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Goethes Eroticon

Vortrag von Jens-Fietje Dwars, Jena, am 6. Mai 2026

Der Referent zitierte zunächst Goethes „Heidenröslein“. Es handelt sich hierbei tatsächlich um eine Vergewaltigung. Kritiker sprachen von Vergewaltigung im Trällerton eines Volksliedes. Ein weiteres Beispiel stellt das Gedicht „Das Schreien“ 1767 dar: „Einst ging ich meinem Mädchen nach/ Tief in den Wald hinein…“ Sie droht zu schreien, doch dann lispelt sie: „… Geliebter, still,/ dass dich ja niemand hört“. Auch weitere Gedichte jener Zeit widmen sich der Erotik, so in den Sesenheimer Liedern, zum Beispiel: „Es schlug mein Herz …“ Im Dickicht des Waldes irrt der Dichter wie im Dickicht seiner Triebe. Er brennt in Leidenschaft. Dabei tragen „Willkommen und Abschied“ ursprünglich einen völlig anderen Bezug: Ein „Willkommen“ erlebte der ankommende Häftling im Zuchthaus mittels Peitschenhieben und ebenso beim „Abschied“. Dies geschah vor allem bei sexuellen Delikten.
Was wäre, wenn aus einem solchen Delikt heraus ein Kind entstanden wäre? Da gab es den Fall der Margarethe Brandt, Mörderin ihres unehelich geborenen Kindes. Sie war vom Knecht eines Durchreisenden geschwängert worden. Goethe hat dies selbst als Rechtspraktikant erlebt und in der Gretchentragödie verarbeitet. Schon im „Urfaust“ findet sich der berühmte Gretchenmonolog. Goethe bringt das Erwachen weiblicher Liebe an den Tag. Dies ist durchaus etwas Neues/Revolutionäres. “Meine Ruh ist hin,/ Mein Herz ist schwer … Und küssen ihn,/ So wie ich wollt,/An seinen Küssen/Vergehen sollt.“
Diesen Monolog übernimmt Goethe in den Faust I.
Goethe galt zwar als Fürst der Dichter, nichts durfte bei ihm Anstoß erregen. Großherzogin Sophie ließ zu ihren Lebzeiten gewisse Texte nicht zu, auch Goethe strich manches. Auch strich man noch in den 1980-er Jahren in der berühmten Hamburger Ausgabe die Walpurgisnacht, versah einige Stellen mit Strichen, die Mephisto stottern ließen: „Einst hatt’ ich einen wüsten Traum/ Da sah ich einen gespaltnen Baum / Der hatt’ ein — / So – es war, gefiel mir’s doch.“ Worauf eine muntere Hexe ebenso kryptisch erwiderte: „Ich biete meinen besten Gruß / Dem Ritter mit dem Pferdefuß! / Halt Er einen — bereit, / Wenn Er — nicht scheut.“ In einem kleingedruckten Kommentar heißt es hierzu: „ … Die Handschrift hat ungeheures Loch; groß; rechten Pfropf; das große Loch.“ Dies ist bis ins Obszöne gesteigerte Liebeslust. Hexen und Teufel wirken gleichberechtigt. Teils obszöne Texte hinterließ Goethe in einer Mappe „Erotica“, die Kanzler Müller aufbewahrte. Einem Besucher gewährte er Einblicke. Selbiger merkte sich die Texte, und so wurden sie auch veröffentlicht.
Das Possenstück „Hanswursts Hochzeit“ oder „Der Lauf der Welt“ wurde ebenso wenig in die Hamburger Ausgabe aufgenommen wie das berühmt-berüchtigte Gedicht „Das Tagebuch“, ein Liebesabenteuer. Auf einer Reise geht der Wagen zu Bruch. Man muss ein Zimmer nehmen. Gast und Zimmermädchen finden Gefallen aneinander. Sie entscheidet, ihn zu lieben. Goethe mutete hierbei dem Publikum recht viel zu, verlor jedoch allmählich die Lust weiterzumachen. Immerhin erwies er sich als Genie nicht nur des Erhabenen (Werther), sondern auch des Gassenjargons, selbiges allerdings auf literarischem Niveau.
Eigentlich war der Hanswurst dank Gottsched und Neuberin von der deutschen Bühne vertrieben worden. Goethe holt die Figur wieder zurück. Er verbindet die Tragödie mit der Komödie. So war es auch in der griechischen Antike: Auf Tragödien folgten Satyrspiele, die dem antiken Menschen natürlich auch dessen tierische Natur verdeutlichten.
In Weimar gab es drei Kindsmordsfälle. Goethe schloss sich der Ansicht an, man solle die Todesstrafe verhängen, wie in seinen Amtlichen Schriften ersichtlich. Sein Gretchen lässt er nicht retten. Ihr Verhalten ist geradlinig, sie nimmt die Schuld am Tod des Kindes wie auch der Mutter auf sich. Damit spielt sie den Männerbund Faust/Mephisto an die Wand. Sie steht zu ihrer Tat, bleibt hellsichtig und lässt sich nicht in die Freiheit verführen; nicht noch einmal verführen. In Faust II erscheint sie nochmals als Gretchen. Zurück zur Walpurgisnacht im Faust I. Die Böcke und Ziegen haben sich verlustiert. Es ist eine Massenorgie, und die christliche Messe verkehrt sich in dieser Welt zur Messe des Satans.

Großherzogin Sophie hatte einige der Erotica unterdrückt. Erst nach ihrem Tod erschienen 1910 „Das Tagebuch“ und die Venezianischen Epigramme; gedruckt wurden sie nun endlich aus „wissenschaftlichem Interesse“. Es erschienen ebenfalls die „Römischen Elegien“. Sehr erotisch kommt zum Beispiel die fünfte Elegie daher. Dort heißt es am Schluss: „… Überfällt sie der Schlaf, lieg‘ ich und denke mir viel,/ Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet/ Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,/ Ihr auf dem Rücken gezählt, sie atmete in lieblichem Schlummer …“
Ist dies Pornographie? Nein. Pornographie ist derb, obszön, auf kurzen Genuss aus. Erotik ist das glatte Gegenteil. Sie ist ein wechselseitiges Spiel, ein gegenseitiges sinnliches Bereichern. Schiller streicht, hat die Elegien in seiner Zeitschrift „Die Horen“ veröffentlicht, was Herder zu der Bemerkung veranlasste statt mit O müsste man die Horen jetzt mit U schreiben.
Auch mit den Venezianischen Epigrammen geht es ebenso, sie vermengen sinnenfrohes Heidentum mit der Kritik an der christlichen Lehre, aber auch an den Weltverbesserern. Alle Freiheitsapostel waren Goethe zuwider.
Auch im „West-Östlichen Diwan“ wird das Recht der Frau, Suleika, auf freie Liebesentscheidung offenbar.

Schillers Idee der Freiheit

Vortrag von Hanskarl Kölsch, München, am 1. Oktober 2025

Der Referent zog mehrere Werke Schillers heran, um dessen Idee der Freiheit zu illustrieren. Im Weiteren wird der Gedankengang wiedergegeben – unter Verzicht auf direkte Werkezitate. Zu Beginn bezog sich der Referent auf „Don Carlos“. Marquis Posa bemerkte, dieses, (sein) Jahrhundert sei für sein Ideal nicht reif. Er lebe als Bürger jener Jahrhunderte, die dereinst noch kommen werden. Posa ist der Ansicht, nur Carlos sei in der Lage, die Vision eines freien Staates zu verwirklichen. Posa opfert sich nach Intrigen (Liebe Carlos zu seiner Stiefmutter, der Gemahlin des Königs und Vaters wird ruchbar, Briefaffäre der Prinzessin Eboli) seinem Freund. Posas Ideal ist die Vision Platos: Das Wahre, Schöne und Gute sind Eines. Von der Eigenliebe schreitet der Mensch zur Nächstenliebe und von da zur Liebe zu allen Menschen. Carlos geht in den Kerker. Der Vater, der spanische König Philipp II., ist untröstlich, hat er doch eine natürliche Zuneigung zu seinem Sohn. Er befragt den Großinquisitor, selbiger antwortet: „Geben Sie ihn mir, vor der Kirche gibt es keine Stimme der Natur.“

Auch im „Wallenstein“ wird das Thema Freiheit behandelt. Selbiger will handeln, ohne schuldig zu werden. Doch hat Wallenstein dem Kaiser Treue geschworen. Bedeutsam ist in diesem Sinne der Monolog im dritten Akt. Wallenstein kann sich nicht entscheiden, ohne schuldig zu werden. Es gelingt ihm nicht. Somit bleibt er unfrei. Dabei hatte er doch die Möglichkeit, Europa zusammenzuschweißen.

Die Hinrichtung der schottischen Königin Maria Stuart (1542–1587) nach langer englischer Gefangenschaft übernimmt Schiller als Theaterstoff aus dem festen Repertoire des europäischen Dramas. Hier steht Lord Leicester zwischen zwei Frauen. Bedeutsam ist wieder der dritte Akt. Darin treffen sich die beiden Rivalinnen (historisch nicht passiert) Maria und Elisabeth, Königin von England. „Der Thron von England ist von einem Bastard entehrt“, so lautete Marias Vorwurf, womit sie sich selbst das Urteil spricht. Angesichts des bevorstehenden Todes findet sie zu einer vollkommenen Harmonie ihrer Seelenkräfte, zu einem Ausgleich mit der Welt und mit Gott. Dies führt nicht zu einer Unterdrückung ihrer Gefühle, sondern, wie sich bei ihrer letzten Begegnung mit Leicester zeigt, zur Fähigkeit, sie souverän und angemessen zu artikulieren. In diesem Drama wird Maria Stuart – ein schon entseelter Geist – zur schönen Seele der Weimarer Klassik. Sie schwingt sich empor zur ewigen Freiheit. Auch sie verkörpert das Wahre, Schöne und Gute.

Auch die „Jungfrau von Orleans“ erfährt ein dramatisches Schicksal im Namen der Freiheit. Ihr wird geweissagt: Solange du Männerliebe nicht erfährst, wirst du dein Volk retten. Dies ist ihr göttlicher Auftrag. Doch sie erfährt die höchste Freiheit in ihrer Freiheit des Willens. Damit verliert sie jedoch ihren göttlichen Schutz. Doch ihr bleibt die Gewissheit: Nur die Liebe kann alles lösen.

In „Wilhelm Tell“ verkörpert Landvogt Geßler die Idee des Bösen. Er will, dass der Mensch den Menschen vernichtet. In dem Schauspiel geht es um den erfolgreichen Widerstand der drei Schweizer Waldkantone Uri, Schwyz und Unterwalden gegen den Versuch des habsburgischen römisch-deutschen Königs Albrecht, die Kantone seiner Hausmacht einzuverleiben. Die Hauptfigur Wilhelm Tell wird gegen seinen Willen in den politischen Konflikt hineingezogen, als der grausam regierende Landvogt ihn zwingt, auf einen Apfel zu schießen, der achtzig Schritte entfernt auf dem Kopf seines Sohnes liegt. Tell ermordet, nachdem er den Apfel getroffen hat und dennoch gefangen gesetzt wird, den Landvogt und provoziert damit die vorzeitige Ausführung des von einer größeren Verschwörung bereits geplanten Aufstands. Notwehr gegen Gewaltherrschaft ist das eigentliche Thema. Freiheit ist ein Naturrecht, doch nur der Mensch wird womöglich zunächst in Fesseln geboren.

Unsere Mehrtagesfahrt 2025

Mehrtagesfahrt vom 4. bis 7. September 2025

Wir begaben uns wieder einmal auf die Märchenstraße. Erstes Ziel war das Münchhausen-Museum in Bodenwerder. Hier erfuhren wir voiel Interessantes über die Abenteuer des „Lügenbarons“. Holzminden war unser nächster Ort, in dem wir drei Tage verweilen würden. Es lohnte sich! Am Anderen Tag erlebten wir den Rattenfänger in Hameln, eine kleine Stadtbesichtigung und vor allem eine wunderschöne Schifffahrt auf der Weser. Auch wurde die Hämelschenburg (Weser-Renaissance) besucht. Am Samstag unternahmen wir einen Abstecher nach Eschershausen, wo wir von Bügermeister Friedhelm Bandke und seinem Mitarbeiter Dirk Stapel freundlich empfangen wurden. Unter ihrer Führung besichtigten wir das Wilhelm-Raabe-Haus.

Das Mühlen-Freilichtmuseum in Gieselwerder mit ca, 60 Objekten war unser nächstes Ziel. In liebevoller Kleinarbeit waren auf dem Gelände sehenswerte Objekte, vor allem Mühlen, des Weserlandes aufgebaut worden.

Am Sonntag unternahmen wir noch einen Kurzausflug nach Corvey. Das 1.200 jährige ehemalige Benediktinerkloster Corvey ist seit 2014 Weltkulturerbe der UNESCO. Hier befindet sich das älteste und einzige fast vollständig erhaltene Karolingische Westwerk der Welt, sowie einzigartige archäologische Relikte der Karolingerzeit. Daher ist Corvey von außergewöhnlichem universellem Wert.

Fotos: Joachim Rödel

Sommerausklang

Zugfahrt nach Weimar am Samstag, 18. Oktober 2025: Besuch der Ausstellung zur Entstehung des „Faust“ im Goethe- und Schiller-Archiv, 11 Uhr, Bummel im Zentrum und Mittagessen, 15.30 Uhr Seebach-Forum Konzert mit Liedern von Robert Schumann u.a., Prof. Martin Högner (Klavier) und Bernd Schneider (Tenor). Gesonderte Information wird bereitgestellt.

Schillers Idee der Freiheit – Heute

Vortrag von Hanskarl Kölsch, München, am 1. Oktober 2025

Goethe als Vordenker der Klimakatastrophe

Vortrag von Dr. Manfred Osten, Bonn, am 3. September 2025

Die Wahrheit der Natur war Goethe wichtig. Er erkannte, dass die Natur etwas Hochkomplexes ist. Der Mensch darf in ihre unendlichen Wechselwirkungen nie ungestraft eingreifen. Die Natur duldet keine Späße des Menschen. Wir leben nicht mehr in der Kultur des Sehens, wir leben vor allem in einer digitalen Welt. Aber wir dürfen die Natur nicht nur theoretisch betrachten, das Anschauen ist besonders wichtug.

Goethe hat sich zunächst mit dem Erdreich beschäftigt – im Zusammenhang mit dem Ilmenauer Bergbau. Hinzu kam die Welt der Pflanzen, das Pflanzenreich, das Tierreich und der Mensch. Die Metamorphose von Pflanze und Tier, dies birgt das Geheimnis der Natur, in das wir nicht ungestraft eingreifen dürfen. Der Tod ist der Trick, immer viele Leben zu haben. Lynkeus: zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt. Dem folgen wir leider nicht, wir verharren in Theorien. Aber wenn wir die Welt nicht ansehen, hat die Welt ihr Ansehen verloren.

1774 beschleicht Goethe die Ahnung, dass der Mensch möglicherweise seinen Planeten und sich selbst vernichten könnte. Es ist dies „die Krankheit zum Tode“, wie es sich im „Die Leiden des jungen Werther“ spiegelt. Goethe hat die Natur angeschaut und sie nicht theoretisiert.

Sein Urerlebnis der Apokalypse geschah, als er 1790 mit seinem Herzog nach Schlesien ging, dort militärische Übungen erlebte. Wichtiger war ihm jedoch, den Betrieb der ersten Dampfmaschine auf preußischem Boden zu erleben., die „Feuermaschine von Tarnowitz“. Er wusste nun, das Maschinenzeitalter wird kommen wie ein Gewitter und wird uns brechen. Davon zeugt auch sein Festspiel der Pandora. Prometheus brachte als freundliches Geschenk dem Menschen das Feuer. Es ist mit Schrecken verbunden, denn dank seiner Hilfe folgt nun die Folterung der Erde und die Ausbeutung ihrer fossilen Stoffe. Wir fackeln die fossilen Ressourcen ab, dies in Gestalt von Schmiedegesellen, die Prometheus bei ihrem Treiben beobachtet. Die Priorität fossiler Energieerzeugung ist zum obersten Prinzip der Weltverwertung geworden. Damit geht die grenzenlose Steigerung der Produktion einher. Damit steigt der Konsum, Goethe ahnt die Wegwerf-Gesellschaft vorweg.

Der Mensch bleibt immer Zögling der Elemente und somit auch der (sauberen) Luft. Die fossilen Wälder schufen einst einen Überschuss an Sauerstoff, wodurch wir überhaupt erst leben können. Doch seit dem 20. Jahrhundert schrillen die Alarmglocken. Übermäßige Mengen an frei werdendem Kohlendioxid schädigen das Klima. Jetzt erst, mit 200-jähriger Verspätung, setzt die Menschheit auf Nachhaltigkeit. Rettung ist möglich, wenn wir die Welt entgiften. „Möge die Idee des Reinen in mir immer wichtiger werden“, sagt Goethe. Im „Buch der Parsen“ beschreibt er die notwendige Reinheit der drei Elemente. Goethe behandelt dies als reines Vermächtnis der Menschheit:

„Und nun sei ein heiliges Vermächtnis
Brüderlichem Wollen und Gedächtnis:
Schwerer Dienste tägliche Bewahrung,
Sonst bedarf es keiner Offenbarung.“

Das sei alles, was wir wissen müssen.

Er erkennt, dass der Vorgang der Erdnutzung immer mehr exploitieren müsse, wenn und weil Geschwindigkeit ein Machtvorteil mit sich bringt und Kapital akkumuliert. Franklin: Time is money. Das ist die ungeheure Wirklichkeit. Goethe antizipiert bereits 1825 die Maßlosigkeit der industriellen Gesellschaft. Und er weiß, was dies bedeutet: Keiner kennt sich mehr. Wir leben über unsere Verhältnisse. In allen Bereichen erleben wir Beschleunigung, alles ist ultra. Durch die absolute Rangerhöhung des Kapitals wird der Mensch zum Humankapital.

Faust lebt nach diesen Prinzipien., Mephisto gibt ihm alles und sofort. Die Natur wird als Kapitalressource gratis ausgebeutet. Dafür stehen bei Faust Landgewinnung, Kanalbau, aber auch die Vernichtung der Idylle von Philemon und Baucis. Die Sorge erscheint, Faust kommt das natürliche Atemholen abhanden, er erstickt zu Tode und bereitet sich zur Hölle. Faust bleibt ohne Therapievorstellungen. Anders Lynkeus: Er sieht die Verbrechen. Er hat die Dinge angeschaut, um die Natur in ihrem ursprünglichen Sinne zu verstehen.

Wir müssen Gier, Besitz, Kapital einen neuen Eigentumsbegriff zugrunde legen. Nur durch Mäßigung können wir uns erhalten. Goethe:

„Ich weiß, daß mir nichts angehört
Als der Gedanke, der ungestört
Aus meiner Seele will fließen,
Und jeder günstige Augenblick,
Den mich ein liebendes Geschick
Von Grund aus läßt genießen.

 Jeder Trost ist niederträchtig, Verzweiflung allein ist Pflicht. Es ist die Ungeduld, die uns aus dem Paradies vertrieb. Selbstdisziplinierung wird wichtig in unserer Zeit

Wie eine Schlittenfahrt geht mein Leben. 250 Jahre Goethe in Weimar

Vortrag von Dr. Thomas Frantzke, Leipzig, am 5. März 2025

Am 11. Dezember 1774 treffen sich Karl Ludwig Knebel (1744 – 1834, Lyriker, Übersetzer, sowie „Urfreund“ von Johann Wolfgang Goethe) und Goethe in Frankfurt/M. Erbprinz Carl August und Prinz Constantin befinden sich da gerade auf Reise nach Frankreich. Auch sie finden sich bei Goethe ein. Carl August ist insbesondere von „Götz von Berlichingen“ fasziniert. Sie unterhalten sich jedoch nicht über Literatur, sondern über Justus Mösers Reformschrift „Patriotische Phantasien“. Darin geht es auch um Fürstenerziehung, ganz im Sinne der europäischen Aufklärung.

Allerdings steht Goethe zu dieser Zeit in spöttelnder Gegenerschaft zu Wieland, der ja Prinzenerzieher am Weimarer Hofe war. Christoph Martin Wieland (1733 – 1813) war Dichter, Übersetzer und Herausgeber, einer der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung im deutschen Sprachgebiet und der Älteste des klassischen Viergestirns von Weimar, zu dem neben ihm Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller gezählt werden.

Wieland schrieb, angeregt durch Glucks „Alceste“ (1767), 1773 zusammen mit dem Kapellmeister Anton Schweitzer das Singspiel „Alceste“ in deutscher Sprache. Dem Stürmer und Dränger Goethe missfiel dieses sachte, glatte Rokoko-Spiel, er verfasste in jugendlichem Ungestüm die gewagte Farce „Götter, Helden und Wieland“. Selbiger reagierte weltmännisch, indem er den Druck im „Teutschen Merkur“ anzeigte und Goethes Farce in der Juni-Ausgabe 1774 seiner Zeitschrift als Meisterstück von Persiflage lobte.

Goethe, dem der Wind aus den Segeln genommen war, erhielt durch seine Freunde Karl Ludwig von Knebel und Friedrich Heinrich Jacobi sowie durch Wielands Jugendfreundin Sophie von La Roche Hilfe beim Friedensschluss und schrieb im Dezember 1774 einen Versöhnungsbrief an Wieland. Goethes Wechsel nach Weimar brachte die Annäherung, die in Goethes Spruch vom Juli 1776 gipfelte: „Mit Wieland hab‘ ich göttlich reine Stunden. Das tröstet mich viel.“

Im Mai 1775, als Carl August seine Verlobte in Karlsruhe besuchte, zeigte sich Goethe entzückt von Luise. Und er urteilte: „[Der künftige] Herzog Carl August kam, und er ist mir gut.“ In dieser Situation signalisierte Goethe, sich alsbald mit Wieland zu versöhnen. Während der Hochzeit von Carl August mit Luise lädt der Souverän den Dichter nach Weimar ein. Goethes Vater bleibt skeptisch, er sieht den Sohn „im Fürstendienst“. Am 7. November kommt Goethe in Weimar an. Er wohnt zunächst bei der Familie von Kalb (Sächsischer Hof), es sind die ersten vier Monate. Dann – 1776/77 – zieht er um auf den Burgplatz, schließlich ins Fürstenhaus (Ständehaus), der heutigen Musikhochschule für Musik, in dem Carl August nach dem großen Schlossbrand Quartier nehmen musste. Natürlich bewohnte er auch das Gartenhaus an er Ilm, allerdings nur in der warmen Jahreszeit.

Ende 1775 fehlte dem kleinen Herzogtum der Generalsuperintendent, der Landesbischof. Goethe regte Herder an, seinen ursprünglichen Plan auf Göttingen zu verzichten und nach Weimar zu kommen, „weil es hier einiges zu tun gibt“. Er will Herder, den Jugendfreund aus Straßburgs Tagen, bei sich haben. Allerdings gab es etwa 150 Pfarrer im Land, die sich ebenfalls Chancen auf die Stelle ausrechneten. Vergeblich.

Zwischen Goethe und dem Herzog entwickelte sich bereits in den ersten Wochen eine enge Freundschaft. Ein „wildes Genie-Treiben“ des 18-jährigen Souveräns und seines um acht Jahre älteren Freundes setzte ein, unbekümmert um die prekäre Lage des Herzogtums. Dagegen galt der Gothaer Hof auch in finanzieller Hinsicht als vorbildlich.

Goethe sinnt nicht nur auf literarischen Lorbeer und eigene Werke, er möchte auch eine wesentliche Rolle auf dem „Welttheater“ spielen. Gegenüber seinem Freund Johann Heinrich Merck (1741 – 1791), Darmstädter Herausgeber, Redakteur und Naturforscher, Rezensent, Essayist, Erzählungen, äußert er, seine Lage sei recht vorteilhaft. Seine Hauptkonditionen habe er durchsetzen können: Freiheit für seine Werke und sein „Genügen“ (finanzielles Auskommen).

Das wilde Treiben kommt im Reich und schon gar nicht im Herzogtum selbst nicht gut an. „Mir wird heimlich die Schuld gegeben, dass der Herzog nicht nach ihrer Pfeife [des Hofes] tanzt.“ Die Streiche der beiden schockieren den Hof und die Leute. Beispiele: Peitschenknallen auf dem Weimarer Marktplatz, Einmauern der Tür zur Ausflugswohnung der Göchhausen, Katze im Butterfass. Trinkgelage sind an der Tagesordnung, weil sich der Herzog „abhärten“ muss. Knebel kritisiert, und Charlotte von Stein meint, Goethe verderbe des Herzogs Charakter. Die Hofetikette scheint außer Kraft gesetzt.

Konflikte gibt es bei den Ernennungen. Man beklagt, dass die Beförderungen ausschließlich Leuten – wie dem jungen Sprössling von Kalb – zugute kommen, die nur der Unterhaltung dienen. Dieser Konflikt entzündet sich insbesondere bei der Wahl zum Geheimen Consilium, dem Geheimen Rat. Dieses Conseil war das höchste politische und gerichtliche Gremium im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach der Frühen Neuzeit. Es unterstand direkt dem Herzog und war die zentrale Behörde des Herzogtums, die allen sonstigen Behörden sowie auch der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek vorstand. In diesem Gremium wurden nicht nur alle wichtigen politischen Entscheidungen im Staat getroffen, sondern auch Beschlüsse gefasst, die zur Hinrichtung bei Kapitalverbrechen führten.

Das Conseil bestand zu jener Zeit aus drei Männern: dem Herzog selbst, Christian Friedrich Schnauß (1722–1797), Beamter und Politiker und Jakob Friedrich von Fritsch (1731–1814), sächsischer Staatsmann. Nun sollte noch Goethe hinzukommen. Dagegen gab es große Vorbehalte. Fritsch wollte sogar seine Demission einreichen, falls Goethe Aufnahme finden würde. Dem widersetzte sich der Herzog. Klopstock ermahnte Goethe, was selbiger sich verbat.

Doch Goethe wandelte sich. Er bemühte sich um ein gutes Verhältnis zu Fritsch, übernahm vielfältige Verwaltungsaufgaben wie den Ilmenauer Bergbau, die Jenaer Universität, Kriegs- und Wegewesen. Er will für das Gemeinwohl, für den Herzog Gutes bewirken, 1782 wird er geadelt.

Die Herzoginmutter Anna Amalia hilft, Fritsch wird ihr vertrautester Berater. Er habe einen falschen Eindruck, ihr Sohn sei von Ehrenmännern umgeben: „Suchen Sie ihn [Goethe] kennenzulernen.“ Fritsch bleibt Anna Amalia zuliebe und um für das Land positiv wirken zu können. Goethe verhält sich devot zu Fritsch. Er bemüht sich um Reformen, verkleinert beispielsweise das Heer von 600 auf 300 Soldaten. Dennoch sind die Widerstände enorm, so dass Goethe gegen 1785 resigniert. Sinngemäß meint er: Wer sich mit der Administration abgibt, ohne ihr Herr zu sein, ist ein Schelm, ein Narr …

Der Herzog bleibt ihm freundschaftlich verbunden. Und auch sonst festigt sich allmählich seine Stellung im Land an der Ilm. Charlotte von Stein wird seine große Liebe. Freunde stellen sich ein, Herder ohnehin, den er ja nach Weimar geholt hatte. Es entwickeln sich Freundschaften zu Wieland (später abkühlend), Knebel, zum Kreis um Anna Amalia, zu Einsiedel, zum Hoffräulein von Göchhausen (die den „Urfaust“ abschreibt und somit überliefert). An Charlottte schreibt er, wie lieb ihm das Land inzwischen geworden ist. „Es kamen mir Tränen in die Augen“.

Goethe, der ist mein Mann

Vortrag von Steffi Böttger, Leipzig, am 11. Februar 2025

Friedrich Gottlieb Klopstock (* 2. Juli 1724 in Quedlinburg; † 14. März 1803 in Hamburg) war ein deutscher Dichter. Er gilt als wichtiger Vertreter der Empfindsamkeit. Heute wird er kaum verstanden, wenig gelesen. Sehr zu Unrecht, wie die Referentin deutlich werden ließ. Immerhin gehörte er im 19. Jahrhundert zu den erfolgreichsten Schriftstllern. Auf der anderen Seite gilt ungeachtet Lessings Urteil: Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.

Die Verlegenheit ist mit Händen zu greifen.

Geboren in einer wohlhabenden Familie, 17 Geschwister, in Quedlinburg, erfolgte ein sozialer Abstieg. Dennoch kam der 15-Jährige zu weiterer ausbildung an die Fürstenschule Pforta. Schon dort begann er zu dichten, das waren vor allem Heldengedichte im klassischen Versmaß des Hexameter. Er wollte Homer der Deutschen sein. Er ordnete alles diesem Ziel unter, brach wohl auch deshalb sein Theologiestudium ab. In der wöchentliche Zeitschrift Neue Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes – den „Bremer Beiträgen“ – erschienen die ersten drei Gesänge seines berühmtesten Werkes, des „Messias“, nach einer Prosafassung nun in Hexametern. Sie lösten leidenschaftliche Diskussionen aus. Diese Verse bekamen auch der anakreontische Dichter Friedrich Hagedorn sowie der Schweizer Philologe Johann Jakob Bodmer in Zürch zu Gesicht. Letzterer verwendete sie als „Waffe“ gegen den der Aufklärung verpflichteten „Literaturpapst“ Johann Christoph Gottsched in Leipzig. Somit richtete sich die Kirtik vor allem gegen die Überbetonung des Verstandes in der Dichtung. Briefe wurden gewechselt, es setzte eine redaktionelle Arbeit ein, die zudem tiefe Eingriffe nach sich zog, was sich ein heutiger Autor nie gefallen lassen würde. Zusehends mehrten sich auch kritische Stimmen. Bei alldem wurde der „Messias“ immer bekannter. Vier Drucke entstanden innerhalb von vier Jahren und dies bei einem noch nicht einmal vollendeten Versepos eines gerade einmal 24-Jährigen. In der Endfassung kam der „Messias“ auf rund 20 000 Verse.

Klopstock verliebte sich in die 17-jährige Maria Sophia Schmidt. Die junge Dame sandte jedoch widersprüchliche Signale aus, letztlich fand sie keinen Gefallen an dem mittellosen Studienabbrecher. Klopstock begann wegen seiner Liebe – sie allegorisierendend als Daphne (Nymphe, in die sich Apollo verliebte), Laura (Figur bei Petrarca), Fanny – ein unwürdiges Geschacher mit Gott. Er habe ein Recht auf ihre Liebe, forderte verwegen „seine Fanny“ als Gottesgeschenk: „Gib sie mir, die du erschufst“. Andererseits verpflichtete er sich zu leidenschaftlicher Huldigung des Allerhöchsten. Ein Geschenk, ein Geschäft? Klopstock Er schrieb auch die Ode: „An Fanny“.

In Goethes „Werther“ taucht der Name Klopstock ebenfalls auf. Es ist der Moment, in dem Werther sich in Lotte verliebt. Sie sagt „Klopstock“, da sie das während einer ländlichen Lustbarkeit aufziehende Gewitter an Klopstocks Ode „Die Frühlingsfeier“ erinnert. Diese Ode verknüpft Realität mit Phantasie; dies ist neu und bezeugt Klopstock als Dichter der Empfindsamkeit. Allerdings ist es auch riskant, die eigenen Liebeserlebnisse öffentlich zu machen. Und: Gegen die Kaprizen einer 17-Jährigen sind sogar der Allmacht Gottes Grenzen gesetzt.

Finanzielle Probleme bleiben nicht aus. So schreibt Klopstock an seinen Gönner Bodmer mit der Bitte um Versorgung; dies auch, um seinen „Messias“ vollenden und möglicherweise sogar Fannys Hand gewinnen zu können. Er reist 1750 nach Zürich. Bodmer bemüht sich und agiert sogar – erfolglos – als Heiratsvermittler. Sein Brief an Fanny kommt jedoch nicht an, ihr Bruder hält das Schreiben zurück, da ihm die ganze Lächerlichkeit der Affäre bewusst ist. Klopstock benötigt jedoch eine besoldete Stelle. So folgt er acht Monate später dem Ruf Friedrich V. an den dänischen Hof. Er nimmt sich viel Zeit, besucht auf seinem Weg nach Kopenhagen seine Mutter in Quedlinburg, seine Fanny in Langensalza und Freunde in Hamburg. Hier lernt er Margareta Moller, seine Meta, eine junge, hübsche und sehr gebildete Frau kennen. Sie wechseln empfindsame Briefe.

In Kopenhagen konnte er sein Werk vollenden. Friedrich gewährte ihm eine Lebensrente von jährlich 400 (später 800) Talern. Drei Jahre blieb der Dichter in Dänemark, ohne größeren Verpflichtungen folgen zu müssen.

1754 konnte er seine Meta heiraten. Sie wurde seine Mitarbeiterin, Korrektorin und Kritikerin. Die 600 Taler reichten freilich für die Haushaltsführung nicht aus. Die aus begüterter Familie stammende Meta fügte sich jedoch klaglos. Die Ehe verlief glücklich. Meta starb jedoch schon am 28. November 1758 bei einer Totgeburt. Ihr Verlust bedeutete für ihn eine nie heilende Wunde. Dreißig Jahre hindurch konnte Klopstock sie nicht vergessen und besang sie in seinen Elegien, zum Beispiel in „Das Wiedersehen“. Erst im hohen Alter (1791) heiratete er die Hamburgerin Johanna Elisabeth Dimpfel verw. von Winthem (1747–1821), welche eine Nichte von Meta Moller war. Seine Liebesgedicht an Meta wie „Das Rosenband“ wurden jedoch oft verkannt.

Politische Gedichte waren zwar an den dänischen König Friedrich V. gerichtet, waren aber eigentlich an den preußischen Souverän Friedrich II. gerichtet, dessen Kriege der Dichter allerdings verurteilte.

Neben dem Messias, der endlich 1773 vollständig erschien, schrieb Klopstock Dramen, darunter „Die Hermanns Schlacht“ (1769). Er wandte sich dann nach Hamburg. Hier gründete er eine Lesegesellschaft zur Verbreitung deutscher Literatur. Diesem Kreis gehördeten auch Damen an, um anstößiger Literatur vorzubeugen. Es erschien der Band „Ode“, in einer Prachtausgabe und einem billigerem Exemplar. Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Im Dichterkreis „Göttinger Hain“ (Voß, die Stolbergs, Bürger) wurde Klopstock hoch verehrt: „Der Bund ist heilig“, während man Wielands Werke und dessen Porträt verbrannte.

Klopstocks aufgeklärte Utopie „Die deutsche Gelehrtenrepublik“ (1774) ist ein Konzept, das für die als regierungsunfähig angesehene Fürstenherrschaft eine gebildete Elite in die Macht einsetzt. Die Republik soll von „Aldermännern“, „Zünften“ und „dem Volke“ regiert werden, wobei den ersteren – als den gelehrtesten – die größten Befugnisse zukommen sollte, Zünften und Volk entsprechend weniger. Der „Pöbel“ hingegen bekäme höchstens einen „Schreier“ auf dem Landtage, denn Klopstock traute dem Volk keine Volkssouveränität zu. Bildung ist in dieser Republik das höchste Gut und qualifiziert ihren Träger zu höheren Ämtern. Entsprechend dem gelehrsamen Umgang geht es in dieser Republik äußerst pazifistisch zu: Als Strafen zwischen den Gelehrten veranschlagt Klopstock Naserümpfen, Hohngelächter und Stirnrunzeln.

Klopstock begrüßte begeistert die Französische Revolution, blieb ihr auch in der Jakobiner-Schreckensherrschaft 1793/94 treu. Nur gegenüber Herder räumte er dies als großen Fehler ein.

Klopstock setzte sich als einer der ersten für Autorenrechte ein. Er versandte Ankündigungen seiner Werke, ließ im Selbstverlag drucken. Die Buchhändler/Verleger seien nur darauf aus, sich „am Autorenhirn zu mästen, während der Autor von Brosamen vom Tisch der Reichen leben muss“. Er kam auf immerhin 3480 Subskribenten, bei einer Auflage von 3655 Stück. Aus seiner Geburtststadt Quedlinburg ging indes keine einzige Bestellung ein.

1776 zog er auf Einladung Markgraf Karl Friedrichs von Baden vorübergehend nach Karlsruhe. Doch die steife Hofetikette misshagte ihm, daher zog er wieder nach Hamburg. 1797 erschien bei Göschen/Leipzig die Gesamtausgabe seiner Werke.

Nach seinem Tod am 14. März 1803 im Alter von 78 Jahren wurde er am 22. März 1803 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung neben Meta auf dem Friedhof der Christianskirche in Hamburg-Ottensen beigesetzt. An der Begräbnisfeier sollen ca. 50 000 Menschen teilgenommen haben. In den „Xenien“ feiert Goethe den Dichter: „Klopstock, der ist mein Mann, der in neue Phrasen gestoßen,/Was er im höllischen Pfuhl Hohes und Großes vernahm.”

Der gedichtete Himmel – eine Geschichte der Romantik

Vortrag von Prof. Dr. Matuschek, Jena

Die Romantik war ein wahrer Innovationsschub in der europäischen Literatur. Prof. Matuschek führte hierzu als Beispiel Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ an. Es nimmt Bezug auf Platons „Seelenmythos“ in seinem „Phaidos“. Bemerkenswert ist hierbei der Konjuktiv, in den das Agieren der Seele versetzt wird: „… als flöge sie nach Haus“.Der Konjunktiv liefert die Gewissheit, dass für uns die Welt auf Trost und Ruhe hinauslaufen kann.

Das Neue daran: Es sind zwar nur Vorstellungen, dennoch sind sie durchaus wirksam. Menschen leben auch in ihrer Einbildungskraft. Sie fragen sich zum Beispiel: Gibt es ein Schicksal? All diese Fragen können nicht durch unsere Vernunft beantwortet werden. Somit liegt die Romantik zwischen Relität und Vorstellungskraft.

Nach dem Topos der Aufklärung dürfen jedoch Wirklichkeit und Vorstellung nicht miteinander verwechselt werden. Nach ihr gibt es Realisten und Schwärmer. Die Romantik schafft jedoch einen dritten Topos, dass sie nämlich in der Vorstellung lebt und dabei Lebenswirklichkeit wird.. Sie schafft eine Heimat und richtet den Blick in die Unendlichkeit. Die Spannung zwischen Realität und Vorstellung gerät zu einem kontinuierlichen Thema in der Weltwahrnehmung. Es handelt sich um eine religiös geprägte Naturwahrnehmung, die die Natur als Gottheit verehrt. Wir versuchen, das Unendliche zu denken, es uns vorzustellen. Dabei erleiden wir „süßen Schiffbruch“.

Es geht also immer um die ganz großen Fragen. Es entfaltet sich ein großes Sinnbedürfnis, das empirisch nicht zu befriedigen, noch rational zu überprüfen ist. Somit gerät der Mensch in „metaphysische Obdachlosigkeit“. Die Romantik will genau diese Obdachlosigkeit aufheben. Die natürliche Religiosität kennt dabei keinen Fanatismus wie in anderen Religionen, wo deren fundamentalistsche Protagonisten genau zu wissen meinen, was Gott verlangt.

Die Romantik gestaltet die Wirklichkeit anders. Sie erfasst ebenso das Wunderbare. Das Wunderbare wird dabei nicht hinterfragt, es ist selbstverständlich da.

Goethe erwies sich als wichtiger Anreger der europäischen Romantik. Sein „Erlkönig“ gehört ebenso hierher. Ein weiteres wichtiges Beispiel romantischen Gedankenguts ist E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. Der Junge Nathanel verbindet das Erscheinen eines alten Mannes stets mit der Forderung, er müsse ins Bett, da der Sandmann erscheine. Er fragt nun, wer der Sandmann sei. Seine Wärterin antwortet ihm, dies sei ein großer Raubvogel, der zu frechen Kindern komme, die nicht ins Bett wollen, und der picke ihnen die Augen aus.

Die literarische Romantik simuliert die Lebenswelt. Man lebt in seinen Vorstellungen. Aber dieses Leben kann mitunter pathologisch sein, wie der „Sandmann“ beweist.

Einher geht auch eine Wiederbelebung des Mittelalters. Walter Scott hat diese Literatur des historischen Romans mitbegründet. Somit sorgte die Romantik für eine Erfolgsgeschichte des Romans. Der Prosaroman kommt ohne Theorie aus, schuf aber auch den Briefroman, in dem erstmals auch unglückliche Liebe gestaltet wird. Friedirch Schlegel meinte, es handele sich um eine Epoche wie in einem Roman. Wieland gebraucht diese Wendung. Abenteuer- und Ritterromane bekommen Konjunktur. Es ist ein Aufbruch ins Neue, das sich aller Fesseln entledigt.

Zu diesen Fesseln gehört Gottscheds Regelwerk. Goethe hat den Verteter des Ancien regime noch in Leipzig besucht. Mit seinem „Werther“ befeuert er die moderne Entwicklung. Ein Beispiel ist ebensso Rousseaus Roman „Die neue Heloise“

In Goethes „Götz von Berlichingen“, selbst im Faust finden sich romantische Bezüge. Es sind auch Grotesken an sich. Dafür steht beispielsweise der verhinderte Selbstmord von Faust. Von der Tat hält ihn der Klang der Osterglocken ab, die Erinnerungen an die Kindheit wachrufen. Er wird nun aber nicht wieder gläubig, sondern sentimental. Von Hexen ist die Rede und vom Teufel (Mephisto). Kein Leser des „Faust“ glaubt an den Teufel. Sein Nihilismus kommt viel farbiger als in der realen Welt daher. Das Erlebnis wird zu „schäumender Gotteslust“ und bestimmt den Fortgang der Handlung. Eine Ästhetisierung und hohe Spiritualität kennzeichnet das Werk. Dazu gehört die schöne Vorstellung, dass das Leben in Gottes Hand sei. Man kann dies als Gewissheit nehmen oder – als Vorstellung.

Ein Wesen voller Geist und Wunder – Adele Schopenhauer

Es gab 2019 eine Ausstellung über sie, lange zuvor, 1975 wurden ihre Tagebücher verfilmt. Sie galt lange als Egomanin, schien vom Schicksal als die Unglückliche verurteilt. Sie kam 1797 in Danzig zur Welt. Ihr Vater verlor bei einem Sturz vom Dach das Leben. Ihre resolute Mutter Johanna zog mit ihr 1806 nach Weimar, während Bruder Arthur des Studiums wegen in Hamburg blieb. Mutter Johanna, die in Weimar recht wohltätig handelte, wollte einmal um ihren Teetisch alle großen Geister Weimars versammeln. Goethe gesellte sich der Runde bei. Amüsiert schrieb er, wie die kleine Adele einmal versuchte, den Rock des Kunsthistorikers Johann Heinrich Meyer anzuzünden.

Goethe wurde als Vaterfigur vereinnahmt. Ihre künstlerische Begabung wird gefördert. Sie zeichnet Blumenbilder, nimmt an der Weimarer Zeichenschule teil. Sie lernte Italienisch, Französisch, Englisch, neben dem Malen und Zeichnen musizierte sie und übte sich an Handarbeiten. Rasch schloss sie Freundschaft mit Ottilie von Pogwisch, der späteren Schwiegertochter Goethes. Mit ihr las sie Werke berühmter Dichter, so von Shakespeare, Calderon, Tasso, Tieck, E.T.A. Hoffmann und anderen. Randornamente entstehen, vor allem aber Scherenschnitte und Arabesken.

Adele Schopenhauers Scherenschnitte, für die sie höchste Anerkennung erhielt, sind bezaubernde Welten, in denen anmutige Gestalten in einem Traum ewiger Schönheit schweben.

Goethe zeigte sich begeistert. Vom bezaubernden Scherenschnitt „Local zu Adelens Zwergenfest“ schrieb er in seinem Tagebuch und verwies damit auf seine Mitarbeit an der figurativen Interpretation seiner Ballade „Hochzeitslied“ (Der Graf und die Zwerge). Balladeninhalt: Der Graf von Eilenburg kehrt nach einem Krieg auf sein Schloss zurück und findet dort dank einer Hochzeitsfeier von Zwergen sein Glück wieder.

1820 tritt Adele in eine neue Lebensphase ein. Die Idylle um „Vater“ Goethe erweist sich als brüchig. Familiäre, gesellschaftliche Probleme treten in den Vordergund. Bruder Arthur entfremdet sich der Familie. Nach dem Wiener Kongress setzen sich die alten Standesunterschiede wieder durch. Die Kluft zwischen Adel und Bürgertum vertieft sich. Das Leben verdüstert sich.

Dennoch: 1817 gründeten Adele Schopenhauer, Ottilie von Pogwisch und Caroline von Egloffstein den „Musenverein“, eine eigene kleine literarische Gesellschaft. Die Freundinnen nannten sich „Adel-Muse“, „Tille-Muse“ und „Muse-Line“. Sie diskutierten ihre Erzählungen, Dramen oder Gedichte, die für gut befundenen Arbeiten wurden gesammelt, aber nicht veröffentlicht. Ein eigenhändiges Manuskript im Nachlass der Familie Frommann enthüllt wahrscheinlich ihre erste bewusste Publikation: das Märchen „Farben und Töne“. Schlag Mitternacht öffnet die glückliche Welt der Elfen ihre Pforten für ein Kind, der Erzähler-Ich der Geschichte, und zeigt ihre phantastische Schönheit und Harmonie. Aber alles mündet in einen Alptraum …

Den erlebte Adele selbst. Die unerfüllte Liebe zu dem Chemiker Gottfried Osann, ihre von dem jungen Studenten Louis Stromeyer nicht erwiderten Gefühle und die soziale Isolation brachten sie an den Rand einer Depression. Sie beschloss daher, Weimar zu verlassen, dies auch aus finanziellen Gründen. Auf der Suche nach einer neuen Wohnung lernte sie 1828 Sibylle Mertens-Schaaffhausen kennen, die ihrem Leben eine jähe Wendung geben sollte. Die Sammlerin, Mäzenin und Musikerin führte in Bonn einen einflussreichen Salon und besaß mehrere Anwesen am Rhein. Sofort entwickelte sich eine innige Freundschaft. So kam es, dass Adele mit ihrer Mutter den Zehnthof in Unkel am Rhein beziehen konnte. Ab 1832 wohnten sie nur noch in Bonn. Die enge Beziehung zum „gütigen Vater“ in Weimar lebte im Briefwechsel fort. Sie durfte ihn um Autographen, und Medaillen bitten und vermittelte Mineralien, Altertümer, Bücher und Radierungen. Goethe: „Möge es unter uns noch lange beym Alten bleiben.“ Auch die vertraute Beziehung zu Ottilie von Goethe dauerte fort. Adele beteiligte sich an deren mehrsprachigen Zeitschrift „‚Chaos“, die aus den Aktivitäten des Musenvereins hervorgegangen war. Adele veröffentlichte ihre Beiträge, auch die zusammen mit Sibylle Mertens-Schaaffhausen verfassten, anonym oder unter dem Namen Viator.

Mit Annette von Droste-Hülshoff trat eine Dritte in den Freundschaftsbund. Ein interessanter Briefwechsel begann.

Dennoch erwies sich das Leben am Rhein als engstirnig und provinziell. Hinzu traten finanzielle Sorgen. Von den ökonomischen Zwängen erdrückt, erbat Mutter Johanna von Großherzog Carl Friedrich und Großherzogin Maria Pawlowna eine Pension, die ihr ermöglichte, nach Weimar zurückzukehren. Sie nahm ihren letzten Wohnsitz in Jena und starb dort 1838.

Adele begann nun zu reisen. Um dies finanzieren zu können, begann sie eine Karriere als Arabeskenmalerin. 1838 sandte sie an ihren Düsseldorfer Freund Immelmann eine außergewöhnliche Umsetzung einer Komposition vomn Wolfgang Maximilian von Goethe, die „Galoppade der Vögel“, die sie in ein ironisches gesellschaftskrtisiches Bild verwandelt hatte.

Mit dem jüngeren Enkel Goethes Wolfgang Maximilian schrieb sie das Drama „Erlinde“. Der Text basiert auf der thüringischen Sage von der Ilm-Nixe. Adele arbeitete zugleich als Literaturkritikerin.1844 erschienen bei Brockhaus die „Haus-, Wald- und Feldmärchen“, wo sie das erste Mal unter ihrem richtigen Namen auftritt. Es ist heute wohl das bekannteste Werk Adele Schopenhauers.

1844 begab sich Adele zu ihrer Freundin Schaaffhausen nach Italien. Die arbeitete dort als Archäologin. Von Genua ging es nach Rom. Noch vor ihrer Abreise hatte Adele dem Brockhaus noch ein weiteres Manuskript geschickt: „Anna. Ein Roman aus der nächsten Vergangenheit“.Dort nimmt sie das von ihr schon behandelte Thema der weiblichen Selbstbestimmung und des Einflusses der historischen Ereignisse auf die individuele Entwicklung wieder auf. Sie war zudem als Auslandskorrespondentin tätig. In Italien verfasste sie auch ihren letzten Roman: „Eine dänische Geschichte“. Auch schrieb sie – eine Innovation – einen Reiseführer über Florenz. Der richtete sich vor allem an reisende Frauen.

Geschwächt von einem Unterleibstumor kehrte sie 1848 zu Sibylle nach Bonn zurück. Sie starb dort 1849.