Goethe Gesellschaft Gera e.V. » Rückblick

Vortrag von Dr. Heidi Ritter

Vortrag von Dr. Heidi Ritter, Halle, am 2. Oktober 2013

Sie war eine bedeutende Saloniere um 1800. „Rahel – ein Buch des Andenkens an ihre Freunde“ wurde von ihrem Mann herausgegeben, und zwar mit ihrem ursprünglichen jüdischen Vornamen.
Sie hieß Antonie Friederike Varnhagen von Ense; doch als sie starb, gab ihr Mann ihr den Vornamen Rahel zurück.
Zwischen 1793 und 1806 machte sie sich mit ihrem Berliner Salon einen Namen. Klein, nicht besonders schön, aber in großer Ausstrahlung entfaltete sie ihre herausragenden intellektuellen Fähigkeiten. Ihr Haus befand sich in der Jägerstraße, nahe des Gendarmenmarktes. Eingeladen wurden Vertreter unterschiedlicher Stände, allerdings mussten sie aus dem Bildungsbereich stammen. Dies waren Bürgerliche und Adlige, Christen und Juden, Militärs und Beamte. Standesgrenzen zu überspringen, war durchaus etwas Außergewöhnliches. Die Frau übernahm die Führung, häufig handelte es sich um jüdische Frauen. Repräsentative Kleidung und Kulinarisches spielten dabei keine Rolle. Es herrschte eine ungezwungene Stimmung.
Weitere bedeutende Salonieren waren Dorothea Veit (Tochter Mendelssohns) und Henriette Herz.
Die Ursprünge gehen auf die adligen Salons in Frankreich zurück. Hohe geistreiche Damen standen ihnen vor. Die Grundidee war immer: ungezwungenes Gespräch. Dies verbindet die Salons in Frankreich mit denen in Preußen. Intimität und Vertrautheit waren hierbei wichtig. 1807 erschien Bertuchs „Apologie des Tees“. Er soll Gesprächskultur befördern. An den Teetischen wird der Faden der Unterhaltung geknüpft.
Warum gelingt es gerade jüdischen Frauen, eine solche Stellung einzunehmen?
Zum einen gilt in der christlichen Familie das Ideal der Hausmutter. Es herrschen patriarchalische Verhältnisse. Es gab zudem einige Konstellationen, die es einzig jüdischen Frauen erlaubten, als Salonieres tätig zu werden. Reiche jüdische Familien gewährten ihren Töchtern eine gute Bildung, die über die Grenzen des Üblichen hinaus ging. In Berlin war die jüdische Welt auch nicht so eng wie anderswo, auch auf Grund aufklärerischer Ideen. Rahel empfindet es als Unglück, dass sie zwischen beiden Welten steht. Ihre jüdische Geburt empfindet sie als Schicksal, das sie nur schwer ertragen kann. Sie fühlt sich von der Gesellschaft ausgeschlossen.
Hannah Arendt schrieb übrigens eine Rahel-Biografie. Graf Finkenstein lernt sie kennen und lieben. Aber die Beziehung scheitert. Dann beginnt eine Beziehung mit dem spanischen Gesandtschaftssekretär, doch Rahel bricht die Beziehung ab. Somit beginnen die Zusammenkünfte im Salon. Hier existiert ein diskriminierungsfreier Raum, Privilegien gelten nicht mehr.
Die Gesellschaftsabende versammeln Größen wie Wilhelm von Humboldt, Prinz Louis Ferdinand von Preußen mit Pauline Wiesel, die er sonst nirgendwo zeigen darf, Dorothea Veit, Clemens Brantano, Chamisso, Fouque. Es gab auch eine erotische Komponente. Die Kunst, das Gespräch zu führen, beherrschte Rahel recht gut. Schleiermacher verfasste sogar eine „Theorie des geselligen Betragens“. Er forderte eine freie Geselligkeit als eines der edelsten Bedürfnisse des menschlichen Geistes. So gaben die Salons ein Modell für freie Öffentlichkeit. Über Politik zu reden, war allerdings verpönt.
Nach 1806 ist die Zeit für Rahels Salons vorbei. An die Stelle der Salons tritt zum Beispiel eine solche Vereinigung wie die „Christlich-deutsche Tischgesellschaft“.
1808 lernt sie Karl August Varnhagen kennen. Es dauert noch sechs Jahre, ehe sie heiraten. Sie muss sich zuvor evangelischtaufen lassen – als Antonie Friederike. In Frankfurt kam es zur Begegnung mit Goethe. Ein Mädchen brachte noch vor dem Aufstehen eine Einladungskarte von Goethe. Für sie war die kurze Frist kaum zu bewältigen. Sie kleidete sich rasch an, und alles verlief recht unglücklich. Ihre Verwirrung war groß, sie reete viel. Es war eine Katastrophe, und sie musste sich gleich wieder entfernen. Dennoch hat sie dieses Datum zu ihrem Feiertag erklärt. Später wurde das Ehepaar noch zweimal in Weimar empfangen. Mitte der 20-er Jahre befindet sich Varnhagen in diplomatischem Dienst. Sie eröffnet zum zweiten Mal einen Salon. Wilhelm von Humboldt, Schleiermacher, Fürst Pückler und Heine zählen zu ihren Gästen. Gespräche über Kunst und Liteatur. Sie stirbt 1833.
Nachruhm: 6000 Briefe mit 300 verschiedenen Korrespondenten sind überliefert. Sie hat auch Tagebuch geführt. Varnhagen hat alles aufgehoben und als „Sammlung Varnhagen“ zusammengetragen. 1977 brachte Edward Gierek, Generalsekretär der PVAP, als Gastgeschenk einen Beethoven-Autographen in die DDR. Es ging in die Bestände der Staatsbibliothek Berlin ein. Bei all dem wurde klar, dass sich noch mehr Handschriften und Nachlässe in Krakow befinden mussten. Sie waren von den Nazis ausgelagert worden. 1983 wurde Varnhagens Werke in der BRD . 1985 erschien ein Band in der DDR, der auf die alte Ausgabe zurück ging.
Rahel: „Was mache ich? Ich lasse das Leben auf mich regnen.“
B. Kemter

„Der Salon der Rahel Varnhagen von Ense“

Vortrag von Dr. Heidi Ritter, Halle, am 2. Oktober 2013

Der Salon der Rahel Varnhagen von Ense, Vortrag von Dr. Heidi Ritter

Sie war eine bedeutende Saloniere um 1800. „Rahel – ein Buch des Andenkens an ihre Freunde“ wurde von ihrem Mann herausgegeben, und zwar mit ihrem ursprünglichen jüdischen Vornamen.
Sie hieß Antonie Friederike Varnhagen von Ense; doch als sie starb, gab ihr Mann ihr den Vornamen Rahel zurück.
Zwischen 1793 und 1806 machte sie sich mit ihrem Berliner Salon einen Namen. Klein, nicht besonders schön, aber in großer Ausstrahlung entfaltete sie ihre herausragenden intellektuellen Fähigkeiten. Ihr Haus befand sich in der Jägerstraße, nahe des Gendarmenmarktes. Begrüßt wurden Vertreter unterschiedlicher Stände, allerdings mussten sie aus dem Bildungsbereich stammen. Dies waren Bürgerliche und Adlige, Christen und Juden, Militärs und Beamte. Standesgrenzen zu überspringen, war durchaus etwas Außergewöhnliches. Die Frau übernahm die Führung, häufig handelte es sich um jüdische Frauen. Repräsentative Kleidung und Kulinarisches spielten dabei keine Rolle. Es herrschte eine ungezwungene Stimmung.
Weitere bedeutende Salonieren waren Dorothea Veit (Tochter Mendelssohns) und Henriette Herz.
Die Ursprünge gehen auf die adligen Salons in Frankreich zurück. Hohe geistreiche Damen standen ihnen vor. Die Grundidee war immer: ungezwungenes Gespräch. Dies verbindet die Salons in Frankreich mit denen in Preußen. Intimität und Vertrautheit waren hierbei wichtig. 1807 erschien Bertuchs „Apologie des Tees“. Er soll Gesprächskultur befördern. An den Teetischen wird der Faden der Unterhaltung geknüpft.
Warum gelingt es gerade jüdischen Frauen, eine solche Stellung einzunehmen?
Zum einen gilt in der christlichen Familie das Ideal der Hausmutter. Es herrschen patriarchalische Verhältnisse. Es gab zudem einige Konstellationen, die es einzig jüdischen Frauen erlaubten, als Salonieres tätig zu werden. Reiche jüdische Familien gewährten ihren Töchtern eine gute Bildung, die über die Grenzen des Üblichen hinaus ging. In Berlin war die jüdische Welt auch nicht so eng wie anderswo, auch auf Grund aufklärerischer Ideen. Rahel empfindet es als Unglück, dass sie zwischen beiden Welten steht. Ihre jüdische Geburt empfindet sie als Schicksal, das sie nur schwer ertragen kann. Sie fühlt sich von der Gesellschaft ausgeschlossen.
Hannah Arendt schrieb übrigens eine Rahel-Biografie. Graf Finkenstein lernt sie kennen und lieben. Aber die Beziehung scheitert. Dann beginnt eine Beziehung mit dem spanischen Gesandtschaftssekretär, doch Rahel bricht die Beziehung ab. Somit beginnen die Zusammenkünfte im Salon. Hier existiert ein diskriminierungsfreier Raum, Privilegien gelten nicht mehr.
Die Gesellschaftsabende versammeln Größen wie Wilhelm von Humboldt, Prinz Louis Ferdinand von Preußen mit Pauline Wiesel, die er sonst nirgendwo zeigen darf, Dorothea Veit, Clemens Brantano, Chamisso, Fouque. Es gab auch eine erotische Komponente. Die Kunst, das Gespräch zu führen, beherrschte Rahel recht gut. Schleiermacher verfasste sogar eine „Theorie des geselligen Betragens“. Er forderte eine freie Geselligkeit als eines der edelsten Bedürfnisse des menschlichen Geistes. So gaben die Salons ein Modell für freie Öffentlichkeit. Über Politik zu reden, war allerdings verpönt.

Nach 1806 ist die Zeit für Rahels Salons vorbei. An die Stelle der Salons tritt zum Beispiel eine solche Vereinigung wie die „Christlich-deutsche Tischgesellschaft“.
1808 lernt sie Karl August Varnhagen kennen. Es dauert noch sechs Jahre, ehe sie heiraten. Sie muss sich zuvor evangelischtaufen lassen – als Antonie Friederike. In Frankfurt kam es zur Begegnung mit Goethe. Ein Mädchen brachte noch vor dem Aufstehen eine Einladungskarte von Goethe. Für sie war die kurze Frist kaum zu bewältigen. Sie kleidete sich rasch an, und alles verlief recht unglücklich. Ihre Verwirrung war groß, sie redete viel. Es war eine Katastrophe, und sie musste sich gleich wieder entfernen. Dennoch hat sie dieses Datum zu ihrem Feiertag erklärt.

Später wurde das Ehepaar noch zweimal in Weimar empfangen. Mitte der 20-er Jahre befindet sich Varnhagen in diplomatischem Dienst. Sie eröffnet zum zweiten Mal einen Salon. Wilhelm von Humboldt, Schleiermacher, Fürst Pückler und Heine zählen zu ihren Gästen. Gespräche über Kunst und Liteatur. Sie stirbt 1833.

Nachruhm: 6000 Briefe mit 300 verschiedenen Korrespondenten sind überliefert. Sie hat auch Tagebuch geführt. Varnhagen hat alles aufgehoben und als „Sammlung Varnhagen“ zusammengetragen. 1977 brachte Edward Gierek, Generalsekretär der PVAP, als Gastgeschenk einen Beethoven-Autographen in die DDR. Es ging in die Bestände der Staatsbibliothek Berlin ein. Bei all dem wurde klar, dass sich noch mehr Handschriften und Nachlässe in Krakow befinden mussten. Sie waren von den Nazis ausgelagert worden. 1983 wurde Varnhagens Werke in der BRD veröffentlicht . 1985 erschien ein Band in der DDR, der auf die alte Ausgabe zurück ging.
Rahel: „Was mache ich? Ich lasse das Leben auf mich regnen.“
B. Kemter

Herbstausflug nach Weißenstadt und zum Waldstein

Einen ereignisreichen Tag verlebten wir am Sonnabend, 21. September 2013, zum Herbstausflug mit dem Kulmbacher Literaturverein. Der Ausflug begann mit einer Meditation in der futuristisch anmutenden Autobahnkirche Himmelkron. Der Bayreuther Jürgen Linhardt berichtete von der Geschichte dieser modernen, wirklich beeindruckenden Kirche. Sie wird jährlich von ca. 100 000 Menschen aufgesucht, nicht nur von Leuten, die sich eine Auszeit von dem alltäglichen Wahnsinn der Autobahn 9 gönnen, sondern auch von ruhebedürftigen Gläubigen der Umgebung. Es handelt sich um ein ökumenisch orientiertes Gotteshaus, und in den Andachtsraum, in den uns Jürgen Linhardt führte, kommen auch Atheisten, Andersgläubige, z. B. Muslime. Jürgen sorgte während der Meditation für einen überaus gelungenen Wechsel von Text- und Musikbeiträgen.
Danach gingen wir Mittag essen in die Franken-Farm.

Nun stand eine Stadtführung in Weißenstadt auf dem Programm. Weißenstadt? Offen gestanden erwarteten wir davon nicht allzuviel. Na ja, das berühmte Scheunenviertel, die gleichermaßen bekannten Keller, der Weißenstädter See … Mehr fiel uns da nicht ein. Um so größer war dann die Überraschung. Zuerst besichtigten wir die evangelische Kirche am Marktplatz. Anschließend führte uns Gerald Kastl in einen Kristallgang in der Kirchenlamitzer Straße, denn schließlich wurde in Weißenstadt zwischen 1400 und 1850 begehrtes Bergkristall – Strählein, der Strahlende – abgebaut. Diese mineralogischen Schönheiten waren natürlich nur für reiche Leute bestimmt. Kaum zu glauben, dass der Bergbau direkt unter den Häusern der Stadt betrieben wurde. Ein Hauptgang durchzieht in südöstlich-nordwestlicher Richtung die gesamte Stadt. Bis in die 50-er Jahre hinein konnte man durch die Gänge laufen. Gut, dass die Eltern oft nicht erfuhren, wo ihre Kinder spielten. Viele Sagen und Legenden ranken sich um die Gänge. So soll es sogar einen unterirdischen See und einen Gang hinüber zum Waldstein gegeben haben. Allerdings regten die Geraer an, dass es am Elternhaus von Karin Minet, der Chefin des Kulmbacher Literaturvereins, auch einen Karin-Minet-Kristallgang geben sollte. Schließlich tragen schon einige Gänge Namen.
Gerald Kastl erläuterte uns die Entstehung des Bergkristalls aus Granit, wenn heißes Magma auf Wasser trifft. Es war sehr spannend, sich durch den teils sehr engen Kristallgang zu zwängen, aber die bergbaulichen Spuren und die gut sichtbaren Quarzgänge wogen alle Mühen auf. Über mehrere Stockwerke wurde damals der Bergbau betrieben. Wir erfuhren noch, dass das Fichtelgebirge neben Teilen Sibiriens und der amerikanischen Appalachen zu den Resten des urzeitlichen Variskischen Gebirges, einem Faltengebirge, gehörte. Es wurde nach dem Lande der Varisker, dem Vogtlande, benannt. Im Fichtelgebirge sind übrigens etwa 80 Prozent aller auf der Erde vorkommenden Gesteinsarten zu finden.

Ein weiterer, sehr willkommener Höhepunkt schloss sich an: der Besuch des kleinen, aber feinen Drogerie- und Destillerie-Museums. Es geht auf die 1864 von Carl Sack gegründete Specereywarenhandlung zurück. Mehrere Generationen und mehrere Kriege überdauerte das Geschäft, bis es schließlich ein frühes Opfer der Globalisierung wurde und Besitzer Willi Sack die Drogerie 1989 schweren Herzens aufgeben musste.
Die Sacks haben nichts weggeworfen, sondern alles aufgehoben. Auf diese Weise entstand eine beeindruckende Sammlung vielfältiger Exponate: von Glasgefäßen für Arzneien und Olitäten, bis hin zum Feldgesangsbuch aus dem Ersten Weltkrieg, einem Büchlein des großen pädagogischen Reformer Comenius, über den Volksempfänger (Goebbels-Schnauze), einem wunderschönen Drogerie-Kaufmannsladen (Puppenstube) bis hin zu Urkunden, Schulranzen und Zeitungsausschnitten. Köstlich in diesem Zusammenhang folgende Story: Mitte der 60-er Jahre musste die schon von Goethe überaus geschätzte Chemische Fabrik von Wolfgang Fickentscher in Marktredwitz einem Supermarkt weichen. Dabei stellte man voller Entsetzen fest, dass der Boden von den chemischen Substanzen, vor allem Quecksilber, total verseucht war. Die Erde musste unter erheblichen finanziellen Kosten entsorgt werden. Mit diesem Thema beschäftigten sich nun Münchener Journalisten. Offensichtlich waren selbige jedoch der Geographie, einschließlich der politischen, nicht sonderlich mächtig. Mit anderen Worten: Sie wussten einfach nicht, wo Marktredwitz lag, und die menschenverachtende Umweltverschmutzung … sie konnte ja nur das Werk eines Unternehmens der DDR gewesen sein. In diesem Falle hätten sie sich natürlich um eine Rechercheerlaubnis bei den sozialistischen Behörden bemühen, ihren Reisepass und Presseausweis vorweisen müssen. Dass dies nicht geschah, lässt vermuten, dass ihr Presseartikel in München am grünen Schreibtisch entstand. Tja, so kann’s gehen, wenn man die Recherche auf die allzu leichte Schulter nimmt. Vermutlich wissen viele Münchener, bayerische Staatsregierung eingeschlossen, heute noch nicht, wo Marktredwitz eigentlich liegt. Und sicherlich entzieht sich auch Weißenstadts Lage ihrer Kenntnis.
Na ja, wir, die Geraer Goethefreunde, kennen uns da nun besser aus, dank unserer Kontakte nach Kulmbach. Und Goethes Spuren im Fichtelgebirge (und in Böhmen) sind wir schon längst gefolgt.

Doch zurück zu dem wunderschönen Tag mit unseren Kulmbacher Freunden.
Denn jetzt kam “der Hammer”: der Besuch der kleinen Destille. Betrieben wird selbige von Gerald Kastl höchstpersönlich, und so kamen die Auskünfte zu diesem Gourmet-Kleinod aus keinem berufenerem Munde. Da lernten wir zunächst den Unterschied zwischen dem Brenner (der reinen Alkohol produziert) und dem Destillateur (der dem Alkohol Ingredienzien zusetzt) kennen. In dieser Destille werden auf ganz handwerkliche Weise typische Fichtelgebirgsschnäpse hergestellt. Neben dem weichen Wasser des Granitgebirges werden traditionell nur Beeren und Kräuter der Region verwendet. Folglich sind Aromen, Farb-, Konservierungsstoffe oder weitere chemische Substanzen passé. Bis zu 32 Kräuter kann ein solcher Schnaps oder Likör enthalten. Die Mengen bleiben begrenzt, man könne nicht davon leben, erläuterte Gerald Kastl. Würde er die Produktion erweitern, hätte dies unweigerlich eine gewisse Industrialisierung zur Folge. Sie sei jedoch keineswegs gewollt. Nach diversen Kostproben sorgten wir an der Registrierkasse für einen nicht unerheblichen Umsatzschub.

Solcherart gestärkt fuhren wir auf den Waldstein. Einige, die den zwar kurzen, aber doch recht steilen Aufstieg auf die Burgruine nicht scheuten, wurden mit einem schönen Blick ins weite Land belohnt. Auf der Bühne des Waldsteins wurde übrigens 2010 und 2011 Bernd Kemters Stück “Der Ketzer” über den Hussiteneinfall 1430 in der Region aufgeführt; ein weiteres Beispiel für die freundschaftlichen Kontakte der Thüringer mit den Oberfranken. “Wessi” und “Ossi” sind jedenfalls bei uns längst verpönt und aus unserem Wortschatz verbannt.

Im urig-gemütlichen Waldsteinhaus stärkten wir uns recht ordentlich. Aber natürlich kam auch die Kultur zu ihrem Recht. Aus ihren Manuskripten oder anderen Werken lasen Barbara Hahn, Birgit Hächl, Friederike Köstner, Helga Zauft, Vera Richter, Brigitte Binder, Karin Minet und Jürgen Linhardt.
Sodann wurden an Karin Minet und unser Kulmbacher Ehrenmitglied, Klaus Köstner, je ein Exemplar unserer Erstpublikation “Goethe und der Osten Thüringens” übergeben.
Mit Rücksicht auf die anderen Gäste wurde diesmal auf den traditionellen gemeinsamen Gesang verzichtet. Er wird zur nächsten Zusammenkunft nachgeholt werden, denn dass die freundschaftlichen Kontakte weitergeführt werden, darüber waren sich alle in der Runde einig. Und damit die Sache organisatorisch etwas leichter wird, werden wir als Geraer Goethefans unseren Kulmbacher Freunden schon jetzt konkrete Termine für 2014 nennen.

Wirklich ein schöner Tag für uns alle, ein herzliches Dankeschön für die perfekte Organisation.
B. Kemter

Buch-Präsentation „Goethe und der Osten Thüringens“

Vorstellung unserer Broschüre „Was thust du für Gera? du Treiber – Goethe und der Osten Thüringens“ im Kommunikationszentrum der Sparkasse Gera- Greiz, am 12. September 2013

Nach monatelangen Bemühungen war es endlich soweit: Wir konnten der Öffentlichkeit unsere erste Publikation „Was thust du für Gera? du Treiber – Goethe und der Osten Thüringens“ vorstellen. Neben den Autoren konnten wir Dr. Jochen Golz, Präsident der Weimarer Muttergesellschaft, Frank Hrouda, Museum für Naturkunde Gera, Kornelia Meyer und Matthias Wagner, Stadtmuseum Gera, und von unseren Sponsoren Mike Perzel, Näherei Zeulenroda, und Heiko Sittig, Gebietsweinrepräsentant Gera, begrüßen.
Cornelius Hermann (Cello) und Peter Wiegand (Violine) sorgten für die musikalische Umrahmung. Herr Kullessa von Brendels Buchhandlung bestritt den Büchertisch.
Michael Roth, Leiter unserer Autorengruppe, verwies in seiner Festansprache darauf, dass die Geraer Goethe-Gesellschaft stolz darauf sein könne, nun erneut ins Kommunikationszentrum der Sparkasse einladen zu dürfen, nachdem „wir bereits mit einem sehr informativen Vortrag von Friedrich Schorlemmer am Vorabend des Goethe-Geburtstages mit 160 Zuhörern eindrucksvoll auf unsere Gesellschaft aufmerksam gemacht haben“.
Michael Roth führte weiter aus: „Goethes Tätigkeit als Naturforscher, die sein Weltbild entscheidend mitprägte und mannigfaltige Spuren in seinen dichterischen Werken hinterließ (Wahlverwandtschaften), ist in ihrer Bedeutung erst spät erkannt worden. Er hörte bereits in der Straßburger Zeit naturwissenschaftliche und medizinische Vorlesungen, und während seines gesamten Lebens weckten vor allem geologische, physikalische und biologische Studien immer wieder sein Interesse.
So konnten wir in unserer Broschüre herausarbeiten, dass Goethe großes Interesse an der Geraer Schaumerde zeigte. Unter diesen Gesichtspunkten rückt Gera von Carlsbad aus, wo er seinerzeit weilte, am 1.07.1808 in sein Gesichtskreis. Durch J. J. v. Flanz vermittelt, spricht Goethe mit dem Geraer Arzt Dr. Jani. Zurück in Weimar, gibt er Herrn von Leonhard (Assessor, zu geologischer Qualifizierung angehalten) davon am 18. November 1808 schriftlich Kenntnis.
Ein astronomisches Ereignis, der Pohlitzer Meteorfall, stieß allgemein auf großes Interesse, nicht nur in der Region. Zur Sammlung Goethes gehören auch einige Meteoritenstücke. Carl Ludwig Schottin aus Köstritz macht Goethe auf den Stein in seinem Brief vom 19. Oktober 1819 aufmerksam.
Dass Goethe zeit seines Lebens alle neuen Erscheinungen in der Welt der Geologie mit Aufmerksamkeit verfolgte, zeigt sich auch an dem folgenden Thema. Im Rahmen unserer Recherchen wurde bekannt, daß er von einem seltenen Ereignis in Thüringen Informationen durch eine Zeitung erhielt: ,Nachricht vom Bohren auf Salz ohnweit Gera‘. Er hat diese Angelegenheit dann auch aufmerksam verfolgt, denn er kann einigen Freunden später detaillierte Auskunft erteilen. So schrieb er am 20. Juni 1823 an von Sternberg: ,Die Bohrversuche wurden auch in unserer Gegend vorgenommen, doch scheinen sie in der neueren Zeit zu stocken. Bei Gera ging man sehr tief in den bunten Sandstein;…‘
Einer Notiz von 1809 zufolge, schenkte Goethe viel Aufmerksamkeit einer Sammlung Köstritzer Ausgrabungen und Altertümer metallener Geräte von unbekannten Formen. Ein Brief Goethes vom 11. Mai 1814 gewährt uns einen Einblick in seine vielfältigen Interessen sowohl als Privatperson als auch als Minister. So sehen wir, dass wissenschaftliche Interessen Goethe und Ostthüringen näher zusammenbrachte. Jedoch nicht nahe genug für einen dauerhaften Kontakt.
Die Recherchen sowie die Erstellung aller Beiträge für diese Dokumentation war für unsere kleine Gesellschaft eine echte Herausforderung. Dies hatte aber den zusätzlichen Effekt, dass schon recht zeitig über die Beiträge der einzelnen Referenten diskutiert wurde.
Friedrich Schiller, ein Zeitgenosse Goethes hat es mit den Worten beschrieben: ,Nur Fülle führt zur Klarheit.‘ Die Fülle ist hier nicht nur die Fülle der Erfahrungen, sondern auch die Fülle der Begriffe und der verschiedenen Arten und Formen, über Phänomene in der Wissenschaft zu reden.
Ein Einwand Goethes, zur angewandten Methodik der Naturwissenschaften richtete sich gegen das Auseinanderfallen der Begriffe Richtigkeit und Wahrheit. Wahrheit war für Goethe vom Wertebegriff nicht zu trennen. Das unum (Einheit), bonum (Wahrheit) und verum (Gutheit) war für ihn der einzig mögliche Kompass nach dem sich der Mensch richten sollte.
Sein Gesamtschaffen nährt sich aus seiner Kraft des Dichtertums. Erweitert und gefördert hat er jeden Einzelberuf, jede Fachwissenschaft, von der Steinkunde bis zur Erkenntnislehre. Man kann viele Meinungen, die im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte in Natur, Historie, Kunst, Wissenschaft und Politik zutage kam, von ihm herleiten oder bekräftigen, aus ihm berichtigen oder widerlegen. Kennt man die Anlässe seiner Äußerungen nicht, zum Beispiel seinen jeweiligen Gesprächspartner oder Korrespondenten, übersieht man den Werkzusammenhang, dem man seine Lehren entnimmt. Von daher haben wir dem Studium der Quellen besonderes Augenmerk geschenkt. ,Gut Ding will Weile haben‘, ist ein deutsches Sprichwort und bestätigt sich, wenn wir uns daran erinnern, wie lange wir mit großer Liebe an dieser Broschüre gearbeitet haben. Bei den meisten Liebesgeschichten ist es leider so, dass das Happy End eher am Anfang kommt und nicht am Ende, wohin es viel besser passen würde. In unserer Beziehung zu Goethe und Ostthüringen aber kommt das Happy End genau zum richtigen Zeitpunkt. Heute. Hier. In Gera. In Form dieser Dokumentation.
Vom alten Goethe gibt es ein leises Wort: ,Wer nicht verzweifeln kann, der muss nicht leben.‘ Noch kurz vor seinem Tode stemmte er gegen die Qual den heiteren Trostvers: ,Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.‘
Der Fleiß, die Wissbegier und der Optimismus der Mitglieder unserer Gesellschaft, sowie der Menschen in unserer Region, trugen maßgeblich zum Gelingen dieses Projektes bei. Die Arbeit an den Texten der Autoren soll dem Leser ein Stück Heimatverbundenheit vermitteln.“
Michael Roth dankte den beiden Autoren Karl Silbermann und Dieter Bauke, dass sie aus ihren umfänglichen Texten bestimmte Passagen und Erkenntnisse anderen Autoren freizügig zur Verfügung stellten, so dass jene ihre Texte erweitern und auch Doppelungen vermieden werden konnten.

Sodann wurde ein Grußwort von Verleger Dr. Harald Frank verlesen, der aus Urlaubsgründen an der Präsentation nicht teilnehmen konnte.
Es heißt darin: Anfang des Jahres besuchte mich Herr Kemter, Vorsitzender der hiesigen Gruppe der Goethe-Gesellschaft, um mich für das Projekt einer Festschrift zu begeistern. Sein großes Problem: die Finanzierung und der Vertrieb. Wie es der Zufall so will, gehört zu unserer Druckerei auch ein kleiner Zeitungs- und Buchverlag, in dem ausschließlich lokale und regionale Druckschriften verlegt werden. Wir wurden uns also einig, das Werk liegt vor, der Preis beträgt 9,50 Euro und soll Leser, Goethe-Enthusiasten und Verlag erfreuen. Selten war eine Druckschrift so akribisch vorbereitet worden, Autoren, Lektoren und Korrektoren waren einem hohen wissenschaftlichen Anspruch verpflichtet.

Dr. Golz ging umfänglich auf die Historie der Weimarer Goethe-Gesellschaft und ihrer Ortsvereinigungen ein. Die erste Ortsvereinigung wurde 1917 in München gegründet. Vieles war im Verhältnis der Muttergesellschaft zu ihren Ortsvereinigungen zu klären. Heute zählt die Weimarer Gesellschaft ca. 3000 Mitglieder, ihre Ortsvereinigungen bringen es auf ca. 7000. Es gibt zudem ausländische Gesellschaften.
Die Weimarer (hierbei insbesondere Geschäftsführerin Dr. Petra Oberhauser – B. K.) haben die Geraer Publikation begleitet. Selten gebe es den Glücksfall, dass eine Ortsvereinigung eine Publikation herausbringen kann, die Goethe und seine Beziehungen zur jeweiligen Stadt und Region vorstellt. Viele Perspektiven werden in diesem Büchlein sichtbar, die bis zu Goethes Verhältnis zu Köstritz als Zentrum deutscher Dahlienzucht reichen. Der Begriff „Treiber“ im Buchtitel, der aus einem Brief Goethes an den Schweizer Freund und Theologen Lavater stammt, soll wohl das ausgesprochen aktive Wirken Lavaters auf sozialem Gebiet animieren. Der Titel nimmt Bezug auf den großen Stadtbrand in Gera von 1780. Lavater soll fleißig für die Opfer dieser Brandkatastrophe sammeln (was auch geschah). Überraschende Aspekte gewähre bereits das Inhaltsverzeichnis, so Dr. Golz weiter und verwies auf die Steinsalzlagerstätten, auf den Löbichauer Musenhof und Tannenfeld. Auch reußische „Heinrichs“ kämen mit ihren Beziehungen zu Goethe zu Wort. Die Autoren haben somit ein kulturgeschichtliches Panorama geöffnet.
Alle anwesenden Autoren erhielten ein Freiexemplar und eine Rose.

Im Namen der Autoren ergriff Elke Sieg das Wort. Sie sagte: Heute ist ein besonderer Tag für die Goethe-Gesellschaft Gera und vor allem für die Autoren, Organisatoren, unseren Lektor und den Verleger unserer Broschüre. Wir feiern die Fertigstellung unserer Broschüre „Goethe, Gera und der Osten Thüringens“.
Sicher, ich höre schon die Frage: „Gibt es nichts Wichtigeres?“
„Braucht die Menschheit noch eine Broschüre mehr über Goethe?“
„Beschäftigen sich nicht schon genug Studenten, Germanisten, Wissenschaftler, Doktoren und Professoren mit dem Leben und Werk von Johann Wolfgang von Goethe?“ – Wie viele Diplom- und Doktorarbeiten, wissenschaftliche Untersuchungen, Aufsätze und Sammlungen zum Thema Goethe füllen die Regale von Fachbibliotheken und Archiven. Und dann tritt ein an Mitgliederzahl so kleiner Verein aus der „thüringischen Provinz“ an und will sich in den Kreis der „Publizisten“ einreihen.
Ganz schön mutig.
Zu einem lebendigen Vereinsleben gehört eben nicht nur der Besuch von Vorträgen, das Konsumieren von Bildung, sonder auch eigenes Tätig werden. Und so hatte sich eine Gruppe von Arbeitswilligen gefunden, die ihren Betrag am Gelingen dieses anspruchsvollen Vorhabens leisten wollten, eine Broschüre zum Thema „Goethe, Gera und der Osten Thüringens“ herauszugeben. Erste feste Größe für unsere Arbeit war eine Liste von Namen – Namen von Persönlichkeiten aus Gera und dem näheren Umfeld, die in irgendeiner Form Kontakt zu Goethe und Weimar gehabt haben könnten. Dazu kamen weitere Anstriche, wie Geraer Schaumerde oder der Pohlitzer Meteoritenfall. Einige unserer Autoren konnten schon auf eigene Faktensammlungen Vorträge oder Niederschriften zurückgreifen, andere betraten für sie literaturhistorisches Neuland. Für alle galt es zu recherchieren, Bibliotheken, Archive, Museen und das Internet zu durchforsten.
So manche Enttäuschung musste verkraftet werden, wenn trotz intensiver Suche eine kurze Briefnotiz, eine Bemerkung in einem Aufsatz oder nur eine von früheren Autoren gemachte Vermutung nicht weiter vertieft werden konnte, keine Belege aufzufinden waren oder sich manche Quellen gar als fehlerhaft herausstellten.
Auch solche „Negativerkenntnisse“ haben wir dann in unserem Arbeitskreis diskutiert und über das weitere Vorgehen beraten. Manches musste verworfen werden, anderes Quellenmaterial wurde ausgetauscht, und wir halfen uns gegenseitig mit Hinweisen und Ratschlägen. Am Ende galt es aus einer Sammlung von Fakten und Zitaten einen lesbaren Text zu gestalten: „Wie verpacke ich das Ganze wissenschaftlich korrekt und trotzdem unterhaltsam zu lesen?“ Wollen wir doch mit unserer Broschüre einen breiten Kreis von Lesern erreichen – sowohl das Interesse für Goethe und die Goethezeit, als auch für die Region Gera und Ostthüringen wecken. Vielleicht gelingt es sogar, den einen oder anderen Touristen und Goethefreund aus Weimar zu uns ins Ostthüringer Land locken oder neue Mitglieder für unseren Verein zu werben.
Sicher findet der Leser in jedem Text ein wenig den Autor wieder, seine ganz eigene Position zum Schaffen und zur Person Johann Wolfgang von Goethes.
Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Arbeit, die der Leiter unserer Autorengruppe, Michael Roth, leisten musste. Es waren Termine zu koordinieren, und er musste alle Fäden in der Hand behalten. Oder denken wir an das Arbeitspensum, das unser Lektor, Bernd Kemter, geleistet hat, indem er die Beiträge einordnete und letzte Ecken und Kanten in den Formulierungen glättete. Oder denken wir an die von ihm selbst als „Ochsentour“ bezeichnete Arbeit, noch einmal jedes Zitat auf korrekte Quellenangabe und auf Richtigkeit bis hin zum letzten Komma zu prüfen.
Ohne die freundliche Unterstützung im Layout durch Martin Kemter und
ohne unseren Verleger, die Druckerei Frank, hätten wir immer noch nur ein Bündel Manuskriptseiten in der Hand.
Im Namen aller Autoren möchte ich also Danke sagen.
Nun freue ich mich darauf, in den nächsten Tagen, in aller Ruhe die fertige Broschüre in die Hand zu nehmen und durchzublättern. Ich wünsche mir und uns, dass nicht nur unser „Autorengrüppchen“ das Heft zur Hand nehmen wird, sondern es auch vielen andern Goethefreunden ein paar unterhaltsame, anregende und bildende Augenblicke vermitteln mag.
Soweit Elke Sieg.

Ein musikalischer Vortrag beschloss die gelungene Veranstaltung.
B. Kemter

„Die Modernität von Goethes Werther“,

Vortrag von Prof. Uwe Hentschel, Berlin, am 4. September 2013

„Werther“ ist ein empfindsamer Roman. Seinerzeit wurde er unter dem Aspekt der Trivialisierung gelesen. Hentschel beschäftigt sich mit dem Text als Literaturhistoriker und hebt auf Allgemein-Menschliches ab. Können wir dem Text den Aspekt Modernität auferlegen? Was ist Modernität?
Der Begriff „Moderne“ stammt aus der Literatur, er wurde von Eugen Wolf 1886 geprägt. Nach dem Krieg von 1871 und mit den Gründerjahren verändert sich vieles in Deutschland. Die Städte explodieren. Es gibt viel Neues, auf das die Literatur Bezug nimmt. Allerlei „Ismen“ entstehen, zum Beispiel Naturalismus, Expressionismus, Dadaismus. Diese Prozesse beziehen wir auf die Moderne. Aber: Gab es die „Moderne“ nicht schon Ende des 19. Jahrhunderts?
Man mnuss durchaus nicht in modernen Verhältnissen leben, um modern zu denken. Noch altertümlich vorherrschende Verhältnisse vermögen durchaus, moderne Gesinnungen zur produzieren. Dies ist auch beim „Werther“ der Fall. Poetisierender individualistischer Geist schafft gegen nüchternen Gemeinsinn ein Spannungsfeld. Dichter nehmen ihre Begriffe aus der Natur (gemeint in weiterem Sinne); entweder setzen sie die Begriffe hierzu selbst oder begeben sich auf die Suche. Goethe und Schiller suchten dieses Idealische in der Antike. Hier herrscht noch eine sinnliche Einheit, Vernunft und Gefühl haben sich noch nicht getrennt ‚(naive, gleich nachahmende Dichtung). In der Gegenwart sieht dies anders aus: In ihr herrschen Entfremdung, Vereinzelung. Daraus erwächst das Bemühen, die ursprüngliche Einheit wieder zu erreichen (sentimentalische, gleich reflektierende Dichtung). Auf diesem Feld beginnt somit schon Ende des 18. Jahrhunderts die Moderne. Sie ahmt die homerische Betrachtung der Welt nach und wird auf diese Weise klassisch. Die Suche nach der Natur des Eigentlichen ist der wahre Beruf des Dichters; alles andere, im heutigen Sinne auch die belanglosen trvialen Fernsehprogramme der Privaten, sind nichts als geistloser Sinnengenuss, wo der Mensch nie zu sich kommen kann.
Moderne Dichter müssen sich folglich auf die Suche begeben, das Gegenbild zur Wirklichkeit – das Ideal – auf elegische idyllische oder satirische Weise gestalten. Die Elegie betrauert den Verlust, die Idylle zeigt das Vergangene, das noch im Bewusstsein existiert, die Satire kritisiert (und belustigt sich über) den Gegensatz. Im Schiller’schen Sinne gilt es immer, das Ideale zu bewahren. Ab diesem Punkt beginnt moderne Literatur. Somit ist der „Werther“ schon ein moderner Roman. Dadurch werden Gegenbilder geschaffen zum funktionierenden zivilisierten Europäer. Die Gegenbilder sprechen eigentlich gegen die bestehende Welt, weil sie solcher Gegenbilder bedarf.
Briefe Goethes zur Werther-Zeit widerspiegeln diesen Anspruch an das Ideale, ebenso „Zum Shakespeare-Tag“. Zu den beklagten Gegensätzen gehört insbesondere der zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Lande.
Dem prätendierten Ich folgt unweigerlich das Scheitern. Das Ideal wird postuliert, der notwendige Gang der Geschichte schließt sich an. Was ist das moderne Ich? Etwas dieser Welt entgegen zu setzen.
Es gibt Augenblicke in unserem Leben, wo wir der Natur in Pflanzen, Mineralien, Tieren, Landschaften sowie der menschlichen Natur in Kindern, in Sitten des Landvolks und der Urwelt begegnen; nicht, weil sie unseres Sinnen wohltut, auch nicht, weil sie unseren Verstand oder Geschmack befriedigt (von beiden kann oft das Gegenteil stattfinden), sondern bloß, weil sie Natur ist, eine Art von Liebe und und rührender Achtung darstellt. Jeder feinere Mensch, dem es nicht ganz und gar an Empfindung fehlt, erfährt dieses, wenn er im Freien wandelt, wenn er auf dem Lande lebt oder bei den Denkmälern alter Zeiten verweilt; kurz, wenn er in künstlichen Verhältnissen und Situationen vom Anblick der harmonischen Natur überrascht wird.
„Wir waren Natur wie sie, und unsere Kultur soll uns, auf dem Wege der Vernunft und der Freiheit, zur Natur zurückführen.“ (Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung, 1795)
Die Dichter sind überall, schon ihrem Begriffe nach, die Bewahrer der Natur. Sie werden entweder Natur sein, oder sie werden die verlorene suchen (ebd.)
Nochmals zum zusammenfassenden Vergleich: Antike ist das Ideal, die Natur zeichnet sich durch Unschuld, Ganzheitlichkeit aus. Das Naive, Nachahmende führt zur Klassischen Poesie. Dagegen herrscht in der Gegenwart eine Kultur der Vereinzelung und der Entfremdung vor. Daraus resultiert Prosaische Literatur, die vor allem „geistlosen Sinnengenuss“ erzeugt. Andererseits entsteht sentimentalische reflektierende Literatur; eine Moderne Poesie, die sich elegisch, idyllisch oder satirisch gibt.
Schiller meint hierzu: „Solange der Mensch noch reine, es versteht sich, nicht rohe Natur ist, wirkt er als ungeteilte sinnliche Einheit und als ein harmonisierendes Ganze. Sinne und Vernunft, empfangendes und selbsttätiges Vermögen, haben sich in ihrem Geschäfte noch nicht getrennt (…)“ – Anzustreben ist „das stille schaffende Leben, das ruhige Wirken aus sich selbst, das Dasein nach eignen Gesetzen, die innere Notwendigkeit, die ewige Einheit mit sich selbst.“ (…) Ist der Mensch in den Stand der Kultur getreten, und hat die Kunst ihre Hand an ihn gelegt, so ist jene sinnliche Harmonie in ihm aufgehoben, und er kann nur noch als moralische Einheit, d. h. Nach Einheit strebend sich äußern. Die Übereinstimmung zwischen seinem Empfinden und Denken, die in dem ersten Zustande wirklich stattfand, existiert jetzt bloß idealisch; sie ist nicht mehr in ihm; sondern außer ihm, als ein Gedanke, der erst realisiert werden soll, nicht mehr als Tatsache seines Lebens.“
B. Kemter

27. August 2013 Vortrag von Dr. Friedrich Schorlemmer

„Von den Fesseln des Marxismus in die Fallen des Marktismus. Gier als Prinzip“, Vortrag von Dr. Friedrich Schorlemmer, Wittenberg

Am 27. August 2013, dem Vorabend von Goethes Geburtstag, luden wir zu einem Vortragsabend mit dem prominenten ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Dr. Friedrich Schorlemmer in den Saal des Kompetenzzentrums der Geraer Sparkasse ein. Entgegen jeglicher Skepsis des Vorstandes war der Saal proppenvoll; nachdrücklicher Beweis dafür, dass wirtschaftspolitische Themen durchaus auf Interesse stoßen. Schorlemmer führte vor Augen, dass der Staatssozialismus nicht in der Lage war, seine wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Ein Weltsystem, das die Geschichte neu anzufangen sich angeschickt hatte, ist gescheitert – an sich selbst und an der Konkurrenz mit einem effizienten Kapitalismus. An die Stelle der Marx-Ideologie ist nunmehr eine Markt-Ideologie getreten, die sich weithin und weltweit dem steuernden politischen Eingriff entzieht, eine Sonderwelt als globale Finanzwirtschaft entwickelt und als grenzenlose Ausbeutung und Ausplünderung des Planeten wirkt. Wurde das marxistische Gesellschaftsmodell von der Grundannahme bestimmt, dass der Mensch zum andern ein Mitmensch sein wolle, so wird das neoliberale weltkapitalistische System im Wesentlichen von einer dem Menschen innewohnenden Gier angetrieben. An die Stelle von Kooperation tritt Konkurrenz, anstelle der Ehrfurcht vor dem Leben die Herrschaft über alles Leben. Die total beherrschte Welt entgleitet dem Menschen in Maßlosigkeit.. Gibt es einen Ausweg? Eine andere Welt oder einen anderen Menschen? Wie ließe sich beides miteinander so verbinden, dass sich Entfaltungsfreiheit und Sozialbindung einander bedingen?
Schorlemmer bestärkte das Publikum zum Mut für Veränderungen. Er wandte sich gegen jegliche Utopien, die allesamt zum Scheitern verurteilt sind, sprach sich hingegen für Visionen für eine gerechtere, ökologisch nachhaltige Welt aus. Dazu solle der Mensch an sich selbst arbeiten, stets bestrebt sein, diese Welt als „guter Mensch“ zu verlassen, durch sein früheres Handeln soll sie eine „gute Welt“ sein. Gewiss ist es wenig, was der Einzelne tun kann, wenn es jedoch viele sind, ist es viel.
Der aus Wittenberg angereiste evangelische Pfarrer und streitbare Publizist warnte vor einer Profitgier, die künftige Generationen ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Selbst bescheidene Ideen, die Natur zu schützen, bekämen nur wenige Chancen. Schorlemmer nannte hierzu die Idee der Regierung von Ecuador (nicht Paraguay), die den Verzicht auf Erdölbohrungen in ihrem Nationalpark signalisierte, wenn die internationale Gemeinschaft eine gewisse Entschädigung zahlen würde. Letztlich sei jedoch eine sehr geringe Summe zustande gekommen.
Mitunter geriet der Vortrag etwas weitschweifig, dennoch fand der Referent stets zum roten Faden zurück. Manche Bemerkungen sorgten für Heiterkeit; etwa sein Vergleich mit den Kinder und Jugendliche verblödenden Nachmittagsprogrammen von Privatsendern mit vormaligen Pioniernachmittagen. Wobei Schorlemmer vermutlich an letzteren wohl kaum teilgenommen haben dürfte. Mehrere Besucher erinnerten sich hingegen an durchaus interessante Zusammenkünfte aus ihrer Schulzeit.
Dass der Vortrag insgesamt auf Zustimmung stieß, bewies der starke Beifall der zahlreichen Besucher. Manche nutzten am Schluss die Gelegenheit zur Autogrammstunde und zu persönlichen Gesprächen mit dem prominenten Gast.
B. Kemter

Sommerfest 2013

Am 20. Juli feierten wir, die Geraer Goethefreunde, und unsere Gäste unser zweites Sommerfest. Es kam eine beachtliche Runde von 32 Leuten zusammen. Unter ihnen konnten wir drei Kulmbacher Literaturfreunde begrüßen.
Besonders erfreulich war, dass recht viele Vereinsmitglieder am Programm mit eigenen Beiträgen mitwirkten. So wurde es eine recht vielseitige Veranstaltung. Unser Buchbasar fand regen Anklang, auch wurden die ersten Karten für unsere Veranstaltung mit Friedrich Schorlemmer „Von den Fesseln des Marxismus in die Fallen des Marktismus – Gier als Prinzip“ verkauft. Sie findet am 27. August statt.
Natürlich gab es auch Gutes zu essen und zu trinken. Dazu hatten einige Vereinsmitglieder so einiges beigesteuert.
Es wurde insgesamt ein sehr kurzweiliger Nachmittag und Abend.
Bernd Kemter

Studienreise nach Frankfurt/Main, Oestrich-Winkel, Wiesbaden 2013

Auf den Spuren Goethes

Ein Kleinbus brachte unsere erwartungsfrohe Gruppe über die Autobahn Richtung Westen gleich zu Beginn an den wichtigsten Ort unserer Reise nach Frankfurt/Main. Der Bus hielt direkt neben den Wolkenkratzern der deutschen Finanzmetropole vor Goethes Elternhaus Am Großen Hirschgraben, dem Goethe-Haus.
Dieses wurde 1863 als eine der ersten literarischen Gedenkstätten Deutschlands vom Freien Deutschen Hochstift eröffnet. Heute ist es ein sorgsam rekonstruierter Bau nach der fast vollständigen Zerstörung Frankfurts durch Fliegerbomben der Alliierten im 2. Weltkrieg. Bewegliche Gegenstände waren ausgelagert gerettet worden, so dass wir Besucher einen guten sehr anschaulichen Eindruck vom wohlsituierten Leben der Familie Goethe in der damaligen Freien Reichsstadt erhielten, vermittelt durch die kompetente Führung von Ernst-Jürgen Leinert. Da gab es eine Geschichte von der lebensbedrohlichen ersten Stunde des Babys Wolfgang, eine Erzählung von der Besonderheit eines Brunnens im Hause, von dem Frankfurter Schrank mit dem reichen Wäschebestand oder die Kupferstiche römischer Veduten an den Wänden, die der Vater von seiner Italienreise mitgebracht hatte und sogar ein aufrechtes Hammerklavier (Pyramidenflügel) aus der Werkstatt des Geraer Orgel- und Klavierbauers Christian Ernst Friderici.
Noch lange kreisten meine Gedanken um die Tatsache, dass der Wiederaufbau dieses bedeutenden Kulturdenkmals gleich in den ersten Stunden des Nachkrieges diesen Vorrang vor anderem Wiederaufbau (Wohnungen!) hatte. Welch ein Zeichen!

Die ersten beiden Nächte verbrachten wir in einer Pension bei Mörfelden-Walldorf.
Am nächsten Vormittag schlenderten wir dann im Main- Park entlang , freuten uns über die Aussicht zum Gegenufer und sahen dort ganz nah die Europäische Zentralbank (EZB) im Rohbau.
Auf Parkbänken ausruhend überraschte uns unser Vorsitzender Bernd Kemter mit der Lesung eines Essays von Christa Wolf über das kurze Leben der begabten und heute als bedeutend anerkannten Romantikerin Karoline von Günderode. Christa Wolf beschreibt, wie dieses weibliche Sich-selbst-leben-wollen zur Selbsttötung der Günderode führte. Das machte uns betroffen und überzeugte auch die männlichen Mitglieder der Gruppe von dem Übel des gesellschaftlich behinderten Lebens der Frauen zur Goethezeit.
Nicht weit entfernt am Ufer aßen wir in der zum gehobenen Gartenlokal ausgebauten Gerbermühle zu Mittag, zum Beispiel die auch von Goethe geliebte Frankfurter Grüne Soße.
Die Gerbermühle ist verknüpft mit der berühmten Marianne von Willemer, der Suleika aus dem West-Östlichen Divan. Über die spannende Beziehungsgeschichte zwischen Marianne und Goethe und dem Bankier Johann Jakob von Willemer, dem die Mühle gehörte, hatten wir bereits daheim in einem Vortrag der Jenaer Literaturwissenschaftlerin Angelika Reimann gehört, Nun hier an einem Ort ihrer Begegnung und beim Vorlesen von Texten aus Dagmar von Gersdorffs Buch „Marianne von Willemer und Goethe“ konnte jeder aus Anschauung und Fantasie den außerordentlichen Charakter dieser Freundschaften erfahren.

Es folgte dann ausgehend vom „Römer“ ein faktenreich geführter Stadtrundgang auf den Frankfurter Lebensspuren der Goethefamilie. So sahen wir zum Beispiel die Gedenktafel für das Haus zum Goldenen Brunnen, dem späten Wohnsitz der Mutter, die Katarinenkirche (Goethes Konfirmationsort ), die Paulskirche – Ort der ersten deutschen Nationalversammlung (ihr Vorläuferbau, die Barfüßerkirche mit Lateinschule war Goethes Schulort) und Standort des großväterlichen im Krieg zerstörten Hotels Weidenhof. Auch den Frankfurter Wohnort der aus Italien eingewanderten Brentanos konnten wir vor einer Einkaufspassage stehend erahnen, hier lebte auch Bettina von Arnim, geborene Brentano, heute anerkannt als die größte Frühromantikerin deutscher Sprache. Zum Abschluß des Tages suchten wir das Willemer-Häuschen, ein Gartenhäuschen im Stadtteil Sachsenhausen auf einem Hügel gelegen auf, einem Begegnungsort Goethes mit Marianne, heute ein restaurierter Treffpunkt für kleine kulturelle Veranstaltungen.

Am nächsten Tag ging es nach Östrich-Winkel, einer alten Weinbaugegend im Rheingau, wo das Brentano-Haus in Winkel heute noch fast im originalen Zustand steht. Eine im Haus wohnende Nachfahrin der Brentanos führte uns und wir genossen die originale Atmosphäre, in der Goethe ein gern gesehener Gast der Familie Brentano war, die er schon aus Frankfurter Zeiten kannte. Viele Gemälde an den Wänden illustrieren die Familiengeschichte und den Freundeskreis mit Porträts. Filigrane gerahmte Scherenschnitte stammen von Bettina Brentano. Am Flügel im Großen Saal wurde auch meisterhaft musiziert, und die Brentanos vermittelten die Annäherung Goethes an Beethoven. Vom großen Saal aus kann man in Goethes Schreibstube und sein Schlafzimmer blicken. Bis heute ist dieses Haus ein beliebter Treffpunkt von Gegenwartskünstlern und auch Politikern.
Auf dem nahen Friedhof entdeckten wir das an der Friedhofsmauer gelegene Grab der Karoline Günderode.

Vom Brentano-Haus aus wandernd und über den Rhein schippernd hat Goethe das Sankt Rochusfest bei Bingen besucht und dies auch beschrieben. Die Rochuskapelle liegt auf einem Hügel und ist noch heute ein Wallfartsort. Wir fuhren dorthin und vorbei am Hildegard von Bingen Forum der Kreutzschwestern mit Hilfe einer Autofähre über den Rhein und unseres Kleinbusses, mit dem uns Busfahrer Jens immer sicher und pünktlich zu all unseren Zielen brachte.

Wieder am Rheinufer in Bingen entdeckten wir das Historische Museum am Strom „Hildegard von Bingen“ und besichtigten es, bis uns der Schaufelraddampfer namens „Goethe“ – wie sonst! – flußabwärts nach St. Goarshausen trug. Diese Rheintour führte am berühmt-berüchtigten Lorelyfelsen vorbei, viele im Chor singend nach den von einer wilden Männertruppe verteilten Texten. Etliche Goethe-Freunde kannten freilich auch den Heine-Text auswendig.

Die letzte Nacht verbrachten wir in Oestrich-Winkel im familiengeführten historischen Gasthof „Schwan“, verwinkelt, aber gemütlich. Am Morgen ging es nach einem Abstecher zur imposanten barocken Schloßanlage Biebrich – ein heißer Tipp unserer Goethefreunde Marianne und Ekkehard Heide – durch Wiesbaden zum Goethe-Stein und Aussichtsturm, einem stadtnahen Ausflugsziel mit weitem Blick in die Main-Ebene. Strahlender Sonnenschein begleitete uns und reife knackige Kirschen lockten am Wegesrand.
Und nicht zuletzt möchte ich von den fröhlichen Abendessen in stilvollen Kneipen berichten, und wenn es passte, sangen wir mit wachsendem Eifer beim Wein alte Lieder bis in die Nacht.
Wieder zu Hause im teilweise überflutet gewesenen Gera bringt die Erinnerung an die schönen Tage den Mut zum Planen weiterer solcher Ausflüge auf, nicht nur um die engen Seelen zu lüften.

Barbara Bodechtel
Juni 2013

5. Juni 2013 Vortrag von Hartmut Heinze

„Goethe und China“ Vortrag von Hartmut Heinze, Berlin

Heinze nennt zunächst mehrere Autoren, die sich mit China beschäftigt haben: Wieland, der allseits Gebildete, mit seinem Werk „Der goldene Spiegel“, des Weiteren Brecht mit „Der gute Mensch von Sezuan“ in Anknüpfung an Wieland. Brecht: „Turandot oder der Kongress der Weißwäscher“. Hermann Hesse: „Das Glasperlenspiel“. Döblin. „Die drei Sprünge des Yan Lun“. Dieses Buch sei sehr zu empfehlen. Es handelt davon, wie Daoisten einen Aufstand anzetteln, auch gegen weltliche Priester. Sie meinen: „Die gesamte Natur ist ein Tempel.“ Auch der Konfuzianismus wird skeptisch gesehen. So wendet sich der Dichter Wu Wei mit seiner Aufforderung zum Nicht-Handeln gegen diese staatstragende Lehre.
Goethe hat den Buddhismus abgelehnt und teils auch den Daoismus. Die Welt erobern zu wollen, wird misslingen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang sein unvollendetes Trauerspiel “Elpenor”. Erkenntnisse aus gerade übersetzter chinesischer Literatur: Diese Menschen fühlen wie wir, und man fühlt sich bald wie ihresgleichen, nur dass es dort gelassener und müßiger zugeht. Auf diese Weise habe sich das chinesische Reich über Tausende von Jahren erhalten. Die Chinesen seien viel beständiger als Europäer. Intensive Naturschilderungen regten Goethe 1827 zu seinem Gedichtzyklus Chinesisch-deutsche Tages- und Jahreszeiten an. Typisch ist hierbei der Gedanke: Dauer im Wechsel. Dieses Ausbalancieren der Gegensätze ist das chinesische Prinzip des Lebens. Es handelt sich um 14 Gedichte, wichtig ist vor allem das achte Gedicht “Dämmerung senkte sich von oben…” Konfuzius kommt bei Goethe gar nicht vor, er kannte ihn nicht. Jedoch entsprech die konufianische Staatslehre eher seinem Denken, während er sich in seiner Naturauffassung mit dem Daoismus traf. Dem Buddhismus mit seiner Flucht vor den Leiden der Welt hat er allerdings nichts abgewinnen können, denn “Dasein ist Pflicht”. Dafür zeugen beispielsweise seine Verse aus den Chinesisch-deutschen Tages- und Jahreszeiten: “Nun denn! Eh wir von hinnen eilen,
Hast noch was Kluges mitzuteilen?“ Sehnsucht ins Ferne, Künftige zu beschwichtigen, Beschäftige dich hier und heut im Tüchtigen.”Der Zyklus entstand als Alterswerk im Gartenhaus an der Ilm. Es entstehen Bezüge zu Charlotte von Stein, zur Zeit Goethes mit Christiane, zu Freunden wie Knebel. Es entsteht eine Lebenssicht mit vielfältigen Facetten.
Dies trifft auch auf die Elpenor-Dichtung zu. Es gibt ebenso Bezüge von “Elpenor” zu Faust: Wie kann ich mit Schuld weiterleben? Goethe ruft die liebenden Kräfte der Natur auf. Sie bieten Faust Vergessen und neuen Lebensmut, seelische Gesundung. Daher folgt die Beschwörung der Naturgeister.
Dauer im Wechsel. Dies ist Gesetz und Forderung allen Lebens. Der Mensch solle sich daher auch nicht festhalten an allzu Positivem oder Negativem. Somit hat Goethe als erster Poet den Geist der chinesischen Weltanschauung nachgebildet.
Das Elpenor-Fragment entstand bereits 1783, doch bis 1860 kannte man es kaum, obwohl es schon 1806 veröffentlicht wurde. Elpenor ist der von Hoffnung Beseelte, Polymetes: der Kluge, jedoch Machtlose. Er kann den Prinzen von seinem Kriegsspiel nicht abhalten. Hier widerspiegelt sich der Konflikt Goethes mit Carl August, der dem preußischen Heer seine Dienste leistet.

Zum Gedichtzyklus “Chinesisch-deutsche Tages- und Jahreszeiten”: Das Leben im Einklang mit der Natur ist für den Menschen wohltätig. Die Gedichte führen diese Harmonie vor Augen. Die Motive sind zwar gegenständlich, richten sich aber auf die letzten Dinge. Sie charakterisieren sich durch ein Mindestmaß an Worten und Höchstmaß an Anschaulichkeit. Flucht ins ganz Private, Verlassen der menschlichen Ordnungen in natürliche Gefilde. Der symbolische Raum ist der Garten (an der Ilm). Das zweite Gedicht versetzt den Leser in diese Gartenidylle und seine Frühlingspracht. Aber es gibt kein Verweilen, denn der Sommer naht. Im dritten Gedicht wächst sich alles zur Hoffnung, zum Ausblick auf das erblühende Paradies. Der Eintritt des Sommers mündet in die Sonnenwendfeier. Die Gedichte vier und fünf sind durch das Pfauenmotiv charakterisiert. Ihr prachtvolles Gefieder erscheint als Abglanz einer höheren Welt im Gegensatz zum Hässlichen der indischen Gänse. Im sechsten Gedicht keimen Abschied und Sehnsucht auf Trotz Kuckuck und Nachtigall erweist sich das Leben als vergänglich. Diese Erkenntnis wird auf die Liebessituation übertragen. Auch hierbei verweilen Sehnsucht und Erinnerung. Das siebte Gedicht beschwört wieder die vergangene Einheit mit der Geliebten. Nicht Wehmut und Verzweiflung, sondern abgeklärte Besinnung treten auf den Plan. Im achten Gedicht tritt Dämmerung ins Bewusstsein. Die Vergänglichkeit des Menschen scheint klarer auf. Es wird Nacht, doch auch in der Nacht strahlt Licht: die Venus als Abend- und Morgenstern. Bereitschaft zur Entsagung dessen, was nicht festzuhalten ist. Doch “Nun tritt der Mond hervor”, seine Erscheinung weist von der Entsagung zur ewigen Geschäftigkeit des Lebens, zu dessen stetiger Verjüngung. Knsope und Sprösslimg weisen im neunten Gedicht auf das vegetative Gesetz hin, dem sich auch der Mensch beugen muss. Es wendet sich dem Warum und Wie zu. All dies wird in der Betrachtung der Rose sichtbar gemacht. Dem steht die Erkenntnis der Naturwissenschaftler gegenüber – ein wirdiges Geschwätz. Das zwölfte Gedich, das aus zwei Teilen besteht, bringt demgegenüber den Dichter ins Spiel. Doch der hat sich von der Realität entfernt (Selbstironie Goethes).
Der Rückzug in die Einsamkeit wird nicht empfohlen. Es bleibt die tägliche Tätigkeit und die Vermeidung der Sehnsucht ins Unzugängliche. Es bleibt, seine Pflicht zu erfüllen. Die Forderung des Tages sei nicht außer acht zu lassen. Sein Lied von der Erde endet nicht in der Nacht, sondern in der Aufforderung, die Sehnsucht in die Ferne zu beschwichtigen und sich hier und Heute im Tüchtigen zu bewähren.

8. Mai 2013 Vortrag des Ehepaars Hörnigk

„Heimat, meine Trauer“, Vortrag von Dr. Therese und Dr. Frank Hörnigk, Berlin

„Heimat, meine Trauer, Land im Dämmerschein, Himmel, du mein blauer, du, mein Fröhlichsein.“ (Eisler/Becher)

Becher erlebte schlimmste Repressionen, die Lage im Schriftstellerverband in Moskau entwickelte sich zur Katastrophe. Freunde und Genossen wurden liquidiert. Dennoch bekannte sich der Kommunist Becher zur Sowjetunion: „Um mit dir zu weinen in der Dunkelheit“. Diese Verse entstanden 1949, als es schon zwei deutsche Staaten gab und der Kalte Krieg tobte. 1947 hatte der letzte gemeinsame Schriftstellerkongress stattgefunden, um einen einheitlichen Verband zu gründen. Vergeblich. Es wuchsen zwei Literaturen heran.
Die offizielle bundesdeutsche Literatur deklariert ausdrücklich die Stunde Null. Dies ist nicht haltbar. In der DDR heißt es Tag der Befreiung: Auf einmal sind wir Sieger der Geschichte. Und für die Literatur gab es auch keine Stunde Null.
Die erste Generation von DDR-Literaten kam aus verschiedenen sozialen Milieus. Es entstand eine heikle Situation. Die Bereitschaft zum Aufbau-Engagement und dies vor dem Hintergrund des überwundenen Nationalsozialismus war groß, führte jedoch infolge der Vorgaben zu absoluter Provinzialität. Man wollte über Kultur und Kunst Menschen erziehen, um eine neue Art des Denkens herzustellen. Dies brachte große Probleme mit sich. So wurde Eisler mit seiner „Faust“-Oper schmählich zurückgewiesen, ging verbittert nach Wien.
Alles wurde platt gemacht, was nur ein wenig vom Wege abwich. Kulturpolitiker nahmen Eingriffe zensorischer Art vor. Ganz offen, keineswegs verdeckt, war die führende Rolle der Partei durchzusetzen (geistiger Amtszynismus ersten Ranges). Dies war verbunden mit dem Verweis auf unliebsame Konsequenzen, falls man dem nicht folgte. Es führte dahin, dass manche Autoren das Land verließen.
Kunst und Literatur entstehen aus einem Leidensdruck heraus. Im konkreten geschichtlichen Fall führt dies zu einem Zwiespalt von Repression und Anerkennung. „Eigentlich wollen wir dasselbem wollen es aber anders sagen“, und genau aus diesem Konflikt erwachsen bedeutende Brüche.
DDR-Literatur wird so zur Planaufgabe. Sie sollte gleich zu Beginn ihren Beitrag zur Erfüllung des Zwei-Jahres-Planes leisten. Ihre Erziehungsfunktion war der Traum der Parteifunktionäre (sozialistischer Realismus). Sie hofften darauf, die Einheit von Geist und Macht herzustellen, diesen Widerspruch aufzuheben. Es gab solche Literatur: Dr. Schlüter als Faust III. Solche Figuren wollte Ulbricht und damit die größtmögliche Propaganda in jedem Wohnzimmer.
Dagegen standen neue Texte in der zweiten Generation der DDR-Literaten. Hierzu gehörten Bobrowski, Fühmann, Müller, Hacks, Heym, Neutsch; Leute, die schon auf andere Weise an die Öffentlichkeit traten. Viele Literaten beschäftigen sich noch mit der Nazizeit. Der Begriff „Verordneter Antifaschismus“ ist dabei verwerflich, trifft auf die Literatur überhaupt nicht zu, wenn man an beispielsweise am Bruno Apitz und Jurek Becker denkt. Dann schon eher das Brecht-Wort: „Die Keller sind noch nicht ausgeräumt, und schon baut man neue Häuser.“ Es sind verständliche Hoffnungen. Nun soll die Literatur auch zusehends Erfahrungen aus dem sozialistischen Alltag zeigen; propagiert werden Romane aus der Produktion.
Anfang der 60-er Jahre tritt Volker Braun hinzu. Nach dem Mauerbau wächst zumindest eine Hoffnung: Vielleicht können wir nun störfrei agieren, bekommen eine neue Chance, auch wenn die Mauer leidvoll empfunden wird. Hier kommt auch der Bitterfelder Weg (Greif zur Feder, Kumpel) ins Spiel, er war aber nicht so erfolgreich, wie sich die Parteiführung dies erhoffte. Viele Autoren folgten zwar diesem Ruf, aber die Widersprüche aufzuzeigen, war eine andere Sache. Die Hoffnung auf Emanzipation in geschlossenen Verhältnissen blieb eine Illusion. Dies zeigte sich rasch und vor allem nach der berüchtigten 11. ZK-Tagung 1965 Heiner Müller wurde aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen.Gerade Literatur f ü r das Land zu machen, dieser Anspruch wurde zurückgewiesen. Es gab eine opportunistische Anpassung: Das Gefühl, gebraucht zu werden und mitmachen zu wollen am großen Werk, dies führte zur Selbsterziehung. Und blieb doch Fiktion. Gegen Ende der 60-er Jahre trat die DDR-Literatur in eine neue Phase ein. Es erschien „Nachdenken über Christa T.“ (Christa Wolf). Heiner Müller wurde im Westen gespielt. Die Rezeption ästhetischer Literatur wird für das Publikum zunehmend zum Medienersatz. Literatur konnte nun über Dinge sprechen, die kein Marxismus-Leninismus, kein Journalistik-Studium, keine offizielle Ideologie behandeln durfte. Hier konnte man sich als Leser einklinken, mache Bücher wurden zur Bückware: „Kassandra“. Zensoren ma0ten sich an, darüber zu entscheiden, was marxistisch war, was nicht. 69 Zeilen wurden aus „Kassandra“, Christa Wolfs Werk gestrichen. Doch alles, was gestrichen wurde, sollte durch Pünktchen ersetzt werden. Darauf bestand Wolf. Ihr Werk gehörte nicht nur zur Frauenliteratur in der DDR, es behandelte Frauen in der Gesellschaft überhaupt.
Nach der Wende erfolgte eine maßlose Abwertung der DDR-Literatur. Kurz nach dem Mauerfall brach der deutsch-deutsche Literaturstreit aus. Auch am Beispiel Christa Wolf ging es um die Frage: Was bleibt? Merkwürdig blieb es, da ihre und Werke weiterer Autoren vormals im Westen gewürdigt, gefördert und mit Preisen bedacht und nun geschmäht wurden. Es war eine Zeit tiefer Kränkungen. Die Dominanz westdeutscher Literatur war erdrückend.
Wolf: „Wir haben dieses Land geliebt.“ In der „Stadt der Engel“ geht es aber auch um das eigene Versagen. Und dennoch: „Ich lasse mir nicht mein Leben wegnehmen.“ DDR-Literatur war unser geistiges Brot. Wir haben geglaubt, dass sich die Widersprüche auflösen werden innerhalb dieses Systems.Aber die Krise dieses Systems war strukturell begründet.