Karl Ludwig von Knebel. Sammlung aus Tagebüchern und Briefen
Im „Hellfeldschen Haus“ am Jenaer Neutor erlebte Goethes „Urfreund“ Karl Ludwig von Knebel von 1804 bis 1810 denkwürdige Ereignisse, wofür beispielhaft die Schlacht bei Jena/Auerstedt 1806 und der Erfurter Fürstenkongress 1808 stehen. Krisenhafte Nachwirkungen und Bedeutungsverlust der Universität infolge des Atheismusstreits - Weggang des berühmten Philosophen Fichte – Jahre zuvor blieben ebenfalls noch spürbar. All dies spiegelte sich in Knebels Schreibkalender und Briefen nieder. Doch blieb dieser umfangreiche Nachlass in der Forschung bislang unbeachtet. Umso mehr ist dem Herausgeber/Bearbeiter Ronny Teuscher, seinem Mitarbeiterkollektiv sowie dem Jenzig Verlag zu danken, die sich dieser umfangreichen Aufgabe unterzogen haben. Schon vom Umfang her ist das überkommene Schriftgut Knebels beeindruckend. Sogar Haushaltsaufzeichnungen finden sich darunter, Ausgaben für Wein, Bücher, Stoffe, Tabak, Pflanzen, Holz, Personal, Gebühren, Macherlohn, Trinkgelder und anderes. Insgesamt wurden 810 Briefe von und an Knebel mit den Schreibkalendern aus Knebels Zeit am Neutor verbunden.
Die Lektüre des recht voluminösen Buches entfaltet ein vielseitiges Bild der Stadt- und Universitätsgeschichte Jenas und ebenso einer hochinteressanten Persönlichkeit, die sich als „Menschenfreund“, dichtender Übersetzer und übersetzender Dichter erweist. Briefliche Bezüge zu namhafteren Zeitgenossen wie Goethe, Hegel, Jean Paul und Wieland, auch zu vielen Frauen der Goethezeit ergänzen mit Schilderungen biederer Bürger und ihres Alltagslebens das facettenreiche Sittengemälde um 1800.
Der Alltag der Familie Knebel scheint indes auch seine Reize auf manche Gäste auszuüben. Zwar beklagte Louise, die Frau Major von Knebel, die enge Stube,insonderheit auch die Küche, wodurch man keine Besucher bewirten könne,so findet Knebel selbst die Lage der Mietwohnung als äußerst vorteilhaft. Der junge Heinrich Luden genießt den herrlichen Blick auf die Ziegenkuppe des Hausberges. Karoline Herder bezeichnet die Stube sogar als „Pallast der Natur“.
Doch auch Schreckliches ereignet sich vor dem Fenster. Preußische Bataillone marschieren durch die Neugasse.Trotz aller Gefahren bleibt Knebel Bonapartianer, denn er verehrt Napoleon. Belasten die turbulenten politischen Ereignisse allzu sehr sein Gemüt, flüchtet er auf Jenas Berge, wo er dichtet, oder er nimmt Zuflucht in Phantasiewelten. Er übersetzt das Trauerspiel „Saul“ von Alfieri oder arbeitet an seiner Übersetzung von Lukrez’ Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge“. Um Unterricht und die Erziehung seines geliebten Sohnes Karl kümmert er sich selbst.
Der ein wenig eitle, leicht gekränkte Major bleibt ein Sonderling. Ebenbürtige gelehrte Geister findet er in Jena herzlich selten. Die Alt-Philologen, die nichts „für den blossen Geist u. Geschmack tun sowie Geld-Akademiker kommen bei ihm denkbar schlecht weg, wie zum Beispiel ein Brief an Karoline von Herder belegt. Andererseits schätzt er junge Talente wie den Botaniker Voigt.
Mit Weimar hat Knebel nicht allzu viel im Sinn, er verachtet das Hofschranzenleben zutiefst. Dennoch interessiert er sich für Hofangelegenheiten. Von der Hofdame Luise von Göchhausen erhält er die neuesten französischen Journale, er wechselt Briefe mit seiner Schwester Henriette, die Erzieherin der Weimarer Prinzessin Karoline. Seine Briefe an Freundinnen wie Karoline Herder, Charlotte von Stein oder Charlotte von Schiller lassen an einen Briefroman denken: „süßer Thau alter Freundschaft“, heißt es da. Er verströmt Zuversicht gerade in bösen Zeiten: „Unser GeistesTerritorium wollen wir uns indeß doch nicht nehmen lassen, und unsre lichten Provinzen am Himmel fleißig betrachten. Das Schicksal hat mir hiezu eine gute Stelle eingeräumt; ich könnte hier aus meinem Bette Sonn und Mond auf- und untergehen sehen, und der grosse helle Jupiter scheint mir alle Nacht in die Augen.“
Karl Ludwig von Knebel. In Jena am Neutor 1804 – 1810. Eine Sammlung aus Tagebüchern und Briefen, herausgegeben und bearbeitet von Ronny Teuscher unter Mitarbeit von Achim Blankenburg, Rüdiger Glaw, Christian Hecht, Beate Hölscher und Frank-Bernhard Müller mit einem Beitrag von Klaus Vieweg. Jenzig Verlag im Verlag Beier & Beran, Langenweißbach 2025, ISBN 978–3-941791-44-2,816 S., 29 Euro
Karl Ludwig von Knebel. Sammlung aus Tagebüchern und Briefen
Im „Hellfeldschen Haus“ am Jenaer Neutor erlebte Goethes „Urfreund“ Karl Ludwig von Knebel von 1804 bis 1810 denkwürdige Ereignisse, wofür beispielhaft die Schlacht bei Jena/Auerstedt 1806 und der Erfurter Fürstenkongress 1808 stehen. Krisenhafte Nachwirkungen und Bedeutungsverlust der Universität infolge des Atheismusstreits - Weggang des berühmten Philosophen Fichte – Jahre zuvor blieben ebenfalls noch spürbar. All dies spiegelte sich in Knebels Schreibkalender und Briefen nieder. Doch blieb dieser umfangreiche Nachlass in der Forschung bislang unbeachtet. Umso mehr ist dem Herausgeber/Bearbeiter Ronny Teuscher, seinem Mitarbeiterkollektiv sowie dem Jenzig Verlag zu danken, die sich dieser umfangreichen Aufgabe unterzogen haben. Schon vom Umfang her ist das überkommene Schriftgut Knebels beeindruckend. Sogar Haushaltsaufzeichnungen finden sich darunter, Ausgaben für Wein, Bücher, Stoffe, Tabak, Pflanzen, Holz, Personal, Gebühren, Macherlohn, Trinkgelder und anderes. Insgesamt wurden 810 Briefe von und an Knebel mit den Schreibkalendern aus Knebels Zeit am Neutor verbunden.
Die Lektüre des recht voluminösen Buches entfaltet ein vielseitiges Bild der Stadt- und Universitätsgeschichte Jenas und ebenso einer hochinteressanten Persönlichkeit, die sich als „Menschenfreund“, dichtender Übersetzer und übersetzender Dichter erweist. Briefliche Bezüge zu namhafteren Zeitgenossen wie Goethe, Hegel, Jean Paul und Wieland, auch zu vielen Frauen der Goethezeit ergänzen mit Schilderungen biederer Bürger und ihres Alltagslebens das facettenreiche Sittengemälde um 1800.
Der Alltag der Familie Knebel scheint indes auch seine Reize auf manche Gäste auszuüben. Zwar beklagte Louise, die Frau Major von Knebel, die enge Stube,insonderheit auch die Küche, wodurch man keine Besucher bewirten könne,so findet Knebel selbst die Lage der Mietwohnung als äußerst vorteilhaft. Der junge Heinrich Luden genießt den herrlichen Blick auf die Ziegenkuppe des Hausberges. Karoline Herder bezeichnet die Stube sogar als „Pallast der Natur“.
Doch auch Schreckliches ereignet sich vor dem Fenster. Preußische Bataillone marschieren durch die Neugasse.Trotz aller Gefahren bleibt Knebel Bonapartianer, denn er verehrt Napoleon. Belasten die turbulenten politischen Ereignisse allzu sehr sein Gemüt, flüchtet er auf Jenas Berge, wo er dichtet, oder er nimmt Zuflucht in Phantasiewelten. Er übersetzt das Trauerspiel „Saul“ von Alfieri oder arbeitet an seiner Übersetzung von Lukrez’ Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge“. Um Unterricht und die Erziehung seines geliebten Sohnes Karl kümmert er sich selbst.
Der ein wenig eitle, leicht gekränkte Major bleibt ein Sonderling. Ebenbürtige gelehrte Geister findet er in Jena herzlich selten. Die Alt-Philologen, die nichts „für den blossen Geist u. Geschmack tun sowie Geld-Akademiker kommen bei ihm denkbar schlecht weg, wie zum Beispiel ein Brief an Karoline von Herder belegt. Andererseits schätzt er junge Talente wie den Botaniker Voigt.
Mit Weimar hat Knebel nicht allzu viel im Sinn, er verachtet das Hofschranzenleben zutiefst. Dennoch interessiert er sich für Hofangelegenheiten. Von der Hofdame Luise von Göchhausen erhält er die neuesten französischen Journale, er wechselt Briefe mit seiner Schwester Henriette, die Erzieherin der Weimarer Prinzessin Karoline. Seine Briefe an Freundinnen wie Karoline Herder, Charlotte von Stein oder Charlotte von Schiller lassen an einen Briefroman denken: „süßer Thau alter Freundschaft“, heißt es da. Er verströmt Zuversicht gerade in bösen Zeiten: „Unser GeistesTerritorium wollen wir uns indeß doch nicht nehmen lassen, und unsre lichten Provinzen am Himmel fleißig betrachten. Das Schicksal hat mir hiezu eine gute Stelle eingeräumt; ich könnte hier aus meinem Bette Sonn und Mond auf- und untergehen sehen, und der grosse helle Jupiter scheint mir alle Nacht in die Augen.“
Karl Ludwig von Knebel. In Jena am Neutor 1804 – 1810. Eine Sammlung aus Tagebüchern und Briefen, herausgegeben und bearbeitet von Ronny Teuscher unter Mitarbeit von Achim Blankenburg, Rüdiger Glaw, Christian Hecht, Beate Hölscher und Frank-Bernhard Müller mit einem Beitrag von Klaus Vieweg. Jenzig Verlag im Verlag Beier & Beran, Langenweißbach 2025, ISBN 978–3-941791-44-2,816 S., 29 Euro
Heimbegehren. „Heimkehr“ als literarisches Motiv
Sachbuch von Bertold Heizmann
„Ich weiß, ich werde zögernd wiederkehren, / wenn kein Verlangen mehr die Schritte treibt. / Entseelt ist unsres Herzens Heimbegehren, / und was wir brennend suchten, liegt entleibt ...“ So heißt es im Gedicht „Elegie von Abschied und Wiederkehr“ des Exilschriftstellers Carl Zuckmayer (1896 – 1977). Er ahnt, ja weiß, dass bei einer Heimkehr dort nichts an Vertrautem geblieben sein wird. Von brennenden und erloschenen Städten ist in den vorangegangenen Strophen die Rede. Der düstere Pessimismus gipfelt im Erschrecken eines Reiters, der bereits sein eigenes Grab erblickt. Eine schlimmere Heimkehr ist nicht vorstellbar, jene Gewissheit lässt keinen Raum für die geringste Spur von Zuversicht: „Leid wird zu Flammen, die sich selbst verzehren, / und nur ein kühler Flug von Asche bleibt -…“ Doch da ist der titelgebende Begriff eines „Heimbegehrens“, der Autor Bertold Heizmann zunächst zu einer tiefgreifenden semantischen Analyse, zu Wortspielen, -verbindungen veranlasst. Wie viele Begriffe doch den Wortstamm „heim“ umkreisen, belegen Heimat, Heimweh, Heimkehr, heimelig und anheimelnd, aber auch Altenheim und Pflegeheim. Es eröffnen sich ebenso negative Bedeutungen, wie Heimtücke, Heimsuchung oder Heimleuchten. Zuweilen begegnet uns Unheimliches, wir pflegen Heimlichkeiten und Geheimnisse. Selbst der Heimatbegriff kommt oft anrüchig daher, da mit ihm zu allen Zeiten so viel Missbrauch getrieben wurde. Weit spannt sich also der Bogen, örtlich wie zeitlich, keine Deutungsmöglichkeit, kein Denker und Dichter, die sich zum Thema äußerten, scheinen ausgelassen. Daraus erwächst eine beeindruckende Fülle an Motiven und Protagonisten. Der herumirrende, listenreiche Odysseus steht für viele Adaptionen ebenso Pate wie die biblische Erzählung vom „prodigus“, dem verlorenen Sohn, die gleichfalls viele Nachahmer durch alle Zeiten gefunden hat. Eingehend schildert der Autor die Schicksalsmöglichkeiten, denen die Heimkehrer ausgesetzt sind. Im Lukas-Evangelium findet sich der daheim gebliebene ältere Bruder zurückgesetzt, als der heimgekehrte jüngere vom Vater freudig begrüßt und ihm zu Ehren ein Kalb geschlachtet wird. Dies gemahnt auf berührende Weise an den alttestamentlichen Bruderzwist zwischen Kain und Abel, der sich in der bekannten Mordtat entlädt. Blut fließt auch bei der Heimkehr des Odysseus, der alle Freier erschlägt, die seine Gemahlin Penelope während seiner Abwesenheit bedrängt haben. So werden seit den Tagen von Odysseus und Agamemnon immer wieder die beiden Erzählstränge „(Kriegs-)Heimkehrer und „verlorener Sohn“ miteinander verquickt. Der Wunsch nach Heimkehr erwächst hierbei aus erlebten Abenteuern und Gefahren und der Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen. Mitunter endet die Rückkehr tragisch. Nicht jedoch freilich im Volksmärchen, in ihnen gibt es zumeist ein Happy End. Der Aufbruch aus dem Elternhaus erscheint oftmals aus psychischen Gründen notwendig. Abenteuerlust, unbändiges Verlangen, seinen Mann zu stehen, wofür man der philiströsen, kleinbürgerlichen Enge entrinnen muss, Neugier auf die Fremde, auch bittere Armut mögen Pate für den Auszug gestanden haben. Dem späteren Heimkehrer wird freilich nicht immer der Freudenbecher gereicht, er erfährt zumeist Unverständnis, Neid, Zurücksetzung und Verachtung, findet sich in der für ihn veränderten Welt nicht mehr zurecht. Eindringlich schildert Heizmann insbesondere die Schicksale von Heimkehrern aus beiden Weltkriegen. Was den zweiten betrifft, so funktioniert der Verdrängungsmechanismus vieler Westdeutscher gut. Von Trümmerliteratur wollen sie nichts mehr wissen. Die Heimkehrthematik verliert an Bedeutung. Schweizer Autoren wie Max Frisch (1911- 1991) und Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) füllen die Lücke. Treibende Kraft für die Heimkehr ist dort die Ich-Suche – oder Rache. Dagegen will man in der alten BRD feiern, das Leben genießen, dessen Grundlage das Wirtschaftswunder ist. Vor dieser oberflächlichen Gesellschaft graut den heimgekehrten, einst exilierten deutschsprachigen Schriftstellern wie Brecht, Seghers, Zuckmayer. Die Sehnsucht, „alles“ wiederzusehen, wird fragwürdig, die Heimkehr erfolgt zögerlich. Anfängliche, rasch nachlassende Aufbaustimmung im „Osten“ und die geschichtsvergessene Geschäftigkeit des „Westens“ lassen die Entscheidung schwer werden. Die jüdische Schriftstellerin Mascha Kaleko (1907– 1975) spürte „die düsteren Geister“ der braunen Vergangenheit, was ihrem „Heimweh“ eine bittere Note verlieh. Illusionslos fällt ihr Urteil aus: „Fremde sind wir nun im Heimatort, / Nur das Weh, es blieb. / Das Heim ist fort.“ Eine lange Reihe von Dichtern und Schriftstellern lässt Heizmann zum Thema aufmarschieren. Sie reichen von Homer, Aischylos, Wernher dem Gärtner, Hans Sachs, Joseph von Eichendorff, Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Hermann Hesse, Theodor Storm, Bert Brecht, Franz Kafka und Anna Seghers bis zu Trivialschriftstellern und modernen Autoren wie Christoph Ransmayr und Toni Morrison sowie Politikern und Sängern. Unbedingt lesenswert und aufschlussreich! Bertold Heizmann: Heimbegehren. „Heimkehr“ als literarisches Motiv. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2026. ISBN 978-3-8260-9555-9. 250 S. 32 €.