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Caroline Jagemann und der Theatermann Goethe

Caroline Jagemann und der Theatermann Goethe

Vortrag von Dr. Bertold Heizmann, Essen, am 4. März 2020

Die Weimarer Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann, an ihrem 32. Geburtstag am 25. Januar 1809 vom Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach als dessen Nebenfrau in den Adelsstand (von Heygendorff) erhoben, genießt in der Goethephilologie keinen guten Ruf. Zu Beginn ihres Weimarer Engagements noch als „Zauberin“ und als „die angebetete Göttin von ganz Weimar“ gefeiert, gilt sie in der Literaturgeschichtsschreibung als rücksichtslose und egoistische Intrigantin, die in den langen Jahren ihrer Tätigkeit in Weimar dem Theaterdirektor Goethe dessen Amt derart verleidete, dass er es – nach mehreren angekündigten, dann aber doch immer wieder revidierten Demissionsabsichten – im Jahre 1817 endgültig aufgab, und zwar infolge eines Skandals, der durch das Auftreten eines dressierten Hundes verursacht worden war. Caroline Jagemann ist, wie das Goethe-Lexikon trocken vermerkt, „Goethes größtes Problem am Weimarer Theater“, und zeitweise bringt sie sogar die Freundschaft zwischen Goethe und Carl August in Gefahr, da sie ihre Vorstellungen, wie ein Theaterbetrieb zu gestalten sei, oftmals mit Hilfe des Herzogs, der mit ihr eine „Ehe zur linken Hand“ („Morganatische Ehe“) eingegangen war, gegen Goethe durchzusetzen weiß. Nach dem Tod des Herzogs, dem sie drei Kinder gebar, verlässt sie 1828 aufgrund zahlreicher Anfeindungen Weimar, kehrt jedoch für ein paar Jahre, von 1838 bis 1844, in ihre Heimatstadt zurück, um sich der Kinder ihres ältesten Sohnes Carl Wolfgang anzunehmen, deren Mutter früh verstorben war. Dort lebt sie im „Deutschritterhaus“ am Töpfenmarkt (dem heutigen „Herderplatz“), das Carl August 1807 erworben und ihr geschenkt hat. Ihr Ruhm ist verblasst, geblieben sind offen geäußerte Gehässigkeiten, die sich nach Goethes Tod in dem Maße verstärken, in dem die Verehrung, die dem berühmtesten Weimarer bereits zu Lebzeiten entgegengebracht wurde, anwuchs. Insofern gleichen die Äußerungen über sie im 19. Jahrhundert Verurteilungen; und da es wenige Stimmen zu ihrer Entlastung gibt, bleiben eher die negativ bewerteten Ereignisse und Urteile in Erinnerung, weniger die wichtige Rolle, die sie für die Entwicklung des Weimarer Theaters spielte. Dessen Aufschwung von einer provinziellen zu einer weithin geachteten Bühne wurde fast ausschließlich Goethe als Verdienst angerechnet.

Dass dieses Bild – zumindest teilweise – revidiert werden muss, ist der erstmalig vollständigen Edition ihrer Memoiren zu verdanken, die vor einiger Zeit vorgelegt wurde. Diese naturgemäß subjektive, somit einseitige Selbstdarstellung gewinnt an Glaubwürdigkeit durch die zahlreich beigefügen Kritiken und Dokumente, die es erlauben, das Wirken der Caroline Jagemann neu zu bewerten.

Über das Entstehen der Memoiren liegt uns eine aufschlussreiche Anekdote vor. In seinen Erinnerungen „Aus meiner Pilgertasche“ berichtet der Offizier, Autor und Übersetzer Ferdinand von Biedenfeld von einem Besuch, den er, zusammen mit Charlotte von Ahlefeld, einer mit der Heygendorff schon seit Jugendtagen befreundeten erfolgreichen Romanschriftstellerin, im Spätsommer 1842 der ehemaligen Schauspielerin in deren Haus am Töpfenmarkt abgestattet hat. Beide Besucher gehören zu den wenigen, die sich nicht scheuen, mit der weitgehend isolierten alten Dame in Verbindung zu bleiben.

Als die beiden eintreten, legt die Hausherrin ein paar Manuskripte zur Seite. Dies weckt die Neugier. Ob man wieder beim „Schriftstellern“ störe, will die Ahlefeld wissen. Darauf, nach einigem Zögern, das Geständnis Carolines: Es handle sich um ihre Memoiren. Und sie schwingt sich zu einer kühnen Behauptung auf: „Wahrheit und Dichtung, wie Goethe…“. Biedenfeld gibt die zweifelnde Antwort der Ahlefeld wie folgt wieder:

[…] Ein Goethe mag immerhin Wahrheit und Dichtung aus seinem Leben durcheinanderwerfen; von einem Goethe bleibt auch das Geringfügigste interessant und ‚Dichtung‘ selbst wird wieder zu einer Wahrheit anderer Natur. Aber Memoiren von uns übrigen Erdenwürmern können nur einige Bedeutung gewinnen, wenn sie unverbrüchlich an die Wahrheit sich halten, die Wahrheit rein und voll geben.

Gegenüber der Offenbarung solcher ‚Wahrheiten‘ äußert die Besucherin jedoch erhebliche Bedenken. Beide, Frau von Heygendorff wie sie selbst, wüssten doch, welches Unbehagen diese Wahrheit beim Publikum auslösen würde: Allzu hoch stünden die Personen im Kurs, die mit Gewissheit in ein trübes Licht gestellt würden und deren Ansehen beschädigt werden dürfte.

Dessen ist sich auch die Heygendorff sicher: Ihre Memoiren sollen erst nach ihrem Tode erscheinen, obwohl es ihr ein Bedürfnis sei, manche für sie „schmachvolle Lüge zuschanden [zu] machen“. Sie wolle sich nicht schon zu Lebzeiten zusätzliche ärgerliche Stunden bereiten. Aber, wendet die Ahlefeld ein, ein Schatten könne bei einer Veröffentlichung, wann auch immer sie erfolge, auf Carl Augusts Andenken fallen. Das sieht Caroline gelassen: Der geliebte Herzog sei „so glanz- und lichtumstrahlt“, da könne er ein bisschen Schatten vertragen. Und Goethe – das nehme sie auf sich, einem, der sich allmächtig dünkte und unfehlbar, bewiesen zu haben, dass „auch er nur ein Sterblicher“ gewesen sei.

Über ein Vierteljahrhundert hat Goethe dem Weimar Theater vorgestanden. Das ehemalige Hoftheater – verbunden mit den Namen Abel Seyler und Conrad Ekhof – ist 1774, also noch bevor Goethe nach Weimar kam, beim Brand des Schlosses zerstört worden; die Schauspieltruppe zieht nach Gotha ab. Es ist nicht weit her gewesen mit ihrer Kunst: Die Truppe bestand größtenteils aus Handwerkern, Dienstboten, Barbieren, Schülern und gescheiterten („verlorenen“) Studenten. Aber immerhin: Die derben, volkstümlichen Stoffe haben dem Publikum gefallen. Goethe findet nach seiner Ankunft in Weimar somit keine funktionierende Bühne vor. Seine Lust am Spiel, seine eigene theatralische Begabung, lassen ihn, zusammen mit der herzoglichen Familie, ein Liebhaber- oder Dilettantentheater begründen, an dem die gesamte hochgebildete Weimarer Hofgesellschaft teilnimmt: der Herzog und dessen Mutter Anna Amalia, die Prinzen und deren Erzieher und Hoffräulein, in der Residenz weilende Dichter wie Wieland, Musäus und Kotzebue, kurz, alles, was in Weimar Rang und Namen hat. Es gibt keinen festen Spielort; Schauplätze waren Waldlichtungen oder das Ufer der Ilm sowie Innenhöfe wie jener des Schlosses Ettersburg.

Was diese „Dilettanten“ darbieten, unterscheidet sich trotz der teilweise recht drastischen Komik durchaus von den volkstümlichen Stücken der Seyler- und Ekhof-Zeit: Das Schauspiel entfernt sich vom derb-naturalistischen Realismus hin zu idealisierten, der Wirklichkeit enthobenen, von der Phantasie beflügelten leichten und humoristischen Gestaltungen, zu denen Goethe selbst seine eigenen Versuche beisteuert, die vom französischen Lustspiel und dem Schäferspiel beeinflusst sind. Auch das Stegreifspiel wird gepflegt, das die drastische Erotik spätmittelalterlicher Vorläufer aufnimmt (Goethes Jahrmarktsfest zu Plundersweilern; Uraufführung 1778). In Ettersburg kommt es auch zu der legendären Aufführung der Prosa-Iphigenie, bei der Goethe selbst als Orest und Corona Schröter, die einzige Berufsschauspielerin und -sängerin, in der Titelrolle auftreten. –

Mit Goethes Eintritt in die zahlreichen Staatsgeschäfte lässt sein Interesse am Liebhabertheater – nicht nur bei ihm selbst, auch bei den anderen – nach; Corona Schröter zieht sich mehr und mehr zurück. Um den Theaterbetrieb, auch ohne ein feststehendes Gebäude, nicht brachliegen zu lassen, wird der österreichisch-italienische Schauspieler Joseph Bellomo als „Prinzipal“ verpflichtet, unter dessen Leitung an unterschiedlichen Orten – in den Wintermonaten meist im sogenannten „Komödienhaus“; im Sommer dann in Lauchstädt, Altenburg, Erfurt und Eisenach – gespielt wird. Dessen Truppe ist bestrebt, mit volkstümlichen Stücken und Bearbeitungen zum einen geschäftlich erfolgreich zu sein, zum anderen die Zuschauer zu unterhalten – und dies im wörtlichen Sinne: Es geht nicht um große Kunst, sondern meist um Klamauk und turbulenten Spaß. Improvisationen sind durchaus erlaubt, Hauptsache ist, dass die Zuschauer etwas zu lachen haben.

Dies entspricht jedoch nicht oder nicht mehr den Vorstellungen des Herzogs Carl August und seiner Mutter. Anna Amalia ist gerade aus Italien zurückgekehrt; sie hat dort Maßstäbe kennengelernt, an denen sich die primitive deutsche Provinzbühne nicht messen kann. Die Klagen über „mittelmäßige und schlechte Vorstellungen, die das Gemüt mehr unruhig machen und es ermüden, als dass sie Genuss verschaffen sollten“, häufen sich. Mutter und Sohn beschließen, das Bellomosche Intermezzo zu beenden und nach Berliner Vorbild wieder ein Hoftheater zu installieren. Dieses wird 1791 im wieder aufgebauten Weimarer Schloss eröffnet. Es soll, so die erklärte Absicht, ein Ort wahrer Schauspielkunst sein und nicht mehr, wie bisher, „Geschäftsbude“ oder „Vergnügungslokal“. ,

Und jetzt dies: Ausgerechnet er soll die künstlerische Oberleitung des neuen Theaters übernehmen. Seiner Staatsämter ist er weitgehend entledigt, in Italien hat er zur dichterischen Schöpfungskraft zurückgefunden; die Aufgabe eines Theaterdirektors reizt ihn jedoch nur mäßig. Etwas widerwillig erklärt er sich, nach Zureden des herzoglichen Freundes, bereit, erst einmal für eine Übergangszeit zur Verfügung zu stehen.

Aufgrund der bisherigen Entwicklung der Theaterlandschaft in Deutschland könnte angenommen werden, dass er diese Aufgabe in der Hoffnung übernimmt, seine in der Sturm-und-Drang-Zeit, insbesondere bei der Abfassung des Götz von Berlichingen gewonnenen und im Liebhabertheater weiterentwickelten Vorstellungen von Bühnenauftritten zu realisieren. Aber wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es Ende des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet kaum einen geregelten niveauvollen Theaterbetrieb gab, der als Vorbild oder auch als Kontrast hätte dienen können. Goethe ist weitgehend auf sich selbst gestellt.

Eine häufig vorkommende Vokabel in Goethes Äußerungen über seine Tätigkeit ist der Schlendrian. Zu einem Bericht über seine ersten Jahre als Direktor ist ein Zettel mit den Stichworten erhalten: „Übernahme des Weimarischen Theaters. Völlige Unbekanntschaft mit dem bisherigen deutschen Theater. Erst Schlendrian. Das Gegenwärtige und Mögliche zuerst. Nach und nach das Wünschenswerte, bis zum beinahe Unmöglichen unternommen.“ Begabtere Kräfte von auswärts können nicht gewonnen werden, weil die Gagen sehr niedrig sind. Im Repertoire wagt Goethe zunächst keine bedeutsamen Neuerungen, insofern bleibt es bei „Familiengemälden“, „Ritterromanzen“, „Singspielen“ und „Possen“; die Hauptautoren sind August von Kotzebue, von dem Goethe sage und schreibe 87 Stücke (insgesamt 638 Aufführungen) spielen lässt, sowie Iffland mit 354 und Friedrich Ludwig Schröder mit 117 Aufführungen. All dies bestärkt Goethes Unlust, weiterhin dem Theater vorzustehen. Auch die 1792 erfolgte „Generalkündigung“, aufgrund derer etwa ein Dutzend Schauspieler gehen müssen, die sich als Störenfriede und Nichtskönner erwiesen haben, bringt kaum eine Besserung der Situation. Goethe erscheint jetzt zwar wieder häufiger bei den Proben und dirigiert Leseübungen, aber die Einsicht, die gesteckten Ziele aufgrund der Mängel des Repertoires, des Ensembles und letztlich auch des Publikums nicht erreichen zu können, veranlasst ihn 1795, den Herzog um Entlassung aus diesem Dienste anzugehen. Carl August lehnt ab.

Dass Goethe bleibt, ist jedoch nicht nur dieser Bitte des Herzogs zu verdanken. Die Tätigkeit bereitet ihm dann Freude, wenn er mit hoffnungsvollen, begabten Akteuren, insbesondere jungen Schauspielerinnen, arbeiten kann. Im Alter hat er oft der zahlreichen Schauspielerinnen gedacht, die ihm die zuweilen unleidige Arbeit als Theaterdirektor versüßten. Er hatte sich aber mit einem etwas delikaten Problem auseinanderzusetzen, wie er 1825 gegenüber Eckermann bekennt:

„Es fehlte unserem Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. – Ich fühlte mich zu mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegen kam. Allein ich faßte mich und sagte: nicht weiter! – Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches persönliches Glück. Hätte ich mich in irgendeinen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magneten an seiner Seite hat. Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters…“

Er nennt zwei von mehreren Schauspielerinnen, die es offensichtlich darauf angelegt haben, durch ihr Entgegenkommen zu seiner Favoritin zu werden: Euphrosyne und die Wolff. Gemeint ist neben der jüngsten Tochter des Schauspielern Malcolmi, Amalie, die später ihren Kollegen Pius Alexander Wolff heiratete, die blutjunge Christiane Neumann, die aus der Bellomoschen Truppe übriggeblieben war und der er wegen ihrer letzten Rolle, die sie spielte, den Beinamen Euphrosyne gab und sie in einer Elegie feierte.

Als das neue Theater 1791 mit einem Stück August Wilhelm Ifflands – Die Jäger – eröffnet wird, spielt die junge Christiane Neumann eine der Hauptrollen. „Sie war mir in mehr als einem Sinne lieb“, schreibt Goethe später über sie. Und: „Es kann größere Talente geben, aber für mich kein anmutigeres.“ Diese Anmutige, von der Wieland begeistert ausruft: „Wenn sie nur noch einige Jahre so fortschreitet, wird Deutschland bald nur noch eine Schauspielerin haben!“ und von der Iffland während eines Gastspiels 1796 in Weimar sagt: „Sie kann alles, denn nie wird sie in den künstlichen Rausch von Empfindsamkeit, das verderbliche Übel unserer jungen Schauspielerinnen, versinken“, verausgabt sich jedoch sehr schnell: Nach zwei schwierigen Geburten – mit 14 Jahren hatte sie den Schauspielerkollegen Heinrich Becker geheiratet – verstirbt sie an einer Tuberkulose, noch nicht einmal zwanzigjährig. (Ein von Goethe initiiertes Denkmal, das heute hinter der Fürstengruft steht, erinnert an sie; mit seiner Elegie Euphrosyne hat Goethe ihr zudem ein literarisches Denkmal gesetzt.)

Ende 1797 von seiner Schweizer Reise nach Weimar zurückgekehrt, findet Goethe somit eine große Lücke vor: „Christiane Neumann fehlte, und doch war’s Platz noch, wo sie mir so viel Interesse eingeflößt hatte. Ich war durch sie an die Bretter gewöhnt, und so wendete ich mich dem Ganzen zu, was ich ihr fast ausschließlich gewidmet hatte.“Diese Worte machen deutlich, wie sehr Christiane in seiner Theaterwelt im Mittelpunkt gestanden hat. Caroline Jagemann ist hier, auch wenn sie auf Veranlassung Goethes engagiert wurde, zunächst eine Ersatzlösung. Das wird sie allerdings nicht lange bleiben.

Nach einer sechsjährigen Ausbildung am Mannheimer Theater unter Iffland kehrt sie als 19jährige in ihre Heimatstadt Weimar zurück und erhält am Hoftheater eine Anstellung, die sie zum Schauspiel sowie zum Gesang verpflichtet. Goethe selbst hat die Bedingungen, insbesondere die ungewöhnlich hohe Dotierung ihres Vertrages – was schon bald für Unmut bei den Mitspielern sorgen wird –, mit dem Herzog ausgehandelt. Bald wird sie zu einer Figur, die das Weimarer Theater – und damit auch Goethes Tätigkeit als Direktor – in den nächsten Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht prägen wird.

Henriette Caroline Friederike Jagemann wird am 25. Januar 1777 in Weimar als älteste Tochter des Bibliothekars der Herzogin Anna Amalia, Christian Joseph Jagemann, geboren. Ihr Talent liegt im Gesang und in der Schauspielerei; sie wird 1790, also mit dreizehn Jahren, in die Obhut des Mannheimer Nationaltheaters gegeben, wo sie unter der Leitung des Regisseurs Iffland eine gründliche Ausbildung sowohl im Gesang als auch im Schauspiel erhält. Mit ihrer ersten Rolle als Feenkönig Oberon in der Oper von Wranitzky nach dem Versepos von Christoph Martin Wieland entzückt und bezaubert sie das Publikum, das sich nicht nur an ihrem Gesang ergötzt, der „einem Nachtigallenton glich, voll Süße, Rundung und Kraft“, sondern auch an der zierlichen Gestalt mit dem rotblonden Lockenschopf. Tatsächlich scheinen schon die ersten Kritiker und Rezensenten von ihrer Ausstrahlung fasziniert gewesen zu sein; noch vor der Qualität ihres Gesangs oder ihrer Schauspielkunst verweisen sie auf Äußeres. In der ersten Kritik der Oberon-Aufführung vom 7.10.1792, also aus der frühen Mannheimer Zeit, heißt es in überschwänglichem Ton:

Dlle. Jagemann hat ein niedliches kleines Figürchen, hochblondes Haar, ein feuriges Auge und ein ausdrucksvolles Gesicht. Sie erschien wie ein Wesen höherer Art, umgeben von allem Feenreiz, den Romanzendichter im Schwung der trunkenen Einbildungskraft diesen Geschöpfen beilegen. Sie sang – und bezauberte: ihre Stimme ist ein Silberton, rein wie die Harmonie der Sphären; ihrer Töne rollen dahin, wie die süß murmelnden Wellen des Spiegelbaches, der durch Blumentäler sich schlängelt.“

Soweit der Rezensent über die gerade 15jährige Sängerin. Als ein solches „Wesen höherer Art“ scheint auch Iffland sie angesehen zu haben; er nennt sie, die knabenhafte Caroline, seinen „kleinen Gott des Tages“.

Die Rückkehr in ihre Heimatstadt ist für sie ein Triumph. Auch in Weimar ist der Oberon ihre erste Rolle, und über Nacht ist sie „Weimars angebetete Göttin.“ Caroline Jagemanns Spielkunst muss hinreißend gewesen sein. Sie spielt alle großen Opernrollen (hier begeistert sie insbesondere in den Mozartopern, der Entführung sowie der Zauberflöte) und die großen klassischen Rollen des Schauspiels in Dramen von Goethe, Schiller, Shakespeare; ohne Mühe findet sie sich auch in komische Rollen hinein, in denen sie ihre unerschöpfliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen kann. Insbesondere die Männerwelt ist von ihr hingerissen; wie schon in Mannheim beobachten die weiblichen Theaterbesucherinnen das Wirken des temperamentvollen Wirbelwinds mit einigem Misstrauen. Goethe bezeugt diese Wirkung in seinen Tages- und Jahresheften auf das Jahr 1801: „Meine schöne und talentvolle Freundin Demoiselle Jagemann hatte […] das Publikum auf einen hohen Grad entzückt; Ehemänner gedachten ihrer Vorzüge mit mehr Enthusiasmus als den Frauen lieb war, und gleicherweise sah man eine erregbare Jugend hingerissen […]“. Immer wieder werden in den Besprechungen neben ihren gesanglichen und schauspielerischen Qualitäten auch ihre körperlichen Vorzüge hervorgehoben, ihre Anmut der Figur und des Ganges, der Liebreiz ihres Antlitzes usw.…

Die Zusammenarbeit zwischen dem Theaterdirektor und dieser neuen Zierde auf der Weimarer Bühne ist von Anfang an nicht unproblematisch. Haben die bisherigen Schauspieler und Schauspielerinnen, einschließlich der hochbegabten Christiane Neumann-Becker, sich, größtenteils mangels besserer Kenntnisse, Goethes Vorstellungen und Anweisungen klaglos und kritiklos unterworfen, so findet sich die in Mannheim glänzend ausgebildete Caroline Jagemann nicht mit den in ihren Augen kümmerlichen Verhältnissen ab. Dies beschreibt sie in ihren autobiographischen Aufzeichnungen recht schonungslos. Schon die Aufführung der Zauberflöte, in der sie selbst noch nicht mitspielt, sondern nach Goethes Anweisung lediglich „Anschauung nehmen“ soll, empfindet sie trotz des betriebenen Aufwands – Goethe selbst hat das Bühnenbild entworfen – als Katastrophe. Die Sänger improvisieren viel, werden ihren Rollen nicht gerecht, lassen das Ganze – durchaus zum Vergnügen des Publikums – zum Klamauk entarten. Enttäuscht ist Caroline über das Verhalten Goethes: Er lacht nicht, ist aber auch nicht ärgerlich oder gar zornig, sieht offensichtlich keine Veranlassung, die Akteure zu kritisieren, um künftige Vorstellungen anspruchsvoller zu gestalten.

Der niederschmetternde Eindruck bleibt kein Einzelfall. Alles wird noch schlimmer, als sie selbst ihre Premiere als Feenkönig Oberon erlebt. Mit Bedrückung wird Caroline des Unterschiedes zu der Qualität, für die Iffland in Mannheim gesorgt hatte, gewahr. „In Mannheim war alles einfach aber so anmuthig arrangirt“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. „Ich kam direct von einer Bühne, die nach Regeln geleitet wurde und auch darin, wie in so mancher Hinsicht allen andern zum Muster dienen konnte, daß der Ton, der unter [den] Künstlern herrschte von der höchsten Anständigkeit, ich möchte sagen Feinheit war. Hier regierte die Willkühr, der Despotismus.“ Ohne Umschweife schreibt sie die Mängel, die ihrer Meinung nach leicht beseitigt hätten werden können, dem „Lenker der Weimarischen Theatergeschicke“ zu. Was bei Iffland selbstverständlich war: dass jeder nicht nur seine eigene Rolle, sondern auch die anderen kannte, um überhaupt zu wissen, wie sein Part in den der anderen eingebunden war – das ist hier nicht so. So sei nicht nur ihr, sondern auch den anderen Künstlern die „Freude an der Arbeit“ verdorben worden.

Caroline sucht das Gespräch mit Goethe. Dieser ist zurückhaltend, ja kalt. Aber Caroline wagt es dennoch, die Missstände zu benennen – und zugleich Wege aufzuzeigen, wie diese verändert werden könnten. Sie möchte schon, dass die Leute lachen, wenn das Stück es erlaubt, also über die gelungene Darstellung, aber doch nicht über grimassierende oder gar betrunkene Schauspieler, die ihre Rolle mit „unglaublicher Rohheit und Gemeinheit“ spielen, so dass sich „der Ton im Allgemeinen ]nicht viel von] einer herumziehenden Truppe“ unterscheidet.

Goethes Reaktion ist nicht überliefert. Wohl muss er den Vorstoß der jungen Schauspielerin als Affront betrachtet haben; ein solches Auftreten war er nicht gewohnt. Aber immerhin – und dies mag man als Erfolg der Jagemann ansehen – erscheint einige Zeit später ein Theater-Gesetz für die Weimarsche Hof-Schauspieler Gesellschaft, in dem Geldstrafen angekündigt werden im Falle des Zuspätkommens, der eigenwilligen, dem Stück unangepassten Kostümierung, des Lärmens, Schreiens und Lachens während der Proben, des Schnäuzens und Auf-den-Boden-Spuckens sowie des Grimassenschneidens zu dem Zwecke, andere aus der Fassung zu bringen… Alle Mitglieder des Ensembles haben zu unterschreiben.

Goethe dürfte gespürt haben: Diesem kleinen Querkopf geht es um die Sache, nicht um die Befriedigung niedriger Eitelkeiten. Und er muss ihr recht geben. Schließlich hat er selbst jenen gefürchteten Schlendrian beklagt und gegen ihn anzukämpfen versucht. – In der Folgezeit ist vieles, gemäß des Weimarer Theatergesetzes, besser geworden – aber längst nicht alles. Das Personal, größtenteils grobschlächtige Leute mit plumpen Umgangsformen, widersetzt sich hartnäckig allen Bemühungen der Verbesserung sowohl der Sitten als auch des gewöhnlichen Tones. Die frisch erlassenen Theaterregeln werden oft missachtet; sobald Goethe außer Haus ist (und das ist oft der Fall), schert sich keiner drum. Von Caroline lässt sich ohnehin keiner etwas sagen. Sie ist auch recht bald isoliert; aufgrund ihres vergleichsweisen hohen Salärs gilt sie schnell als Favoritin des Direktors.

Dieser behandelt sie nach außen hin nicht anders als die anderen Schauspieler: herrisch, kalt, keinen Widerspruch duldend. Sie ist klug genug, sich bei den Proben seinen Anweisungen zu fügen, obwohl es sie des Öfteren drängt zu opponieren. Im Kleinen scheint sie schon widersetzlich gewesen zu sein; Zeitgenossen beschreiben sie nachsichtig-verständnisvoll als „mutwillig“. Aber sie möchte den Graben zwischen sich und den übrigen Mitgliedern des Ensembles nicht vergrößern. Sie ist nichtsdestoweniger die einzige, die es wagt, nach den Proben vor ihn zu treten und um Veränderungen zu bitten, die ihr unerlässlich erscheinen. Sie tut es nicht fordernd: Damit würde sie nichts erreichen. Tapfer vermeidet sie jeglichen Anschein eines persönlichen Interesses, sei es für sie oder an ihm, sie argumentiert ausschließlich für die Kunst. Da dieser Anspruch aber auch von Goethe eine Unterordnung im Interesse der Kunst verlangt, ist es kein Wunder, dass es hier zu erheblichen Spannungen kommen muss.

Fast ungewollt gerät Caroline jetzt in eine verzwickte Situation. Der Herzog Carl August hat unverhohlen eine heftige Neigung zu der kleinen Sängerin gefasst. Er wirbt öffentlich um sie. Verschiedene Berichte und Anekdoten bezeugen dieses Interesse. Er wagt es sogar, sich seiner Mutter zu widersetzen. Diese duldete die Liebschaften ihres Sohnes, solange diese ihr die im vertraulichen Liebesgeflüster verratenen Pläne und Gedanken Carl August hinterbrachten. Solche Spionagedienste sind jedoch bei der widerspenstigen Jagemann nicht zu erwarten; die Herzogin versucht deshalb ihrem Sohn diese Neigung auszureden – ohne Erfolg. Und während einer Landpartie auf Schloss Ettersburg, bei der alle Größen Weimars anwesend sind, wird Caroline Jagemann als die Herzensdame Weimars gekürt. Jetzt ist endgültig offiziell: Sie ist die Favoritin des Herzogs.

Carl August Gattin Luise fühlt sich keineswegs gedemütigt. Sie hat nicht nur nichts dagegen, dass sich die sexuelle „Kraft“ ihres Mannes anderswo austobt; sie befördert dieses Verhalten sogar durch eigenen Zuspruch. Sie ist der Jagemann durchaus wohl gesonnen.

Diese aber ist keineswegs bereit, sich sofort mit dem Herzog einzulassen. Sie bleibt reserviert; mehrfach weist sie ihn zurück. Das steigert seine Leidenschaft allerdings nur noch mehr, und es darf unterstellt werden, dass die anfängliche Begierde sich mehr und mehr in eine tiefe und echte Zuneigung wandelte. Er stellt allerlei Versuche an, die junge Künstlerin für sich zu gewinnen, er fördert sie, wo er nur kann, und er arrangiert sogar für sie einen längeren Gastspielaufenthalt in Berlin: Dort wird Caroline huldvoll von der Königin von Preußen empfangen, und – rein zufällig – taucht auch der Herzog Carl August auf. Ohne Zweifel sind solche Avancen für die Umworbene beeindruckend gewesen. Dass sie ihnen trotzdem lange widerstanden hat, liegt nicht nur daran, dass sie sich ihrer Zuneigung zu dem Verehrer nicht sicher war. Es gibt noch einen weiteren kulturhistorisch interessanten Grund.

Unter dem Einfluss der Französischen Revolution sowie dem wachsenden Selbstbewusstsein des Bürgerstandes hat sich mehr und mehr eine Wandlung in der Beurteilung der familiären Lebensführung durchgesetzt, und zwar eine Wandlung im Hinblick auf die Moralität. Nicht zufällig ist dies die Zeit, in der sich die ersten sogenannten „bürgerlichen Trauerspiele“ durchsetzen – hier sind Lessings Emilia Galotti und vor allem Schillers Kabale und Liebe zu nennen –, in denen die Moralität des Bürgertums über die amoralische Freizügigkeit des Adels, die Integrität über die Libertinage, gestellt wird. Es darf behauptet werden, dass Caroline sich einfach zu schade fühlt, eine Mätresse zu werden; und – obwohl sie den Herzog schon als Kind bewundert und verehrt hat und dessen Ernsthaftigkeit der Bemühungen jetzt durchaus anerkennt – behält sie ihre Ablehnung zunächst auch bei, als der Herzog eine Verbindung vorschlägt, die ihr die Rolle einer Pseudo-Ehefrau eingebracht hätte, nämlich die sogenannte „morganatische Ehe“ (auch „Ehe zur linken Hand“ genannt). Aber einen schriftlichen Antrag des Herzogs – er macht seine angegriffene Gesundheit geltend, die nur sie zu heilen imstande sei – lehnt Caroline ab: „Ich stellte dem Herzog vor, daß ich nicht würde ertragen können vor den Augen der Welt so tief herabgesuncken zu stehen, daß ich mich selbst verachten würde […]; daß ich [zwar] für ihn zu sterben wünschte, aber mich nie dazu verstehen würde meinen Ruf und meine Ehre preis zu geben.“ Während einer Gastspielreise in Rudolstadt (im August 1799) erkrankt sie schwer; der Herzog stellt ihr Schloss Ettersburg zur Verfügung, um sich zu pflegen und zu erholen. Sie nimmt dieses Angebot an, weist seinen Antrag aber erneut zurück, ebenso drei weitere. Nach zwei Jahren heftigen Werbens kommt es dann zum Bruch; Caroline kündigt das Engagement in Weimar. Ihr an Verehrung grenzendes Ansehen beim Theaterpublikum ist aber inzwischen derart gewachsen, dass sie sofort Angebote anderer Bühnen bekommt, sie feiert triumphale Erfolge, unter anderem in Wien und Berlin, dort bewundert man sie als „des höhern Deutschlandes beliebteste Schauspielerin“. Wenig später wird sie – zu erheblich verbesserten Konditionen – erneut in Weimar angestellt. Und jetzt, im Dezember 1801, willigt sie endlich in eine Verbindung mit Carl August ein.

Goethe gegenüber bleibt sie in der Durchsetzung ihrer Vorstellungen von Theater kompromisslos – und dies kann auf Dauer nicht gut gehen. Es hat sich zwar, wie schon angemerkt, einiges gebessert, und der ursprüngliche Schlendrian kann weitgehend als ausgerottet gelten, aber ein neues Grundproblem hat das alte abgelöst. Goethe besteht penibel darauf, was als „Weimarer Stil“ nicht nur Bewunderung, sondern auch Kritik und Spott hervorruft: auf der genauen Einhaltung eines durchgeformten Stils bis hinein – wie oben vermerkt –in die Fingerhaltung und die Silbenbetonung. Die Folge ist oft ein Abgleiten in die Pose und in falsche Feierlichkeit. Es fehlt meist, gerade wenn das jeweilige schauspielerische Talent nicht ausreicht, an Lebendigkeit und Feuer; stattdessen herrschen Monotonie und Deklamation vor. Hat es zuvor zu viel Improvisation gegeben, so fehlt diese jetzt völlig. Caroline dagegen verabscheut das Festhalten an einem – in ihren Augen – falschen Pathos, sie setzt sich für Natürlichkeit und Lebhaftigkeit ein, ohne zum Stegreiftheater zurückkehren zu wollen.

Offen ausgetragen werden diese Konflikte nicht. Aber sie führen zu einem ständigen Machtkampf. Als Caroline nach ihrer schweren Erkrankung 1799 nach Weimar zurückkehrt, hat durch Anweisung Goethes eine andere – und willfährige – Schauspielerin die Rollen Carolines übernommen: Friederike Vohs. Bei Doppelbesetzungen schlägt sich das Publikum jedoch auf die Seite Carolines, und auch Schiller ergreift für sie Partei.

In diesem ständigen Kleinkrieg mit den zahlreichen Versuchen der Zurückset#zung hat Caroline aber nicht nur zeitweise Schiller als Fürsprecher auf ihrer Seite, sondern insbesondere den Herzog, und da sie bald erkennt, dass sie ihre eigenen Vorstellungen gegen Goethe nicht anders durchsetzen kann, nimmt sie diese Unterstützung dankbar an. Die treue und aufrichtige Zuneigung, die er ihr zukommen lässt, dürfte der Hauptgrund gewesen sein, seinem Liebeswerben nachzugeben.

Es mehren sich Goethes Demissionsabsichten, die der Herzog ihm immer wieder auszureden weiß. Sicherlich haben der 1798 vollendete Neubau des Hoftheaters und die gelungenen Uraufführungen des Wallenstein seine Freude am Theater wiederbelebt, und hier spielt die „neue Zierde“ Jagemann eine wesentliche Rolle. Auch der persönliche Umgang bleibt zunächst freundschaftlich; in den Aufzeichnungen Goethes und der Zeitgenossen ist von vielen Zusammenkünften die Rede, erst recht nachdem Caroline an ihrem 32. Geburtstag, am 25. Januar 1809, als Frau von Heygendorff in den erblichen Adelsstand erhoben wird. Bei der Geburt ihres ersten Kindes kümmert sich Goethe in Abwesenheit des Herzogs um Caroline; der am 25. Dezember 1806 geborene Sohn erhält den Namen Carl Wolfgang. Goethe wird auch Taufpate.

Dennoch führt die immer deutlicher zur Schau gestellte Selbstsicherheit Carolines und ihr wachsender Einfluss auf das Theatergeschehen für häufigen und nachhaltigen Ärger. Erneut trägt sich Goethe mit Rücktrittsgedanken; in den Augen vieler Zeitgenossen ist die Jagemann eine Intrigantin. Erneut äußert er Demissionsabsichten, die der Herzog jedes Mal zu zerstreuen weiß. Und auch Christiane, seit 1806 Frau von Goethe, hilft, im Verein mit der Herzogin Luise, schwelende Unstimmigkeiten zwischen dem Herzog und Goethe zu lösen, indem Oper und Schauspiel künftig getrennt werden, außerdem sollen Carolines Rollen fortan doppelt besetzt werden. Das funktioniert in der Folgezeit auch recht gut, und Goethe scheint sich damit abgefunden zu haben, dass die Schauspielerin mehr und mehr auch die Administration des Hauses übernimmt, zusammen mit dem Bassisten Strohmeyer (woraus die spottsüchtigen Weimarer das Konsortium „Jagemeyer und Strohmann“ machen). Nach wie vor stellt er sich gerne im Deutschritterhaus ein, um mit der Gastgeberin und deren Gästen zu plaudern.

Schließlich aber kommt es dann doch –1817– zur endgültigen Niederlegung des Amtes. Die leidige Geschichte, die den Anlass dazu gibt, ist die des „Hundes des Aubry“. Ein ursprünglich französisches Melodrama dieses Titels ist bereits in Berlin erfolgreich aufgeführt worden. Ein Verbrechen wird dort in einer Art Gottesurteil mit Hilfe eines dressierten Hundes aufgeklärt. Caroline beschließt, dieses Stück zu Ehren ihres Mannes, der ja ein großer Hundefreund ist, in Weimar zu geben; es soll ein dressierter Pudel auftreten.

Goethe, der bekannte Hundehasser, ist empört. Seine Theaterregeln hatte er noch 1812 durch die Erneuerten Anordnungen für das Weimarische Theater ergänzt, in deren Paragraph 14 es heißt: „Kein Hund darf mit auf das Theater gebracht werden.“ Obwohl ja auch in seinem Faust ein Pudel vorkommt (in dem jedoch, im wahrsten Sinne des Wortes, der Teufel steckt), hat er sich stets dagegen verwahrt, ein leibhaftiges Tier auf die Bühne zu bringen. Aber da Caroline, wie so oft, mit dem Herzog im Rücken ihren Kopf durchsetzt und den Hund tatsächlich auftreten lässt (der seine Aufgabe im Übrigen anstandslos erledigte), warf Goethe dem Herzog die Theaterleitung hin. Der Vorgang wird in Weimar mit einem umgewandelten Schiller-Vers ins Lächerliche gezogen: „Dem Hundestall soll nie die Bühne gleichen / und kommt der Pudel, muss der Dichter weichen.“ Auch der Herzog vermag ihn jetzt nicht mehr umzustimmen.

Es spricht vieles dafür, dass Goethe nur einen Anlass gesucht hat, die ungeliebte Aufgabe, die er schon mehrfach hatte kündigen wollen, endlich loszuwerden. Johannes Falk hat in seinen nachgelassenen Erinnerungen Goethes Position als Theaterdirektor eindrucksvoll beschrieben. Diese Darstellung berechtigt auch dazu, Carolines Rolle differenzierter zu betrachten, als dies in der Goethephilologie größtenteils getan wird:

„Seine [Goethes] Hand lag schwer auf den Theaterleuten, das Publikum schalt er aus, verfolgte Altersgesinnte und verfemte die Journale wegen Lappalien; aber alle diese Leute machten ihm auch das Leben durch ihre Capricen, Ansprüche, Geschmacklosigkeiten und Torheiten sauer, und vor allem der Herzog, der […] den regelmäßigen Gang der Geschäfte störte und das Ansehen der Direktion untergrub. Deshalb nannte er das Theater ein miserables Geschäft und einen Bettel, den Direktor einen Sisyphus und Packesel […]. Nur ehrenhalber wich er nicht vom Posten; wurde aber die Plackerei zu arg, vergrub er sich in einen seiner anderen Berufe und ließ den Dingen eine Weile ihren Lauf.“

Falk hält Goethe zugute, idealistische Vorstellungen von einem funktionierenden klassischen Theater zu haben – und durch die Praxis immer wieder enttäuscht worden zu sein.

Dass Caroline von Heygendorff in der Folgezeit das Theater in ihrem Sinne souverän weiterführt, hat diesem jedenfalls nicht geschadet – und Goethe kann sich, weniger belastet, seinen vielfältigen anderen Aufgaben zuwenden. Es kann keine Rede davon sein, dass Caroline – wie es in der Literatur oft heißt – die „verhasste“ Gegenspielerin gewesen sei; das Verhältnis bleibt familiär. Es gibt in der Folgezeit genügend Anlässe, wieder miteinander Frieden zu schließen. Goethe zeigt sich jedenfalls großmütig und würdigt auch weiterhin ihre schauspielerischen Leistungen. „Eine edle Simplizität bezeichnete ihr Spiel und ihre Sprache, und beides wusste sie, wo es nötig war, auch zu tragischer Würde zu erheben.“ Als eine schöne Geste mag gelten, dass 1822, anlässlich einer Feier zu Goethes Genesung nach langer Krankheit, eine Aufführung seines Torquato Tasso gegeben wird: Caroline schmückt Goethes Büste mit einem Lorbeerkranz, den sie ihm anschließend im Kostüm der Prinzessin von Este zu Hause überreicht. Und wenn wir erfahren, dass Goethe seinen 75. Geburtstag bei Caroline feierte, dürfen wir annehmen, dass dies mehr als eine bloß gesellschaftliche Verpflichtung war.

„Ein ganz neues Leben“ habe unsere – die Weimarer – Bühne durch Caroline Jagemann erhalten, hatte Goethe am 29.1.1797 (also ein Vierteljahrhundert zuvor) an Schiller geschrieben, und wir können konstatieren, dass diese bemerkenswerte Schauspielerin nicht nur die Weimarer Bühne, sondern auch die Weimarer politischen und geistigen Größen ordentlich belebt hat.

Adele Schopenhauer als Künstlerin und Kunstkritikerin

Das Gefühl der Schönheit ist ein zartes Glück und in der Kunst bleibt es ungetrübt – Adele Schopenhauer

Vortrag von Francesca Müller-Fabbri, Weimar, am 4. Februar 2020

Adele Schopenhauer wird 1797 in Hamburg geboren und stirbt 1849 in Bonn, aber sie ist vor allem mit Weimar und im Besonderen mit Johann Wolfgang von Goethe verbunden. Im Herbst 1806 kommt sie mit ihrer verwitweten und vermögenden Mutter in die Stadt. Johanna Schopenhauer gelingt es hier, in den Kriegswirren der Schlacht von Jena und Auerstedt, ein neues geselliges Zentrum zu etablieren und fortan „die ersten Köpfe in Weimar und … Deutschland“ um ihren „Theetisch“ zu versammeln. Adeles ästhetisch-intellektuelle Bildung vollzieht sich gewissermaßen im Salon der Mutter, der zugleich von klassizistischen und romantischen Idealen geprägt ist. Sie lernt Italienisch, Französisch, Englisch, musiziert, deklamiert und malt. Im Salon verkehrten viele Intellektuelle, Bürgerliche, Adlige, Maler, Schriftsteller und andere Künstler. Goethe kam zweimal in der Woche. Vor allem Themen der klassischen Antike standen im Vordergrund. Adele war durchaus keine schöne, graziöse Erscheinung, was zu damaliger Zeit als ein großer Mangel empfunden wurde. Aus diesem Grunde wurde ihr Porträt gelegentlich in milderndem Sinne retuschiert, wie Vergleiche zeigen. In Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ wird sie ebenfalls karikiert. Dagegen zeigt der entsprechende DEFA-Film unter Regie von Egon Günther eine selbstbewusste Frau, die auch ihre erotische Freiheit lebt, was allerdings nicht Gegenstand des Romans ist.

Eine Freundin Adels war Ottilie von Pogwisch, die spätere Schwiegertochter Goethes, Adele bezeichnete sie als „ihre Schwester“. „Der Vater“ – Goethe – lobte ihre schönen Scherenschnitte. Künstlerisch bildete sich Adele autodidaktisch aus. Ein Scherenschnittthema ist „Die Einsiedelei des Kandu“, die aus ihren Studien in der Indischen Bibliothek des August Wilhelm Schlegel entstand. Es sind stets Traumbilder. Immer beschäftigt sie sich mit literarischen Themen, verändert aber Literatur in ihren Bildern. Dies trifft auch auf das „Hochzeitslied“ von Goethe, ein Gelegenheitsgedicht, zu. Goethe hat an der Produktion der Scherenschnitte auch unmittelbar teilgenommen. Er schrieb auch ein Gedicht für Adele. Er hat Adele sehr gemocht, sie war sein Liebling. So entstand auch das Gelegenheitsgedicht „Zarte Schattengebilde, fliegt zu eurer Künstlerin …“.

Aufgrund finanzieller, familiärer und gesellschaftlicher Probleme entschließt sich Adele Schopenhauer nach zwei Jahrzehnten, Weimar zu verlassen, um ab 1829 sommers in Unkel am Rein und winters in Bonn zu wohnen. Die enge Beziehung zum „gütigen Vater“ Goethe lebt in Briefen fort, die von emotionaler Nähe zeugen und vielerlei Themen berühren. Adele schreibt über ihre Ausbildung im Zeichnen, teilt Lektüreeindrücke, gibt Nachrichten vom Bonner Universitätsleben und aus naturwissenschaftlichen Kreisen. Überdies vermittelt sie Mineralien, Altertümer, Bücher und Radierungen, die Eingang in seine Sammlungen finden. Im Gegenzug darf sie um Autographen und Medaillen bitten. Goethe antwortet stets interessiert und ermunternd, wünscht weitere Briefe und hofft: „Möge es unter uns noch lange beim Alten bleiben“.

In Unkel lässt Adele ein Bild ihres Häuschens anfertigen, damit sich der „liebe beste Vater” in Weimar den neuen Wohnort vor Augen führen kann. Bis an sein Lebensende bleiben sie miteinander vertraut.

Erste literarische Versuche sind „Die Tagebücher“ und das Märchen „Farben und Töne“.

Ab 1815 brechen wieder schwere Zeiten an. Die Aristokratie herrscht erneut in Weimar, die Offenheit, wie sie zwischen 1806 und 1815 herrschte, ist vorbei. Die beiden Schopenhauer-Frauen dürfen nicht mehr am höfischen Leben teilnehmen.

1819 macht das Bankhaus bankrott, in dem Johanna Geld angelegt hatte. Beide Frauen sind plötzlich arm, Arthur allerdings nicht. Er hat sein Geld in verschiedenen Unternehmungen angelegt. Adele befällt eine starke Depression. Sie schreibt unter dem Pseudonym Leo, zum Beispiel „Tagebuch einer Einsamen“ und ebenso das Märchen „Farben und Töne“. 1826 zieht sie nach Unkel am Rhein. Dort ist es klimatisch günstiger als in Weimar. Statt in einem Palast wohnt sie jetzt auf einem Bauernhof, den ihr ihre Freundin Sibylle Merten-Schaaffhausen verschafft hatte. Sie schreibt nun als Autorin unter den Pseudonymen Viator, Alma, Adrian van der Venne. So entsteht zum Beispiel „Der Nachtfalter und das Sonntagskind“. Es ist ein Märchen und spielt in Beethovens Geburtshaus. Unter Pseudonaym zu schreiben, gewährte den Autorinnen nicht nur Schutz (ohnehin galt es als verpönt, wenn sich Frauen literarisch betätigten), sondern auch eine enorme Freiheit. Ihr Liebesgedicht „Inneres Bangen“ wurde in einer Zeitschrift publiziert. Sie verlobte sich mit Gottfried Osen, doch der war arm, daher gab es auch keine Hochzeit. Er wollte nicht Arzt sein, entschloss sich dagegen, Künstler zu werden.

Jetzt pflegte Adele das Genre der Arabeske. Dies bot eine schöne Gelegenheit, denn Frauen durften keine Akademien besuchen, das sie ja dort auch Männerakte hätten zeichnen müssen, was undenkbar war. Auch Porträts und Historienmalerei blieb ihnen versagt. Aber Abaresken, Grotesken, die Darstellung von Blumen und Insekten und anderem Getier blieb ihnen erlaubt.

Johanna verfolgte eine tolle Idee. Sie bat Großherzog Carl August um eine „Hofrente“; ihr Salon hätte Weimar ja berühmt bemacht, so ihre Begründung. Dem wird 1837 zugestimmt. Allerdings muss das Geld im Herzogtum ausgegeben werden

Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Adele ihre Freiheit aus. Sie unternimmt Reisen und pflegt eine intensive Korrespondenz mit Goethes beiden Enkeln. Für Opern von Wolfgang von Goethe arbeitet sie als Librettistin und für Wolfgang Maximilians Drama „Die Ilmnixe“ als Dramaturgin, dies wird jedoch nicht erwähnt. Es ist bereits eine emanzipatorische Geschichte, bereits im Sinne des Vormärz geschrieben. Auch betätigt sich Adele als Kunst- und Literturkritikerin für verschiedene deutsche und englische Zeitschriften. Erzählungen und Gecihte erscheinen im Jenaer „Frauen-Spiegel“; einer Zeitschrift, die ausschließlich Frauenthemen behandelte und auch von Frauen mit Texten versorgt wurde. Sie illustrierte Notenblätter mit Arabesken, aber auch Alben, die zu damaliger Zeit sehr in Mode kamen. Sie übte sich gleichfalls im Kupferstich. Ihre Grotesken, „les fleus animees“, sind bereits visionäre Elemente, sie waren um 1840 schon sehr modern.

Es bahnte sich eine Freundschaft mit der Dichterin Annette Droste von Hülshoff an. Die drei Frauen, Droste, Schopenhauer und Merten-Schaaffhausen verlebten eine Zeit am Rhein.

1842 wird ihre Freundin Sibylle Witwe. Nach dem obligatorischen Trauerjahr zieht es sie sofort nach Italien, und sie nimmt Adele mit. Hierzu braucht Adele Geld, sie verkauft Texte, die erstmals unter ihrem Namen bei Brockhaus verlegt werden. Dies sind die Haus-, Wald- und Feldmärchen. Es erscheint der emanzipatorische Roman „Anna“. In Italien verfasst sie auch einen Reiseführer „Florenz“, speziell für Frauen. Auch ein dänischer Reiseführer erscheint, da sie mit einer Gruppe Dänen in Rom bekannt geworden ist. Sie korrespondiert für verschiedene eruopäische Literaturzeitschriften und Kunstjournale, besucht die Bibliohek des Vatikan und beschäftigt sich mit Dante.

Sie erkrankt lebensgefährlich in Florenz, kehrt nach Deutschland zurück, möchte wieder nach Italien, doch sie stirbt.

Symbolisch gedeutet für die Beziehung zwischen Goethe und Adele Schopenhauer wurde auch der 28. August 1849, der 100. Geburtstag des „theuren Vaters“, an dem Adele Schopenhauer auf dem Alten Bonner Friedhof beigesetzt wurde. Ottilie von Goethe kann gegenüber der gemeinsamen Freundin Sibylle Mertens-Schaaffhausen nur bemerken:

„Während man in Deutschland jubelt, schreibe ich dir mit einem Herzen zerissen von Weh.“

Sibylle nimmt das schicksalshafte Datum zum Anlass, um eine besondere Gedenkmedaille an Freundinnen und Freunde zu verschenken. Sie ließ die im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main angefertigte Münze „Zu Göthe‘s hundertjähriger Geburtsfeier am 28 August 1849“ mit der zusätzlichen Gravur „wurde in Bonn begraben Adele Schopenhauer“ versehen und verteilen.

Francesca Müller-Fabbri und Claudia Häffner kuratierten 2019 im Auftrag der Klassik-Stiftung Weimar die Ausstellung „Weil ich so individuell bin“ im Goethe- und Schiller-Archiv.

Sigmund Freud – Leiden an der Kultur

Vortrag von Richard Dollinger, Gera, am 8. Januar 2020

Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.“ Mit diesen Worten übergibt der vierte Rufer im Mai 1933 in Deutschland und im November 1938 in Österreich die Schriften des Juden Freud den Flammen.

Sigismund Schlomo Freud wird als Sohn chassidischer Juden am 6. Mai 1856 in der österreichisch-ungarischen Monarchie, in Mähren, geboren, er verstirbt am 23. September 1939 in London. Am 4. Juni 1938, im Alter von 82 Jahren, muss er seine Wohnung und Praxis in Wien, in der er seit 47 Jahren wohnte und arbeitete, verlassen. Von 16 Juden, die in der Berggasse 19 in Wien wohnten, überlebten nur drei die Konzentrationslager. Kurz vor seiner Ausreise wird Freud von der Gestapo genötigt eine Erklärung zu unterschreiben, dass er nicht misshandelt worden sei. Freud unterzeichnete und fügte hinzu: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.“

Während andere dicke Bücher über das Leben des jüdischen Wissenschaftlers im antisemitischen Wien schreiben, notiert er selbst,: „Mein Leben ist äußerlich ruhig und inhaltslos verlaufen und mit wenigen Daten zu erledigen.“ So schmal wie seine biographische Notiz, so schmal sind die Ehrungen die ihm zu Lebzeiten zuteil werden, es sind gerade eben einmal deren zwei. 1935 wird er Ehrenmitglied der Britischen Gesellschaft für Medizin. 1930 steht er, auf Betreiben und mit Einflußnahme von Thomas Mann und Alfred Döblin, auf der Nomininierungsliste für den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Mit 4:3, einem denkbar knappen Ergebnis und begleitet von heftigen antisemitischen Angriffen, wird ihm der Preis zu teil. Seit 1964 vergibt die Deutsche Akademie für Sprache einen Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Es ist ein Hinweis, dass Freud gut lesbar ist und Alfred Döblin, Neurologe wie Freud, schreibt über seinen Kollegen und Freund: „Man beachte den einfachen, klaren Stil; er sagt ungekünstelt und phrasenlos, was er meint; so spricht einer, der etwas weiß.“

Eine Ehrenmitgliedschaft, ein Goethepreis der Stadt Frankfurt/Main, seit 1964 ein nach ihm benannter Preis und erst 1984 wird man in Wien einen hausnummernlosen Park nach ihm benennen. Freud war zu Lebzeiten eine persona non grata, er ist es für nicht wenige heute immer noch. Zugleich aber ist er in aller Munde. Noch jeder kennt die Freud’sche Fehlleistung, den Freud’schen Versprecher – es kommt alles zum Vorschwein und vermutlich hat sich jeder schon einmal in Küchenpsychologie versucht. In der Literatur, mehr noch im Film wird heute unendlich psychologisiert und dass nicht wenige Krankheiten eine psychologische Ursache haben ist heute, nachdem das lange tabuisiert und stigmatisiert war, so unzweifelhaft wie die Tatsache, dass die Erkrankungen der Psyche eine enorme Steigerungsrate haben und zwischenzeitlich den dritten Rang unter den Krankschreibungen einnehmen. Im Amtsdeutsch heißt das nicht Krankschreibung, sondern Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die amtliche Definition von krank ist arbeitsunfähig, wobei nicht zu übersehen ist, dass die rastlose Arbeit im Hamsterrad, gelegentlich mit den Folgen eines burnouts nicht eben gesund ist.

Freud ist kein Frühstarter, seine Theorie ist kein intuitiver Geniestreich, nicht das Heureka des Archimedes, es ist das Ergebnis langer praktischer ärztlich-medizinischer und wissenschaftlicher Arbeit. Erst nach einer langen Inkubations- und Latenzzeit, 14 Jahre nach Eröffnung seiner Praxis, erst im Jahre 1900, Freud ist 44, erscheint „Die Traumdeutung“, die Gründungskurkunde der Psychoanalyse. Freud nennt diese Schrift seine via regia zur Kenntnis über das Unbewusste des Seelenlebens. 1901 in der „Psychopathologie des Alltags“ und 1905 mit „Der Witz“ zeigt er die Freisetzung von unbewussten Triebkräften, wie Unbewusstes im Alltäglichen als wirkmächtige Kraft aufscheint. Als er schließlich 1905 in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie verkündet, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist, und dem Unbewussten, den Trieben, und hier wiederum insbesondere der Sexualität eine hohe Bedeutung zukommen lässt und dann noch feststellt, dass Kinder Sexualität haben … Freuds wissenschaftlichen Tätigkeit ist gepflastert mit Skandalen.

Das Buch mit dem Titel „Das Unbehagen in der Kultur“, von dem heute die Rede sein soll, ist ein schmales Werk von eben mal 70 Seiten über das Thomas Mann, ein Kenner und emsiger Verwerter von Freud, Thomas Mann nannte das höheres Abschreiben, Thomas Mann urteilt in einem Brief an Freud mit höchst anerkennenden Worten: „Nur aufs Dürftigste kann ich Ihnen, im Trubel einer, Dank den Herdeninstinkten der Welt katastrophal angeschwollenen Korrespondenz (das ist 1930 geschrieben, da gab es keine email, kein face-book, kein whattsapp und kein twitter) für das außerordentliche Geschenk ihres Buches danken. Dieses Werk, dessen innerer Umfang seinen äußeren so mächtig übertrifft. (70 Seiten) Ich habe es in einem Zuge gelesen, ergriffen von einem Wahrheitsmut, in dem ich, je älter ich werde, mehr und mehr die Quelle aller Genialität erblicke.“ (Thomas Mann, Briefe, 1924-1932, S. 441)

1930 geschrieben, eine Spätschrift, auch eine Zusammenfassung dessen, was die Psychoanalyse bis dahin geleistet hat, ergänzt um die Einsicht, dass der Mensch neben dem Bedürfnis nach Lust auch eine starke Neigung zur Aggression hat. Das Buch ist zu lesen auf dem Hintergrund der geistesgeschichtlichen Entwicklung, und da muss, und den kannten sie um 1900 alle, mit Nietzsche begonnen werden: Nietzsche: „Die Verdüsterung der pessimistischen Färbung kommt notwendig im Gefolge der Aufklärung.“ Verdüsterung im Gefolge der Aufklärung, das dürfte für alle, die in der Aufklärung den Fortschritt und das helle Licht der menschlichen Zukunft sehen, ein starkes Stück sein. Freud ist Naturwissenschaftler und Positivist, Aufklärer, und ausgerechnet er bringt uns manches, mehr als manchem lieb ist, an Pessimismus über unsere Gattung bei.

Schon bei den Romantikern spürbar, wird jetzt, um 1900, nach den Hochrufen auf die Aufklärung, wieder erkannt, dass im Menschen nicht nur das Licht der Aufklärung, sondern auch seine Natur, das triebhaft Animalische steckt. Das animalische! Das ist aktuell, denn das Animalische hat bei uns seine Ordnung, während die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, wird, im aufgeklärten 21. Jahrhundert, der Mensch dem Menschen ein Wolf. Alle 20 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger, und wir lassen Hilfe- und Schutzsuchende zu Hunderten im Mittelmeer ersaufen. Weltweit werden Kriege geführt, und um all das zu ertragen, verlangt man vom Menschen nicht Kenntnis, Wissen und Vernunft, sondern fördert Dummheit: 20 Prozent der Schüler, so die jüngste Pisa-Untersuchung können nicht richtig lesen.

Aufklärung, das ist der vernunftbegabte Mensch. Apriori, von Haus aus, quasi genetisch ist er mit Vernunft und humaner Ethik ausgestattet und jetzt erklärt Freud, daß dieser vernunftbegabte Mensch nicht Herr im eigenen Hause ist. Freud im Unbehagen in der Kultur: „Normalerweise ist uns nichts gesicherter als unser Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbstständig, einheitlich. Daß dieser Anschein ein Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenzen in ein unbewußt Seelisches fortsetzt, das, was wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns die psychoanalytische Forschung gelehrt.“ Das wusste auch schon Goethe, der in einem Brief an Eckermann schreibt: „Der Mensch ist ein dunkles Wesen. Er weiß nicht, woher er kommt, noch wohin er geht, er weiß wenig von der Welt, am wenigsten von sich selbst.“ Bei Büchner im Wozzeck liest man: „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hineinschaut.“

Kant postuliert: „Die Welt ist vernünftig und schön“, und Leibniz sekundiert zuvor: „Wir leben in der besten aller Welten.“ Die Hoffnung der Aufklärung, Taschenlampe heraus, hingucken, dann wissen wir, wie alles richtig läuft, und wenn man das richtige Bewusstsein hat, dann obsiegt die Vernunft. Freud hält diese Hoffnung für eine Illusion. Sein pessimistischer Blick: Die Rückfallquote in die Dummheit ist ziemlich hoch, und die Einsicht in die Vernunft könne soviel nicht bewirken, nicht einmal Einsicht führt zur Besserung.

Freud, selbst Aufklärer und Positivist, bricht mit seinem Positivismus, weil ihn seine Erkenntnisse dazu nötigen. Er gerät in Widerspruch zu der These, zu der fast problem- und konfliktlosen Anthropologie der Aufklärung, daß der Mensch ein ausschließlich vernünftiges Wesen sei und er seine Vernunft nur einsetzen müsse.

Die zentralen Sätze aus der Schrift vom Unbehagen in der Kultur: „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. … Man möchte sagen, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. … Es ist ein stetiger Konflikt zwischen dem Lust- und dem Realitätsprinzip.“

130 Jahre früher schreibt Goethe in einer Logenrede: Wenn der Mensch über sein Körperliches und Sittliches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. Wir leiden alle am Leben. An Christian Gottlob Voigt schreibt Goethe: Von der Vernunfthöhe herunter sieht das ganze Leben wie eine böse Krankheit aus und die Welt gleicht einem Tollhaus.“ Freud: „Das Leben ist Schmerz, Enttäuschung.“ Goethe: „Wir leiden alle am Leben.“ Mit Recht schreibt Freud in seiner Ansprache anlässlich der Preisverleihung, die, weil er selbst zu gebrechlich ist, von seiner Tochter Anna verlesen wird: „Ich denke, Goethe hätte nicht, wie so viele unserer Zeitgenossen, die Psychoanalyse unfreundlichen Sinnes abgelehnt.“

Freuds Credo: Das Leben ist leiddurchsäuert, es ist dulden und leiden. Die Leitfiguren von Freud sind Moses, er leidet unter seinem Volk und bekommt das gelobte Land nicht zu sehen. Ödipus, der Getäuschte, der unverschuldet Schuld auf sich lädt. Odysseus, Homer nennt ihn nicht zufällig den Dulder und schließlich Hiob, den uns Joseph Roth in seinem gleichnamigen Roman als den Erdulder schlechthin vorstellt.

Mit Freud ist es sinnvoll, sich nicht für einen klinisch-medizinisch engen, sondern für einen weiten Begriff von Leiden zu entscheiden und unter diesem größeren Dach, da individuell unterschiedlich empfunden, ganz absichtsvoll wahllos durcheinander, ohne Hierarchie einige Symptome des Leidens zu nennen: Ärger, Angst, Sorgen und Phobien aller Art. In Leidenschaft steckt das Leid bereits im Wort, und dass in unserem Lande täglich ein Mann versucht, eine Frau zu erschlagen und es jeden dritten Tag auch gelingt, zeigt, dass wir es hier mit besonderen Quälgeistern zu tun haben. Goethe in der Gedichte-Nachlese: „Die Eifersucht quält manches Haus“. Für Goethe ist die Sehnsucht, aus der man dann auch schöne Gedichte machen kann, eine weitere Quelle des Leids, im Wilhelm Meister heißt es: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“. Und selbst die Freiheit kann für Goethe Quelle des Leides sein, wenn er in den Zahmen Xenien schreibt: „Ich habe die Tage der Freiheit gekannt, ich habe sie Tage der Leiden genannt.“

Zum Leid gehört die Angst vor der Diagnose beim Arzt. Vorbeugekranke, solche, die vor Angst krank zu werden, krank werden. Das hat, hier wird es offensichtlich, immer auch mit Erwartungen zu tun. Wenn ich als Raucher zum Lungenarzt gehe, habe ich keinerlei Erwartung, die meisten aber, die zum Arzt gehen, wollen eine gute Diagnose und beste Heilungsaussichten. Für schlimmste Nöte, Angst und Qualen und häufig damit alleine gelassen sorgt das Warten auf den histologischen Befund. Am Rande angemerkt ein bemerkenswertes Paradoxon: Ist der Befund positiv, ist es für den Patienten negativ.

Ganz zweifellos: Angst und Schuldgefühle sind ein wichtiges kulturelles Steuerungssystem. Die drei Weltreligionen setzen die Schuld an den Beginn ihrer Erzählung, und auch die Aufklärung beginnt mit der Schuld, mit Kants Satz von der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Man darf nicht übersehen: Angst- und schuldfrei leben würde heißen: Man erzieht Verbrecher. Angstfrei leben heißt: Mach mal – du musst keine Angst vor der Strafe haben. Kultur, das Zusammenleben der Menschen braucht die Angst, die Angst vor der Strafe der Gesellschaft. Die Geschichte der Menschheit zeigt deutlich: Wo das Morden gesellschaftlich erlaubt ist, wird es trotz des biblischen Verbotes, trotz religiöser und weltlicher Ethik, trotz aller Aufklärung getan. Erst nach der Zerschlagung des Faschismus wurden die Massenmörder von Ausschwitz zu Verbrechern. Bis dahin waren es, ihrer gesellschaftlichen Pflicht bewusste, pflichtbewusste, anerkannte und geachtete Mitglieder der Gesellschaft.

Leid, als Form der conditio humana, manifestiert sich in zahllosen Formen von Symptomen und Leiden, und das ist wichtig, weil es in unserer eurozentristischen Sicht oft übersehen wird, es variiert nach Geschichtsepochen und Kulturen. Leid variiert auch temporal. Zeitweises Leiden, getragen von der Hoffnung es möge vergehen, chronische Leiden, dauerhaft und wiederkehrende Leiden und nicht wenige kennen den Zwang zur Wiederholung, sind Wiederholungstäter.

Leid wird sichtbar in der Trauer, aber auch im Zweifel. Bei Brecht ist vom Lob des Zweifels die Rede, bei Descartes läßt sich nachlesen, wer zuviel zweifelt, verzweifelt. Wir kennen die Qual der Wahl, bei Buridans Esel endet sie tödlich. Gewissensnot, Langeweile, der unerfüllte Wunsch, nicht nur bei schreienden Kindern am Quengelregal im Supermarkt zu beobachten, der Neid, Störungen und Qualen aller Art und nicht zu unterschätzen, der Ekel, wenn es gruselig wird. Existenzangst und Unsicherheiten generell, sonst gäbe es nicht soviel Versicherungswirtschaft, Versicherungen sind Leidvorsorge.

Hört man bei Freud genau hin, dann ist die menschliche Existenz in anthropologischer Perspektive von Grund auf gekennzeichnet durch den Mangel oder mit Goethe: Ach, es versucht uns nichts so mächtig als der Mangel;

Was ist Mangel – es reicht vom Mangel Obdach und Nahrung bis zum Mangel an Zuneigung. Es ist eine breite Skala von Mangel und defizitären Zuständen. Ausdruck des Mangels ist das Bedürfnis. Der Mensch ist bedürftig von der Wiege bis zur Bahre. Welt- und menschheitsgeschichtlich steigert sich das Bedürfnis nach Erlösung vom Leiden – Erlösungsreligionen treten ins Licht, am Kreuz nimmt Jesus das Leiden der Menschen auf sich. Das Leid ist eine Variable der fragilen, zerbrechlichen, gefährdeten menschlichen Existenz aber auch eine Variable der Erwartungen an das Leben. Hochgeschraubte Erwartungen haben eine eminente Fallhöhe. Goethe im Faust: „Beschwichtige meine Gedanken, erleuchte mein bedürftig Herz.“

Die Psychoanalyse hat sich zunächst als Mittel zur Minderung und Aufhebung von Leid, als medizinisch-klinische Heilungsmethode für das Individuum entwickelt, und ihr erster wertvoller Beitrag war die Erkenntnis, dass neben dem Bewussten ein Unbewusstes, neben dem Ich ein Es existiert. Ein Es, von dem wir nichts wissen und zu dem wir, was wir nicht wissen wollen, was wir verdrängen, hinab befördern. Ein Es, das aber, wiederum ohne dass wir es merken, eminenten Einfluss auf unser Bewusstsein und Tun hat und sich bis in Kleinigkeiten, ins Verlegen, Vergessen und Versprechen, im Lachen und Erröten, im Zucken der Augenbrauen und vielen anderen körperlichen Zeichen bis hin zur ernsthaften Krankheit bemerkbar macht. Das Es hat einen biochemischen Anteil, der sich mit dem, was wir verdrängen verschränkt.

Für den biochemischen Anteil hat Freud einen lateinischen Ausdruck, er nennt ihn Libido. Die Libido als unser aller Energie und Antriebskraft mit dem Zentrum des Sexualtriebes, somatisch, körperlich-medizinisch. Von daher bei Freud auch immer die Neigung, seine Erkenntnisse naturwissenschaftlich-biosomatisch zu erklären. Es ist der Expansionsdrang eines Spezialisten, wir kennen das heute von den Hirnspezialisten, die ebenfalls versuchen, alles und jedes unter ihre eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu subsumieren.

Das Es, Freud nennt es auch das Lustprinzip, wird beherrscht vom Ich. Erlebbar wird das Es, wenn sich der Druck des Unbewussten in kleinen psychischen Symptomen, aber auch in Krankheit äußert oder auch in Situationen, in denen wir uns fragen, was nur in uns gefahren ist. Es ist aber nichts in uns hineingefahren, es kam aus uns heraus, was wir an Unbewusstem, Biochemischen und an Verdrängtem, Sozialem in uns aufgesammelt hatten. Freud: „Es gibt Prozesse in uns, die stärker sind als das, was Ich sagt.“ Hinzugefügt werden darf, was offensichtlich ist, dass durch unterschiedliche Sozialisation die Ich-Stärke und Ich-Schwäche individuell sehr unterschiedlich ausgebaut sind. Hinzugefügt auch: In der Sprache des Alltags heißt es: Da stand ich neben mir, ich kenne mich selbst nicht mehr, oder etwas veraltet, aber sehr schön: Sie hat sich vergessen. In der Descartschen Maschinensprache heißt es, da habe ich nicht richtig getickt, da bin ich ausgerastet, ich hatte mich nicht im Griff. Aber dann doch auffallend, häufig geht die Sprache hier direkt ins Tierreich: Ich wurde vom Affen gebissen, da ging der Gaul mit mir durch, ich wurde von der Tarantel gestochen, ich habe die Sau rausgelassen. Für das Bewusste haben wir seit Descartes die Maschinensprache, für das Unbwusste greifen wir häufig zu Metaphern aus dem Tierreich.

Freuds Modell der Psyche bestand am Beginn nur aus Es und Ich. Erst im Laufe des Entwicklungsprozesses der Psychoanalyse wird es erweitert durch das Über-Ich, durch die Repräsentanz der Gesellschaft, das ist bei Freud, seiner Zeit geschuldet, noch häufig auf die Familie gemünzt, insbesondere die familiäre Autorität in uns, auf eine Figur, die es zu Freuds Lebzeiten noch gab, auf den starken Vater. Wir tun Freud nicht Unrecht, wenn wir diese Verengung erweitern, und mit Freud im Rücken lassen sich ganz unerschrocken google, twitter und face-book, aber auch die Autoritäten des Konsumzwangs und der Unterhaltungsindustrie hinzurechnen.

Die Instanz des Über-Ich, die Gesellschaft, Zivilisation und Kultur sorgen dafür, dass wir lernen, uns unsere Triebe und Wünsche zu versagen, wenigstens aber auf eine sofortige Triebabfuhr zu verzichten. Dass die Arbeit vor dem Vergnügen kommt, muss erst gelernt werden. Es entwickelt sich Schuldbewusstsein, die Vorstellung von Schuld und Scham. Es entwickelt sich der innere Skrupel, abgeleitet von scrubus, dem spitzen Stein und damit gemeint. Hemmung, Besorgnis, Gewissensbiss.

Das Über-Ich wird verinnerlicht, es wird zum Richter, dessen: Was darf ich und dessen: Was soll ich machen? Es funktioniert als Gewissen, und es funktioniert als Selbstbeobachtung und bildet aus, was wir Ideal nennen. In der heute um sich greifenden Extremform wird es pathologisch, wird zum Wahn, verbunden mit allerlei technischen Messinstrumenten zum Selbstbeobachtungs- und Selbstoptimierungswahn.

Mit der Einführung des Über-Ich, mit der Erweiterung des Modells, mit der gesellschaftlichen Repräsentanz ist der Weg für die Psychoanalyse offen, sich über den medizinisch-klinischen Bereich des Heilens hinaus und zur Kulturtheorie, zu einer Anthropologie zu entwickeln. Thomas Mann: „Die PA ist dem bloß medizinischen Bezirk längst entwachsen und zu einer Weltbewegung geworden, von der alle möglichen Bereiche sich ergriffen zeigen.“

Das Ich, auf das viele stolz und selbstverliebt blicken, wird uns von Freud vorgestellt in einer Sandwich-Funktion, in einem Abwehrkampf, als Vermittler zwischen Es und Über-Ich, als der Diener dreier gestrenger Zwingherren. 1. Unsere Ausßenwelt, die Natur. 2. das Realitätsprinzip, das Über-Ich, die Gesellschaft und 3. das Es mit dem Verdrängten und dem Bios. Freud spricht vom armen Ich, vom Ich als Kaspar und Clown im Abwehrkampf gegen das, was der Mensch an Schuld und Gewissen von der Gesellschaft mitbekommen hat, und das ist nicht nur die ethisch-aktuelle Regulierung, das ist auch Alp und tiefer Ziehbrunnen der Geschichte. Das arme Ich hat sich auseinanderzusetzen erstens mit der Realität, zweitens mit dem Ererbten, drittens mit der Ethik, die als Handlungsrichtschnur zwar vorteilhaft ist, aber das „Du sollst“ und das „Du sollst nicht“ lastet schwer.

Das Ich im Abwehrkampf mit den eigenen Trieben, dem Es, mit dem, was man an Leiblichkeit mit sich herumschleppt. Bei allen Leidenschaften, wenn alles hoch kommt, erst da sieht man, was im Es für Schutt verwaltet wird. Manchmal kommt das schon hoch, wenn es nur ein klein wenig unbequem wird. Das Ich ist damit beschäftigt, alle Ansprüche und Wünsche, die von den Trieben ausgehen, immer dann, wenn diese nicht dem Realitätsprinzip entsprechen, zu berichtigen oder wenigstens zu dämpfen. Nicht jetzt, später, oder auch: Gar nicht, mach was anderes, sublimiere, grabe den Garten um, gehe deinem Hobby nach, schreibe ein Gedicht oder eine Klage in Moll. Das Ich ist ununterbrochen damit beschäftigt, Unlust von uns fern zu halten und das Leben halbwegs erträglich im Realitätsprinzip einzurichten, den Konflikt zwischen Lust- und Realitätsprinzip auszubalancieren.

Gegenüber der äußeren Realität hat das Ich die Funktion der Realitätsprüfung, und was es aus dem Geprüften macht, ist sehr verschieden. Fällt die Prüfung der Realität so aus, dass sie Unlust bereitet, dann kann man entweder etwas verändern, oder man versucht es zu vermeiden. Unlustvermeidung, Unlustabwehr, Linderungsmittel: Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“.

Freud notiert über das Programm der PA: „Ihre Absicht ist es, das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern, seine Organisation auszubauen, so daß das Ich sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo es war, soll ich werden, es ist Trockenlegung der Zuydersee.“

Was heißt Trockenlegung? Die Feuchtgebiete entfeuchten, die Triebe dämpfen, die Libido umlenken. Es beginnt mit der Beschneidung, Einhegung und Zentrierung der Partialtriebe. Unser kindliches anales Lustempfinden wird uns ausgetrieben, wir müssen lernen, unseren Schließmuskel zu beherrschen. Wir werden getrennt von der lust- und nahrungsspendenden Brust, unsere Zeige- und Schaulust wird gezähmt, alle Partialtriebe werden beschnitten und auf den Genitaltrieb konzentriert, bestenfalls als Mittel der Vorlust gestattet, schlimmstenfalls als Perversion gebrandmarkt. Wir haben eine domestizierte Vielheit, eine Verstümmelung der Partialtriebe. Erich Kästner: „Die Entwicklung geht vom Früchtchen zum Spalierobst.“ Wer die Hecke kultivieren will, muss sie beschneiden, die wilden Triebe müssen gebändigt werden. Brecht läßt seinen Herrn Keuner einen Lorbeerbaum zu einer Kugel beschneiden, und am Ende fragt der Gärtner enttäuscht: „Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?“ Adorno zeigt das sehr schön an einer Musikform, an der Aufstellung des Jazz. Da dürfen im regressiven, kurzzeitig stets die Partialtriebe, die falschen Noten, die dirty notes, für sich selber springen, werden dann aber wieder in den Ordo gebracht. Es sind domestizierte Partialtriebe, im Jazz nennt man das Improvisation jeder tut seines, danach klatschen die Leute, und dann wird alles wieder schön in die Reihenfolge gebracht, bis es am Ende wieder im gemeinsamen Thema gebändigt ist.

Neben Es, Ich und Über-Ich wird, wenngleich spät, das Modell mit dem Aggressionstrieb weiterentwickelt. Allerdings ist Freuds Aggressionstheorie schwankend und unklar bleibt: Ist die Aggression eingelagert in unsere Ausstattung der Selbsterhaltung, also biologische Veranlagung und/oder ist es die Folge von Zivilisation? Trotz dieser Ambivalenz gehört zu Freuds großen Leistungen seine Einsicht und Erkenntnis in die Verstümmelung unserer Triebe. Kultur und Zivilisation heißt Verzicht und Versagung, heißt Unterdrückung von Triebelementen und damit Herausbildung von Aggression. Und ungeachtet seiner Versuche, die Aggression auf das Biologische zurückzuführen, war er dann doch auch der Auffassung, dass die Zivilisierung, weil Triebverzicht fordernd, einen nicht unwesentlichen Einfluss hat.

Freud entwickelt für Es und Ich zunächst eine Topic, eine Ortsbeschreibung, um dann mit der Einführung des Über-Ich die Topic in ein dynamisches Modell zu überführen. Seine Leistung ist, das hat der eingangs zitierte Rufer bei der Bücherverbrennung durchaus richtig erkannt, die Zerstörung und Auflösung der organischen Einheit der Seele. Die Konflikte, die sich für das Individuum ergeben, äußern sich in Krankheitssymptomen, im Konflikt; bei Freud allerdings immer mit der Neigung zum naturwissenschaftlich-positivistischen, dem Versuch, es ins Biologische zu verlegen. Gleichwohl stößt er paradoxerweise bei dem, was er als angewandte Psychoanalyse verstanden wissen will, auf die inneren psychologischen Zellen der Gesellschaft. Er wollte nur PA machen, hat aber zeigen können, fast möchte man sagen, wider eigenem Willen, dass in den innersten Zellen, im Unbewussten, in den kleinsten Regungen sehr viel Form von Gesellschaft steckt

Freud ist Konflikttheoretiker, und der entscheidende Konflikt, die entscheidende Ursache für das Entstehen von Leid, ist für Freud der Antagonismus, der unauflösliche Konflikt, zwischen Triebanforderungen und Kulturanforderungen, zwischen Trieb und Zivilisation, zwischen Lust und Realitätsprinzip.

Freud: „Das Wesen der Kultur, deren Glückswert in Zweifel gezogen wird, wir werden keine Formel fordern, die dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, es genügt uns, daß das Wort Kultur die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: Dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelungen der Beziehungen der Menschen untereinander.“

Mit den zwei Zwecken nennt Freud drei Quellen des Leides:

1. Leid an der unbezwungenen Natur, an vielerlei Arten von Naturkatastrophen. Die Unterwerfung der Natur, eine jahrhundertalte Sehnsucht, mit Alfred Döblin, aus seinem Roman 1919: „Wir können in der Natur nichts liegen lassen, ohne es aufzuheben, zu wiegen zu messen, zu berechnen“. Der Mensch wirkt auf die Natur ein, verändert sie, schafft sich seine Existenzbedingungen. Die Veränderungen der Natur gehen ohne menschliches Zutun unmerklich langsam vor sich, sind unberechenbar klein, aber das Werk des Menschen hat Erdoberfläche, Klima, Vegetation, Fauna, ja auch den Menschen selbst in großer Rasanz verändert. Zugleich aber erfahren wir: Die Natur rächt sich für jeden Sieg, den wir über sie erlangen mit Folgen, die oft erst in zweiter oder dritter Linie erkennbar werden (Engels). Goethe zu Eckermann: Die Natur versteht keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen. Hat man früher gesagt: Der Mensch denkt, Gott lenkt, heißt heute der moderne Fachbegriff not expected consequenzes, unerwartete Folgen. Mit jedem Schritt werden wir daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand der außer der Natur steht – sondern daß wir selbst Teil der Natur sind. (Engels)

Unbestreitbar, die Beherrschung der Natur ist in großen Teilen gelungen, unbestreitbar aber auch, trotz allem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verursacht, was wir mit unserem Planeten anstellen vielerorts Angst und Leid. „Unbestreitbar,“ und jetzt zitiere ich Freud, „der Mensch hat es in Wissenschaft und Technik weit gebracht, er hat es weit gebracht bei der Beherrschung der Natur und bei der Beherrschung seiner körperlichen Leiden, er hat sich Wissen und Kenntnisse angeeignet, er hat es soweit gebracht, daß er in der Lage ist sich und seine Planeten zu vernichten“. Schon bei Voltaire, in Candide und der Optimismus findet sich: „Die Menschen müssen sich schon von der Natur entfernt haben, denn sie werden zu reißenden Wölfen, obwohl sie nicht als solche auf die Welt kommen. Gott hat ihnen weder Vierundzwanzigpfünder noch Bajonette gegeben, sondern sie haben alles beides selbst erfunden, um sich gegenseitig zu vernichten.“

Es zeigt sich: Aller Fortschritt der Naturbeherrschung konnte das menschliche Glück nicht auf Dauerbetrieb stellen, das Glück bleibt im Sparmodus, es bleibt Episode.

2. Zur unbezwungenen Natur gehört die Hinfälligkeit des Körpers, Schmerz, Krankheit und Tod. Zweifellos: Der Mensch ist besser denn je gegen die Gebrechen seines Körpers, gegen Krankheit gewappnet, die Lebenserwartung steigt. Aber, das längere Leben, so scheint es, wird nur allzu oft erkauft, und erkauft weist darauf hin, dass das ein Geschäft ist, erkauft für ein Leben mit dem Schmerz und mit der Krankheit. Ein Grund, warum der Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod, nach Selbsttötung zunimmt. Auch Freud stellt die Frage: „Was soll uns ein langes Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freuden und so leidvoll ist, daß wir den Tod als Erlöser bewillkommen können“. Der Tod als Erlöser, ein Wunsch, dem man allerdings in unserem Lande, auch wenn es für den Einzelnen zur Leidprüfung wird, aus guten historischen Gründen nicht nachgeben sollte.

3. Leid am anderen Menschen.

Goethe im Gespräch mit Eckermann: „Ja, mein Guter, man hat an seinen Freunden zu leiden gehabt.“ Freund sehr viel pointierter: „Viele Menschen seien eher hassenswert.“ Mit dem christlichen Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, konnte sich Freud nicht anfreunden. Wir haben es heute, wo sich jeder selbst der Nächste ist, leichter, und zu fragen bleibt, wie entfernt der Nächste, der geliebt werden soll, ist. Noch wird um das verstorbene Haustier mehr getrauert, als um das Kind, das in Afrika an Hunger stirbt.

Freud: „Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrieben des Menschen Schranken zu setzen. … Daher das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.“ Das ist Thomas Hobbes: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf geworden, und zur heutigen Lage in der Welt lässt sich sagen, dass diese Grundfiguration sich gebessert hat, seit Hobbes das im 17. Jhdt., Voltaire dies im 18. Jhdt. und Freud im Jahre 1930 geschrieben hat?

Auch bei den sozialen Beziehungen muss man die triebischen Befriedigungsmöglichkeiten einschränken, und Freud knüpft hier an Thomas Hobbes und seine pessimistische Anthropologie an. Der Satz bei Freud lautet: „Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert.“ Die Anarchie der Triebe, das wäre individuelle Freiheit, frei zu sein, seine Triebe auszuleben.

Folgendes leuchtet vielleicht ein: Das nächstbeste, schlimmer noch des Nächsten Weib nicht nur begehren, sondern auch nehmen dürfen, das muss ich jetzt nicht weiter ausführen. Ich zitiere lieber Freud: „Wir haben von der Kulturfeindlichkeit gesprochen, erzeugt durch den Druck, den die Kultur ausübt, die Triebverzichte, die sie verlangt. Denkt man sich die Verbote aufgehoben, man darf also jetzt zum Sexualobjekt jedes Weib wählen, das einem gefällt, darf seinen Rivalen beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, ohne Bedenken erschlagen, kann dem anderen auch irgendeines seiner Güter wegnehmen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, wie schön, welch eine Kette von Befriedigungen wäre das Leben. Der Freiheitsdrang (gemeint ist der impulsive, der triebische, man darf auch die Buchstaben verwechseln und der tierische sagen) der Freiheitsdrang richtet sich gegen bestimmte Formen und Ansprüche der Kultur oder gegen die Kultur überhaupt.“ Alle sozialen Beziehungen, der Umgang mit- und untereinander verlangt Zähmung, mit Freud: „Kultur, erfordert permanenten Triebverzicht.“

Um den Kulturanforderungen gerecht zu werden muss man gegen die eigene Natur angehen – im Extrem, bis es kippt und pathologisch wird. Zugleich: Es ist immer wieder daran zu erinnern, dass Kultur historisch, politisch, sozial ist, dass es eine immerwährende Kultur nicht gibt, und schon gar nicht, dass sie dem Menschen innewohnt. Nicht wenige leiden an sich selbst, an Perfektionismus, Ordnungszwang, Pedanterie. Das alles ist angelernte Kultur, Natürlichkeit hingegen, Reste davon, finden wir, je weiter wir nach Süden kommen, das wäre Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit, Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit. Angemerkt: Es schon auffällig, dass der Hang zu Ordnung, vor allem aber zu Sauberkeit bei den Frauen entschieden stärker ausgeprägt ist. Offensichtlich ist das nicht genetisch, nicht geschlechtsspezifisch, es ist Sozialisation.

Waschzwang und Ordnungszwang, dafür gibt es bei den Krankenkassen einen Therapieschlüssel. Einen Therapieschlüssel gibt es auch für eine weitere Anforderung unserer Kultur, die da lautet: Du musst glücklich sein. R 45.2, dieser Therapieschlüssel steht für: Unglücklich sein. Für die Mediziner, aber keineswegs nur für sie, gilt nur als gesund, wer glücklich ist, Unglückliche sind krank. In unserer zivilisierten Gesellschaft herrscht ein Kultus des Glückes, und wer aus dem Urlaub zurückkommt und sagt, er habe schlechtes Wetter gehabt, ist schon ein Unglücksvogel. Glücklich sein und glücklich werden wird zum Leistungsdruck zur gesellschaftlichen Norm. Don’t worry, be happy!

Glücklich zu sein, ist Pflicht geworden, und der Hilfsmittel sind viele. Morgens Vitasprint um fit für den Tag zu sein und abends hilft Melaton gegen Stress und Erschöpfung beim guten Einschlafen. Freud: „Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen unserer Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel gezogen wird“,denn so Freud: „Daß der Mensch glücklich sei ist im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen“

Glück hat vier Dimensionen:

1. Glück als Ereignis. Auf gut Glück etwas tun und mit Göttin Fortuna im Bunde stehen.

2. Glück als Magie, sichtbar in der Dekoration des Interieurs. Feng shui, die Buddhastatue, Glücksbringer aller Art oder die muslimische Variante Amulette, die antijüdische wäre das Glücksschwein und die aktuelle Mode ist das Tätowieren, wofür bei Moses, weil es als Magie galt, die Todesstrafe gestanden hat.

3. Glück als Eigenschaft. Bei Maupassant, Bel Ami, da ist das Glück bei Frauen eine Eigenschaft. Ödipus, der wird von Sophokles vorgestellt als Kind des Glückes. Ein Glückspilz also, wer sich selbst täuscht.

4. Schließlich: Glück als Zustand, als innerweltliche zeitenthobene Seligkeit. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Aber mit Hemingway wissen wir, wem die Stunde schlägt, alle Glückszustände sind befristet, sind Episode. Glück als Zustand ist wesentlich befristet. Die französische Sprache kann das besser: Dort heißt die glückliche Stunde bonheur, und beendet wird sie zumeist vom Malheur, von der Fehlhandlung.

Nicht übersehen werden kann: Glück ist subjektiv. Waren die Menschen früher glücklicher? Wir wissen es nicht, denn wir schauen mit unserem psychischen Haushalt zurück. Und Glück ist immer subjektiv, und einfühlen in ein Subjekt der Vergangenheit ist unmöglich. Der heute unentwegt erklingende Ruf nach Empathie wäre ein Hinweis darauf, dass wir schon große Schwierigkeiten mit dem Einfühlen in unsere Zeitgenossen haben.

Glück, Streben nach Glück, das ist ím weitesten Sinne sowohl positiv wie negativ: Negativ als Leidminderung: Glück als Abwesenheit von Schmerz und Leid. Das kenne ich von Müttern, die auf die Frage, wie es ihnen geht, zumeist damit antworten, dass das Kind Krankheit, schulische oder andere Probleme überwunden hat. Positiv, aber das findet sich, vermutlich wegen der immer noch vorherrschenden Tabuisierung seltener: Die Bedeutung starker Lustgefühle.

Die Psychoanalyse will heilen, zweifellos, Freud ist Mediziner, aber es findet sich bei Freud keine Stelle, die auf die Abschaffung des Leids insistiert. Er hat auch große Zweifel, dass dies gelingen könnte, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse ändert. Für Freud ist das eine Illusion, eine Wunschvorstellung. Der Grundtenor bei Freud ist nicht Erlösung vom Leid, sondern vielmehr Leidminderung. Die Psychoanalyse ist jedenfalls kein Abschied vom Leid und auch keine Schule des Glücksversprechens, kein Rezept für Glück als Dauerzustand. Mehr noch: Die Psychoanalyse, wie sie sich nach Freud entwickelt, die Mehrheit der Psychotherapeuten unserer Zeit haben zum Ziel, dass der Mensch in der ihn krank machenden Gesellschaft wieder funktionieren kann. Am häufigsten, durchaus erfolgreich angewendet, Verhaltenstherapien, das bessere Wort wäre Anpassungstherapien, Anpassung an das, was uns krank macht, und wenn das nicht hilft, dann gibt es ein paar rosa Pillen.

Was Freud zur Leidminderung empfiehlt, und damit komme ich zum Schluss, das Leiden unter dem Vortrag hat für Sie ein absehbares Ende, was Freud empfiehlt, sind Lockerungen, Ermäßigungen, Erleichterungen, und er beginnt dieses Kapitel mit Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ und er nennt uns dann drei Möglichkeiten:

Erstens: „Mächtige Ablenkungen, die unser Elend gering schätzen lassen“ und für Freud gilt: Je mächtiger die Ablenkung, um so größer das Leid und der Riss zwischen Lust- und Realitätsprinzip. Ohne Zweifel: Das große Geschäft unserer Zeit: Spaß- und Unterhaltung. Überbordende Event- und Illusionsindustrie. Schon Hegel wusste: Was heute als Kunst präsentiert wird, dient der Unterhaltung, ist flüchtiges Spiel. Sehr schön demonstriert, wenn das Kunstwerk durch den Schredder läuft. Als Literatur zu empfehlen. Neill Postman: Wir amüsieren uns zu Tode.

Die zweite Möglichkeit, die uns Freud nahe legt: Ersatzbefriedigungen jeglicher Art. Freud nennt ausdrücklich, zu seiner Zeit hat das sofort einen Skandal erregt: Masturbieren! Wer davor Angst hat, weil das, wie man mir noch beigebracht hat, Rückenschmerzen verursacht, dem empfiehlt Freud Heimwerken oder was Voltaire bereits seinem Candide empfiehlt: Gartenarbeit. Unübersehbar: Bau- und Gartenmärkte sind wie die Unterhaltungsindustrie ein großes Geschäft. Hilfreich auch: Hobbies und Steckenpferde aller Art, vor allem aber so Freud: Kunst als Illusion gegen die Realität, psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelenleben spielt. Das könnte er von Liszt haben der bereits wusste: „Es ist die Mission der Kunst, die Triebe zu besänftigen und zu veredeln.“

Drittens empfiehlt Freud ganz unerschrocken Rauschstoffe, toxische Stoffe aller Art, die uns für unser Elend unempfindlicher machen sollen. Einen Liter reinen Alkohol trinkt der Deutsche, wobei der riskante Alkoholkonsum bei den Frustiertesten, bei den 45- bis 65-Jährigen am höchsten ist. 550.000 werden jährlich wegen Alkoholmißbrauch ins Krankenhaus eingeliefert, die jährliche Zahl der Verkehrstoten liegt bei 3.200, die wegen Alkoholmißbrauchs bei 74.000.

Wie groß das Leid sein muss, zeigt sich daran, dass die Industrie, die uns die Linderungsmittel bereitstellt, ein hochprofitabel florierender Geschäftszweig ist. Der Mensch ist ein unermüdlicher Lust- und Glückssucher. Die Leute rennen nach dem Glück, das Glück läuft hinterher, dichtet Brecht.

Freud schreibt diese Arbeit nach Nietzsche, und der hat die Frage gestellt, was ist der Sinn des Lebens, wenn Gott tot ist? Die Antwort der Warenwirtschaft: Konsum, besser Konsumzwang und Unterhaltung, aber auch: Abwesenheit und Linderung von Schmerz oder die Erlebnissteigerung, der Kick. Dann stehen sie Schlange beim Bungie-Springen, und am Mont Everest erfrieren die Leute, weil der Aufstieg durch einen Stau verzögert wird. Die Mehrheit aber, so Freud, und das wäre, was an Glück möglich ist, richtet sich im lauen Behagen ein.

Im Grunde genommen sagt Freud: Gebt den Glauben an das Glücksversprechen und die eigenen Erwartungen an das Glück auf. Was man machen kann ist, dass man sich ein klein wenig entschädigt, und es gibt die Leidvermeidung durch Flucht in die Krankheit, in die Neurose. Eine Versöhnung mit dem Leid als Krankheitssymptom. Es ist nicht falsch, auch nicht paradox, dass die Kranken die Gesunden sind, weil sie verspüren noch, was ihnen angetan wird. Der Rest ist Milderung im Rausch des Alkohols, des Konsums, der Unterhaltung, und das Wort Rausch deutet daraufhin: Es ist pathologisch.

Virginia Woolf, Zeitgenossin von Freud, machte auf den verheerenden Zustand unserer Kultur aufmerksam, sie schreibt: „Heute kann kein einzelner Mensch mehr dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse widerstehen. Sie fegen über ihn hinweg und vernichten ihn. Sie lassen ihn gesichtslos, namenlos, lediglich als ihr Instrument zurück.“

Es ist eine pessimistische Anthropologie die uns Freud vorlegt. Freud hat keinerlei Illusionen, was an Versöhnung zwischen menschlicher Natur und menschlicher Kultur möglich ist, es gibt für ihn keinen Ausweg aus der Notwendigkeit des Triebverzichtes: Freud: „Das Lustprinzip ist ein Programm – und es liegt im Hader mit der ganzen Welt, nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihmDie Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. Glück ist seiner Natur nach nur ein episodisches Problem“

Das mag einem nicht gefallen, richtig ist gleichwohl, dass in der bisherigen Weltgeschichte die Abschaffung des Leidens nicht gelungen ist, und in jedem Falle ist ausdrücklich zu warnen vor Büchern und Rezepten von Gurus jeglicher Art, die Ratschläge geben, wie das Glück und die guten Gefühle entstehen. Aber vielleicht hält man es dann doch mit dem, was Goethe im Wilhelm Meister“ uns nahelegt und was bei Freud als Leidminderung gegolten hätte: „Man sollte“, sagte Goethe, alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“

Goethe als Freimaurer

Vortrag von Dr. Gerhard Müller, Jena, am 4. Dezember 2019

Goethe war Mitglied der Weimarer Loge „Amalia“. In seinen Werken sind viele Bezüge zur Freimaurerei zu erkennen. Nach einem Gesuch beim Meister vom Stuhl, dem Geheimen Rat Jacob Friedrich Freiherr von Fritsch, wurde Goethe am 23. Juni 1780 als Lehrling in die Loge aufgenommen. Genau ein Jahr später wurde er zum Gesellen befördert, und den Meistergrad erhielt er am 2. März 1782, unmittelbar nach der Meistererhebung von Herzog Carl August.

Da die Weimarer Loge bereits 1783 ihre Tätigkeit einstellte, war die Freimaurerei in Weimar für einige Jahrzehnte nicht mehr aktiv präsent. Erst mit der Neugründung der Loge 1808, bei der eine Umstellung vom früheren System der strikten Observanz auf die moderne Lehrart Friedrich Ludwig Schröders erfolgte, findet man Goethe wieder in aktiver Logenarbeit. Allerdings erschien er nur selten in den Verrsammlungen, an seiner Stelle erschien oft Sohn August.

Jedoch haben ihm die geheimen Wissenschaften nicht mehr noch weniger gegeben, als er hoffte, wird in einem seiner Briefe deutlich. Bereits 1781 warnte er seinen Schweizer Freund Johann Caspar Lavater: „Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minieret, wie eine große Stadt zu sein pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer bewohnenden Verhältnisse wohl niemand denkt und sinnt; nur wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein Rauch aus einer Schlucht aufsteigt und hier wunderbare Stimmen gehört werden. Glaube mir, das Unterirdische geht so natürlich zu als das Überirdische, und wer bei Tage und unter freiem Himmel nicht Geister bannt, ruft sie um Mitternacht in keinem Gewölbe.“

Es scheint hier, dass Goethe kein wirliches Interesse an der Freimaurerei gehabt habe. Allerdings wird man kaum behaupten können, er habe das freimaurerische Ideal der aufklärerischen Menschenveredlung nicht ernst genommen, ist doch sein eigenes literarisches Werk wie die gesamte Weimarer Klassik eigentlich nichts anderes, als ganz im Sinne des Ideals der Freimaurerei eine beständige Arbeit an der Verwirklichung des Wahren, Guten und Schönen zu sein.

Die erste Loge auf dem Boden des Herzogtums namens „Zu den drei Rosen“ entstand 1744 als Tochtergründung der Berliner Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ in Jena. Nach dem Siebenjährigen Krieg konnte die Berliner Hegemonie in Mitteldeutschland nicht mehr aufrecht erhalten werden, und ein anderer, von Kursachsen ausgehender Freimaurerbund suchte die Logen unter seinen Einfluss zu bringen. In Jena geschah dies mit Hilfe eines geheimnisvollen Fremden namens Johann Friedrich Johnssen, der als Emissär der geheimen Oberen des Templerordens auftrat. In einem raffinierten Coup gelang es ihm 1763, die Jenaer Freimaurer dazu zu bewegen, sich von der Berliner Mutterloge zu lösen.Fritsch, ein junger kursächsischer Adliger, wurde schließlich dort Meister vom Stuhl. Man war auf Erkenntnis templerischer Geheimnisse erpicht. Im Mai 1764 wurde in einem Seitental der Saale, in Altenberga, der neue Freimaurerbund gegründet. Dort kam es zum Eklat. Als Johnssen die Geheimnisse der Templer offenbaren sollte, verschwand er plötzlich, angeblich auf Geheiß der geheimen Oberen, mitsamt der Ordenskasse. Das Ziel war dennoch erreicht: der Zusammenschluss der in Altenberga vertretenen Orden zum „Orden vom heiligen Tempel zu Jerusalem“, meist kurz „Orden der strikten Observanz“ genannt. Der neue Bund unterwarf die angeschlossenen Logen einer straffen bürokratischen Struktur und militärischen Disziplin, deren Kernstück neben dem Bekenntnis zum christlichen Glauben die eidliche Verpflichtung zum „unbedingten Gehorsam“ gegenüber den bekannten und unbekannten Ordensoberen bildete. Die „Rosenloge“ in Jena wurde geschlossen und dafür die Loge „Amalia zu den drei Rosen“ in Weimar, ebenfalls unter Fritschs Leitung, neu gegründet. Johnssen wurde Monate später als Betrüger und Hochstapler aufgegriffen und inhaftiert.

Die „Strikte Observanz“ geriet in Folge einer nicht abreißenden Kette von Hochstaplerskandalen in Bedrängnis, in den Logen wurde zudem eine zunehmende Kritik an der Tempelherrenlegende und dem Treiben des Inneren Ordens laut. Manche Kräfte strebten eine radikal-aufklärerische Reform der Freimaurerei an. In Weimar war Johann Joachim Christoph Bode die treibende Kraft. Ein im Sommer 1782 nach Wilhelmsbad bei Hanau einberufener Konvent der Strikten Observanz, der über die Zukunft des Ordens entscheiden sollte, wurde auch von Goethe, wie seine Briefe zeigen, mit Spannung verfolgt. Das Ergebnis von Wilhelmsbad war nach fünfzig Sitzungstagen ein Kompromiss: Die Legende, dass die strikte Observanz die Fortsetzung der mittelalterlichen Tempelherren sei und der Bezug auf „unbekannte Obere“ mit unbedingter Gehorsamspflicht wurden für obsolet erklärt. In diesem Sinne führte Bode am 10. Dezember 1782 auch Goethe und Carl August in den Inneren Orden ein und erhob sie zu „schottischen Meistern“. Die Strikte Observanz firmierte jetzt als „Orden der wohltätigen Ritter der heiligen Stadt“.

Goethe und Carl August erlangten auf diese Weise Zugang zu den „unterirdischen Gängen“. Aber die erhoffte Möglichkeit, darin zu agieren, blieb ihnen dennoch verwehrt, da die in Wilhelmsbad beschlossene Verlegungdes Ordensdirektoriums nach Weimar nicht vollzogen wurde.

Aber die Alternative war schon vorbereitet. Schon in Wilhelmsbad hatte der umtriebige Bode Verbindungen mit dem 1776 von Adam Weishaupt gegründeten Orden der Illuminaten geknüpft, der eine radikal aufklärerische Programmatik vertrat und sich nun als Ersatz für den Inneren Orden der Strikten Observanz anbot. Im März 1783 traten auch Goethe (Abaris), Carl August (Äschylos) und Herder (Damasus) dem Illuminatenorden bei. Der Orden wurde allerdings seit 1785 reichsweit verfolgt.

Goethe nutzte die Netzwerke der Freimaurerei und des Illuminatenordens sogar während seiner Italienreise. Die von dem dänischen Freimaurer und Illuminaten Friedrich Münter gegründete Illuminatenloge in Rom kontaktierte er wohlweislich nicht, denn in Rom, wo die päpstliche Inquisition lauerte, konnte es lebensgefährlich werden, wenn man als Freimaurer denunziert wurde. Und Goethe wurde ja geheimdienstlich überwacht. Im aufklärungsfreundlichen Neapel war die Aufnahme freimaurerischer Kontakte leichter möglich. Der in der „Italienischen Reise“ beschriebene geheimnisvolle Empfang bei der „Principessa ***“, wo Goethe den bedeutenden Staats- und Rechtsphilosophen Gaetano Filangieri kennenlernte, besaß einen illuminatischen Hintergrund, gehörte Filangieri doch der ebenfalls von Münter gegründeten Illuminatenloge in Neapel an. Ohne jenes Netzwerk wäre es Goethe jedenfalls nicht möglich gewesen, die Identität des geheimnisvollen Wundermannes Graf Cagliostro, dessen Gründung einer „ägyptischen“ Freimaurerloge in Paris ebenso wie seine Verwicklung in die spektakuläre Halsbandaffäre der französischen Königin Marie Antoinette damals die europäische Öffentlichkeit beschäftigte, bei seinem Aufenthalt in Palermo aufzuklären.

In Plaermo, wo sich Goethe wie üblich incognito als Philipp Möller aufhielt, war seine Identität jedenfalls schon bei seiner Ankunft bekannt. So wurde er zur Ostertafel des Vizekönigs von Sizilien, des Fürsten Francesco d’Aquino, gebeten. Dort traf er, wie er in der „Italienischen Reise“ schilderte, einen alten Bekannten, den Malteserritter Graf Antonio Statella wieder, den er einst bei einem Aufenthalt am Hof des Kurmainzer Statthalters, des Freiherrn Carl Theodor von Dalberg in Erfurt kennengelernt hatte und der sich jetzt „mit bedenklichem Anteil“ nach ihm und den Weimarer Bekannten erkundigte. Auch in Palermo wirkte sich Goethes Freimaurertum förderlich aus, war doch d’Aquino das Oberhaupt der Strikten Observanz im Königreich Neapel. Königin Maria Carolina ließ Goethe ausführliche Dossiers über Cagliostro alias Giuseppe Balsamo zuspielen und ermöglichte ihm sogar einen Besuch bei dessen Familie in Palermo. So konnte man die Authentizität einer gerade in Paris erschienenen Schrift, in der die Belege für Cagliostros wahre Identität abgedruckt worden waren, durch einen unabhängigen Gewährsmann von internationaler Reputation bestätigen lassen.

Goethes Cagliostro-Recherchen sind nicht die einzigen Indizien für seine Einbindung in illuminatische Projekte. So votierte er in einem Brief aus Italien für die Berufung des Philosophen Carl Leopold Reinhold als Professor nach Jena, und ebenfalls 1787 erfolgte die noch vor seiner Abreise 1786 eingeleitete Berufung des Illuminaten Cornelius Johann Rudolf Riedel als Erzieher für den Erbprinzen Carl Friedrich. Weitere Berufungen von Illuminaten erfolgten.

Wir finden die literarische Verarbeitung von Goethes Wanderungen durch die Gefilde der Freimaurer und Illuminaten vor allem in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, wo wir uns bei der Erzählung über Lotharios Schloss und die Gesellschaft im Turm wohl zu Recht an das Gothaer Schloss Friedenstein mit seinem geheimnisvollen Park erinnert fühlen dürfen. In diesem weitläufigen Schloss mit seinem Bibliotheksturm, wo Herzog Ernst II. residierte, studierte und Sterne beobachtete, befand sich auch das Ordensarchiv der Illuminaten, die später so genannte „Schwedenkiste“, zu der auch der berühmte, heute als Kriegsbeute in Moskau lagernde und lange Zeit unzugängliche 10. Band mit den Personalakten der Illuminaten gehört.

Die dritte und letzte Phase in Goethes Freimaurerkarriere, die sich mit der 1808 neugegründeten Weimarer „Amalia“ verband, war kein Wunschkind des Dichters, war doch dieses lokale Kapitel für ihn seit 1789 eigentlich abgeschlossen. Noch in seiner Silvesterdenkschrift von 1807 hatte er sich vehement gegen ein in Jena geplantes Logenprojekt ausgesprochen. Wenn schon, dann sollte die neue Loge wenigstens nicht in dem anarchischen Jena, sondern wie einst die alte „Amalia“ in der Residenzstadt Weimar entstehen. Schließlich ließ sich auch der Herzog überzeugen.

Der heikelste Teil dieser Operation war der Übergang von der Strikten Observanz zum einfachen Drei-Grad-System des Hamburger Theaterdirektors und Freimaurer-Reformers Friedrich Ludwig Schröder. Goethe sah hierzu zwei Wege: der erste, ihm persönlich sympathische, bestand, da die alte 1783 stillgelegte „Amlia“ formal immer noch existierte, darin, dass sie durch ihren alte Meister vom Stuhl, Jakob Friedrich Freiherr von Fritsch, wiedereröffnet würde, um sodann das neue System beschließen zu lassen. Falls Fritsch sich dem verweigere, sollte man sich die Logeninsignien aushändigen lassen und an den Meister vom Stuhl der Rudolstädter Loge „Günther zum stehenden Löwen“ übergeben. Dies war der bereits nach Schröders System arbeitende Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz, an den die Bitte herangetreten wurde, die neue Loge zu eröffnen. Aber Fritschs Verhältnis zum Herzog war bereits irreparabel beschädigt. Goethe schlug daher eine Wallfahrt nach Rudolstadt vor, da eine Neugründung der Loge nicht zu umgehen war. Als Stiftungstag wurde der 24. Oktober 1808 gewählt, der Geburtstag der im Jahr zuvor verstorbenen Herzogin Anna Amalia, wo die Loge im Versammlungslokal der alten „Amalia“, dem Wittumspalais zu Weimar, von Friedrich Ludwig Schröder ins Leben gerufen wurde. Meister vom Stuhl wurde der Weimarer Verleger und frühere Geheimsekretär des Herzogs, Friedrich Justin Bertuch.

Mit der Loge ging es aufwärts. Von 34 Mitgliedern 1808 stieg deren Zahl auf 123 im Jahre 1815 und 147 im Jahre 1826. Goethe hatte seine eigenen Gedanken zur Loge. Er entwarf ein kultur- und erinnerungspolitisches Konzept, in dem das Weimarer Fürstenhaus zum Mittelpunkt und Impulsgeber einer Nation stilisiert wurde, die zwar nach dem Ende des Alten Reichs 1806 keinen staatlichen Zusammenhang mehr besaß, dafür aber durch Geist und Künste geeint werde. Die Umsetzung dieses Konzepts wurde nun zum Hauptinhalt seines freimaurerischen Engagements. Die „Amalia“ vermochte die ihr von Goethe und auch Wieland zugewiesene Rolle als Gralshüterin einer sich über das „klassische Weimar“ definierenden „nationalen“ und zugleich weltbürgerlich orientierten Kunst- und Bildungsreligion der Deutschen zumindest für einige Jahrzehnte zu übernehmen. Doch schon bei der Errichtung des Weimarer Herder-Denkmals 1843 konnte sich der ursprüngliche, mit freimaurerischen Symbolen ausgezierte Entwurf nicht durchsetzen. Dennoch kommt der Loge das historische Verdienst zu, an der Stilisierung des „klassischen Weimar“ zum Symbolort des Geistes der Aufklärung und Humanität im kulturellen Gedächtnis nicht nur der Deutschen, sondern der gesamten Menschheit wesentlich mitgewirkt zu haben.

Tumult im feurigen Gemüte – Goethe und Nicolai

Vortrag von Dr. Michael Knoche, Weimar, am 6. November 2019 in Gera

Der Literaturstreit zwischen Goethe und Nicolai war eine epochemachende Kontroverse. Konträr standen sich zwei Literaturauffassungen gegenüber: Der Streit artete zu einer „ästhetischen Prügelei“ aus, so der Titel eines zeitgenössischen Buches.

Alles begann mit Goethes „Leiden des jungen Werther“, mit dem einsetzenden Werther-Fieber angesichts unglücklich verlaufender Liebe. Eine junge Frau ertrank in der Ilm – und sie soll einen „Werther“ in der Tasche gehabt haben. Sie blieb nicht der einzige Fall. All diese Selbstmordereignisse veranlassten Goethe, der zweiten Auflage ein Motto voranzustellen: Sei ein Mann und folge mir nicht nach.

Christoph Friedrich Nicolai (1733 – 1811) war ein deutscher Schriftsteller, Verlagsbuchhändler, Kritiker, Verfasser satirischer Romane und Reisebeschreibungen, Hauptvertreter der Berliner Aufklärung, Freund Lessings, Zelters und Mendelssohns, Gegner Kants und Fichtes.

Er fühlte sich 1775 veranlasst, mit einer eigenen Fassung des Schlusses von „Werther“ zu reagieren. Dieser Text „Freuden des jungen Werther“ umfasste 60 Seiten. Manche Namen sind verändert, im Mittelpunkt steht eine belehrende Unterhaltung zwischen Hans und Martin. Albert und Lotte sind auch nicht verheiratet, sondern verlobt. Albert überlässt Werther seine Pistole, die aber nicht mit einer Patrone, sondern mit einer Blase von Hühnerblut geladen ist. Nach dem Schuss bietet er an, auf seine Braut zugunsten Werthers zu verzichten. Die „Leiden“ beginnen nach einigen Jahren Ehe mit Lotte, bis beide auseinander gehen. Die „Freuden“ beginnen erneut, als es Albert gelingt, die Eheleute wieder zusammenzubringen. Nach 16 Jahren haben sie acht Kinder: Sie sind ein Anblick errungener gesunder Gelassenheit.

Es heißt, Nicolai habe sich gegen Goethes „Werther“ gar nicht als Kunstwerk an sich gewandt. Vielmehr sei die schlimme Wirkung des Buches im bürgerlichen Lager sein Thema gewesen. Nicolais Schluss, freilich, verändert alles. Ohne den Selbstmord Werthers hängen Personen und Ereignisse gewissermaßen in der Luft.

Hier setzen die konträren literarischen Auffassungen ein. Ohne Absicht, gewollte Wirkung sei Literatur gar nicht vorstellbar, so Nicolai. Das Positive sei ihr Lebenselement. Nicolai unterstellt somit der Geschichte einen positiven Zweck. So nehmen auch die „Freuden des jungen Werther“ einen glücklichen Ausgang. Manche Zeitgenossen hielten Nicolais Text für eine reine Parodie voller Hintersinn. Aber es handelte sich gattungsmäßig um keine Parodie und unterstellte Ironie, sondern um eine kommentierende Nachdichtung.

Nicolai stellt seine auf erzieherische Wirkung bedachte Auffassung, jener des jungen, dem Sturm und Drang anhängenden Goethe gegenüber, der das Recht des Genies auf rein ästhetische, absichtslose Abfassung verteidigte.

Goethe antwortete mit drei Gedichten. Zunächst wurden sie nicht veröffentlicht, eines 38 Jahre später in „Dichtung und Wahrheit“. Da blickt er schon reichlich gelassen auf jene Episode zurück. Anders noch zur Zeit ihres leidenschaftlich geführten Streits. Die „Freuden des jungen Werther“, mit denen sich Nicolai hervortue, zeugten von dessen Beschränktheit. Am bissigsten/bösartigsten zeigt sich jedoch eine von Goethe verfasste, ersonnene Grabinschrift „Nicolai auf Werthers Grabe“, die da lautet:

Ein junger Mensch, ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward denn auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei,
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie’s denn so Leute haben.
Der setzt’ notdürftig sich aufs Grab
Und legte da sein Häuflein ab,
Beschaute freundlich seinen Dreck,

Ging wohl eratmet wieder weg
Und sprach zu sich bedächtiglich:
„Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben!
Hätt er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!“

Wie gesagt, klingt alles später doch recht versöhnlich. Auch wurde anhand der Benutzerliste klar, dass sich Goethe 1813 Nicolais Büchlein durchaus für mehrere Wochen ausgeliehen hatte. Zuvor hatte er da ein wenig geflunkert. Im Übrigen waren sie sich nur einmal – in Gotha – kurz begegnet.

Die Kampfeslust erwachte [nach der Werther-Kontroverse 1775] mit einem neuen Text: der zwölfbändigen „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781“. In diesem Werk erschien ein Text, der mit der Reise gar nichts zu tun hatte: eine Kritik an Schiller. Über hundert Seiten richteten sich gegen die Weimarische Kunstauffassung, gegen Schillers Zeitschrift „Die Horen“ und die Transzendentalphilosophie Kants. Diese Schrift erschien 1795. Nicolai machte sich zum Anwalt des Publikums, das „scholastische Spitzfindigkeiten“ [vermutlich insbesondere Schillers ästhetische Schriften gemeint] nicht mehr wolle und von denen es keinen Nutzen habe.

Hatte insbesondere Goethe auf Nicolai nicht reagiert, wurde der Streit nunmehr öffentlich ausgetragen. Dies geschah in Goethes und Schillers „Xenien“[griech. Gastgeschenke, satirische Distichen] im „Musenalmanach“. Verschiedene Verse antworten auf die „Reisebeschreibung“.

Nicolai reiset noch immer, noch lang wird er reisen,
Aber ins Land der Vernunft findet er nimmer den Weg.

Querkopf! schreiet ergrimmt in unsere Wälder Herr Nickel,
Leerkopf! schallt es darauf lustig zum Walde heraus.

Nicolai entdeckt die Quellen der Donau! Welch Wunder!
Sieht er gewöhnlich doch sich nach der Quelle nicht um.

Nichts kann er leiden was groß ist und mächtig, drum herrliche Donau
Spürt dir der Häscher so lang nach, bis er seicht dich ertappt.

Insgesamt sind 39 Xenien gegen Nicolai gerichtet. Sogar sein Name wurde zu Nickel verhunzt. Die „Xenien“ waren recht bissig, schreckten auch davor nicht zurück, einen Schlaganfall Nicolais zu parodieren. Hier wird die Grenze zur Gemeinheit überschritten.

Rührt sonst einen der Schlag, so stockt die Zunge gewöhnlich,
Dieser, so lange gelähmt, schwatzt nur geläufiger fort.

Nicolai reagierte sofort. Seine Wertung bezog sich auf einen „Anhang zu Schillers Musenalmanach auf das Jahr 1797“, wo die „Xenien“ erschienen waren. Er spricht von Pöbeleien der „Götterlieblinge in Weimar“. Benennt sie als Raufbolde. Er kritisiert Schillers Arbeit „Über die ästehetische Erziehung des Menschen“ und Goethes „Wilhelm Meister“. Letzteres triebe den Frauenzimmern die Schamröte ins Gesicht. Schiller werde von Eigendünkel beherrscht, er übe Geistesdespotismus aus. Goethe und Schiller antworteten darauf öffentlich nicht mehr. Vom Sturm und Drang bis zur Romantik wurde Nicolai als platter Rationalist verspottet. Aus anfänglicher Freundschaft entstand so manche Gegnerschaft: Tieck, Wieland, Gleim. Fichte verfasste sogar eine Streitschrift „Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen“. Der lauteste Paukenschlag erfolgte allerdings in Goethes „Faust“. Vorausgegangen war eine Erkrankung des Geschmähten; er litt 1791 an einer körperlichen Störung. Eine Folge davon war die Wahrnehmung von Geistererscheinungen. Er verfiel zur Heilung auf eine damals übliche Methode: auf Blutegel, die seinem Gesäß aufgelegt wurden. Vollends Gegenstand des Spottes wurde er allerdings, als er vor keinem geringerem Gremium als der Akademie der Wissenschaften zu Berlin des Langen und Breiten über seine Heilerfolge berichtete. Postwendend ließ ihn Goethe in der „Walpurgisnacht“ als „Proktophantasmist“ (Steißgeisterseher) in Erscheinung treten.

An besagter Stelle heißt es:

Ihr seid noch immer da! Nein, das ist unerhört.
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!
Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.
Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.
Wie lange hab’ ich nicht am Wahn hinausgekehrt,
Und nie wird’s rein; das ist doch unerhört!

Das wird von Mephisto wie folgt kommentiert:

Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen,
Das ist die Art, wie er sich soulagiert [sich Erleichterung verschafft]
Und wenn Blutegel sich an seinem Steiß ergetzen,
Ist er von Geistern und von Geist kuriert.

Auch die Schlegels machten sich in der Zeitschrift „Athenäum“ über Nicolai lustig: „Verschwindet etwas, wenn man sich sechs Blutigel an den After setzen lässt, so ist es eine bloße Erscheinung; bleibt es, so ist es eine Realität“. Die Zeitgenossen wussten, wer damit gemeint war.

Weiter heißt es im „Faust“:

Verfluchtes Volk! was untersteht ihr euch?
Hat man euch lange nicht bewiesen:
Ein Geist steht nie auf ordentlichen Füßen?
Nun tanzt ihr gar, uns andern Menschen gleich!

Der Proktophantasmist vermag indes nur zu langweilen, wie „Die Schöne“ ihm vorwirft:

Die Schöne:

So hört doch auf, uns hier zu ennuyieren!

Und es heißt weiter:

Ich sag’s euch Geistern ins Gesicht:
Den Geistesdespotismus leid ich nicht;
Mein Geist kann ihn nicht exerzieren.

Heut, seh ich, will mir nichts gelingen;
Doch eine Reise nehm ich immer mit
Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.

Nicolai findet sich auch in der Person des Mittlers in Goethes „Wahlverwandtschaften“ wieder. Er zeigt sich zwar moralisch überlegen, aber genau dies stiftet Unheil. So erweist sich Nicolai für viele Germanisten-Generationen als Prügelknabe. Erst in jüngerer Zeit wird er rehabilitiert. Er bewirkt Anregungen zu ästhetischen Debatten. Davon zeugt zum Beispiel seine „Abhandlung zum Trauerspiele“.

Sein Versuch, den Dingen eine sozial-integrative Wendung zu geben, wurde von Vielen für richtig gehalten. Allerdings geriet er in den 90-er Jahren des 18. Jahrhunderts in die Defensive. Seine auf Wirkung zielende Funktion der Kunst stand der Autonomie-Auffassung des anderen Lagers gegenüber. Der Künstler sei unabhängig, hieß es dort, diese Position einer konkreten Kunst- und Lebensauffassung wurde mit großer Leidenschaftlichkeit verteidigt.

Es bleibt die Frage der Legitimität. Angriffe der Gegener auf die jeweilige Person, einschließlich Spiel mit derem Namen, gehörten damals zur Tradition, zur „Streitkultur“.

Dagegen formulierte Lessing eine „vernünftige Kritik“: „Jeder Tadel, jeder Spott, den der Kunstrichter mit dem kritisierten Buch in der Hand gut machen kann, ist dem Kunstrichter erlaubt.“ Es ging um die Frage, ob man den unliebsamen Gegner mit Hilfe von rhetorischen Mitteln – durch Spott und Tadel also – bekämpfen und kompromittieren dürfe. Sicherlich. Aber sobald der Kunstrichter mehr zu wissen glaube, als aus den Schriften des Autors ersichtlich, gerate dies zu persönlicher Beleidigung, Klatscherei und Anschwärzerei, und man erweise sich letztlich als bloßer Pasquillant.

 

Herbstausflug nach Dornburg und Merseburg

Unser Herbstausflug fand am 14. September statt. Per PKW und zwei Kleinbussen ging es zunächst nach Dornburg. Da wir uns ALLE – bis auf neue Mitglieder unserer Gesellschaften – schon längere Zeit kennen, waren Begrüßung und Wiedersehensfreude groß und herzlich.

Der Tag begann mit Führung und Besichtigung einiger Zimmer des Renaissance- und Rokokoschlosses nebst „Goethe-Gemächern“. Wir erlebten also wieder einmal Orte, in denen Goethe zeitweilig lebte und wirkte. Danach ging die Fahrt nach Merseburg. Hier schipperten wir mit dem MS Captain Fu auf der Saale Richtung Leuna und zurück. Abendessen gab es auf dem Schiff. Auch Musik gab es dazu – der Kapitän spielte für uns auf dem Schifferklavier bekannte Seemannslieder, und wir sangen mit.

Wir hatten wieder einmal – neben unserem schönen Sommerfest am Trusetaler Wasserfall zwei Wochen zuvor – einen erlebnisrechen Tag. Herzlichen Dank an unseren Vorstand!

Renate Dalgas

Goethe und Rousseau

Vortrag von Bernd Kemter, Gera, am 2. Oktober 2019

Jean-Jacques Rousseau (1712 – 78) bringt Gründe für einen freien Naturzustand der Menschen vor. In dieser ursprünglichen, natürlichen Ordnung folgt der Mensch ausschließlich seinem Gefühl. In diesem Zustand herrscht die Selbstliebe (amour de soi), aus der alle Gefühle entstehen, im übrigen auch das Mitleid. Allmählich erwachsen im Miteinander primitive gesellschaftliche Ordnungen, in denen der Mensch seine Freiheiten noch weitestgehend bewahren kann. Hier herrscht auch Gleichheit. In der weiteren Entwicklung bilden sich allerdings Kultur, Wissenschaft und Sprache, vor allem aber Eigentum heraus. Freiheit und natürliche Gleichheit lösen sich auf. Die ursprüngliche Selbstliebe verwandelt sich in Selbstsucht, Eigenliebe (amour propre). Arbeitsteilung und Privateigentum treiben den Menschen in Konkurrenzverhältnisse. Dies widerspiegelt sich zum Beispiel in der Rechtsprechung. Sie legt dem Schwachen Fesseln an und verleiht den Reichen ihre Macht. Kultur und Wissenschaft schwächen das natürliche Gefühl. Luxus verdirbt die Menschen. Rousseau stellt diesem Kulturpessimismus sein Freiheitsideal entgegen. Der Weg dorthin führt über die Erziehung, deren Prinzipien in seinem Buch „Emile“ niedergelegt sind. Demnach beschützt und belehrt der Lehrer seinen Zögling, lässt ihm Freiheiten, achtet darauf, dass das Kind durch eigene Erfahrungen lernt.
In seinem „Gesellschaftsvertrag“ – Contrat social – propagiert Rousseau kleine demokratische Gemeinwesen, in denen die Mitglieder einfach leben und nach Recht und Vermögen gleich sein sollen. Der Mensch unterstellt sich deren Gesetzen. In diesen Gemeinwillen geht zugleich sein eigener ein, so dass individuelle Freiheit und Gleichheit gewahrt bleiben.
Goethes Interesse an Rousseau lässt sich zunächst an dessen Hinwendung zur Natur belegen. Einen „Kollegen“ botanischer Studien sieht Goethe in dem Schweizer allerdings nicht, anerkennt jedoch dessen Naturschwärmerei. So schreibt Goethe: „In Rousseaus Werken finden sich allerliebste Briefe über die Botanik, worin er diese Wissenschaft auf das fasslichste und zierlichste einer Dame vorträgt. Es ist recht ein Muster, wie man unterrichten solle.“ Ein Lob, das lediglich der Didaktik Rousseauschen Vortrags gilt. Ernster und ein wenig respektvoller nimmt Goethe den Genfer Naturliebhaber allerdings in einem weiteren Zitat: „Wer wollte nicht dem im höchsten Sinne verehrten Rousseau auf seinen einsamen Wanderungen folgen, wo er, mit dem Menschengeschlecht verfeindet, seine Aufmerksamkeit der Pflanzen- und Blumenwelt zuwendet und in echter gradsinniger Geisteskraft sich mit den stillreizenden Naturkindern vertraut macht.“
Wenn man bedenkt, welch unerhörtes Phänomen Rousseaus Kulturpessimismus im Rahmen der europäischen Aufklärung darstellt, ist Goethes Wortkargheit in der Würdigung von Rousseaus Einfluss auf das eigene Schaffen nahezu befremdend.
Die Gründe für diesen Mangel an ausdrücklichen und eindeutigen Stellungnahmen von seiten Goethes, wenn man von seinen botanischen Interessen absieht, mögen einfach mit jenem Rezeptionsvorgang erklärt werden, den der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom als Einflussangst beschrieben hat.
Es liegt aber auch die Vermutung nahe, so macht die venezianische Germanistin Stefania Sbarra geltend, Goethe habe nach 1789 im Autor des Contrat social den Vorläufer der Französischen Revolution samt ihren Gräueltaten erblickt und konsequenterweise von ihm Abstand genommen. Zu dieser Annahme veranlasst folgender Passus aus „Dichtung und Wahrheit“:
„Diderot war nahe genug mit uns verwandt; […]. Seine Naturkinder […] behagten uns gar sehr, seine wackeren Wilddiebe und Schleichhändler entzückten uns, und dieses Gesindel hat in der Folge auf dem deutschen Parnass nur allzu sehr gewuchert. So war er es denn auch, der, wie Rousseau, von dem geselligen Leben einen Ekelbegriff verbreitete, eine stille Einleitung zu jenen ungeheueren Weltveränderungen, in welchen alles Bestehende unterzugehen schien.“ Ein gewisses Verständnis für die ungeheuren weltpolitischen Ereignisse, aber auch der Ablehnung der sich anbahnenden jakobinischen Schreckensherrschaft finden wir dezidiert in Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“. Dies nebenbei.
Weder in der bis zum Überdruss wiederholten Formel „Zurück zur Natur“, die übrigens in keinem Werk Rousseaus zu finden ist, noch in einer Aufforderung zur Revolte hat Goethe gefunden, was er in der Auseinandersetzung mit seinem Selbst brauchte, sondern in Rousseaus Kritik der Eigenliebe, die den Schwerpunkt all seiner Werke bildet. Goethes Rousseau-Lektüre zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihn mit einer Psychologie des modernen Subjekts vertraut macht, die ihm zum Verständnis des eigenen Künstlertums in Bezug auf die Eigenliebe-Pathologie des zivilisierten Menschen verhilft. Nur vor dem Hintergrund dieser Kritik am zivilisierten Menschen gewinnen sämtliche Naturparolen genaue Konturen und jene Einmaligkeit, die Rousseau von anderen, bereits vor ihm hervorgetretenen Sängern des ländlichen Lebens unterscheidet. Nicht allein in der Verherrlichung idyllischer Naturszenen einer weit hinter uns liegenden Zeit ist Rousseaus Einfluss auf Goethe zu suchen. Wenn dem anders wäre, darauf macht Sbarra zu Recht geltend, hätte schon Hallers Gedicht „Die Alpen“, von Goethe geschätzt, genug für den Gegensatz Land-Stadt und Tugend-Laster geleistet und in der Schweiz die idyllische, aber konkrete Alternative zur Zivilisation zugänglich gemacht.
Der Zusammenhang von Eigenliebe und Zivilisation prägt die aufgeklärte Messe- und Universitätsstadt Leipzig, wie sie Goethe 1765 bis 1768 erlebt. Hier beobachtet er mit Erstaunen, wie sich die Menschen dem sinnlichen Genuss verschrieben haben. In Klein-Paris orientieren sich nicht wenige Studenten am Ideal der Galanterie, und die jungen Frauen sind allzusehr damit beschäftigt zu verführen und zu gefallen. Alle wollen ihre soziale Lage verbessern.
Ehrgeiz, Aufstiegsträume, Unzufriedenheit mit der Lage, in die man hineingeboren ist: So stellt sich auch Rousseau das Profil des stets unruhigen modernen Menschen vor, wenn er als Gegenbild dazu seinen homme naturel entwirft, der sich gelassen mit seiner Situation zufrieden gibt.
Dagegen erscheint Goethe als junger begabter Dichter, seiner Eigenliebe verfallen. Denn wenngleich Goethes Leben als Schriftsteller die eindeutigste Stellungnahme gegen Rousseaus Ächtung der Kunst darstellt, so ist nicht auszuschließen, dass er sich hat schmerzlich auseinandersetzen müssen mit solch einer Aussage wie: „Jeder Mensch, der mit angenehmen Talenten seine Zeit verbringt, will gefallen, bewundert werden, und er will mehr bewundert werden als ein anderer. Der öffentliche Beifall gehört ihm allein; ich würde sagen, dass er alles tut, um ihn zu erhalten. Wenn er nicht noch mehr täte, um seine Konkurrenten um diesen Beifall zu bringen.“
Diese Sucht des Künstlers nach öffentlichem Beifall, wird sie nicht am vernehmlichsten im „Torquato Tasso“? Der Schmerz und die Ohnmacht des Dichters gegenüber der Herabsetzung und der Spötteleien des dünkelhaften Hof- und Weltmannes Antonio sind für uns zutiefst nachfühlbar. Doch auch in weiteren Werken scheint die Eigenliebe als Produkt der Kultur auf.
Im Monodram „Pygmalion“ feiert Rousseau die Herstellung der idealen Elfenbein-Frauenskulptur durch den trunkenen Bildhauer als natürlichen Akt. Goethe hingegen sieht in seinem gleichnamigen Jugendgedicht die Statue als Kunst und schöpferische Kulturtat, warnt jedoch zugleich davor, sie zu überfordern, indem sie in die Natürlichkeit übergehen soll. Worum geht es bei diesem, auf Ovid zurückgehenden Sujet?
Der zypriotische Bildhauer Pygmalion schafft eine Statue, die er als sein Meisterwerk ansieht. Wahnsinn und Imaginationskraft des Künstlers standen hierbei Pate. Er verliebt sich in die Statue, behandelt sie als Frau von Fleisch und Blut. Aphrodite erbarmt sich seiner und lässt die Statue lebendig werden. Goethe kritisiert den ursprünglichen Pygmalionmythos und auch die Rezeption Rousseaus, wie Leonie Nießeler, Uni Augsburg, in ihrem Aufsatz klar herausarbeitet. Goethe stellt die Kunst über die Natur und betrachtet Pygmalion als „Pfuscher“ und „Dilettant“, wenn er sich einbildet, das vollkommene Kunstwerk müsse lebendig werden und somit in die Natur zurückfallen. Deutlich unterstreicht er diese Ablehnung eines Pygmalionmythos als reines erotisches Abenteuer in seinem eigenen Gedicht Pygmalion, das im Leipziger Liederbuch für Anette veröffentlicht wurde. Hier bestraft er Pygmalion für seine Abwendung von den realen Frauen und sein Begehren einer Statue damit, dass er ihn eine Prostituierte heiraten lässt.
Nießeler stellt nun Rousseaus Kunstverständnis demgegenüber, es sei charakterisiert durch ein Zusammenwirken von Kunst und Natur, und nur durch die Verlebendigung der in der Form vollkommenen Statue könne die „Ordnung der Natur“ wieder hergestellt werden. Er stellt die schöne Seele in den Vordergrund, und nur indem er die künstlerische Vollkommenheit des Körpers zurückstellt, kann die Seele erwachen und im Sinne der Aufklärung spricht die Statue zuerst das Wort „Moi“ und erkennt sich damit selbst. Soweit Leonie Nießeler zum ausschließenden Gegensatz beider Kunstkonzeptionen.
Rousseau beklagt die Sucht, sich auszuzeichnen, als Übel der modernen Konkurrenzgesellschaft. Goethe widerstrebt dies, er bekennt sich als Schriftsteller zur modernen Dimension der Eigenliebe. Von jetzt an ist er von der Sucht angesteckt, ein erfolgreicher Künstler zu werden. Die Absage an pietistische Werte, die nach seiner Krankheit nach dem Leipziger Aufenthalt kurzzeitig maßgeblich wurden, nimmt Clavigos Ehrgeiz vorweg. Sie bedeutet die Identifizierung mit dem modernen, unruhigen, ja zerrissenen Subjekt jener von Eigenliebe geprägten Welt, die Rousseau zur harten Polemik gegen die Fortschrittsgesellschaft veranlasst hatte. Die vorhin bereits zitierte Stefania Sbarra resümiert: Damit verschiebt sich also der Schauplatz des Zusammenpralls zwischen den von Rousseau polemisch vertretenen antimodernen Werten und der ichbezogenen Eigenliebe des modernen Menschen in Goethes Inneres.
Auch im Lustspiel „Die Mitschuldigen“ inszeniert Goethe eine bürgerliche Welt von genusssüchtigen Menschen, die sich im modernen Leipzig um des plaisirs willen gegenseitig betrügen. Die psychische Lage des modernen Subjekts findet hier ihren Ausdruck. Es verabschiedet sich in einem Wirbel von Vergnügungen und Zerstreuungen von allen herkömmlichen moralischen Werten, um sich ausschließlich der rastlosen Suche nach dem flüchtigen Genuss hinzugeben.
Auch ein weiteres Goethe‘schen Werk offenbart rousseausche Einflüsse: „Die Leiden des jungen Werther“. Das Kultbuch aller Liebenden und Liebesuchenden schlechthin aber ist und bleibt dieser monologischer Briefroman. Werther, ein gebildeter junger Mann, erschießt sich aus unerwiderter Liebe zu einer verheirateten Frau. Heute wie zu seinem Erscheinungsjahr 1775 bewegt dieser Roman die Gemüter, identifizieren sich junge Menschen mit dem Titel,,helden“. Goethe holte sich die Inspiration zu diesem Werk zum Teil aus seinem privaten Umfeld, zum Teil ließ er sich aber auch von Philosophen, Schriftstellern und Gelehrten der damaligen Zeit beeinflussen. Es ist bekannt, dass er vor der Niederschrift der „Leiden des jungen Werthers“ das Gedankengut des Schweizer Philosophen und Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau eingehend studiert hatte. Kann man im Roman „Die Leiden des jungen Werther“ nun den Einfluss Rousseaus feststellen und sind dessen Aussagen heute noch von Gültigkeit?
Die Autorin Carola Hoffmann geht der Frage nach den Bezügen des gegebenen Textausschnitts Rousseaus und Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ nach: Jean-Jacques Rousseau befasst sich in seiner ausgezeichneten Preisschrift „Discours sur les sciences et les arts“ mit der Frage, ob der Fortschritt von Wissenschaft und Kunst zur Läuterung von Sitten und Moral beigetragen hat. Goethes „Werther“, ein klassischer Sturm-und-Drang-Roman, erzählt die Geschichte eines unglücklich verliebten, schnell zu brechenden jungen Mannes, der sich resignierend das Leben nimmt, wie bereits erwähnt. Auf den ersten Blick stellt der Laie zwischen diesen beiden Themen keinen konkreten Zusammenhang fest, bei näherer Betrachtung ist der Einfluss Rousseaus auf Goethes Roman allerdings unverkennbar. Werthers einzige Leidenschaft, vor der Bekanntschaft Lottes, ist die Natur. Die Briefe an seinen vertrauten Freund Wilhelm sind voller Liebesbekundungen an die Umgebung seines neuen Wohnsitzes Wahlheim, er spricht von „Verzückung, Gleichnissen und Deklamationen“ (10. Mai 1771; 27. Mai 1771). Dort hat er die Zeit und Muse, sich der Kunst und Literatur zu widmen. Tagein, tagaus beobachtet er voller Wonne die Naturerscheinungen, die er sogleich auf Papier festhält. Werther meint, das Studium der Natur und seiner Lieblingslektüre, ein Band Homer, allein seien Beweis eines fortgeschrittenen Bildungsgrades (13. Mai 1771).
Er will sich in der Natur selbst finden, die Philosophie Rousseaus bestärkt ihn darin. Werther befindet die Natur zum besten und geeignetsten Lehrmeister eines Künstlers. Zwar lassen Regeln und Gesellschaftsformen Menschen keineswegs zu Bösewichten oder Unsympathen verkommen, ein individueller Charakter kann sich aber mit ihnen nicht entwickeln. Dieser Brief lässt bei Werther pietistische Ansätze erkennen, denn mit den lebendigen Glaubenserfahrungen, die er in der Natur sammelt und seiner enthusiastischen Frömmigkeit, vertritt er diese Bewegung. Und nicht nur dies. Hoffmann weist zu vollem Recht auf einen weiteren Umstand hin. So habe Rousseau in seinem „Discours sur les sciences et les arts“ die Vorstellung einer Frühzeit der menschlichen Gesellschaft, eines Naturzustands entwickelt, der noch nicht durch Arbeitsteilung, soziale Differenzierung und Privateigentum sowie die mit diesen Phänomenen einhergehende Entfremdung bestimmt ist.
Werther beschreibt in seinen Briefen auch einen ständigen Umbruch, bedingt durch seine Wanderschaften. Diese Wanderschaften bedeuten für ihn eine grenzenlose Freiheit, ohne von Nichtigkeiten eingeschränkt zu sein. Es scheint, als würde er erst in der Natur zu seinem wirklichen Ego finden, seine originären Wesenszüge entdecken. Es könnte genau jener „Naturzustand“ sein, den Rousseau meint. Außerdem schreibt der Schweizer, ganz im negativen Sinne, dass erst Kunst und Literatur aus Menschen zivilisierte Lebewesen machen. Das deckt sich mit Goethes „Werther“, denn die ursprüngliche Natur hat keine Zivilisation vorgesehen und kennt keine Verhaltensregeln.
Werther sehnt sich sehr nach einer Gesellschaft, die die inneren Werte und nicht Adelstitel und Reichtum als Messlatte für Sympathien sieht. Er befindet das Ständesystem zwar für notwendig, sieht es aber auch als Hindernis für persönliche Beziehungen (24. Dezember 1771). Dies merkt man besonders deutlich, als Werther eine demütigende Zurücksetzung bei einer adeligen Gesellschaft hinnehmen muss, die ihn tief berührt (15. März 1772). Sein befreundeter Vorgesetzter zeigt sein wahres Gesicht, als Werther bei einer Adelsveranstaltung von den Anwesenden nicht geduldet wird und bittet ihn, die Festlichkeit, ohne Rücksicht auf die persönliche Bindung beider, zu verlassen. Sogar seine Bekannte, Fräulein von B., kann mit diesem Fehlverhalten Werthers nicht leben und soll den Kontakt abbrechen (16. März 1772). Werther kehrt dem Ort daraufhin enttäuscht von der unehrlichen und vorurteilsbeladenen Gesellschaft den Rücken (24. März 1772). Um nicht mit dieser Erniedrigung leben zu müssen, reist er mit einem Grafen, der jedoch sehr gefühlskalt ist. Dies ist für ihn Grund genug, auch den Grafen bald zu verlassen und nach Wahlheim zurückzukehren (18. Juni 1772). Seine Ablehnung aller gesellschaftlichen Normen lässt ihn zum Außenseiter werden. Goethe kritisiert durch Werther auch die Bürger, die sich nicht trauen, Freiheiten einzufordern, sondern sich Adeligen genügsam unterordnen.
Weiterhin kritisiert der Titel,,held“ Werther die stumpfsinnige Gesellschaft, deren Hauptziel die Bedürfnisbefriedigung und Leben nach vorgegebenen Regeln ist (22. Mai 1771). Nur die Kinder, von denen er im Roman einige liebgewinnt, leben nach Werthers Vorstellung noch richtig: unbeschwert und uneingeengt. Ihnen sind Literatur, Kunst und Statussymbole meist noch fremd, sie leben nach ihrem inneren Trieb. Man kann also annehmen, dass der Charakter bei Kindern noch unverfälscht und rein ist. Kinder gefallen vor allem durch ihre Unbefangenheit und Ungezwungenheit. Sie faszinieren Werther vielleicht genau deswegen, weil sie „ungeschliffene Diamanten“ sind, die erst im Laufe der Jahre von Lehrern, Eltern und weiteren Bezugspersonen bearbeitet werden. Die ursprüngliche Schönheit einer Person zeigt sich also in der Kindheit, in der Unterschiede im Verhalten, genau wie Rousseau in seinem Erziehungsroman „Emile“ festgestellt hat, Unterschiede im Charakter sind. Bei der ersten Begegnung mit Lotte verliebt sich Werther auf den ersten Blick in sie, er sieht dieses wunderbare Wesen im Gegensatz zu verbitterten Jungfern und herrschsüchtigen Amtmännern. Lotte, selbst noch ein sehr junges Mädchen, lebt wie es ihr gerade zumute ist. Obwohl ihr geraten wird, Werther „um der Leute willen“ nicht mehr so oft zu empfangen, lädt sie ihn immer und immer wieder zu sich ein, da sie seine Gesellschaft als ein sehr hohes Gut sieht. Werther nimmt für seine Liebe zu Lotte alles in Kauf, ihm ist das Gerede über die außergewöhnliche „Freundschaft“ egal. Ihr vom ersten Moment an verfallen, schätzt er an Lotte gerade deren liebevolle Erziehung der Kinder. Obwohl sie mit Albert verlobt ist, ihn später sogar heiratet, kann sie nicht von Werther lassen. Albert ist im Buch ein klassischer Vertreter der Aufklärung, er verhält sich zwar höflich, ist aber auch gefühlskalt. Im Gegensatz dazu steht der heißblütig liebende Werther, der einen typischen Sturm-und-Drang-Helden verkörpert. Die Kinder und Lotte sind bei Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ ein Mittel, die Botschaft Rousseaus zu verbreiten, dem Leser die Begeisterung Werthers für ein Leben ohne aufgezwungene Lasten wie Sitten und Benimmregeln nahezubringen. Im Verlauf des Buches heiratet Lotte Albert. Obwohl Werther anfangs glaubt, Lotte hege für ihn Gefühle (13. Juli 1771), scheint dies durch die Heirat widerlegt zu werden. Nach Meinung Carola Hoffmanns vermählt sich Lotte aber nur, um den Sitten zu entsprechen und nicht verpönt zu werden. Es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, die Verlobung mit Albert zu lösen. Dieser Punkt deckt sich mit Rousseaus Aussage, “immerzu folgt man der Konvention, niemals dem eigenen Wesen. Man wagt nicht mehr, sich so zu zeigen, wie man ist; und unter diesem ständigen Zwang werden die Menschen dieser ‚Gesellschaft‘ genannten Herde in gleichen Situationen alle das gleiche tun, wenn nicht stärkere Beweggründe sie davon abhalten“. Lotte, zuerst noch ungezwungen, wandelt sich zu einem „Herdentier“, das sich der Hierarchie der damaligen Zeit beugt und halbherzig die Ehe mit Albert eingeht. Insgeheim hofft sie, dadurch die Gefühle zu Werther zu vergessen, was ihr aber nicht gelingt. Der junge Werther kann die Zuneigung Lottes nie genau einschätzen, da sie sich zu keinem Zeitpunkt eindeutig zu ihren Gefühlen äußert, genau diese Ungewissheit treibt ihn letztendlich in den Tod. Bei Rousseau heißt es: „Um seinen Freund kennenzulernen, wird man also die bedeutsamen Gelegenheiten abwarten müssen, das heißt abwarten, bis es dafür zu spät ist, denn gerade dieser Gelegenheit wegen wäre es wichtig gewesen, ihn zu kennen.“ Diese Passage ist auf Werthers Selbstmord zu beziehen. Lotte weiß, was er mit der Pistole, die ein Knabe aus ihren Händen für Werther entgegennimmt, plant; trotzdem wagt sie es nicht, einzuschreiten oder ihn zu bewegen, die Tat zu unterlassen. Sie spürt, nicht zuletzt aufgrund der tiefen Freundschaft, die sie mit Werther verbindet, dass sich dieser, zum Ende hin schwer depressiv, sich mit der Pistole das Leben nehmen wird. Lotte hätte in der „bedeutsamen Gelegenheit“ des geplanten Selbstmordes zu Werther eilen und ihm Lebensmut zusprechen können, aber die Feigheit, ihrem Ehemann die Ahnung über das schreckliche Vorhaben Werthers vorzuenthalten, lässt diesen seinen Plan durchführen. Lotte wäre für Werther bestimmt ein „stärkerer Beweggrund“ gewesen seine Tat zu unterlassen, so verehrt er sogar noch sein eigenes Mordinstrument, weil Lotte es berührt hat. Seinen Selbstmord befindet Werther als eine große Tat, da sie den bürgerlichen Konventionen ganz und gar widerspricht. Dass es aber auch eine Flucht vor sich selbst und vor seinen Kritikern ist, übersieht er in seinen Depressionen wohl ganz.
Weiterhin stellt Carola Hoffmann die Frage nach der Gültigkeit der Kritik Rousseaus und versucht, selbige zu beantworten: Ihrer Meinung nach ist die Preisschrift Rousseaus heute aktueller denn je, Wissenschaft, Kunst, Literatur und die neuen Medien sind die Werkzeuge der Menschheit, mit deren Hilfe sie sich verwirklichen und informieren. Keine Regierung und keine Gesetze können Menschen helfen, zu sich selbst zu finden. Genau bei diesem Prozess unterstützen aber diese vier Informationsquellen; sie bilden im Stillen Charaktere aus, können diese aber auch verfälschen, wenn Geschriebenes ohne Überlegungen übernommen wird. Genau dies ist aber die Problematik: Woher soll man wissen, was richtig und was falsch ist? Tagtäglich berieseln uns die Medien mit neuen Erkenntnissen der Forschung, aber auch mit Gewalttaten und Kriegsberichten. Viele Menschen können diese Informationen aber nicht verarbeiten und übernehmen die Meinungen, die ihnen vorgetragen werden. Oft hört man von einer Verrohung der Jugend und deren Sitten. Maßgeblich für das Verhalten sind aber deren Erzieher, die ihnen auf ihrem Weg zum Erwachsensein entweder keine Hilfe leisten, schlechte Vorbilder sind oder die Erziehung dem Fernsehen oder Computer überlassen. Von früh auf wird Kindern eingetrichtert, sie müssen sich selbst in dieser gefühlskalten Welt in den Mittelpunkt stellen, um erfolgreich zu werden. Sie wachsen mit der typischen Ellenbogengesellschaft auf und sehen die Nachteile dieser übertriebenen Selbstverwirklichung nicht. Ein weiterer aktueller Punkt sind die Regeln der Gesellschaft. In Knigge-Kursen und ähnlichen Veranstaltungen kann das weitläufige Publikum vorgegebene Benimmregeln mühelos erlernen und damit seiner Umgebung dieses Verhalten vorführen. Man kann diese Menschen dann auf den ersten Blick nicht mehr voneinander unterscheiden: Wer ist von Natur aus höflich und freundlich, und wer hat es sich nur antrainiert? Die Gesellschaft fordert heute jeden einzelnen, sein Schema, in das er durch Schulabschluss und Freunde gepresst wird, bis an sein Lebensende zu erfüllen. Sein privater Charakter oder seine ursächlichen Interessen bleiben dabei auf der Strecke; was zählt ist der Schein. Wahre Freunde gibt es in der heutigen Welt wahrlich nur noch wenige, denn sie zu durchschauen und zu ihnen Vertrauen zu finden, bedarf eines langen Zeitraumes. Wenn Freundschaften eingegangen werden, dann meist im Kindesalter, wo Umgangsformen und Wissenschaft nur eine nichtige Rolle spielen. Die Kinder handeln noch mit dem Herzen, ohne ihren Verstand allzusehr zu benutzen. Vielleicht halten gerade diese Freundschaften ein ganzes Leben, weil sie auf einer soliden Basis, der Ehrlichkeit, aufgebaut sind. In oberflächlichen Freundschaften kommt die Aufgesetztheit meist in entscheidenden Situationen zum Vorschein, denn gerade in Notfällen zeigen diese untreuen Weggefährten ihr wahres Ich und lassen einen im Stich. Enttäuschungen sind die Folge.
In dieser Einschätzung werden die Enttäuschungen der jungen Autorin Hoffmann deutlich, die ihre Erfahrungen offensichtlich aus ihrer eigenen Kindheit und Jugendzeit schöpft und sie mit den späteren einer schon Erwachsenen vergleicht. Rousseau habe mit seiner Preisschrift die Problematik schon der damaligen Gesellschaft richtig erkannt. Später habe diese Problematik immer mehr an Gültigkeit gewonnen und, so stellt die Autorin fest, dieser Prozess wird im heutigen Zeitalter der totalen Industrialisierung, Automatisierung (und Digitalisierung) tagtäglich aktueller werden. Auf der Suche nach immer aufregenderen Abenteuern und exotischeren Veranstaltungen werden die zwischenmenschlichen Beziehungen immer mehr zweitrangig. Sie werden meist häufig nur noch per Email oder Telefon gepflegt, der körperlich nahe Kontakt gerät zur Ausnahme. Bild- und Mobiltelefone tun ihr Übriges, um den Menschen das hohe Gut der Freundschaft oder gar Liebe zu entfremden.
Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ kann man getrost einen Klassiker der Literaturgeschichte nennen. Sein Thema, die Liebe, wird immer aktuell und hoffentlich nicht vergänglich sein. Obwohl die Naturbetrachtungen Werthers sehr langwierig und mitunter schleppend sind, ist das Buch eine interessante Lektüre für Jung und Alt, und die Naturbetrachtungen des jungen Werther öffnen die Augen für die Dinge des Alltags, die nur noch selten wahrgenommen werden. Es ist ein Appell an Leidenschaft, Natur, an die Liebe und an das Gefühl, um diese vier Dinge wieder über Anstand und Materialismus zu stellen.
Natürlich übertreibt der Titelheld Werther im Roman mit seinem kläglichen Selbstmord, denn durch seine Jugend hätte er bestimmt in seinem Leben noch mehr Frauen kennengelernt, deren Wesen ebenso liebenswürdig gewesen wäre wie Lotte es war. Auch der Bezug des Buches zu der ersten Preisschrift des Schweizer Philosophen, Schriftstellers und Musikers Jean-Jacques Rousseau ist ein interessanter Aspekt des Romans. Das Buch gewinnt dadurch an Aussage, es scheint fast, als wolle Goethe damit die Botschaft Rousseaus seinem Publikum verkünden und damit zu „Sturm und Drang“ auffordern, um das Leben ohne die starren Regeln der Gesellschaft zügelloser und ausgelassener zu genießen. Goethes Werk „Die Leiden des jungen Werther“ rebelliert mit einer großen Portion Ironie gegen Adelsstand und Falschheit, das tragische Ende des Werther lässt aber auch einige Fragen offen.
Ein weiteres, sehr erhellendes Thema wäre ein Vergleich zwischen dem „Werther“ und Rousseaus „Neuer Heloise“, auf das hier aus Zeitgründen nicht eingegangen werden kann.

Sommerfest am Trusetaler Wasserfall

Ausflug am 31. August 2019

Unser Sommerfest um Goethes Geburtstag führte uns, Erfurter und Geraer Goethefreunde, zum Trusetaler Wasserfall. Wie bei jedem Ausflug erzählte uns Herr Kemter Wissenswertes schon während der Busfahrt über unser Ausflugsziel. Dort hörten wir schon nach wenigen Schritten starkes Wasserrauschen. Der künstliche Wasserfall wurde in seiner jetzigen Form Mitte des 19. Jahrhunderts geschaffen – eine Sehenswürdigkeit für uns ALLE!

Unseren Durst und Hunger stillten wir in der nahegelegenen Gastwirtschaft. Eine Überraschung war der Auftritt der Schauspielerin Anne Seibt, die mit dargestellten Szenen aus der „Legende vom Brautbett“ eine gelungene Abwechslung für uns war. Danach gingen wir nochmals zum Wasserfall, um weiteres Geschichtsträchtiges zu erfahren. Nach dem Abendessen sangen wir Lieder, so vom Rennsteig und überhaupt vom Thüringer Wald. Es war ein wunderschöner Ausflugstag mit viel Natur, frischer Luft und Wissenswertem über unser schönes Thüringen.

Renate Dalgas

Begegnung mit der Antike: Voß, Wieland, Klopstock, Goethe

Vortrag von Prof. Hans-Joachim Kertscher, Halle, am 4. September 2019

Kertscher ging zunächst auf Briefe des Dichters Johann Ludwig Wilhelm Gleim (1719 – 1803) ein. Sie behandelten auch den Umgang mit den Versmaßen, zum Beispiel Hexameter, Jambus, Daktylus. Im Griechischen stellen sie sich relativ einfach dar, im Deutschen wird es schwierig. Man muss Anpassungen versuchen. Über das Wie entstand Streit. Christoph Martin Wieland (1733 – 1813) wurde zur Beschäftigung mit der Antike durch Glucks Oper „Alceste“ angeregt. Er ließ sie in Weimar aufführen. In seinem „Teutschen Merkur“ behandelte er die Figurengestaltung in der antiken Tragödie des Euripides. Gegen diese Antiketümelei wandte sich der Spott Goethes in seiner Satire „Götter, Helden und Wieland“. Selbiger meinte nur lakonisch: „Man muss die Herren ein wenig toben lassen.“ Für seinen „Merkur“ kündigte er übrigens höchst nachsichtig und keineswegs übelwollend Goethes Persiflage zur Veröffentlichung an. Goethe schrieb daraufhin einen Versöhnungsbrief. In Wielands Lehrgedicht „Die Natur der Dinge“ ging es auch um das Verhältnis der Versmaße Alexandriner (sechshebige Jambenzeile, die nach der dritten Hebung, also der sechsten Silbe, eine Zäsur hat – Einschnitt, Sprechpause – und mit einem Auftakt beginnt) und Hexameter. Goethe bevorzugte den Hexameter, wovon seine Werke „Hermann und Dorothea“ und „Reineke Fuchs“ zeugen. Ein Hexameter besteht aus sechs Daktylen, deren letzter um eine Silbe verkürzt ist; der Vers wird durch eine Zäsur, die an verschiedenen Stellen der Versmitte eintreten kann, gegliedert. Daktylus: ein aus einem langen bzw. betonten und zwei kurzen bzw. unbetonten Teilen bestehender Versfuß. Goethe ging es um einen direkten Zugang zur Antike, befreit von der Patina vergangener Jahrhunderte.
Auch Johann Heinrich Voß (1751 – 1826) übte sich auf diesem Gebiet. Er begann mit seinen Übersetzungsarbeiten aus dem Griechischen mit Gedichten für den Göttinger „Musenalmanach“. Er beschäftigte sich mit den antiken Versmaßen und deren Übertragung ins Deutsche. So übertrug er den 14. Gesang der „Odyssee“, schickte den Text zu Wieland zum Druck im „Merkur“. Dies bedeutete auch eine Abkehr von Klopstock, mit dem ein Streit entbrannte, denn es gab unterschiedliche Positionen zu den Versmaßen und zur Möglichkeit von Übersetzungen. Friedrich Gottlieb Klopstock (1733 – 1813) favorisierte „geschmeidige Abfassungen“. Voß hingegen wollte die deutsche Sprache in ihrer Neufassung dem Griechischen anpassen. Dagegen meinte Klopstock, die deutsche Sprache sei schon so ausgereift, dass Eingriffe nicht nötig seien. Beide kündigten sich ihre Freundschaft auf.
Voß schwärmte von den Hexametern in der „Ilias“ gegenüber Wieland. Immer wieder bemühte er sich, der Lebendigkeit der griechischen Sprache im Deutschen so nahe wie möglich zu kommen. „Die erste Pflicht sei Genauigkeit“. Auch heute noch sind Voß‘ Übertragungen gültig.
Im Juni 1794 gab es in Weimar ein großes Dichtertreffen, an dem auch Voß teilnahm. Wieland bemühte sich darum, Voß zu vermitteln, wonach Goethe bei all seiner Steifheit doch ein guter Gesprächspartner sei. Voß hatte nämlich seine Vorurteile: Goethe sei sehr steif und hochmütig. Doch er ließ sich überzeugen: „So werde ich den Kauz wohl kennenlernen.“ Es gab zwischen ihnen ein längeres Gespräch. Anwesend waren Heinrich Christian Boie (1744 – 1806) und Johann Gottfried Herder (1744 – 1803). Schiller fehlte, zeigte sich aber von Voß‘ Übersetzung der „Ilias“ beeindruckt. Voß las aus der „Odyssee“. Goethe äußerte sein Wohlwollen, meinte aber, der Text sei mehr fürs Ohr als für das Auge geeignet. Voß legte seine anfänglichen Vorurteile über Goethe ab, zeigte sich merkwürdigerweise letztendlich doch enttäuscht: „Meinen Homer hat er nicht gut aufgenommen.“ Andererseits und immerhin: „Wieland las mit mir einige Hexameter.“
Für Wieland war bei der Verdeutschung stets der Geist, der aus dem Text sprach, wichtig. Voß suchte nach Wielands Meinung den Geist zu sehr und akribisch in der Form, er tue damit dem deutschen Geschmack Gewalt an. Damit offenbarte Wieland ein recht ambivalentes Verhältnis zu Voß‘ Bemühen. Den Geist müsse man erfassen, weniger die Sprache. Trotz allem zeigten ihm (Voß) die großen Weimarischen Geister doch ihr Wohlwollen. So trug Goethe während seiner „Freitagsgespräche“ einige Verse aus der „Ilias“ vor: offenbarte rühmliches Anerkennen des Übersetzers.
Voß wandte sich dann allmählich vom Hexameter ab, darüber zeigte sich Goethe erstaunt, er hätte gern noch von ihm gelernt. So wurden Voß, aber auch Wieland in den „Xenien“ Goethes und Schillers nicht verspottet wie andere Dichter. Goethe zollte den Gedichten von Voß in der „Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung“ höchstes Lob, er habe durch seine Übersetzungen der deutschen Sprache zu wahren Wohllauten verholfen. Allerdings ärgert sich Goethe, dass Voß nach Heidelberg ging, Goethe hätte ihn gern für seine eigene Tätigkeit vereinnahmt. Versöhnlich äußerte er sich zuletzt während eines Spaziergangs in Jena. Er zeigte Eckermann ein Haus: „Hier hat Voß gewohnt.“ Es ist heute nicht mehr vorhanden.
Wieland löste sich von schwärmerischen religiösen Attitüden, er arbeitete nun an seinem „Agathon“ und an „Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva“. Klopstock äußerte hingegen im Werk „Von der heiligen Poesie“, dass die Poesie vor den Richterstuhl der Religion gestellt werden müsse, was ja in seinem „Messias“ offensichtlich der Fall war. Dies war sein Credo. Von solchen Vorstellungen hatte sich Wieland verabschiedet. Von daher kam Kritik am ironisch-besonnenen, aber auch frivolen Stil Wielands von den Dichtern des „Göttinger Hains“ (Uz, Bürger, Hölty, Voß). Die Hain-Dichter schwärmten für Klopstock. Während einer Geburtstagsfeier für Klopstock verbrannten sie einige Werke Wielands und sein Bildnis. Diesen Vorgang schildert Voß. Hierzu muss man bemerken, dass sowohl Klopstock als auch Wieland zur damaligen Zeit im Zenit ihres Ruhmes standen. Beide waren vom Pietismus beeinflusst, ohne in religiöse Schwärmerei zu geraten. So hatten beide auch Beziehungen zu Halle, insbesonders zu einem dortigen Verleger. Dieser nutzte jede Gelegenheit, um Klopstock und Wieland gegeneinander auszuspielen.
Ein Weiteres trat hinzu. Deutschlands „Literaturpapst“ Johann Christoph Gottsched (1700 – 1766) setzte sich stark für den Versmaß des Alexandriners ein. Dieser sechshebige Jambus sei die moderne Versform. Dagegen opponierten die berühmten Schweizer Literaten Bodmer und Breitinger, aber auch Gleim und die jungen Dichter des „Göttinger Hains“. Sie entdeckten für sich den griechischen antiken Dichter Anakreon als Vorbild. Sie meinten: Zur Poesie gehöre eben die Vervollkommnung, die Perfektionabilität. Daher seien gewisse Muster notwendig. Die Authentizität der Übertragung vom Griechischen ins Deutsche sei somit erstrebenswert. Die wörtliche Wiedergabe wird abgelehnt, der moralisierenden Adaption der Vorzug gegeben.

Ausflug nach Nordhalben

Tagesausflug nach Norrdhalben am 11. Mai 2019

Dicke Regenwolken begleiteten uns bei diesem ansonsten wunderschönen Ausflug. Unsere gute Stimmung ließen wir uns dennoch nicht vermiesen.

Mit dem Bus der Firma Schröder starteten wir pünktlich am Geraer Busbahnhof Bus in Richtung Mauthaus im Rodachtal und trafen dort auf die Mitglieder des Literaturvereins Kulmbach. Friederike und Klaus Köster, Mitglieder des Vereins, hatten ein interessantes Programm vorbereitet.

Unser erstes Ziel war die Talsperre Ködeltal, die weite Teile Ober- und Mittelfrankens mit Trinkwasser versorgt. Sie ist die größte Trinkwassertalsperre Bayerns. Ein imposanter Blick bot sich von der Brücke hinunter auf die Talsperre und auf die sie umgebende Landschaft. Wie bestellt, ließ auch der Regen etwas nach und einige Ausflügler unternahmen einen Spaziergang auf einem Teil des Weges, der rund um die Talsperre verläuft.

Rechts und links der Straße zur Talsperre ist die Fläche naturbelassen. Viele bekannte Blumen und Kräuter sahen wir am Straßenrand. So u.a. Margeriten, Gänseblümchen, Wegerich, Frauenmantel, Veilchen, und auch wildwachsende Orchideen glaubte ich erkannt zu haben.

Von der Talsperre ging die Fahrt weiter zum Weiler Regberg. Klaus Köstner zeigte uns sein Vaterhaus und erzählte die zu Herzen gehende Geschichte seiner Kinder- und Jugendzeit.

Zur festgelegten Zeit brachte uns der Bus nach Nordhalben. Leider machte uns der Regen ein Strich durch die vorgesehene Stadtbesichtigung. Klaus Köstner führte uns in die Kirche, in der er uns mit der Geschichte des Ortes Nordhalben vertraut machte. So ließ er uns u.a. wissen, dass Nordhalben einstmals so um die 3000 Einwohner hatte, zurzeit sollen nur noch ungefähr 1700 Bürger in diesem Ort wohnen.

Nach den Ausführungen zur Stadtgeschichte besichtigten wir das Klöppel- und Historische Museum. Besonders die Frauen der Reisegruppe waren total begeistert von den geklöppelten Spitzen, von denen einzelne Schmuckstücke auch aus Silber- und Kupferdraht hergestellt worden waren. Natürlich kauften einige Frauen die geklöppelten Kunstwerke, ich auch.

Die Betrachtung der Ausstellungsgegenstände, sowie der schriftlich festgehaltene Rückblick in die Zeit verriet interessante Details, so u.a. auch, dass bereits im 16. Jahrhundert im Erzgebirge geklöppelt wurde. Die gesamte Entwicklungsgeschichte des Klöppelns ist sehr interessant. Der Besuch des Klöppelmuseums in Nordhalben und auch des Historischen Museums war ein beeindruckendes Erlebnis.

Im Gasthof „Harmonie“, in dem wir Kaffee tranken und Kuchen aßen, vermittelte das Wirtshaus Ehepaar eine angenehme Atmosphäre. Für jeden einen Kuchenteller mit vier sehr großen Kuchenstückchen sowie Kaffee oder Tee sponserten uns die Kulmbacher Literaturfreunde. Bei angeregten Gesprächen ging auch diese „Kaffeezeit“ viel zu schnell vorbei

In der Gaststätte „Mauthaus“ klang der ereignisreiche Tag aus. Hier aßen wir zu Abend a´ la carte. Nach dem Essen erfreute uns die Sängerin Silvia Wachter mit mehreren auch uns bekannten Liedern. Das Rennsteiglied stand auch in ihrem Repertoire. Soweit Text und Melodie der musikalischen Beiträge uns bekannt waren, sangen wir kräftig mit..

Leider neigte sich dieser Tag viel zu schnell seinem Ende zu. Gegen 19.00 Uhr traten wir die Heimreise an und erreichten ohne Stau unseren Heimatort Gera.

Dem Ehepaar Köstner und auch den anderen Organisatoren sage ich herzlichst „Danke“.

Vera Richter