Er hat sich auch im 21. Jahrhundert keinesfalls „ausgelebt“, er hält vielmehr zahlreiche Überraschungen bereit. Und er favorisierte eine Lernkultur im Hinblick auf fremde Kulturen. Ganz in diesem Sinne ist sein „West-Östlicher Divan“ geschrieben, der 1819 erschien.

Der Koran spielt darin eine große Rolle. Er ist nach Goethes Ansicht groß, furchtbar, stellenweise aber auch erhaben. Divan heißt ein Gespräch weiser Menschen. In diesem Sinne gilt es, die hiesigen Bildungszustände bei uns zu bewahren.

Aber es gibt große Probleme, kommt bei diesen „weisen Gesprächen“ der Koran ins Spiel. In der 2. Sure heißt es nämlich: „Es gibt keinen Zweifel an diesem Buch.“ Der Mensch müsse sich also der Weisheit dieser Schrift unterwerfen. Ursprünglich gab es gar keine schriftliche Überlieferung, denn Koran heißt „Mündlicher Vortrag“. Ein autonomer Leser bleibt ausgeschlossen. Es handelt sich um ein theopoetisches Werk, dichterische Aspekte spielen also eine wesentliche Rolle. Dennoch bleibt der Koran in allen Belangen verbindlich.

Die absolute Dominanz des Mündlichen ist das eigentliche Problem. Ohne diakritische Zeichen wäre die arabische Schrift überhaupt unverständlich, sie bleibt unvollkommen, nur die mündliche Wiedergabe ist eindeutig. Bei der Niederschrift sind daher viele Fehler entstanden. Aus diesem Grund hat Atatürk die arabische Schrift abgelehnt, weil sie solche Probleme verursacht. Diese Tatsache wurde auch schon von Goethe erkannt.

1798 gab es eine große Schlacht der Mamelucken gegen napoleonische Truppen. Trotz zahlenmäßiger Übermacht erlitten die muslimischen Streitkräfte gegen die modernen westlichen Kanonen und Gewehre eine vernichtende und zugleich beschämende Niederlage. Sie bedeutete eine große Kränkung des Islam. Dies setzte sich fort über andere Debakel bis hin zum Sechs-Tage-Krieg. Schon zu Goethes Zeiten folgte auf diese Trauma eine radikale Reaktion. So forderte der arabische Gelehrte Wahhab nach der Schlacht bei den Pyramiden nicht etwa eine Modernisierung, wie sie China und Japan in Szene setzten, sondern eine Rückbesinnung auf die siegreiche Geschichte des Propheten. Dabei sollte der Koran wieder streng ausgelegt werden. In jüngster Zeit fügte der Terrorist Abdul Rahman al-Kaduli zu den fünf Glaubenspfeilern des Islam einen sechsten hinzu: den kriegerisch verstandenen Dschihad. Alle Gewaltexzesse sind somit legitimiert durch das Wort des Propheten.

Vor 200 Jahren gab es schon Vermittlungsversuche. So wandte sich Wilhelm von Humboldt gegen die eurozentristische Belehrungsgesellschaft hin zu einer universalen Lerngesellschaft. Und Goethe sah im Islam auch das Erhabene, Bewundernswerte. Er anerkannte den Propheten als große schöpferische Gestalt. Er verfasste einen Hymnus, der Prophet entspringe einem reinen Quell im höchsten Gebirge, aus dem sich in der Ebene ein Fluss bilde, an dessen Ufern große Städte und Reiche entstehen.

Goethe plante auch ein Schauspiel: „Mahomet“. Damit wollte er zugleich Front gegen das schmähende Werk „Mahomet“ von Voltaire beziehen. Goethe zeigte sich empört: Voltaire habe kein Recht zur Blasphemie. Im deutschen Strafrecht gibt es übrigens bis heute einen entsprechenden Paragrafen (166). Dennoch hat Goethe Voltaires Werk übersetzt, allerdings diffamierende Stellen weggelassen oder geglättet.

Durch seine Bekanntschaft mit dem persischen Dichter Hafis, wobei Hafis ein Ehrentitel ist und soviel bedeutet wie „der den Koran auswendig kennt“, wurde Goethe zum „West-Östlichen Divan“ inspiriert. In der Rangerhöhung der Vernunft (Aufklärung) sah Goethe eine Gefahr für die Welt. Sie habe den Glauben zerstört. Der Glaube sei aber das Mittel gegen die „Krankheit zum Tode“. Symbolisiert ist dieser Sachverhalt im „Faust“ in der Figur der Sorge. Sie erscheint Faust und lässt ihn erblinden. Sorge lässt also „blind“ werden für elementare Existenzbedingungen des Menschen. Aber in Gottes Haus führen viele Wege, nicht nur die Vernunft, sondern gerade und auch der Glaube. Aber der Glaube wurde mutwillig zerstört. Dagegen nimmt nun Goethe einen Gedanken aus der zweiten Sure auf, wenn er schreibt:

Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Okzident!

Nord- und südliches Gelände

Ruht im Frieden seiner Hände.

Goethe übernahm den Toleranzgedanken in seinen Maximen und Reflexionen sowie in den Noten und Abhandlungen aus dem Divan. Toleranz heißt für ihn Anerkennen, denn bloßes Dulden sei eine Beleidigung.

Im Gegensatz zum orientalischen Raum werde bei uns die Macht erodieren. Das christliche Memorial werde abgeschafft, wie es im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses Anfang des 19. Jahrhunderts tatsächlich geschah. Somit befürchtet Goethe sinngemäß: Ohne Herkunftskenntnisse gibt es keine Zukunftskompetenzen. Hierzu spricht Nietzsche von „gedächtnislosen Legionären des Augenblicks“. Ins Heutige formuliert: Memorialkultur wird ersetzt durch digitale Demenz.

Es entsteht eine gefährliche Situation, wenn wir all diese Dinge aufgeben. Entscheidend für Goethe war im Hinblick auf Hafis: Jener war Poet, ihm fühlt sich daher unser größter deutscher Dichter eng verbunden. Das Poetische eröffnet hierbei die Chance auf eine Humanisierung der koranischen Lehre. Hafis hat dies selbst erlebt. Verherrlichte er in seinen Gedichten solche anrüchigen Dinge wie Eros, Wein und Rausch, wusste ihn eine religiöse, wohlmeinende Autorität immer wieder zu retten. Und schließlich gibt es die Vertreter persischer Mystik, die ohne Koran und Propheten den Weg zu Gott finden. Die Sufis gehören dazu. Hier kommt auch die Symbolik des Atemholens ins Spiel, das lebenserhaltende göttliche Wirkungen beschreibt:

„Im Atemholen sind zweyerlei Gnaden:

Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich presst.

Und dank‘ ihm, wenn er dich wieder entlässt.“

Wielands mexikanische Geschichte von Koxkox und Kikequetzel

 

Vortrag von Dr. Bertold Heizmann, Essen, am 3. Mai 2017

Die bezaubernde mexikanische Wieland-Geschichte von Koxkox und Kikequetzel war als kommentierte Neuausgabe ein Gemeinschaftswerk zwischen Dr. Bertold Heizmann und Bernd Kemter, Vorsitzende der Goethe-Gesellschaften in Essen und Gera/Erfurt. Dr. Heizmann hatte zur Erzählung selbst einen Aufsatz „Wielands Rousseau-Schriften“ verfasst, der an die Erzählung anschloss. Kemter besorgte das Vorwort, das Glossar und die satztechnische Herstellung, Elke Sieg, Geschäftsführerin der Geraer Goethe-Gesellschaft, steuerte Scherenschnitte bei.

Dr. Heizmann ging in seinem Vortrag zunächst auf Wielands Geheime Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens ein. In dieser Reihe findet sich gleich an erster Stelle die mexikanische Geschichte. Es folgen: Betrachtungen über J. J. Rousseaus ursprünglichen Zustand des Menschen, Über die von J. J. Rousseaus vorgeschlagenen Versuche, den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken, Über die Behauptung, dass ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachteilig sey, Über die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts, Reise des Priesters Abulfauaris ins innere Afrika, Die Bekenntnisse des Priesters Abulfauaris gewesenen Priesters der Isis in ihrem Tempel zu Mefis in Nieder-Ägypten.

Unter „Geheim“ wurde zu damaliger Zeit das verstanden, was sich empirischer Forschung entzieht, mithin spekulativen Charakter entfaltet. Wieland pflegte wiederum einen humorvollen Stil – dies bei durchaus ernster Absicht. Die Frage nach dem Ursprung des Menschengeschlechts durchzog in intellektueller Debatte das gesamte 18. Jahrhundert. Daher ist Rousseau so eminent wichtig.

Dabei wandte sich der französischsprachige Genfer Philosophe durchaus gegen aufklärerische Absichten. Um seine Auffassungen darlegen zu können, nutzte er die Gelegenheit, sich an zwei Preisschriften zu beteiligen. Die erste Frage lautete, ob der Aufstieg der Künste und Wissenschaften dazu beigetragen haben, die Sitten zu reinigen (mithin, den menschlichen Fortschritt zu befördern). Während Aufklärer dies bejahten, wurde die Frage von Rousseau verneint. Dies war zu damaliger Zeit durchaus ein skandalöses Unterfangen.

Die zweite Preisfrage eröffnete den Diskurs über den Ursprung des Menschengeschlechts und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen.

Wieland schuf hierzu besagte Erzählung, gestaltete sie als heitere Plauderei. Er ging dabei der Frage nach, welcher Zustand denn vor jeglicher Staatsordnung herrschte und wie die Gründung von Staaten später verlief. Exotische Länder rückten immer mehr in den Blickpunkt. Dabei entstand auch der Begriff vom „guten“ oder „edlem Wilden“. Hierzu verwies Heizmann auf den romantischen Roman Atala von Chateaubriand, auf die Persischen Briefe Montesquieus, Diderots Diskurs Supplement au voyage de Bougainville und Voltaires Roman L’ingenu.

Ihre Gedanken waren von Überzeugungen der Dekadenz bestimmt: Vormals war das Leben besser, nunmehr seien die Sitten verkommen. Es müsste jedoch im Abendland einmal ein Zustand geherrscht haben, in dem der Mensch seine positiven Eigenschaften leben konnte. Dies müsse der status naturalis gewesen sein. Archaische Vorstellungen erinnern daran: Paradies, Goldenes und silbernes Zeitalter, aber auch Menschenalter- und Jahreszeiten-Analogien: Frühling, Sommer, Herbst und Winter des Lebens eines Menschen.

Bei dem englischen Philosophen Thomas Hobbes liest sich das allerdings völlig anders. Er betrachtete den status naturalis als etwas Schlechtes, als einen Zustand, der überwunden werden müsse. Hier sei der Mensch des Menschen Wolf gewesen, es habe Krieg aller gegen alle geherrscht. Allmählich seien die Menschen jedoch vernünftig geworden, hätten sich, um zu überleben, Gesetze gegeben und Staaten gegründet, die nun die alleinige Macht ausübten: die Möglichkeit des Missbrauchs durch den jeweiligen Souverän eingeschlossen. Falle der Mensch in den Naturzustand zurück, könne er auch nicht mehr im Bunde mit der Gottheit sein.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant meinte, der vorherige Zustand sei tierisch gewesen, der Mensch habe sich am „Gängelwagen des Instincts“ befunden. Der Mensch stand unter Vormundschaft der Natur, befand sich im Zustand der Unfreiheit. Erst nach dem Sündenfall habe er zur Vernunft gefunden. Somit sei der Sündenfall notwendig gewesen, er habe das Licht zur freiheitlichen Entwicklung des Menschengeschlechts angezündet.

Welche Rolle spielt nun Wieland in dieser Debatte?

Seine Geschichte beginnt mit einer Überschwemmung (Sintflut) in Mexiko, die nur sehr wenige Menschen überleben, die zudem lange Zeit nicht zueinander finden können. So bleibt Koxkox zunächst allein. Nun versteckt Wieland seine Ansichten über die eingangs erwähnten Preisfragen hinter seinem erfundenen Gewährsmann, den mexikanischen Philosophen Tlantlaquakapatli. Koxkox erweist sich als gut, naiv, von keiner Gesellschaft verdorben. Auch Kikequetzel ist Naturkind, auch, wenn sie wie Koxkox durchaus nicht bei Punkt Null beginnt. Schließlich haben sie schon unter Menschen gelebt, einiges an Kenntnissen und Erfahrungen mitgenommen. Beide finden sich und fassen Zuneigung zueinander. Nun entwickelt Wieland den Gegensatz zwischen Natur/Natürlichem und Kunst/Künstlichem/Gekünsteltem. Er versucht zu vermitteln: „Es gibt eine Kunst, welche die Werke der Natur wirklich verschönert und eine andere, welche sie unter dem Vorwande der Verbesserung oder Ausschmückung verunstaltet.“

Rousseau vetrat die Ansicht, der Mensch sei dem Tier in vielen Belangen unterlegen, allerdings verfüge er über die Fähigkeit zur Vervollkommnung.“ Andererseits übe die Vernunft auch einen verhängnisvollen Einfluss auf den Menschen aus, sie entfremde ihn immer mehr von der Natur.

Dies zeigt sich ebenso an der Sprache. Der Naturmensch kommt mit der „Sprache des Herzens“ aus. Erst im Zusammenleben wächst die Notwendigkeit, eine begriffliche Sprache herauszubilden.

Der „glückliche Naturzustand“ währt nicht ewig. Daher muss Wieland die Handlung erweitern, um die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft darzustellen – beispielsweise die Entstehung des ersten Krieges.

Ein anderer Mann betritt also die Szene. Kikequetzel fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, der so ganz anders ist als ihr Koxkox. Ist jener roh, barbarisch, von herkulischer Gestalt, so ist dieser empfindsam, zart von Gefühl und Wuchs. Der Anlass des Streits ist ein denkbar lächerlicher: Während sich Koxkox mit blauen Federn schmückt, bevorzugt sein Widersacher gelben Kopfschmuck und bekommt ihn von Kikequetzel auch sogleich verpasst. Es entsteht Eifersucht, wie sie nur in monogamen Gesellschaften möglich sind. So verfällt die kleine Gesellschaft in den Hobbe’schen Kriegszustand. Beide Männer schlagen sich, Koxkox unterliegt und flieht. Nach geraumer Zeit kommt er zurück, allerdings in Begleitung von zwei Mädchen und ihrer Tante, die ihm unterwegs begegnet sind. Mittlerweile hat Kikequetzel ihr Tun bereut. Es entsteht eine vergrößerte Gemeinschaft, in der Zwietracht und Hader herrschen.

So erfüllt sich Rousseaus Abfolge, die das Leben eines einzelnen Menschen genauso widerspiegelt wie die Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft: Kindesalter (Natürlichkeit), Adoleszenz, Mannesalter, Greisenalter.

Wieland meint, die Menschen seien nicht dazu gemacht, ewig Kinder zu bleiben. Es liegt in ihrer Natur, durch einen langen Mittelstand von Irrtum, Selbsttäuschung, Leidenschaften und daraus entspringendem Elend zur Entwicklung und Anwendung ihrer höheren Fähigkeiten zu gelangen.

Ein weiterer Aspekt. Im 18.Jahrhundert beschäftigte man sich mit Menschen, die frei in der Natur aufgewachsen waren, sich tierisch verhielten. Beschrieben wurden solche Fälle beispielsweise von dem Arzt Dr. Jean Itard, der einen solchen jungen Menschen betreute und einen Bericht darüber herausgab: Mémoire et rapport sur Victor l´ Aveyron. 1970 wurde dieser Dokumentarbericht von Francois Truffaut unter dem Titel Der Wolfsjunge verfilmt.

Man wollte auch herausfinden (Versuche gab es schon unter einem ägyptischen Pharao und unter dem Stauferkaiser Friedrich II.), ob ausgesetzte Kleinkinder in der Wildnis überleben konnten und ob sie eigenständig Sprachen lernen konnten, ohne dass man es ihnen beibrachte. Die Kinder überlebten nicht. Und welche Wesen würden wohl aus Verbindungen von Orang-Utans und „Negermädchen“ entstehen?

Wieland lehnte solche Experimente ab. An den Schluss seines Essays setzte er das Traumgespräch mit Prometheus. Dieser sei der Erfinder der Wissenschaften und habe somit letztlich auch die Korruption eingeführt. Auch geht Wieland der Frage nach, wie denn das Unheil überhaupt in die Welt gekommen sei. Durch die Büchse der Pandora, lautet Prometheus‘ Antwort. Wieland will es nun genauer wissen, doch es misslingt, denn – er erwacht. Bei weiterem Grübeln verfällt er auf die zunächst kuriose Idee, die Büchse der Pandora sei nichts weiter als – die Schminkbüchse! Denkt man weiter, so wird klar, dass mehr gemeint ist, nämlich alles Künstliche, das Gekünstelte, das die Natur verfälscht. So schließt sich der Kreis.

Studienfahrt „Auf den Spuren Goethes im Harz“

Das Programm unserer Studienfahrt „Auf den Spuren Goethes im Harz“ vom 19. bis 23. April war dank der ausgezeichneten Organisation von TRI TOURS Reisebüro prall gefüllt, dabei abwechslungsreich und voller schöner Eindrücke.

Dies begann schon im Gleim-Haus in Halberstadt. Uns beeindruckte insbesondere der „Freundschaftstempel“ mit Gemälden vieler zeitgenössischer Freunde. Schon zur damaligen Zeit war diese Sammlung ein vielbeachtetes Kleinod für die literaturwissenschaftliche Forschung. Letzten Endes ist der Freundschaftsgedanke ja auch zwischen den Erfurter und Geraer Goethefreunden lebendig, wie sich in puncto Geselligkeit wieder einmal zeigen sollte. Auch die umfangreiche Korrespondenz Gleims mit Personen der Zeitgeschichte erweist sich als wahre Fundgrube für die Literaturwissenschaft, und diese Fundgrube mit Tausenden Briefen ist noch nicht einmal umfänglich erschlossen. Die meisten von uns nutzten die Chance, noch einen Blick in den Dom samt Domschatz zu werfen.

Anschließend besuchten wir Schloss Langenstein, in dem heute eine Spezialklinik für autistische Menschen untergebracht ist. Hier weilte Goethe im September 1783 für einige Tage bei der „schönen Frau“ Antonia de Branconi. Sie war bereits mit zwölf Jahren verheiratet worden, wurde mit 20 Witwe und sodann Geliebte des Erbprinzen von Brauunschweig, zugleich aber von dessem Vater mit Anträgen überschüttet. Goethe indes ließ sich nicht verführen, hielt er doch der von Stein unverbrüchliche Treue. Wir besichtigten die beiden wunderschönen Schauräume und gönnten uns einen Spaziergang durch den idyllischen Park. Für eine Besichtigung der berühmten Höhlenwohnungen fehlte allerdings die Zeit.

Die Teufelsmauer bei Neinstedt war gar nicht so leicht zu finden. Fast hätten wir das gleichnamige Areal bei Blankenburg besucht, aber dort war Goethe ja nicht gewesen. Der steile Aufstieg bei Neinstedt lohnte sich. Bizarre Felswände erwarteten uns, die die Phantasie beflügelten. Auch den Goethestein entdeckten wir, er wurde sofort zum begehrten Fotomotiv.

Am nächsten Tag unternahmen wir unsere erste Tour durch den Harz, hier stand uns für zwei Tage Frau Evi Römer als kundige Reisebegleiterin zur Seite. Die Iberger Tropfsteinhöhle stand als erster Punkt auf dem Programm. „Die Millionen Jahre alte Höhle liegt tief im Kalk des einstigen Riffs“, heißt es im Begleitheft. „Versteinerte Meeresbewohner aus uralten Zeiten sind hier zu finden. Mit ihren beeindruckenden Sinterkaskaden und mächtigen Bodentropfsteinen erleben Kinder die faszinierende Unterwelt als märchenhaftes Reich des gutherzigen Zwergenkönigs Hübich, welcher der Sage nach mit seinem Volk im Iberg lebt.“

Leider war der Anstieg für manche von uns zu steil, dies traf ebenso später auf die Rübeländer Tropfsteinhöhle zu. Dem Vernehmen nach haben sich die Draußen Gebliebenen jedenfalls nicht gelangweilt.

Der nächste Tag führte uns nach Stolberg, Bad Lauterberg, Braunlage, Elend, Königshütte und Rübeland. Höhepunkt war dort die Besichtigung der Baumannshöhle, die Goethe wiederholt besucht hatte. Unzählige Stalaktiten und Stalagmiten ziehen sich an den Gängen entlang. Auch hier war wieder Phantasie gefragt; wer wollte, konnte in den Gebilden so manche Figuren, Gesichter und anderes entdecken. Der „Goethesaal“ ist alljährliche Kulisse für Theateraufführungen und Konzerte. Entdeckt wurde die Höhle von einem Bergmann namens Baumann, der auf der Suche nach Erzen tagelang im Dunkeln umherirrte, ehe er wieder den Ausgang fand. Aber dieser Geschichte haftet auch viel Legendenhaftes an, wie unser Bergführer vermerkte.

Einen völlig anderen Eindruck vermittelte uns das Schaubergwerk Rammelsberg. Auch dort war Goethe schon zu Gast. Wir erlebten eine Fahrt mit der Grubenbahn, besichtigten sodann den sogenannten 19-Lachter-Stollen, erhielten einen Eindruck von Vortrieb, Holzausbau, Abbau- und Fördertechnik, Sprengmethoden und Entwässerung. Hier wurden bis zur politischen Wende verschiedene Metallerze gewonnen: Kupfer, Mangan, Eisen, Blei und in geringen Mengen auch Gold und Silber. Eine Stadtführung durch Goslar, ein Besuch der Kaiserpfalz schlossen sich an. Am Abend erwartete uns ein Programm „Harzer Hexenwelten mit Goethe und Heine durch den Harz“, bei dem unsere Vera eine wichtige Rolle mitspielte.

Bei einem Harzbesuch dürfen natürlich weder Brocken noch Rosstrappe und Hexentanzplatz fehlen. Alle diese Orte sind mit Goethe und seinen Werken, hier ist natürlich vor allem der „Faust“ zu nennen, verbunden. Während der Busfahrt beschäftigten wir uns aber auch mit Goethes Gedicht „Harzreise im Winter“. Damals, 1777, führten ihn bergbauliche Erkundungen ins Gebirge, aber ebenso ein an Weltschmerz leidender junger Mann, namens Plessing. Den hatte die Lektüre des „Werther“ zu dieser Gemütslage geführt. Goethe konnte Plessing kaum trösten, der kurze Besuch unter anonymem Namen blieb folgenlos. Wohl aber genas Plessing nach einiger Zeit.

Die Zugfahrt war recht kurzweilig, die meisten von uns begaben sich auf den etwa zwei Kilometer langen Rundweg um den Brocken. Am Abend erlebten wir Unterhaltung mit dem „Harzwaldecho“. Es wurde ausgiebig getanzt, gelacht, die Stimmung war prächtig. Im Übrigen wurde während der Abende und im Bus viel gesungen, wir hatten viel Spaß und Freude dabei.

Am Sonntag begrüßte uns in Thale Seilbahnhexe „Gondolina“ und ihr „Liftikus“. Mit den modernen 2er-Sessellifts ging es hoch auf den Berg, wo wir in einem Multimedia-Raum die Sage von der Rosstrappe erlebten. Eine kleine Wanderung mit Besuch des Goethefelsens im Bodetal schloss sich an. Und wieder ging es hoch hinauf, diesmal mit der geschlossenen Kabinenbahn zum Hexentanzplatz.

Danach traten wir die Heimreise an. Busfahrer David, umsichtig wie immer, brachte uns wohlbehalten nach Erfurt und Gera zurück.

Gedanken zu unserer Harzreise

Ich fand unsere Harzreise sehr sehr schön, wie so vieles, das wir gemeinsam unternehmen. Die Mehrtagesausflüge geben uns ja Gelegenheit, uns noch ein wenig besser kennen zu lernen als bei Vorträgen oder Tagesexkursionen. Ganz besonders haben mir der Aufstieg zur Teufelsmauer und unser fröhlicher Tanzabend gefallen. Aber auch die anderen Sachen waren sehr beeindruckend, ob Seilbahnfahrt zum Hexentanzplatz oder Besuch der Tropfsteinhöhle in Rübeland, ob die herrlichen Stolberger, Wernigeröder und Goslaer Fachwerkhäuser oder das Abtauchen in die mühevolle Arbeitswelt der Bergleute in Rammelsberg. Der Brocken hat mir Erinnerungen an meinen Vater gebracht, der Ende der 1950er Jahre mit seinen Berufsschülern noch auf dem Brocken war, ehe er 1961 als Grenzgebiet für Touristen gesperrt wurde. Die Rosstrappe, Baumannshöhle und Teufelsmauer führten mich zurück in meine Kindheit. Im Frühjahr 1966 war ich zur Kur im Postkinderheim „Hanno Günther“ in Blankenburg. Von dort aus unternahmen wir etliche Ausflüge, und auch das Harzer Heimatlied „Wo dunkle Tannen stehen hoch auf Bergeshöh’n…“ hatten wir Kinder damals gelernt. Ich hatte es fast vergessen, aber die Musikusse vom „Harzwaldecho“ haben es wieder zurück gebracht in meine Kehle und meinen Kopf. Der ist nun angefüllt mit neuen Erinnerungen, und das sind zu 99 Prozent positive, auch dank unseres netten Busfahrers David, der Reisebetreuer und Hotelleute in Güntersberge, dank der guten Organisation durch das Geraer Reisebüro Tri Tours und natürlich wegen euch allen aus Gera und Erfurt, die ihr mit dabei gewesen seid. Ich freue mich schon auf den nächsten Ausflug mit euch.                                          Angelika Kemter

Liebe Geli, lieber Bernd,

„Leuchtende Tage, nicht weinen, weil sie vorüber, sondern lächeln, weil sie

gewesen“.

Die Reise bot soooo viel Interessantes, Wissenswertes und Beeindruckendes.

Habt vielen, lieben Dank für die Mühe. Ihr beide habt uns allen wieder

schöne Tage erleben lassen.

Fühlt Euch dafür umarmt von Vera, die Euch auch ein Küßchen auf die Wange

drückt. Ist doch nicht ehrenrührig – oder?

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Liebe Angelika,lieber Bernd,

nochmals vielen Dank für die Organisation unserer Harzreise.

Vieles konnten wir sehen und erfahren,was allein nur mit großem Aufwand möglich ist.

Sckön waren auch die gemeinsamen „Freizeitaktivitäten“am Abend.

Bis zum nächsten Wiedersehen seid herzlich gegrüßt.

Marie

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Anna Amalias Hof als Bühne der Kunst

Vortrag von Dr. Annette Seemann, Weimar, am 5. April 2017

 

Anna Amalia kümmerte sich schon früh um kulturelle Belange, schon damals gab es ein Liebhabertheater. Auch mit Regierungsantritt ihres Sohnes Carl August blieben sowohl Sprech- als auch Musiktheater vom Ideal der Antike geprägt: Theater sollte belehrend und unterhaltsam sein.

Die scharfe Kritik des Preußenkönigs Friedrich II. mit seinen Zweifeln an der Qualität der deutschen Sprache hinsichtlich literarischer Produktionen bezieht der Weimarer Hof auf sich. Er entwickelt neue Theaterformen und wurde damit vorbildlich für ganz Deutschland. Anna Amalia fand bereits ein Hoftheater vor. Der Saal war allerdings zu klein, verfügte allerdings über einen Orchestergraben, in dem 22 Musiker Platz fanden. Aus Kostengründen spielten jedoch nur zwölf Musiker. Anna Amalias Gemahl, Herzog Ernst August II., aus Gotha stammend, gründete das Hoftheater neu, eingeschlossen jene zwölf Musiker. Es gab auch eine Theatertruppe. Im März 1757 verfügte die Herzogin über 20 Schauspieler. Da sie auf ihre geliebte italienische und französische barocke Oper wegen des großen Aufwandes verzichten musste, entwickelte sie eine Vorliebe für heimische Singspiele. Christian Felix Weiße (Librettist) und Johann Adam Hiller (Komponist) in Leipzig wurden beauftragt. Auch der Komponist Johann Ernst Bach wurde einbezogen. Ebenso wurde Corona Schröter engagiert.

Der Anspruch an die Musiker war enorm: Sie mussten alle Schauspiele mit Pausenmusik bestreiten, hinzu kamen Singspiele, Tafel- und Kirchenmusik sowie Hofkonzerte. Aus Braunschweig wurde die Koch’sche Theatertruppe herangezogen. Hofmarschall von Witzleben übernahm die Führung. Alle begabten Mitglieder des Hofes, aber auch Bürgerliche, mussten mitwirken. Komische Singspiele spielten die wichtigste Rolle.

Als der Herzog, Anna Amalias Gemahl, früh starb, wurde die Hofkapelle wegen der Trauerzeit zunächst aufgelöst. Nur der Tanzmeister durfte seine Stelle behalten, denn den beiden Prinzen Carl August und Constantin musste Unterricht erteilt werden. Nach der Trauerzeit umfasste die neue Hofkapelle acht Personen. Ein Kreis von Laien wurde einbezogen, die Herzogin selbst musizierte mit. Der Siebenjährige Krieg blutete auch das Weimarer Herzogtum aus. Dennoch gab es ab 1768 die besagte Koch’sche Theatertruppe. Es entstanden mehrere deutsche Singspiele, beispielsweise „Der Teufel ist los“ oder „Die Liebe auf dem Lande“. Es entstanden 16 Lustspiele und zehn Tragödien. Sie wurden von Hiller aufgeführt und anderenorts nachgespielt. Anna Amalia glaubte an den erzieherischen Wert der Bühne, daher hielt sie Weimarer Bürger dreimal in der Woche mit abzuholenden Billetts frei. Ihre Initiative war einzigartig, ohne Beispiel.

1771 kam die Herzogin mit ihren Söhnen erstmals wieder nach Braunschweig. Sie lernte dort den Bibliothekar Lessing kennen.

Jetzt kommt Anton Schweitzer ins Spiel. Er war als Musiker in Italien gewesen. Die Herzogin hatte sich schon immer nach Italien gesehnt, um dort Musik zu erleben. Bislang war ein Besuch jedoch nicht möglich gewesen. Schweitzer war ihr daher besonders wichtig. Der am Hof alteingesessene Hofkapellmeister Ernst Wilhelm Wolf wurde daher bald sein Rivale. Musikalische Aufträge stellten sich ein. In jener Zeit wurde Christoph Martin Wieland Prinzenerzieher. Er sollte jedoch auch Stücke schreiben, auch mit Schweitzer etwas „aushecken“. So entstand die Idee zu „Alceste“, der vermeintlich ersten deutschen Oper. Es handelt sich aber eher um ein Singspiel mit antikem Stoff. Vier Rollen waren ihm zugedacht. Admet droht zu sterben; nach einem Orakel kann er gerettet werden, wenn sich eine Person für ihn opfert. Alceste, seine Gemahlin, ist dazu bereit und begibt sich in den Hades. Herkules, Admets Freund, erklärt sich bereit, Alceste zurückzuholen, was ihn durch seine Tapferkeit und seinen Edelmut auch gelingt. Dieses Stück hatte einen beabsichtigten erzieherischen Hintergrund: Insbesondere die Figur des Herkules sollte dem jungen Carl August Tugendhaftes, Vorbildhaftes aufzeigen. 1773 wurde es am Weimarer Hoftheater aufgeführt. Es gab viel Lob, aber auch Kritik. Zu den Kritikern gehörte der ferne Goethe. Er fand es unmöglich, dass Wieland in seinem „Neuen Teutschen Merkur“ das eigene Stück in höchsten Tönen bejubelte. Folglich entstand Goethes Parodie „Götter, Helden und Wieland“. Als sie Wieland las, verstand er die Lektion. Er bewies Größe, druckte Goethes Pamphlet in der nächsten Nummer des „Merkur“ ab. Sie freundeten sich wenig später sogar an. Goethe ging es um die Verweichlichung der Helden, seine Kritik richtete sich somit gegen den „französischen Stil“. All das fand er abscheulich. Wieland schuf 1773 ein weiteres Singspiel für Carl August „Herkules am Scheideweg“, Schweitzer hatte dazu komponiert. Die Hauptfigur trägt wieder Züge von Carl August.

1774 brannte das Weimarer Schloss. Die Theatertruppe zog nach Gotha, in Weimar gab es zunächst kein Theater mehr. Die Herzogin entwickelte ihr neues Konzept, wieder ein Liebhabertheater. Alle, die sie begabt fand, wurden einbezogen, Adlige und Bürger, Alt und Jung. Anlass der Neugründung war die Rückkehr Carl Augusts von seiner Kavalierstour. Er brachte seine Braut, Luise von Hessen-Darmstadt mit. Man wollte ihn 1775 mit Voltaires Stück „Nanine“ empfangen, und zwar in Hauptmanns Haus an der Esplanade. Eine Bühne wurde aufgebaut, die man später wieder „abschlagen“ konnte. All dies verursachte weitere Kosten, die die Herzogin aus ihrer Privatschatulle bestritt. Carl August trug später drei Viertel der Kosten, sie den Rest.

Wenig später kommt Goethe nach Weimar. Doch diese Bühne gefällt ihm nicht. Für ihn wurde sie verändert. Am 30. Januar 1777, zu Herzogin Luises Geburtstag, wurde Premiere eines Goethe-Stückes gefeiert. Sie sollte durch die Theatervorführung von ihrem „Liebeswahn“ geheilt werden, so die Absicht. 1779 wurde „Iphigenie“ aufgeführt. Goethe schlüpfte in die Rolle des Orest, Corona Schröter spielte die Iphigenie. Es folgen „Erwin und Elmire“ sowie „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“. Zum Spielplan gehörten neben diesen Stücken weiterhin „Nanine“, „Adelaide“, „Der Postzug“, Das Milchmädchen und die beiden Jäger“. Im „Hofmeister“ spielte der später sehr berühmte Arzt Hufeland die Hauptrolle. Ab 1777 fanden – wie erwähnt – Goethes Stücke immer mehr Zugang: „Erwin und Elmire“ und „Die Mitschuldigen“.

Corona Schröter war seit 1776 in Weimar, sie war die einzige professionelle Sängerin und Schauspielerin. Sie war auf Wunsch Carl Augusts gekommen, er hat sie auch sehr umworben. Ab 1777 gab es eine bescheidene Bühne auf der Ettersburg, sie war Anna Amalias Sommersitz. Es wurden bescheidene Schattenspiele aufgeführt. Wenig später wurde eine reguläre Bühne errichtet. Höhepunkt der Aufführungen war „Iphigenie auf Tauris“. Das Stück wurde 1779 auch im Hauptmann’schen Haus auf der Esplanade aufgeführt.Goethe spielte den Orest, Corona Schröter die Iphigenie, auch Prinz Constantin spielte mit. Anna Amalia setzte sich selbst in Szene. Es entstand auch eine Parodie zu „Alceste“. Darin: „Weine nicht, du Abgott meines Herzens“ wurde auf dem Posthorn intoniert. Über all das war Wieland sehr aufgebracht, er schrie Schmähworte und verließ den Saal, während die Herrschaften lachten.

1780 wurde ein Redoutenhaus als Theater errichtet – am Standort des heutigen. Die Bühne musste nunmehr nicht ständig auf- und abgebaut werden. Damit war aber auch die große Zeit des Liebhabertheaters vorbei. Goethe und Carl August erhoben nun den Anspruch auf Professionalität der Theaterkunst. Aufgeführt wurde zum Beispiel „Die Vögel“ von Aristophanes in Goethe’scher Übersetzung. Den letzten Todesstoß gegen das Liebhabertheater versetzte Friedrich II. mit seiner Schrift „De la literature Allemande“, in der sich über die Fehler der deutschen Sprache ausließ; sie sei für die Literatur gänzlich ungeeignet. Dies schrieb er mit Blick auf das Hoftheater seiner Nichte, Anna Amalia. Noch 1781 wurde in Tiefurt gespielt, auch das „Tiefurter Journal“ herausgegeben. Es gab allerdings nur elf Exemplare. „Die Fischerin“ und „Auf Miethings Tod“ fanden sich darin. Ebenso fand die Nachricht Erwähnung, dass Anna Amalias Perlhuhn sieben Eier gelegt habe. Doch spätestens mit der „Fischerin“ war das Interesse am Liebhabertheater erloschen. 1783 gab es noch eine Aufführung, ein Jahr später keine mehr. Eine professionelle Truppe wurde eingestellt. Anna Amalia konnte endlich italienische Opern hören. Ab 1790 gab es regulären Theaterbetrieb. Liebhabertheater wurde nur noch „punktuell“, nämlich im Wittumspalais der Herzoginmutter gespielt, und zwar bis 1800.

Im „professionellen Theater“ wurde zwar auch Goethe und Schiller gespielt, mehr aber Modeautoren jener Zeit: Kotzebue, Iffland, Hiller, Weise und Gotter. Insbesondere waren Komödien sehr beliebt. Etwa drei Viertel des Repertoires bestritt Kotzebue mit seinen Stücken, diese hat oft Goethe inszenieren lassen.

Meiningen: Elisabethenburg und Literaturmuseum Baumbachhaus

Tagesausflug am 25. März 2017

An diesem Sonnabend führten wir den zweiten Teil unseres Meiningen-Besuchs durch. Im Mittelpunkt standen das Museum Elisabethenburg und das Literaturmuseum Baumbachhaus. Zunächst durchstreiften wir die Elisabethenburg, machten uns mit der interessanten Geschichte verschiedener Herzöge, wie Bernhard I., Anton Ulirch, Georg I., Berhard II., Georg II., und Bernhard III. vertraut Und natürlich mit Adelaide, Prinzessin von Sachsen-Meiningen, spätere Königin von Großbritannien. Sie war Gemahlin von William IV, einem schon recht bejahrten Herrn.

Die Schlossräume erwiesen sich von auserlesenem Geschmack. So bewunderten wir Gemälde, Möbel, aber auch raffinierte Stuckaturen, textile Wandbehänge und wunderschöne Kachelöfen. Sie bezeugen einstige höfische Pracht. Dabei galt der kleine Meiningener Hof als Stätte hoher Bildung und Kultur, dessen herumziehendes Hoftheater Maßstäbe setzte und selbige auch durch seine Reisen direkt an europäischen Höfen vermittelte. Die Exponate zur Musik- und Theatergeschichte hinterließen davon einen tiefen Eindruck. Bekanntlich haben am Meiningener Musenhof berühmte Komponisten und Dirigenten gewirkt.Ausgesprochen gefallen hat uns ebenso der pittoreske Marmorsaal.

Sodann galt unser Besuch dem Literaturmuseum Baumbachhaus, wo uns interessante Erläuterungen durch den Leiter erwarteten. In diesem bescheidenen Haus wirkte der Schriftsteller und Dichter Rudolf Baumbach. Ihn verschlug es 1870 nach Triest. Dort wurde er Mitglied im Alpenverein. In dieser Zeit entdeckte er als begeisterter Bergwanderer auch sein literarisches Talent. Sein Versepos „Zlatorog“ fand begeisterte Aufnahme.Nach Meiningen zurückgekehrt, verband ihn als Mitglied der Künstlerklause bald eine enge Freundschaft mit dem Theaterherzog Ernst II.

Rudolf Baumbach zählte mit seinen vorwiegend heiter-burschikosen Gedichten, seinen Erzählungen und Versepen zu den Modedichtern der Kaiserzeit vor dem 1. Weltkrieg. Heute sind im deutschsprachigen Raum neben „Hoch auf dem gelben Wagen“ von ihm nur noch wenige, ebenfalls volksliedhaft vertonte, Texte populär, z.B. „Die Lindenwirtin“. In Slowenien kennt man Baumbachs Versepos „Zlatorog“  („Goldhorn“,  ein weißer  Gamsbock mit goldenen Hörnern,  Sagengestalt aus den slowenischen Alpen) in der landessprachlichen Nachdichtung durch Anton Funtek.

Wir konnten uns ebenso mit weiteren Literaten des Meiningener Landes vertraut machen, so mit dem Märchenerzähler Ludwig Bechstein. Sehenswert waren auch alte Meiningener Stadtansichten, , bibliophile Kostbarkeiten des 18. und 19. Jahrhunderts, Porträts vom Klassizismus bis zur Gründerzeit.

Wieder waren wir im „Sächsischen Hof“ zu Gast, wo es Gutes zu trinken und zu essen gab. Eingeladen hatten wir an diesem Nachmittag die Berliner Schauspielerin Cora Chilcott. Sie begeisterte uns insbesondere mit Schiller-Balladen auf eine sehr ausdrucksstarke Weise, die alle Teilnehmer ansprach. Somit verlebten wir einen anregenden Tag.

Salonkultur in Thüringen

Vortrag von Dr. Detlef Ignasiak, Bucha, am 1. März 2017

Die Salonkultur kam aus Paris, etablierte sich um 1800 in Berlin. Es waren also vor allem Großstädte betroffen. In Thüringen waren die Salons folglich kleineren Zuschnitts, und es gab demzufolge einige Besonderheiten. Durch seine Kleinheit konnte Thüringen die geistige Höhe der Pariser Salons nie erreichen.

Bedeutendste Salonniere war Franziska von Buchwald am Gothaer Hof. Die Stadt war um die Mitte des 18. Jahrhunderts die größte und bedeutendste Residenz in Thüringen. Sie hatte etwa 10 000 Einwohner. Unter Ernst dem Frommen funktionierte das Hofleben. Franziska von Buchwald war Hofdame und Oberhofmeisterin der Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg, einer belesenen und klugen Frau, die auch das Pariser Salonleben kennengelernt hatte. Gotha war folglich ein „französischer Hof“. Dem trug auch der zeitweise Aufenthalt Voltaires bei, der wohl auf Vermittlung von Buchwalds zustande kam. Man schaute auf Gotha, dort gingen auch Nachrichten aus Paris ein.

Buchwald wurde 90 Jahre alt, sie war eine Respektsperson, selbst nach dem Tode der Herzogin. Am Gothaer Hof gab es allerdings keinen Salon im üblichen Sinne, es handelte sich vielmehr um eine Hofgesellschaft. Buchwald sorgte dafür, dass kluge Köpfe des Hofes, aber auch bürgerliche Intellektuelle auf ihren Sitz, Schloss Mönchshof in Siebleben nahe Gotha, kamen. Darunter waren Dichter, die auch auf Deutsch schrieben. Luise Dorothea hat den Gothaer Hof für die deutsche Literatur geöffnet, bevor Weimar diesen Platz später besetzte. Bedeutsam war auch der berühmte Verleger Cotta für das für ihn ferne Gotha. Er korrespondierte mit dem Literaturpapst Gottsched, und zwar in deutscher Sprache. Gottscheds Stücke sollten sogar in Gotha aufgeführt werden, aber die Herzogin war dagegen. Allerdings hat sie sich Abschriften schicken lassen. Auch Aufführungen der Neuberin sind immer noch in der Gothaer Bibliothek vorhanden. Gotha war der erste Salon mit gewissen Ablegern, Zentrum des geistigen Austausches, auch politische Wirkungen sind zu verzeichnen.

Wichtig war ebenfalls der Verleger und Schriftsteller Rudolph Zacharias Becker, der in Gotha Zeitungen gründete. Buchwald lud Becker in ihren Salon ein, aber auch andere Personen, die ansonsten keinen Zugang zum Hof gehabt hätten. Sie lud auch eine Freundin, die Dichterin Julie von Bechtolsheim, geborene Gräfin von Keller, auf Schloss Stedten ein, ebenso Wieland. Goethe wird in Stedten eingeführt. Dort las er erstmals aus einer frühen Fassung des „Faust“. Der Salon fand aller 14 Tage auf einige Jahre hinaus statt.

Julie von Bechtolsheim führte in Eisenach eine Art Salon. Auch Goethe weilte dort als Gast.

In Weimar gab es gleich mehrere Orte der Geselligkeit, die von Anna Amalia dominiert wurden: Schloss Ettersburg, Tiefurt und in Weimar selbst. Dies sind aber geschlossene Kreise, es handelte sich stets um die selben Personen (knapp 20). So kann man Anna Amlias Musenhof kaum als Salon bezeichnen.

Goethes Freitags- und Mittwochsgesellschaft war kein Salon, denn dort stand Goethe im Mittelpunkt. Wer dort etwas Falsches oder Kritische sagte, wurde nicht wieder eingeladen. Ein echter Salon entstand um 1806 mit Johanna Schopenhauer. Auch Goethe ging dorthin. Er musste sich allerdings an die Regeln halten, sich bescheiden an den Rand setzen. Weil Johanna Schopenhauer auch Christiane, Goethes nunmehr Angetraute, einlud, kam der Dichter selbst. Man konnte dort Goethe ganz authentisch, seiner selbst, erleben, musste, wie gesagt, auch Kritik ertragen, ganz im Gegensatz zum Gebaren in seinem Hause. Schopenhauers ist ein echter Salon.

In Erfurt spielte Statthalter Karl Theodor von Dalberg eine wichtige Rolle. Er erkannte um 1781 als Erster die Bedeutung Schillers, mit Blick auf dessen „Räuber“. Dalberg war Salonnier. Der Salon befand sich in der kurmainzischen Statthalterei. Dalberg, demokratischer Gesinnung und sehr leutselig, nannte die Zusammenkünfte „Assembleen“. Man versammelte sich jeden Donnerstag, von 17 bis 19 Uhr. Im Unterschied zu anderen Salons, zu denen man eingeladen wird oder nach Absprache jemanden mitbringen darf, sind Dalbergs Salons öffentlich. Man musste nur gut gekleidet sein.

Wie heutige Talk-Shows gab es einige Leute, die was zu sagen hatten, die anderen – ringsum – hörten zu. Gereicht wurden Tee und Zwieback. Goethe bemühte sich, trotz Einladungen fernzubleiben. Dagegen war Schiller der früheren Weimarer Jahre in Erfurt ein gern und oft gesehehener Gast; ein großer Mann, der sogar mit militärischen Ehren empfangen wurde. Eine wichtige Erfurter Persönlichkeit war Karl Friederich von Dacheröden, in dessem Haus solche Geistesgrößen wie Goethe, die Humboldts, Schiller, Wieland und Herder verkehrten. Er gründete eine wirtschaftspolitische Zeitung, die Dalberg unterstützte. Weiter spielten Gothaer Schriftsteller eine wichtige Rolle im Salon. Nebenbei: Herzog Ernst II. wollte Goethe nach Gotha holen, aber der ahnte, dass ihn dort geringere Freiräume erwarteten als in Weimar.

Demgegenüber kam Wieland oft nach Erfurt. Dalberg war begeistert. Wielands „Der goldene Spiegel“ fand wohlwollende Aufnahme.

In Jena wurde ein Salon von Caroline Schlegel-Schelling betrieben. Aber dieser Romantikerkreis war eine geschlossene Veranstaltung unter lauter Gleichgesinnten. Dies ist ein Salon nun nicht; erlebt von verschiedenen Meinungen, Meinungsstreit. Man möchte andere Ansichten hören und auch Neuigkeiten erfahren.

Einer der bedeutendsten Salons befand sich in Löbichau. Somit war Herzogin Anna Dorothea von Kurland die bedeutendste Salonniere Thüringens. Ihre Halbschwester und Schriftstellerin, Elisa von der Recke, war hier zu Gast. Im Winter befand man sich auf Reisen: Petersburg, Paris, Berlin. Den Sommer verbrachte man auf dem Löbichauer Musenhof. Dort wird für Unterhaltung gesorgt. Bedeutende Perönlichkeiten, die mit dem Musenhof verbunden sind: Hans Wilhelm Freiherr von Thümmel, Minister und Diplomat für Sachsen-Gotha-Altenburg, der Verleger Johnn Friedrich Pierer, dessen Schützling, der junge Brockhaus, späterer berühmter Verleger, Elisa von der Recke, deren Freund und Dichter Christoph August Tiedge. Immer wieder hielt die Herzog Ausschau, wen sie noch in ihren Salon einladen konnte. So kam Jean Paul nach Löbichau. Er fühlte sich dort sehr wohl, gedachte dort sogar, eine Adlige zu heiraten. Anna Dorothea weilte oft in Karlsbad, lernte dort Goethe kennen. So gelangte der Weimarer Dichter auch nach Löbichau. Christian Gottfried Körner, Jurist und Freund Schillers, weilte mit seinem Sohn Theodor, dem späteren großen Dichter der Befreiungskriege, vor Ort. Der russische Zar Alexander I. stattete vor und nach dem Erfurter Fürstenkongress 1808 in Löbichau. Er hielt sich dort inmitten von Bürgerlichen auf; in Russland undenkbar. Ein Gast war auch Ronneburgs Brunnenarzt und Direktor der von ihm gegründeten Veterinärmedizinischen Schule in Ronneburg, Friedrich Gabriel Sulzer, bei dem sich Goethe Mineralien bestellte. In Löbichau gab es auch kleinere Theateraufführungen. Heute befindet sich dort ein Pflegeheim. Der Portikus des schönen Schlosses blieb erhalten.

Schillers Interesse an Verbrechern

Vortrag von Prof. Udo Ebert, Jena, am 8. Februar 2017

Vor Beginn seiner Vorlesung „Ästhetisches Vergnügen und psychologische Neugier – Schillers Interesse an Verbrechern“ übergab Prof. Ebert an jeden anwesenden Goethefreund eine Gliederung seines Vortrages zum Thema.

1781 verfasste Schiller sein Drama „Die Räuber“ und schrieb nach seiner Flucht nach Mannheim und Bauerbach das Drama „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“. In diesen Werken zeigt er Unterschiede zwischen moralischen und ästhetischen Beurteilungen von Verbrechern auf. Moralisch betrachtet lautet das Urteil „schlecht“, es handelt sich um „unerhörte Verbrechen“. Bei ästhetischer Betrachtung wirken Kraft und Freiheit vor Gesetzen. Es bestehen starke Beziehungen zur Wirklichkeit. Das Problem der Ästhetik stand bei Schiller ganz oben, ihm war es um das Erzählen von Lebensgeschichten über das Seelenleben von Menschen zu tun. Daraus entstanden Verbrechergeschichten, Einblicke ins menschliche Fühlen und sittliches Verhalten.

Vorgetragen und dargestellt wurden von Prof. Ebert auch Zitate Schillers aus Kriminalgeschichten, wie zu Motiven, die zu bösen Vebrechen führten. Auch Vergleiche, die Schiller gern anstellte, stellte er vor, wie die „Weisheit und Torheit“, aber auch Ursachen, die Täter zu „bösen Taten“ führten. Auch verlas Prof. Ebert Auszüge aus Schillers Werk „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, erläuterte Hintergründe, den Inhalt der Erzählung, vor allem aber Auszüge über die Entstehung des dargestellten Verbrechens.

Schiller beschäftigte sich auch im Drama „Die Räuber“ mit dem Thema „Vergeltungsstrafe“, widmete sich der Frage: Was sah er als Vergeltung für begangenes Verbrechen an? Die Todesstrafe lehnte er ab. Für Schiller galt: Verbrecher mit „Menschlichkeit“ zu begegnen.

Zu dieser einführenden Thematik führte Prof. Ebert Folgendes aus.

In seinen Werken, besonders den Dramen und Erzählungen, zeigt Friedrich Schiller ein auffallend großes Interesse an Verbrechern. Über die Gründe für dieses Interesse gibt er selbst, vor allem in seinen theoretischen Schriften, Auskunft. Demnach sind es teils ästhetische, teils psychologische Gründe, die den Verbrecher für Schiller so attraktiv machen.

Den Grund für diese Abweichung des moralischen Urteils vom ästhetischen und für das ästhetische Vergnügen am großen Verbrecher sieht Schiller in der Schrift Über das Pathetische in Folgendem: Bei der moralischen Beurteilung sehen wir auf die Forderung der Vernunft, dass moralisch gehandelt werde; hier herrschen Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit. Bei der ästhetischen Beurteilung sehen wir dagegen auf die Kraft und auf die Freiheit, mit der gehandelt wird; denn hier herrscht das Bedürfnis der Einbildungskraft, deren Interesse es ist, „sich frei von Gesetzen im Spiele zu erhalten“.

Unter Schillers Dramenfiguren, die den Typus des willensstark aus Freiheit handelnden, dadurch großen und interessanten Verbrechers repräsentieren, hob Ebert zwei hervor, denen die geschilderte Ambivalenz des erhabenen Charakters, das Potential sowohl zum großen Bösen wie zum großen Guten, eigen ist. Die eine dieser Figuren ist Karl Moor. Die andere Figur ist Fiesco, der im Verlauf des Dramas eine Kehrtwendung vollzieht. Auch Fiesco ist ein Held, der seinem Charakter nach entweder ein Brutus oder ein Catilina werden kann, und mit nicht zu überbietender Deutlichkeit demonstriert Schiller die beiden Potentiale durch die beiden gegensätzlichen Dramenschlüsse.

Doch nicht nur als Freiheitsenthusiast, Idealist und Dramatiker fühlt Schiller sich zum Verbrecher hingezogen, sondern auch als Psychologe. Zu den außergewöhnlichen Lebensläufen, die sich nach Auffassung jener Zeit besonders dazu eigneten, die Natur des Menschen, seine Seele und deren Triebkräfte zu erforschen, gehörten die Biographien von Abenteurern, Selbstmördern und Verbrechern. Er hat in den Jahren 1792 bis 1795 einen eigenen „Pitaval“, eine Sammlung mit dem Titel Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit herausgegeben. Der empirischen Erkundung der Seele, der psychologischen Analyse namentlich von Verbrechern, also der Kriminalpsychologie, gilt auch nach Schulzeit und Medizinstudium Schillers bevorzugtes Interesse. Es schlägt sich in seinem literarischen Werk nieder, und zwar durch alle Gattungen: von den Dramen über die Erzählungen, die Gedichte und die historischen Schriften bis hin zu den Schriften über Ästhetik. Die Verbrechererzählung geht also den Gedanken des Täters und den sie bewegenden äußeren, insbesondere sozialen Umständen als Ursachen des Verbrechens nach – Psychologie und Soziologie als Kriminalätiologie (Verbrechensursachenerforschung).

In seiner Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre hat Schiller diesen ätiologischen Ansatz exemplarisch durchgeführt. Eine wahre Geschichte nennt deshalb Schiller seine Erzählung im Untertitel – des Räubers Friedrich Schwan (1729-1760), des berüchtigten „Sonnenwirtes“. Friedrich Schwan heißt in Schillers Erzählung Christian Wolf. Schiller beschreibt in dieser Erzählung die kriminelle Karriere eines Menschen und benennt die Ursachen, die zu ihr geführt haben. Die Ursachen liegen einerseits in seelischen Zuständen, inneren Triebkräften und Willensentschlüssen des Täters, andererseits in äußeren Umständen, die als objektive Rahmenbedingungen der Taten fungieren, aber auch ihrerseits zu den subjektiven Gemütszuständen und Willensentschlüssen des Täters beitragen.

Bemerkenswert ist der ursächliche Anteil sozialer Faktoren. Stigmatisierung und Ausgrenzung durch die Gesellschaft, ja auch durch die Justiz selbst, gesellschaftliche Rollenzuschreibung und Übernahme der zugeschriebenen Rolle durch den Täter werden als kriminogene Faktoren herausgearbeitet. Damit weist Schiller auf moderne Kriminalitätstheorien voraus. Dieses „wechselseitige[…] Sich-Aufschaukeln[…] von Straftaten auf der einen Seite und gesellschaftlichen sowie amtlichen, also informellen und formellen, Reaktionen auf der anderen Seite“ stellt sich in Schillers Erzählung bei Christian Wolf folgendermaßen dar: Aufgrund niedriger sozialer Herkunft und bescheidener wirtschaftlicher Verhältnisse, aber auch wegen seines abstoßenden Aussehens erfährt Wolf schon früh Zurückweisung in seiner Umgebung. Ungeschickte Versuche, sich Zuneigung zu ertrotzen, verschlimmern seine Lage nur, und im Bestreben, sich die Zuneigung zu erkaufen, gerät er auf die kriminelle Bahn. Mehrfache strafgerichtliche Verurteilungen wegen Wilddieberei und ein längerer Gefängnisaufenthalt treiben seine soziale Entwurzelung weiter voran, indem sie seine Seele verwüsten, ihn seiner Umgebung immer mehr entfremden und die Gesellschaft zu immer heftigerer Zurückweisung, Stigmatisierung und Ausgrenzung seiner Person veranlassen. Seine Verzweiflung nötigt Wolf, die ihm von der Gesellschaft zugeschriebenen Eigenschaften in sein Selbstbild zu übernehmen und die ihm zugeschriebene Rolle zu spielen. Er will nun Böses um des Bösen willen tun. „Ich wollte mein Schicksal verdienen“. Durch den am Nebenbuhler begangenen Mord wird eine Rückkehr in eine ehrbare bürgerliche Existenz vollends ausgeschlossen. Der Mord treibt Wolf in die Arme einer Räuberbande, als deren Anführer er seine kriminelle Karriere beschließt.

Somit verweist Schiller auf die prinzipielle Offenheit jedes Lebenslaufs für kriminelle Episoden oder Karrieren, auf die allgegenwärtigen und jederzeitigen Anfechtungen und Versuchungen, die in Verbindung mit psychischen Dispositionen jeden Menschen in die Gefahr bringen können, kriminell zu werden. Doch nicht auf die Ehrlosigkeit als Folge der Verbrechen kommt es Schiller in der Erzählung an, sondern auf das Umgekehrte: auf die Verbrechen als Folge der Ehrlosigkeit. Nicht die Ursächlichkeit der Verbrechen für den Verlust der Ehre, sondern die Ursächlichkeit des Ehrverlusts für die Verbrechen ist das Thema der Erzählung. Was Christian Wolf im Laufe der Zeit verliert, ist nicht nur seine äußere Ehre, die Achtung seitens der Gesellschaft, sondern auch seine innere Ehre, seine Selbstachtung. Weil er keine Ehre mehr beanspruchen kann, lernt er die Ehre zu entbehren, gibt er schließlich alle Ansprüche an sich selbst, ehrenhaft zu leben, auf. Wem es auf die eigene Ehre nicht ankommt, wer sich selbst für ehrlos hält, der braucht sich auch nicht zu schämen.

Freilich gewinnt Wolf vorübergehend seine äußere und innere Ehre wieder, nämlich mit der Aufnahme in die Räuberbande, die ihn sogleich zu ihrem Anführer wählt. In dieser kriminellen Gemeinschaft erfährt der aus der Gesellschaft Ausgestoßene herzliches Willkommen, Zuwendung, Vertrauen, Achtung, Bewunderung. Doch es ist die Anerkennung durch eine Parallelgesellschaft, eine verbrecherische Subkultur, welche die gesellschaftliche Außenseiterrolle, das Ausgestoßensein aus der ehrbaren bürgerlichen Gesellschaft nicht aufhebt, sondern nur bekräftigt. Auch wenn somit das Gute im Menschen hier nicht zum äußeren Sieg führt, so ist es doch als solches vorhanden. Der Mensch hat die Kraft, auch gegen widrige Umstände seine sittliche Freiheit und seine Existenz als moralisches Subjekt zu behaupten. Das macht Schiller in Übereinstimmung mit seinem von ihm auch sonst vertretenen Menschenbild in dieser Erzählung deutlich. Bezeichnend ist aber, woran der Sieg des Guten über das Böse am Ende scheitert: Es ist die Gesellschaft – hier in Gestalt des Landesherrn als ihres obersten Repräsentanten – , welche die kriminelle Laufbahn des Protagonisten diesmal zwar nicht befördert, aber ihre Beendigung verhindert. Und so bleibt denn der gesellschaftskritische Duktus der Erzählung bis zum Ende erhalten.

Was hätte der Blick der Richter in die „Gemütsverfassung des Beklagten“, was hätte die Berücksichtigung des Anteils, den die Gesellschaft zu den Verbrechen des Sonnenwirts beigetragen hatte, und was hätte die Beachtung der Auswirkungen des harten Strafvollzugs auf die Psyche und das weitere Leben des Verurteilten für die strafrechtliche Behandlung des Delinquenten bedeutet? Die Antwort kann nur sein: Verständnis, Nachsicht, eine mildere und hilfreiche Strafe. Eine Strafe, die den psychischen und sozialen Ursachen des Verbrechens sowie der Mitverantwortung der Gesellschaft Rechnung trägt; die weniger auf die Tat als auf den Täter sieht; die dem Verurteilten hilft, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden und nicht mehr straffällig zu werden; und die ihn mit der Gesellschaft aussöhnt. Mit seiner dem modernen Resozialisierungskonzept nahekommenden Auffassung von der Behandlung und Bestrafung der Verbrecher ist Schiller ganz Aufklärer. Nach den Vorstellungen der Aufklärung ist der Staat eine Zweckanstalt zur Beförderung des Glücks und der Vollkommenheit des Einzelnen. Der so verstandene Staat hat die Aufgabe und die Befugnis, den vom Pfad der Tugend abgewichenen Bürger auf diesen Pfad – notfalls mit Zwang – zurückzuführen.

Schiller lehnt auch, einer in der Aufklärung verbreiteten Tendenz entsprechend, in seiner Vorlesung Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon die Todesstrafe ab.

In Schillers Dramen allerdings zeigt sich, dass das sie bestimmende andersartige Interesse – das ästhetische an Stelle des empirisch-psychologischen – auch die Auffassung von der Strafe verändert. Den Kant’schen Vergeltungsgedanken, den Schiller in seinen Erzählungen und historischen Schriften zugunsten einer spezialpräventiven Strafkonzeption ablehnt, sehen wir in seinen Dramen durchaus am Werk. Und dies nicht von ungefähr. Denn für die dramatische Gestaltung ist die vergeltende Funktion der Strafe ein höchst geeignetes Element. Als Vergeltung ist die Strafe Manifestation der Gerechtigkeit, welche die durch das Verbrechen gestörte Ordnung wiederherstellt. In diesem Sinne überliefert in den Räubern Karl Moor sich am Ende der Justiz, um die mißhandelte Ordnung [zu] heilen.

Auch Die Braut von Messina handelt von der vergeltenden Strafe. Der Brudermörder Don Cesar fügt die Todesstrafe als die einzig gerechte Form der Schuldvergeltung sich selbst zu.

Neben dieser objektiven hat die Vergeltungsstrafe auch eine für dramatische Gestaltung äußerst wirksame subjektive Funktion. Während sie dem Verbrecher seine böse Tat objektiv gerecht vergilt, bringt sie dem reuigen Täter subjektiv die ersehnte Sühne für seine Schuld, die Beendigung seiner Gewissensqual. So besonders eindrucksvoll im Drama Maria Stuart. Maria akzeptiert die Todesstrafe, die wegen des von ihr nicht begangenen Hochverrats gegen sie verhängt worden ist, als Strafe für den zuvor von ihr an ihrem Gatten begangenen Mord und gelangt so zur Sühnung ihrer Schuld, zur moralischen und religiösen Entlastung, zur Katharsis.

Am Ende seines Vortrages antwortete Prof. Ebert auf Fragen.

Renate Dalgas

Auf dem historischen Mühlenhof

Tagesausflug am 26. November 2016

Goethefreunde aus Gera und Erfurt besuchten den historischen Mühlenhof Bosse bei Dachwig. Mit dabei waren Flüchtlingsfamilien aus Syrien, dem Irak sowie eine Dolmetscherin von der Insel Madagaskar. Für diesen Personenkreis leisten Mitglieder der Goethe-Gesellschaft Gera aktive Hilfe bei der Bewältigung des täglichen Lebens, so beim Erlernen der deutschen Sprache, bei Behördengängen. Ihre Teilnahme am Ausflug ist ein Stück gelebte Integration durch Menschenfreundlichkeit und Toleranz, ganz nach dem Zitat von Goethe zur Anerkennung des Anderen: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Unser Beisammensein began mit einem Vortrag über die lange Geschichte der historischen Wassermühle und des Müllerhandwerks, einem Ausflug in die Vergangenheit im Mühlenmuseum, einem Stöbern auf den verschiedenen Ebenen des Bauwerks.

Anschließend herrschte gute Stimmung im Mühlenrestaurant. Dabei gab es Getränke, passend zur Winterzeit, Kaffee und Kuchen.

Dieeter Schumann und sein Begleiter sorgten für Musik und Gesang aus den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts, ein Ohrenschmaus im passenden Ambiente.

Überraschung und Freude standen in den Gesichtern geschrieben, als Angelika und Bernd kleine Buchgeschenke an alle Teilnehmer des Ausflugs verteilten, fast wie Weihnachten!

Natürlich sangen die Goethefreunde bekannte Volks- und Weihnachtslieder. Die syrischen und irakischen Flüchtlinge sangen Lieder aus ihrer fernen Heimat.

Mit guten Gesprächen in froher Runde und einem köstlichen Büfett gingen die schönen Stunden zu Ende.

Um mit den Worten von Goethe zu sprechen: „… allen, die darin verkehrt, ward ein guter Mut beschert.“

Ein herzliches Dankeschön geht an Angelika und Bernd Kemter, an Dieter Schumann. Sie haben den erlebnisreichen Tagesausflug organisiert und mit uns durchgeführt.

Helga Stahl

Johann Peter Eckermann – Goethes geprüfter Haus- und Seelenfreund

Vortrag von Dr. Egon Freitag, Weimar, am 2. November 2016

Johann Peter Eckermann wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf. Er wurde 1792 in Winsen an der Luhe (Lüneburger Heide) geboren. Sein Vater war Hausierer, seine Mutter Heimarbeiterin. Als Hütejunge konnte er nur notdürftig Lesen und Schreiben lernen. Aber er besaß ein großes zeichnerisches Talent. Doch wegen seiner anfänglich geringen Bildung wurde er oft verspottet, auch noch später. Heine nannte ihn „Goethes Papagei“, Lenau dichtete „Eckermann und Goethe/Blaserohr und Flöte“.
Eckermann nahm 1813 am Winterfeldzug gegen Napoleon teil. Danach wollte er Maler werden, er kopierte Bilder. Im Winter 1815 wanderte er nach Hannover zu Kunstmaler und Kupferstecher Johann Heinrich Ramberg. Er nahm bei ihm Zeichenunterricht. Dann ging ihm das Geld aus. Außerdem litt er an einer schweren Krankheit.
Von 1815 bis 1821 hielt er sich in Hannover auf. Er lernte dort Latein und Griechisch und widmete sich nun der Poesie, die ihn nach eigenen Worten „mit zärtlichen Armen aufnahm“. Sein erstes Gedicht widmete er den aus den napoleonischen Feldzügen zurückkehrenden Soldaten. Jetzt wollte er Dichter werden. Er las Klopstock und Schiller, lernte mit 24 Jahren Werke Goethes kennen. Er las sie immer wieder. Goethe wurde Eckermanns Leitstern. Erst in dieser Zeit besuchte er ein Gymnasium. Gönner empfahlen ihn für ein „Brotstudium“ in Göttingen. Er bekam Studienbeihilfe. In Göttingen wirkten damals Lichtenberg, Voß, Bürger, Brentano, die hier studierten; ebenso die beiden Humboldts, Heine und Fallersleben. Er sollte Jura studieren, aber dies interessierte ihn überhaupt nicht. Er hatte nur die Kunst und Literatur im Sinn.
Nun begab er sich zu Fuß von Göttingen nach Dresden. Auf der Rückreise wollte er in Weimar unbedingt Goethe kennenlernen. Allerdings war Goethe abwesend. 1821 schickte er seine Gedichte an Goethe, versehen mit Geburtstagswünschen und mit der Bitte um einige aufmunternde Worte für einen Verleger. Eckermann erhielt Antwort, und dies war eine große Freude für ihn. Dies beflügelte ihn umso mehr, unbedingt Goethe zu treffen, um Schriftsteller zu werden und endlich Geld zu verdienen. Er schuf das Trauerspiel „Graf Eduard“. Er äußerte ebenso seine Gedanken zu Goethes „Beiträge zur Poesie“ und meinte hierzu: „Der Mensch ist nicht zum Wissen, sondern zur Tat berufen.“
Eckermann hoffte lange, einen Verleger zu finden. Daher hatte er auch sein Studium abgebrochen. In dieser Situation war er nicht in der Lage, seine Verlobte Johanna Bertram, das „Hannchen“, an den Traualtar zu führen. Er verließ Göttingen, wanderte etwa 150 Kilometer durch das Werratal nach Weimar. Am 10. Juni 1823 erlebte er seine Sternstunde, er lernte endlich Goethe persönlich kennen. Ihm, dem Hütejungen, öffnete sich die Tür zum Frauenplan, durch die große Gelehrte, Künstler, Fürsten und Könige gingen.
Goethe war damals fast 74 Jahre alt, Eckermann 31. Goethe musste rasch erkannt haben, dass ihm Eckermann sehr nützlich werden könnte. Er stellte ihn zur Probe. Als erstes musste Eckermann herausfinden, welche Rezensionen in den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ von 1772/73 aus Goethes Federstammten. Sie waren allesamt anonym erschienen. Eckermann meisterte diese Aufgabe mit Bravour. Einige Tage später sollte er eine Inhaltsangabe über „Kunst und Alterum“ erstellen. Auch diese Aufgabe wurde erledigt und ebenso die dritte.
Nun schickte Goethe seinen Adlatus mit einem Empfehlungsschreiben nach Jena, er selber fuhr zur Kur in die böhmischen Bäder. „Er ist mit meiner Denkweise so vertraut …“ lobte Goethe, und dieses Lob war für Eckermann der Ritterschlag. „Er ist mein geprüfter Haus- und Seelenfreund.“ – „Wie eine Ameise schleppt er meine Gedichte zusammen“. – „Er weiß, mit großer Liebe allem etwas abzugewinnen“.
Berge von Manuskripten harrten Eckermanns Redaktion. Goethe bereitete eine Gesamtausgabe seiner Werke vor, alles musste gesammelt, redigiert und imprimiert werden. Wie Eckermann an seine Verlobte Johanna Bertram berichtete, wollte er alles tun, um sich vor der Welt auszuzeichnen. Dennoch blieb sein Wunsch, selbst Schriftsteller zu werden, unerfüllt. Und er fühlte sich nicht wohl in Weimar: „Wenn nicht Goethe und einige seiner Freunde (wie Riemer und Kanzler Müller) wären, würde ich nicht einen Tag in Weimar bleiben.“ – Meine Armut ist mein größtes Unglück.“
Eckermann hat den Dichter wohl 1000-mal besucht.
Viele Gespräche mit Goethe weckten in Eckermann den Wunsch, selbige in Druck zu geben. Er hoffte, dadurch in Europa bekannt zu werden. Goethe wusste von diesem Vorhaben und akzeptierte es. Doch Goethe wünschte keinesfalls eine baldige Publikation, erst nach seinem Lebensende sollten die Gespräche erscheinen. Er hat sie nicht heimlich aufgeschrieben; solange Goethe lebte, wusste er auch davon.
1828 gab es ein Gespräch, zu dem Eckermann nur vier Stichworte aufzeichnete; Genie, Napoleon, Preußen, Produktivität. Daraus entwickelten sich später 17 Druckseiten. Eckermanns Gespräche mit Goethe sind keine wörtlichen Protokolle, vieles hat er aus der Erinnerung aufgeschrieben. Dass er aber Ton und Inhalt richtig traf, betstätigten Goethes Enkel: „Ja, es ist der Apapa.“ Er hat genau Goethes Wortwahl und Ausdrucksweise verinnerlicht. An besagtem Gespräch hat er übrigens vier Wochen gearbeitet.
Eckermann genoss das Vertrauen Goethes. Selbiger führte ihn in die Naturwissenschaften, besonders in die Farbenlehre ein. Eckermann sollte sogar ein Kompendium über Goethes Farbenlehre verfassen. Dieses Vorhaben hat er aber nicht ausgeführt. Einmal kam es zum Streit. „Blaue Schatten im Schnee“ waren für Goethe lediglich eine optische Täuschung. Eckermann dagegen behauptete, dass dieses Blau durchaus nichts Subjektives sei, wie Goethe meinte, sondern etwas Objektives, der Widerschein des Himmels. Goethe billigte aber diesen Einwand nicht, ja, er wurde richtig böse. Er vertrug keinen Widerspruch, schon gar nicht in der Farbenlehre. Zwei Jahre später korrigierte sich Goethe allerdings.
Eckermann hatte großen Einfluss darauf, dass Goethe endlich den zweiten Teil vom „Faust“ beendete. Er hat sich immer wieder nach dieser oder jener Person (z. B. Helena) erkundigt, um auf diese Weise Goethe voranzutreiben. Beim 1. Teil war Schiller, beim 2. Eckermann der „Treiber“.
Beide waren regelrecht befreundet, Goethe sorgte dafür, dass Eckermann an der Jenaer Universität seinen Doktortitel bekam. Und es gibt ein weiteres Beispiel ihrer Freundschaft. Eckermann hatte in den Niederlanden das Bogenschießen erlernt und wusste Goethe davon zu begeistern. Da Eckermann aber zu arm war, um einen Bogen zu kaufen, schenkte ihm Goethe den Bogen eines Baschkiren aus seinem Bestand. So versuchten sie sich im Hausgarten am Frauenplan. Dabei schossen sie auch auf die Fensterlade zu Goethes Arbeitszimmer. Der Pfeil blieb drin stecken, man konnte ihn nicht aus dem Holz herausziehen. Goethe fand Spaß am Bogenschießen, nicht aber am Kegeln, dies sei etwas für Philister. Auch dieses Beispiel frd Bogenschießens zeigt, dass Eckermann nicht einfach Goethes Sekretär war, sie waren wahrhaftig Freunde.
Nach Goethes Tod arbeitete Eckermann gemeinsam mit Riemer und Kanzler Müller am Nachlass, der sich zu vierzig Bänden auswuchs. 1836 erschienen die „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“, die Eckermann der Großherzogin Anna Pawlowna widmete, die ihn stark unterstützte, da er nach dem Tod seiner Frau in noch größerer finanzieller Not lebte. Goethe hatte ihm keinen Lohn gezahlt, wohl auch deshalb, da er ihn als seinen Freund betrachtete, jedoch nicht als Sekretär. Sekretär war John. Nun erhielt er 300 Taler lebenslange Pension, verbunden freilich mit der Auflage, in Weimar zu wohnen. Vom preußischen Köng erhielt Eckermann auf Vermittlung der Humboldts 360 Taler.
Sein bleibendes Verdienst sind die „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“ Nietzsche meinte später: „Die Unterhaltungen Eckermanns und Goethes sind das beste Buch, das es gibt.“