Mut zum Chaos. Ottilie von Goethe
Vortrag von Francesca Müller-Fabbri, Weimar, am 9. April 2024
Ottilie von Goethe (1796 – 1872), Goethes „geliebte Schwiegertochter“, wurde schon von ihren Zeitgenossen überaus kontrovers wahrgenommen. Im Fokus standen stets ihre Rolle als Schwiegertochter Goethes, ihre unglückliche Ehe mit seinem Sohn August und ihre leidenschaftlichen Gefühle. Ihre selbstbestimmten Lebensentscheidungen und ihr freiheitsliebender Geist faszinierten und irritierten zugleich.
Die Mutter kam mit zwei Töchtern nach Weimar, die Witwe wurde dort „die Gräfin“ genannt, da sie in der Tat eine geborene Gräfin Henckel von Donnersmarck war. Die Mutter fand rasch eine Hofdamenstelle bei Herzogin Luise. Am 17. Juni 1817 heiratete Ottilie August von Goethe und zog zu ihm in die Mansarde des Goethe-Hauses am Frauenplan. Sie hatte mit ihm die Kinder Walther Wolfgang von Goethe (1818–1885), Wolfgang Maximilian von Goethe (1820–1883) und Alma Sedina Henriette Cornelia von Goethe (1827–1844). Doch die Ehe verlief unglücklich: Augusts Alkoholprobleme und Ottilies Liebschaften belasteten die Verbindung, die zudem ganz unter dem Eindruck des imposanten Schwiegervaters stand. Das Verhältnis zwischen Ottilie und ihrem Schwiegervater entwickelte sich nämlich sofort recht vielversprechend. 15 Jahre lebten sie unter einem Dach. Ottilie begeisterte sich für E. T. A. Hoffmann und Lord Byron. Dem Schwiegervater sprudelte eine jugendliche Welle an Lebendigkeit und Lust auf romantische und englischsprachige Literatur entgegen. Er schenkte Ottilie Vertonungen seiner Gedichte, die sie zu Gehör brachte. Bald nahm sie an der Ausarbeitung einiger Schriften des Dichters teil. Die geistreiche Schwiegertochter entwickelte sich zum Anziehungspunkt der internationalen Gästeschar des alten Goethe. Als Weimar ab den 1820-er Jahren Ziel englischsprachiger Studenten wurde, avancierte Ottilie zur Vermittlerin bei Hof sowie in gelehrten Kreisen und erhielt bald auch aufgrund ihrer Übersetzerinnentätigkeit den Spitznamen „englischer Konsul“.
Ottilie von Goethe pflegte ebenso eine intensive Beziehung zu der fast gleichaltrigen Adele Schopenhauer, die mit ihrer Mutter Johanna ebenfalls in Weimar lebte. Da Adele und Ottilie in Danzig geboren und ohne Vater aufgewachsen waren, verband sie schnell eine intensive Freundschaft, die erst mit Adeles Tod endete.
Ottilie dichtete sehr viel. Sie gründete auch einen Musenverein für Mädchen. Ottilie übersetzte den „Tasso“ ins Englische, es gab ja eine relativ große englische Gemeinde in Weimar.
Dennoch wurde ihr intellektuelles Lebenswerk bislang wenig beachtet. Dabei wirkte sie als Übersetzerin und Agentin des englisch-deutschen Kulturtransfers, sie förderte eine neue Generation von Kunstschaffenden in Weimar, Leipzig und Wien,. Ottilies handschriftlicher Nachlass, ihre Bibliothek, ihre Kunst- und archäologischen Sammlungen, ihre Publikationen und Übersetzungen erweisen sich als ein erstaunlich reicher Fundus, um ihre weltoffene Persönlichkeit darzustellen und zugleich ein Stück Frauengeschichte des 19. Jahrhunderts zu schreiben. Ab 1829 gab sie die Zeitschrift „Chaos“ heraus. Die Beiträge kamen aus allen Teilen Europas, waren in verschiedenen Sprachen verfasst und gaben Gelegenheit, auf die Beiträge der anderen zu reagieren. Neben Goethe und weiteren Weimarer Bekannten waren auch zahlreiche berühmte Zeitgenossen vertreten, macht Karsten Hein im Goethe-Jahrbuch 2022 aufmerksam. Weiter erfahren wir: Das Blatt existierte von September 1829 bis Februar 1832, unterbrochen bei Augusts Tod 1830 und beendet mit dem Ableben des Dichters. Mitwirken am „Chaos“ durfte nur, wer mindestens einen 24-stündigen Aufenthalt in Weimar nachweisen konnte. Die Redaktion hatte ihren Sitz in der Mansarde des Goethe-Hauses: die Herausgeberin stellte das wöchentlich erscheinende Journal zusammen. Die eingereichten Texte in beliebiger Sprache mussten unveröffentlicht sein und wurden nicht mit Klarnamen gekennzeichnet. Geschützt durch Pseudonyme konnte man sich frei fühlen, Wahrheiten und Gefühle offen aussprechen. Mitunter bezogen sich die Texte aufeinander, und es entwickelte sich ein interaktives poetisches Hin und Her. Und ein weiteres Novum: Etwa ein Viertel der rund 100 Mitwirkenden waren Frauen.
Nach Augusts Tod lebte Ottilie weiterhin bei ihrem Schwiegervater, dem sie unter anderem bei der Ausarbeitung des Fausts (2. Teil) half. Obwohl sie sich gelegentlich von Goethe überfordert fühlte, gehörte er, den sie liebevoll „Vater“ nannte, zu den wenigen stabilen Größen in ihrem Leben. Goethe starb 1832. Das Testament des Schwiegervaters machte Ottilie eine zweite Heirat finanziell unmöglich. Der Tod Goethes bedeutete in mehrfacher Hinsicht eine Wende in Ottiliens Leben. Der Dichter war Dreh- und Angelpunkt all ihrer Aktivitäten gewesen; es entstand eine große Leere. Zudem wurden laut Testament ihre drei minderjährigen Kinder Universalerben und erhielten bis zu ihrer Volljährigkeit Vormünder. Die Kunst-, Naturalien- und Briefsammlungen wurden unter die Betreuung des großherzoglichen Bibliothekssekretärs gestellt und sollten möglichst an eine öffentliche Anstalt verkauft werden. Wohnhaus und Garten blieben zunächst unverkäuflich. Ottilie wurde das Wohnrecht und ein jährliches Wittum sowie für jedes Kind ein Alimentations- und Erziehungsgeld bis zur jeweiligen Volljährigkeit zugesprochen … Soweit Karsten Hein.
Es folgten Jahre mit wechselnden Aufenthaltsorten. Neben Weimar und Italien hielt sie sich häufig in Wien auf. Während ihrer ausgedehnten Italienreisen besichtigte sie Galerien, Museen und betätigte sich als Kunstsammlerin. Ottilie brachte es im Laufe ihres Lebens zu einer beachtlichen Kunstsammlung. Die Inventarliste ihrer Wiener Wohnungzählte hunderte von Bildern und Objekten.
Obwohl sie sich in Weimar nicht mehr heimisch fühlte, kehrte Ottilie von Goethe 1870 in die Stadt zurück und verbrachte ihre letzten beiden Lebensjahre im Goethe-Haus. 1872 starb sie an einem Herzleiden. Sie wurde im Familiengrab der Goethes auf dem Historischen Friedhof Weimar nahe an der Fürstengruft beigesetzt.
Klopstock – Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag
Vortrag von Prof. Hans-Joachim Kertscher, Halle, am 4. Juni 2024
Im Hinblick auf Centenarfeiern für Dichterpersönlichkeiten in Deutschland setzten die in seiner Geburtsstadt Quedlinburg vom 1. bis 3. Juli 1824 ineszenierten Feierlichkeiten zum 100. Geburstag von Friedrich Gottfried Klopstock erste Maßstäbe. Der galt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unbestritten als einer der größten Dichter der Deutschen. Sein 100. Geburtstag wurde daher im gesamten deutschen Sprachraum feierlich begangen. Die aufwändigste Feier fanden in seiner Geburtsstadt Quedlinburg sowie in seinem Sterbeort Hamburg statt.
In Quedlinburg hatten einflussreiche Bürger schon frühzeitig den Gedanken einer Klopstock-Feier und der Errichtung eines Denkmals in der Vaterstadt des Dichters an die preußische Regierung herangetragen. Per Kabinettsordre vom 11. Mai 1820 war die Erlaubnis des preußischen Königs zur Durchführung der Feierlichkeiten in Quedlinburg eingegangen. Daraufhin ließen die Initiatoren in regionalen wie überregionalen Zeitschriften Anzeigen publizieren, die für das Ereignis gehörig die Werbetrommel rührten. Mit maßgeblicher Unterstützung des Landrates Weyhe wurde 1824 der erste Klopstock-Verein Deutschlands ins Leben gerufen. Er widmete sich den Jubiläumsfeierlichkeiten. Geplant waren ein großes dreitägiges Musikfest mit bekannten Künstlern, das unter der Leitung des Komponisten Carl Maria von Weber stattfinden sollte. Die Einladung des Vereins zur Gestaltung des Festes beantwortete der Komponist wie folgt: „Ihre ebenso schmeichelhafte als erfreuliche Einladung, der SäkularFeyer des unsterblichen Barden beizuwohnen, kann mich nur zu lebhaftem Danke für Ihr moch so ehrendes Vertrauen verpflichten; und ich werde mit wahrer Freude in allem mitwirken, wo Sie glauben, daß mein Eifer für die Sache nützlich, und meine Thätigkeit nothwendig sein könnte.“
Carl Maria von Weber scharte „in den beiden letzten Tagen des Juni“ Sänger und Musiker aus verschiedenen Gegenden Deutschlands um sich und probte mit ihnen die geplanten Stücke.. „Die Zahl der Musiker, welche bei den Aufführungen der beiden Hauptfeiertage thätig waren, betrug gegen 110, die der Sänger gegen 150. Die Gesamtzahl also ungefähr 260.“
Eine Vorfeier am 1. Juli leitete das Ganze ein. Sie „bestand aus einem Concert in der Schloßkirche, Nachmitags von 3 bis 6 Uhr“ und fand ihre Fortsetzung in der Hauptfeier am 2. Juli. Diese begann vormittags in der Schlosskirche. Dabei ertönte Beethovens 3. Sinfonie, die „Eroica“. – „Sie wurde mit vielem Ausdruck und scharfer Präcision ausgeführt, was gewiß bei einem Orchester bewunderungswürdig ist, welches aus so verschiedenen Elementen gemischt ist wie das quedlinburger, und welches nur zwei Proben dieser schwierigen Musik gehabt hatte.“ Die Veranstalter belohnten diese Leistung mit einer Medaille. Alle Mitglieder des Chores und des Orchesters erhielten eine eiserne Medaille, welche an einem blauen Bande getragen wurde: als Andenken an dieses Fest, theils auch als Erkennungszeichen, welches zugleich Eintritt in die Proben und zu dem Speisesaale gab. Die Medaille zeigte auf der einen Seite eine mit Lorbeern umkränzte Leier, auf der andern das Datum des Festes.“
Eine Mittagsmahl für die Honoratioren der Stadt schloss sich mit zahlreichen Trinksprüchen an. Für die Nachnittagsfeierlichkeiten wurden die Räumlichkeiten „im Schauspielhause des Mummenthals“ genutzt. „Laub- und Blumengehänge umkränzten die Eingänge zu dem Mummenthale und zu dem Schauspielhause“. Büsten von Homer und Vergil, der Vorbilder Klopstocks, zierten das Eingangsportal. „Oben über der Thür des Eingangs … stand Klopstocks Büste mit einem Lorbeerkranze geschmückt, nach einem Gemälde von Tischbein, in nachtblauem Felde, umgeben von einem prophetisch-apocalyptischen Siebengestirn von geschliffenem Glase und durch Lämpchen erleuchtet, hindeutend auf das höhere himmlische Epos des großen Sängers, zugleich auf eine Apotheose.“
Großes Pathos war also an die Stelle einer eingehenden Beschäftigung mit dem Werk Klopstocks getreten. Das kannte man bereits. Schon Lessing hatte im ersten seiner „Sinngedichte“ auf mangelndes Interesse an den Texten des Quedlinburgers verwiesen:
Wer wird nicht eiunen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? – Nein.
Wir wollen weniger erhoben,
Und fleißiger gelesen sein.
Auch Hamburg, der letzte Wohnort des Dichters, beteiligte sich mit einer eigenen Centenarfeier am dem Klopstockfeierlichkeiten des Jahres 1824; auch darüber hat sich Goethe, so viel man weiß, nicht ausgelassen. Lediglich am 9. November 1824 betonte er gegenüber Eckermann die Vorreiterrolle, die Klopstock und Herder anfangs im literarischen Betrieb gespielt hätten. Nun aber sei „die Zeit ihnen vorangeeilt, und sie, die einst so nothwendig und wichtig waren, haben jetzt aufgehört, Mittel zu sein. Ein junger Mensch, der heut zu Tage seine Kultur aus Klopstock und Herder ziehen wollte, würde sehr zurückbleiben.“
Da befand sich der Weimarer freilich im Irrtum. Nicht nur die Feierlichkeiten im Jahr 1824 konnten darauf schließen lassen, dass Klopstock durchaus noch in jenen Jahren Gesprächsstoff innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu liefern vermochte. Kein Geringerer als Friedrich Hölderlin war zeit seines Lebens ein glühender Anhänger des Quedlinburgers. Bereits mit siebzehn Jahren, in seiner Maulbronner Schulzeit, bekannte er sich in der Ode „Mein Vorsatz“ zu zwei literarischen Vorbildern und fragte in diesem Zusammenhang nach dem Ziel seines dichterischen Wollens:
Ist’s heißer Durst nach Männervollkommenheit?
Ist’s leises Geizen um Hekatombenlohn?
Ist’s schwacher Schwung nach Pindars Flug?
Ist’s kämpfendes Streben nach Klopstocks Größe?
Obwohl er sich eingestehen musste, dass er den „Weltenumeilenden Flug der Großen“ nicht vollziehen könne, fühlte er sich gerüstet: „Hinan! Hinan! Im glühenden kühnen Traum / Sie zu erreichen.“
Schon in seiner Knabenzeit in Nürtingen hatte Hölderlin die Werke Klopstocks entdeckt und den Wunsch verspürt, sich „mit dem Sänger Gottes, Klopstock, himmelan“ schweben oder „Klopstocks Bild und Wielands – Mit Blumen umhängt zu sehen.“ Noch Ende der dreißiger Jahre, in geistiger Umnachtung, rezitierte Hölderlin, so der hessische Theologe Albert Diefenbach, im Tübinger Turm Klopstock „stundenlang … laut mit großem Pathos.“
Doch zurück zur Klopstockfeier in Quedlinburg. Deren Einnahmen samt der für diesen Zweck zustande gekommenen Spenden fanden Eingang in den Fonds zur Schaffung eines Klopstock-Denkmals. Es wurde in der Parkanlage Brühl am Ende einer Sichtachse aufgestellt und am 7. Juli 1831 enthüllt. Das Postament für das Denkmal gestaltete Carl Friedrich Schinkel, die darauf platzierte Büste entwarf Christian Friedrich Tieck.
Wilhelm Meisters theatralische Sendung
Vortrag von Oliver Meyer-Ellendt, Wetzlar, am 5. März 2024
Als Goethe noch kein „von Goethe“ ist, geht er 1775 von Frankfurt/Main nach Weimar. Zwei Jahre später beginnt er mit dem Schreiben eines Romans, der in Theaterkreisen spielt. Die Hauptfigur nennt er „Wilhelm Meister“.
Schon als Knabe übt sich Wilhelm in der Schauspielkunst, besucht etliche Male im Jahr Schauspieler, die in die Stadt kommen. Wilhelm begibt sich als Erwachsener auf Geschäftsreise, treibt brav Schulden ein und trifft … immer wieder Komödianten. Eine der Theatergesellschaften wird geleitet von der Direktrice Madame de Retti. Er findet seine Jugendliebe Mariane, natürlich Schauspielerin, wieder, verliebt sich in sie, muss jedoch erfahren, dass er einen Nebenbuhler hat. Prompt fällt Wilhelm aus seinem Wolkenschloss in eine tiefe Krise. Joseph von Eichendroff stellt daraufhin fest, „dass Goethe selbst so eine Art von Wilhelm Meister war, und wir erfahren nachträglich aus Dichtung und Wahrheit, wie überraschend viele Jugenderinnerungen, Personen und Zustände aus seinem eigenen Leben in diesen Roman übergegagen sind.“
Wilhelm gelobt, sich künftig vor der zusammenschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten – und tröstet sich mit seiner Liebe zum Theater.
Er beginnt sogar, selbst Stücke zu schreiben. Sein Ziel ist es, der vollkommenste Schauspieler zu werden und der Schöpfer eines großen Nationaltheaters. Höher hinauf geht’s nimmer. Zur Ablenkung von diesen Theaterflausen wird Wilhelm von seinem Gebieter Werner auf Reisen gesachickt: als Schulden-Eintreiber. Niederer geht’s kaum. Doch Wilhelm fügt sich. Das Schicksal – oder vielmehr die erzählerische Ironie – will es, dass Wilhelm fortan stets auf Theatervolk trifft. Eine Theatertruppe lässt Wilhelm spüren, dass er ein großer Kenner, Liebhaber und Beschützer des Theaters und all seiner Protagonisten ist. Und wer sich wie Wilhelm sein Leben lang der Literatur und dem Theater hingibt, ist naiv genug, eine solche Komödie für bare Münze zu nehmen – und die eigenen Münzen offenherzig herzugeben. Prompt leiht Wilhelm also der Directrice de Retti größere Teile der von ihm einkassierten Schulden, und die Truppe isst und trinkt fortan auf Wilhelms Kosten. Als Gegenleistung geraten alle jedes Mal in dionysische Begeisterung, sobald er lange Dramenmonologe rezitiert. In Madame de Rettis Truppe begegnet Wilhelm einer jungen Person, und zwar so, wie sie sich Wilhelm vorstellt: niedlich, reizend, schnuckelig und drollig; so heißt sie auch auf Französisch: „Mignon“. Ein Schauspieler-Paar, dem Wilhelm zuvor begegnet ist und das sich nun der Truppe angschlossen hat, Madame Melina und ihr Ehemann, meinen jedoch, Mignon sei zu gar nichts nütze: Auswendig lerne sie geschwind, spielen aber würde sie erbärmlich.
Madame de Retti hatte Mignon einst dem Leiter einer Seiltänzergruppe für hundert Dukaten abgekauft, da der grobe Kerl das Kind gerade auspeitschen wollte. Mignon hatte sich nämlich geweigert, den Eiertanz aufzuführen. Dies meint die Kunstfertigkeit von Artisten, mit verbundenen Augen zwischen rohen Eiern groteske Tänze aufzuführen.
Wilhelm hat inzwischen ein Trauerspiel geschrieben: „Belsazar“. Die Truppe Madame de Rettis ist vereinbarungsgemäß begeistert und sich einig: Wilhelms Stück muss aufgeführt werden. Natürlich von ihnen. Und natürlich bezahlt von Wilhelm.
Also wird Wilhelm von der Direktrice ordentlich geschröpft. Nach und nach gibt er sein ganzes Geld für Bühnenhandwerker und Ausstattung hin. Natürlich nicht sein Geld, sondern das von den Gläubigern kassierte.
Der Schauspieler Bendel ist der Geliebte der Directrice. Wenig textfest, dafür trinkfest. Er soll in „Belsazar“ den Darius spielen. Am Tage der Uraufführung hat Herr Bendel jedoch „wieder einen schweren Anfall krankhafter Trunksucht“. Er ist völlig unfähig, den Darius zu spielen. Wilhelm muss einspringen. Durchaus mit Erfolg.
Erst bei der zweiten Aufführung des „Belsazar“ spielt Bendel den Darius. Er zeigt sich weniger begabt als Wilhelm, wird aus dem Parkett mit Pomeranzen beworfen. Die Truppe verzieht sich schutzsuchend hinter die Kulissen. Nur Bendel wirft zurück, trifft einen Zuschauer. Ein wahres Schlachtgetümmel hebt an, das Publikum ersteigt mit Stöcken die Bühne und verwüstet alles. Im Tumult verschwinden die Tageseinnahmen und dann die Direktrice mit Herrn Bendel.
Und als sei dies noch nicht genug, kommt Mademoiselle Philine, eine junge, muntere Actrice, zu Wilhelm aufs Zimmer. Der Erzähler beschreibt, dass sich Philine „so artig, so schmeichelnd, so eifrig“ beträgt, dass Wilhelm sie nicht abweist. Und so gerät unser Held zum zweiten Mal an eine nicht sehr moralische Schauspielerin.
Die geschrumpfte Theatertruppe reist weiter, hat aber Mignon nicht mitgenommen. Das Figurengewimmel des Romans wird nun um einen kunstbeflissenen Grafen erweitert. Seine Exzellenz besitzt eine große Liebe zur Literatur, insbesondere zur deutschen. Außerdem hat sicherlich Philine ein wenig mit den Wimpern geklimpert, und schon lädt der Graf alle auf sein Schloss ein.
Doch die Truppe wird enttäuscht. Zum einen bringt man sie schäbig unter, zum anderen stellt sich wieder einmal heraus, dass Geld-Adel nicht in jedem Fall einher geht mit Geistes-Adel. So ist man auf dem Schloss ihrer schon bald überdrüssig.
Zum Glück verbessert sich die Lage der Komödianten ein wenig, indem man in einem alten, leeren benachbarten Schloss ein paar Möbel aufstellt und sie mit den Speiseresten der gräflichen Tafel versorgt.
Somit wird das Theatergerüst „aufgeschlagen und ausgezieret“, und man führt hin und wieder im eigentlichen Schloss Theaterstücke auf.
Der gräfliche Hausherr vereinigt dabei in herausragender Weise zwei Eigenschaften, die sich jeder Künstler von seinem Mäzen wünscht: Ahnungslosigkeit und Einmischungsfreude.
In der Umgebung des gräflichen Schlosses lernt Wilhelm Jarno kennen, der Kriegsveteran, Philosoph und eine Art bissiger Schlosshund ist. Und vermutlich inspiriert von Johann Gottfried Herder. Wilhelm empfindet für Jarno „eine gewisse Neigung“, obgleich dieser etwas „Kaltes und Abstoßendes“ hat. Dafür macht Jarno Wilhelm auf William Shakespeare aufmerksam, und bei der Lektüre von Shakespeares Werken glaubt Wilhelm, „vor den aufgeschlagenen ungeheuern Büchern des Schicksals zu stehen“. Wilhelm fängt an, „zu wittern, dass es in der Welt anders zugehe, als er sich’s gedacht“.
Der Truppe ist kein Glück beschieden. Schließlich findet sie eine Notunterkunft, und alle wefen die Schuld auf Wilhelm. Der fühlt sich unschuldig und verspricht, alle aus dem Elend herauszuführen. Mehr noch: Ein jeder soll „doppelt und dreifach so viel“ erwerben, „als er verloren“.
Zu diesem Zweck studiert Wilhelm auf dem Krankenlager weiterhin die Schriften Shakespeares, insbesondere den „Hamlet“. Nach einer längeren Zeit der Genesung erreicht Wilhelm die nächstgrößere Stadt, wo er dem Theaterdirektor Serlo begegnet. Wilhelm trifft nun auch die vorausgereiste Theatertruppe wieder und empfiehlt sie Serlo ans Herz für ein Engagement. Aurelio, eine Schwester Serlos, durchschaut jedoch die Komödianten sofort und wirft Wilhelm vor: „Ich habe nicht leicht jemanden gesehen, der die Menschen, mit denen er lebt, so von Grund aus verkennt wie Sie! Was ist Ihre ganze Gesellschaft, die Sie meinem Bruder empfehlen, für ein erbärmliches Volk!“
Und auch Mignon versetzt Wilhelm in Verwirrung, wenn auch in eine andere: Beim Gute-Nacht-Sagen schließt sie ihn plötzlich fest in ihre Arme und küsst ihn „mit solcher Inbrunst, dass es Wilhelm vor der Heftigkeit dieser aufkeimenden Natur angst und bange wird.“
Vielversprechender entwickelt sich am Ende des Romans Wilhelms Liebe zum Theater. Direktor Serlo wird Wilhelms Lehrer und möchte ihn fest an seiner Bühne haben – sowie die ganze Truppoe dazu. Es bleibt nicht ohne neuerliche Schwierigkeiten. Immerhin: Bendels Wunsch geht in Erfüllung, nicht mehr schauspielerin zu müssen. Melina indes soll Garderobe-Meisterin werden, um den Motten zu wehren. Auch ein Karriere-Ende am Theater.
Fritz von Stein (1772 – 1844) – ein erfülltes Leben zwischen Weimar und Schlesien
Vortrag von Prof. Detlef Jena, Rockau
Fritz von Stein war eine liebenswürdige, aufgeschlossene Natur, wurde als Knabe in Goethes Haus aufgenommen. Von dort musste er vierzehntägig Goethes Mutter nach Frankfurt in „geheimer Mission“ berichten, was ihr Sohn so trieb, denn Goethes Verhältnis zu seiner Mutter, der Frau Rätin, war komnpliziert. Obwohl er glänzende Aussichten hatte, am Weimarer Hof eine Stellung zu bekleiden, trennte er sich von der Stadt an der Ilm. Er ging lieber in preußische Dienste nach Schlesien. Dies wurde in Weimar sehr übel aufgenommen. Er blieb zwar mental mit Weimar verbunden, kam auch zu Besuch, blieb jedoch zeitlebens in Schlesien, wo er einflussreiche Posten bekleidete.
Ein Amt hing mit einem Johann Georg Knie zusammen. Der wurde 1794 in Erfurt geboren, erblindete durch Blattern. Durch seine vermögenden Eltern erwarb er sich eine reiche Bildung, besuchte beispielsweise die Blindenschule in Berlin. Später kam er nach Breslau, wo Wilhelm von Humboldt 1811 eine Universität gegründet hatte. Knie studierte dort Mathematik und Geografie. Er beschloss, in Breslau zu bleiben, gründete dort eine Unterrichtsanstalt für blinde Kinder. Blinde wurden bis dahin als Kranke behandelt, denen man Fürsorge angedeihen lassen musste. Anders Knie: Er forderte, dass Blinde als vollwertige Menschen anzusehen seien, unter Berücksichtigung ihres Leidens seien sie zu selbstbewussten Bürgern zu entwickeln. Knie wurde Direktor seiner Anstalt und als Ko-Direktor fungierte – Fritz von Stein. Knie unternahm einen Selbstversuch, zog mutterseelenallein über drei Monate lang kreuz und quer durch die deutschen Staaten, um zu beweisen, dass blinde Menschen, wenn sie genau notwendige Bedingungen beachten, durchaus in der Lage sind, ein eigenständiges Leben zu führen. Dazu gehörte auch Arbeit. Die blinden Kinder und Jugendlichen in Knies Einrichtung erwarben sich in eigens aufgesuchten Manufakturen und durch spezielles Werkzeug ihren Lebensunterhalt und letztlich auch den Erhalt ihrer Schule.
Stein wolte den Geist Weimars auch nach Schlesien tragen, als enger Vertrauter Goethes der klassischen deutschen Literatur auch in Breslau eine Heimstatt schaffen. Mehrere Besuche in Weimar und Korrespondenzen mit der Ilm-Stadt trugen hierzu bei. Der Goethe-Forschung gilt es als größte Leistung, dass Fritz von Stein von seiner Mutter Charlotte 1827 ihren Briefwechsel mit Goethe – nach 1794 gab es wieder eine gewisse Annäherung zwischen beiden – übernahm und für eine spätere Veröffentlichung sorgte. Immerhin kamen drei Bände zusammen.
Es existieren etwa 400 Briefe aus Weimar an Fritz von Stein, sie wurden 1907 veröffentlicht. Vierzig Jahre lang unterhielt Fritz von Stein eine rege Korrespondenz mit seiner Freundin Charlotte von Lengefeld, verheiratet Schiller. Dieser Briefwechsel wurde 1860 publiziert, doch seitdem kaum zur Kenntnis genommen. Es gibt auch Briefe von Goethe an Fritz.
1795 kam Fritz von Stein als Assesor nach Schlesien, machte rasch Karriere, wurde Kriegs- und Domänenrat, was allerdings nur ein Titel bedeutete. Seine Entscheidung, im Land zu bleiben, führte zwei Jahre später dazu, dass er vom preußischen König zum Direktor der Kunst- und Gewerbeschule in Breslau berufen wurde. Sie kann durch ihre Beschäftigung mit Architektur, Inneneinrichtung, Materialien wie Holz, Keramik, Papier in gewissem Sinne als Vorläufer der Bauhaus-Akademie angesehen werden. Diese Akademie besteht bis heute.
Fritz von Stein leitete sie acht Jahre lang. Er hat den Posten durch die napoleonische Besetzung Schlesiens letztlich aufgeben müssen.
Zwischen 1807 und 1810 erlebte er seine schlimmste Zeit. Er war nicht nur arbeitslos, sondern auch Witwer, musste drei Kinder durchbringen. Er ließ vorzeitig sein Erbe – 30 000 Taler – auszahlen und kaufte ein Gut, das von den napoleonischen Truppen jedoch geplündert wurde. Die Frau aus seiner zweiten Ehe – aus sehr vermögender Familie stammend – investierte zwar in das Gut, verließ ihn jedoch nach kurzer Zeit, ging zu ihren Eltern zurück, da sie nicht mehr mit ihm zusammenleben wollte.
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Schlesien war infolge der Kriegswirren ein bettelarmes Land. Die Wirtschaft war völlig zusammengebrochen. Aus diesem Grund, um Gewerbe und Landwirtschaft wiederzubeleben, veranlasste Friedrich II. 1777 die Gründung einer „Schlesischen Landschaft“ – eines Darlehens- und Kreditinstitutes für den schlesischen Adel. Fritz von Stein wurde deren Generallandschaftsrepräsentant, vom Adel gewählt, allerdings nur für den niederschlesischen Bereich. Allerdings besaß er weiterreichenden Einfluss für ganz Schlesien, war er doch zugleich Mitglied des Zentralgremiums dieser Einrichtung. Selbige besaß neben finanziellen Obliegenheiten noch eine weiteres Tätigkeitsfeld: Die Institution sollte mit der Geldvergabe zugleich dafür sorgen, dass die neuesten Erkenntnisse der Agrarwirtschaft, des Handels, von Forschung und Technik Einzug ins schlesische Wirtschaftsleben fanden. Diese Ambitionen erstreckten sich ebenso auf die Schlesische Sozietät, die wissenschaftliche Erkenntnisse für den Adel bereitstellen sollte, um ihm bei der Gestaltung moderner Produktion zu helfen. Dieses System funktionierte jedoch nicht.
Daraufhin wurde 1803 die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur gegründet, die später in scharfe Konkurrenz zur jungen Universität trat. Die Gesellschaft vereinigte in sich namhafte Gelehrte. In diese Gesellschaft wurde 1820 Fritz von Stein als Präsident berufen. Er sorgte dafür, dass Goethe Ehrenmitglied wurde. Durch seinen liebenswürdigen Charakter gelang es ihm, Streit zu schlichten, Kompromisse auszuhandeln, Interessen auszugleichen.
Unsere Studienfahrt nach Wechmar, Stammort der Musikerfamilie Bach
Unsere Studienfahrt nach Wechmar, Stammort der Musikerfamilie Bach
Unsere Studienfahrt nach Wechmar, dem Stammort der Musikerfamilie Bach
Ich winde mich um deinen Schoß und Busen – Herder und die Liebe
Ich winde mich um deinen Schoß und Busen – Herder und die Liebe
Vortrag von Dr. Egon Freitag am 11. Oktober 2023
Er bezeichnete sich selbst als einen erotischen Menschen, verfasste somit auch erotische Texte. Er lernte die aus dem Elsaß stammende Caroline Flachsland kennen Sie hatte in Herders Straßburger Zeit 1770 eine Predigt von ihm gehört. Dieses Zusammentreffen erschien als Gottes Wille. Beide lasen Gedichte von Klopstock. Er nante sie Engel in mehrfachen Variationen, wie Unschuldsengel, Frühlings- und Unschuldsblume. Er nannte sie oft auch Lina. Die Eheschließung bedurfte einiger Formalitäten, so musste sie einen notariell beglaubigten Taufschein beschaffen oder ihm das Original zuschicken. Das Ehebett für die Flitterwochen sollte sie selbst besorgen, sie führte detailliert auf, was hierzu an Wolle, Federn etc. benötigt wurde. Dieses Liebeslager wurde ganz genau geplant.
Am 2. Mai 1773 fand in Darmstadt die Hochzeit statt, Goethe war zugegen. Die Hochzeitsreise führte auch nach Frankfurt/Main, wo das Paar Goethes Eltern kennenlernte. Herder brachte allerdings auch 600 Gulden Schulden in die Ehe. Dennoch begann eine glückliche Zeit. Für ihn war Caroline ein schwebender Engel in dieser Welt.
Nach seiner Auffassung war der Geschlechtstrieb der mächtigste. 1776 begrüßte Wieland das Paar in Weimar, Goethe war mit dem Herzog gerade auf der Jagd. Goethe kam den Tag darauf zur Begrüßung.
Letztlich hatte die Familie acht Kinder, sieben Söhne und eine Tochter. Die Haushaltsführung war schwierig, stets schwebte man in Geldsorgen. Caroline erwies sich als eine ebenbürtige Partnerin. Gleim schätzte ihre Mitarbeit. Aber es gab mitunter auch Streit. Dann wechselten vom Dienstboten gebrachte Briefe von der unteren zur oberen Etage. Schließlich fiel ihr Herder um den Hals, und aller Streit fand sein Ende. Beide lebten immer über ihre Verhältnisse. Der Haushalt, die Kinder und Bücher verschlangen viel Geld. Herzog und Herzogin halfen, Goetha auch und Wieland, schließlich gewährte der Herzog eine zusätzliche Zahlung über 300 Taler pro Jahr. Aber auch dies reichte nicht. Herder gab seine „Lieder der Liebe“ heraus. Er verherrlichte die Nacktheit als griechisches Ideal. Das beste Kleid sei nur ein Hindernis wandte er sich gegen Prüderie und „einpressende Klosterlumpen“. Die Griechen seien hingegen zur Freude und Lust geboren. „Ich will nicht umsonst ein Mann sein“, bekundete er. An sich war er ein treuer Ehemann, doch dies wurde 1778 auf eine ernste Probe gestellt. Er verliebte sich in die elf Jahre jüngere Friederike Schaardt. Sie langweilte sich in Weimar, kam oft ins Pfarrhaus, die 22-Jährige erwies sich als geistreich, zierlich, anziehend. Sie war Mitarbeiterin am Tiefurter Journal und wirkte ebenso am Liebhabertheater mit. Seine Leidenschaft konnte Herder nur mühsam zurückhalten, letztlich geriet das Ganze zu einer idealischen Seelenliebe. Somit war seine Ehe nicht gefährdet. Allerdings, auf einer Reise im Harz 1783, wollte er sie heimlich treffen. Dies gelang in Blankenburg.
Herder versuchte, seine Frau an dieser Freundschaft teilhaben zu lassen. Caroline ließ sich darauf ein.
Herder trat eine große Italienreise an. Im Vatikan wurde er als Bischof von Weimar vorgestellt. Ein Abt meinte zu ihm: „Wie kann ein Geistlicher seine Frau so lange ohne Aufsicht und Weide lassen?“ Herders Antwort: „In Deutschland haben wir zum Glück die Stallfütterung eingeführt.“
Er lernte auch die berühmte Malerin Angelica Kaufmann kennen. Beide waren sich sympathisch. Herder besuchte die Museen des Vatikans, bewunderte die von Fackeln beleuchteten, wunderbare Schattenspiele erzeugenden Skulpturen von Venus, Diana und Jupiter, Er erlebte somit die Einheit harmonsichen Lebens auch von Menschen, sein Credo: Licht, Liebe und Leben.
Goethe als Patient
Vortrag von Prof. Dr. L. Engelmann, Leipzig, am 6. September 2023
Goethes Genialität beruht ebenso „in zäher, beharrlicher, zuchtvoller Tätigkeit und Kreativität“ (Nager: „Goethe, der heilkundige Dichter“) und auf der Fähigkeit des Ausharrens, der Mäßigung, des Verzichts und der Entsagung.
Doch waren auch bedeutende Ärzte um ihn herum. In der Straßburger Zeit gehörte Georg von Zimmermann, ein engagierter Vertreter der neu aufblühenden hippokratisch, auf Erfahrung und Beobachtung orientierten Medizin und späterer Leibarzt Friedrichs des Großen, zu seiner Tischrunde. In Weimar wählte er den Jenaer Medizinprofessor Christian Wilhelm Hufeland, Mitbegründer der Geriatrie und der medizinischen Prävention, als Hausarzt. Nach dessen Berufung an die Charite wurde Johann Christian Starck, ebenfalls Professor in Jena, Goethes Leibarzt, Berater und Gesprächspartner.
In den krankheitsbelasteten Jahren, beginnend mit Schillers Tod, behandelte ihn Oberbergrat Johann Christian Reil in Halle, 1816 bis 1825 betreute ihn Wilhelm Rehbein und schließlich Carl Vogel bis zu Goethes Ende. Nicht zu vergessen, dass sein engster Freund Schiller ebenfalls Arzt war.
Goethes Vorliebe für Anthropologie, Psychologie und Psychiatrie führte ihn mit Johann Christian August Heinroth, Professor für Psychiatrie in Leipzig, und dem Universalgenie Carl Gustav Carus, Gynäkologe, königlicher Hofarzt in Dresden, Maler, Philosoph und Psychologe, zusammen.
Interessant ist vor allem die Sepsis mit ihren Spielarten und Folgen, und diesen intensivmedizinischen Stoff treffen wir in Goethes Krankengeschichte immer wieder.
Goethes Leben begann wie bei jedem anderen Menschen mit dem heute noch gefährlichsten Lebensabschnitt – der Geburt. Der Junge kam asphyktisch (Atemdepression mit Sauerstoffmangel) zur Welt. Er schreibt in „Dichtung und Wahrheit“: „Dieser Umstand (Ungeschick der Hebamme), welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlass nahm, dass ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammen-Unterricht eingeführt oder erneuert wurde, welches dann manchem der Nachgeborenen mag zugute gekommen sein.“
Die erste Klippe umschifft, befallen den Frankfurter Bub Masern, Windpocken und echte Blattern.
Allerdings sind Blattern in Zweifel zu ziehen, denn Pocken hinterlassen tiefe Narben, weil die Infektion alle Hautschichten befällt, Windpocken dagegen befallen nur die Oberhaut, und die Blasen heilen narbenfrei ab. Goethe-Porträts mit Pockennarben gibt es nicht, und bei seiner Ankunft in Weimar wird von der Damenwelt vom „Schönling“ geschwärmt.
Bereits in den Frankfurter Jugendjahren wird Goethes psychosomatische Projektion deutlich, wonach er bei psychischer Anspannung mit körperlichem Unwohlsein, bisweilen mit Krankheit reagiert.
In einer Julinacht 1768 wacht der Jüngling „mit einem heftigen Blutsturz auf“ (erste lebensgefährliche Erkrankung). Wahrscheinlich handelte es sich um eine Blutung aus einem Magen- oder Darmgeschwür. Der „Blutsturz“ hätte aber von schwarzer Farbe sein müssen, denn die Magensäure oxidiert das rote Häm zum schwarzen Hämatin. Davon ist allerdings keine Rede. Dennoch scheint eine Magenblutung als sehr begründet, denn Goethe schreibt: „Schon zu Hause hatte ich einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht, der sich in dem neuen sitzenden und schleichenden Leben eher verstärkte als verschwächte. Der Schmerz auf der Brust, den ich seit dem Auerstädter Unfall von Zeit zu Zeit empfand und der, nach dem Sturz mit dem Pferde, merklich gewachsen war, machte mich missmutig. Durch eine unglückliche Diät verdarb ich mir die Kräfte der Verdauung; das schwere Merseburger Bier verdüsterte mein Gehirn, der Kaffee, der mir eine ganz eigene triste Stimmung gab, besonders mit Milch nach Tische genossen, paralysierte meine Eingeweide und schien ihre Fuktionen völlig aufzuheben, so dass ich deshalb große Beängstigungen empfand, ohne jedoch den Entschluss zu einer vernünftigeren Lebensart fassen zu können. Meine Natur, von hinlänglichen Kräften der Jugend unterstützt, schwankte zwischen Extremen von ausgelassener Lustigkeit und melancholischem Unbehagen.“
Das ist eine typische Psychopathologie, wie wir sie bei Ulkuspatienten auch heute noch finden.
In die differentialdiagnostischen Überlegungen war von verschiedenen Seiten auch eine Lungenblutung, am ehesten infolge einer Lungentuberkulose einbezogen worden. Über ein damit verbundenes Erstickungsgefühl wie für eine Lungenblutung typisch, wird aber nicht berichtet.
Dass Goethe an einer Tuberkulose litt, gilt als möglich, weil „sich bei jeder Eruption zugleich ein Geschwulst an der linken Seite des Halses gebildet hatte, den man erst jetzt, nach vorüber gegangener Gefahr zu bemerken Zeit fand“.
Ein solcher Abszess kann als kalter Abszess – eine Lymphknotentuberkulose – Teilbefund der Tuberkulose sein, gehört dagegen nicht zum blutenden Magengeschwür.
Goethes Leben wird durch den Griff zum Messer gerettet (zweite lebensgefährliche Erkrankung). „Der Cirurgus … von leichter und geschickter Hand, leider etwas hektisch“, eröffnet nach Goethes Rückkehr aus Leipzig diese dicke Geschwulst am Hals. Der Patient bekommt wieder Luft und gewinnt „die Heiterkeit des Geistes“ zurück. Aber erst 1769 ist er wieder genesen. Er verlässt Frankfurt in Richtung Straßburg, um seine in Leipzig begonnenen Studien abzuschließen.
Er wandert viel, schnell und weit. Er unternimmt einen 400-km-Ritt durch das Elsass und Lothringen. „In allen körperlichen Übungen“ behauptet später sein Leibarzt Christoph Wilhelm Hufeland, „war er bald der Erste: im Reiten, Fechten, Voltigieren, Tanzen“.
Die Folgejahre in Weimar seit 1775 sind von drei Krankheitskomplexen gekennzeichnet: die seit der Leipziger Krankheit regelmäßig wiederkehrenden Bronchialkatarrhe und Anginen, verbunden mit Muskel- und Gelenkschmerzen, Verdauungsstörungen (2.) und (3.) gehäuft heftige Zahnschmerzen. Dazu gesellt sich eine große Wetterfühligkeit. Sein häufig gestörtes Wohlbefinden ist geprägt bisweilen von Gelassenheit und duldendem Abwarten, aber öfter von Ungeduld, Gereiztheit und Selbstmitleid. Diese Krisen bewogen ihn zu den wiederholten Bäderreisen nach Böhmen und auch zur Reise nach Italien.
Sein Umgang mit den Ärzten ist launisch. Manchmal findet er lobende Worte. In Krankheitszeiten klagt er über deren Unfähigkeit, falsche Therapien, und er beschimpft sie als „Jesuiten“ und „Hundsfötter“. Goethe als Patient zu führen, scheint somit ein schwieriges Unterfangen zu sein.
Überhaupt war er kein guter Patient. So konnte man ihn nur zur strengen Diät überreden, wenn es ihm wirklich schlecht ging. Bei den ersten Anzeichen der Besserung sah er sich, von Christiane bestärkt, nach üppigen Gerichten und Wein mit kräftigem Geschmack um. Er war zeitweise ein exzessiver Weintrinker, der mühelos bereits zum Frühstück eine Flasche leerte, über den Tag hinweg folgten weitere zwei/drei Liter. Bier lehnte er ab.
1990 beschreibt Nager in seiner Betrachtung „Der heilkundige Dichter: Goethe und die Medizin“, dass Goethe „während langer Lebensphasen im Nebel der Depression gewandert sei“. Schon in der Leipziger Studentenzeit trägt er sich mit Selbstmordgedanken. Er setzt vor dem Einschlafen einen Dolch auf die Brust und prüft, ob Willenskraft und Mut ausreichen, ihn langsam ins Herz zu senken. „Da das aber niemals gelingen wollte, lachte ich mich zuletzt selbst aus, warf alle hypochondrischen Fratzen hinweg und beschloss zu leben“.
Seinem in Weltschmerz und Liebeskummer verfallenen leidenden jungen Werther gibt Goethe hingegen 1774 die Kugel. Die „wunderliche Krankheit“ Depression führt Goethe jahrzehntelang an langer Leine.
Goethes späte Midlife Crisis, datiert zwischen 1800 und 1810, wird durch zahlreiche Erkrankungen verstärkt. Vom Trinken wird der Leib rund, das Gesicht aufgeschwemmt, Rheuma und Gicht plagen ihn, die Zähne eitern. Auch Christiane und Sohn August sind von Trunksucht befallen. Beide sterben als Alkoholiker.
1801 erkrankte Goethe zun dritten Mal in akuter Lebensgefahr. Ein blasenbildendes Erysipel (Wundrose, bakterielle Infektion der Haut und des Lymphsystems) hatte die gesamte linke Gesichtshälfte einschließlich des Auges, Gaumens, Rachens und Kehlkopfes ergriffen. Zeitweise war er bewusstlos und phantasierte. Heute würde man wohl eine Sepsis (Blutvergiftung) diagnostizieren. Ein Schlaganfall war es nicht, eher ein Steck- oder Stickfluss. Darunter verstand man eine Lähmung der Lungen- und Luftröhrenäste, die aufgrund von Schleimverlegung den Erstickungstod bewirken sollte. Heute nennt man das Krankheitsbild: schwere eitrige Tracheobronchitis. Goethe musste wegen eines Krampfhustens in stehender Stellung gehalten werden und konnte nicht das Bett aufsuchen, sonst wäre er erstickt. Die Behandlung erfolgte mit Packungen, Senföl-Fußbädern und Aderlässen, die ihn allmählich genesen ließen.
1805 wiederholte sich ein dem Krankheitsbild von 1801 vergleichbarer Zustand – Mitreaktion der Hirnhäute bei einer odontogenen Osteomyelitis (vom Zahn oder vom Zahnhalteapparat ausgehende Entzündungen, die sich zu einem Kieferabszess oder Parodontalabszess entwickeln können,
vierter lebensbedrohlicher Zustand). In den Folgejahren wurde er von heftigen Nierenkoliken geplagt, die Bäderreisen werden fortgesetzt. Erste Manifestationen der Arteriosklerose treffen ein, die man damals noch nicht kannte. 1812 wird von Luftnot und 1813 von Herzschmerzen berichtet.
Im Februar 1823 erkrankte Goethe zum fünften Mal lebensbedrohlich mit starken Herzschmerzen, Beklemmung im gesamte Brustbereich, Angstgefühl, Beinödemen, Schüttelfrost und hochgradiger Atemnot, so dass er nur im Bett aufrecht sitzend atmen konnte. Die heutige Intensivmedizin hätte wohl die Diagnose eines akuten Myokardinfarktes [Der Herzinfarkt oder (genauer) Herzmuskelinfarkt bzw. Myokardinfarkt, auch Koronarinfarkt genannt, ist ein akutes und lebensbedrohliches Ereignis infolge einer Erkrankung des Herzens, bei der eine Koronararterie oder einer ihrer Äste verlegt oder stärker eingeengt wird ]gestellt. Mediziner seiner Zeit hatten dem kaum etwas entgegenzusetzen. Was Goethes behandelnde Ärzte, Huschke und Rehbein, taten, waren Meerrettich-Kompressen für die Herzgegend, Aderlass und Blutegel. Letztere beide reduzierten die Füllung (heute: Vorlast) im Herzen, und die Blutegel setzten die Blutgerinnbarkeit herab.
Noch am 23. Februar wähnte er sich am Rande des Todes, doch der 25. brachte die Wende. Dennoch blieb Goethe hochgradig hinfällig. Sein Zustand deutete auf eine fortbestehende Linksherzinsuffizienz oder gar ein Lungenödem hin, die sich im November 1823 nochmals klinisch lebensgefährlich manifestierte (sechster lebensgefährlicher Zustand).
Zeitgenossen bemerkten zudem eine einsetzende Schwerhörigkeit und Gedäöchtnisschwäche, vor allem bezüglich der näheren Vergangenheit.
Nach dem Tode seines Sohnes August 1830 flüchtete Goethe in die Arbeit, und es ist durchaus denkbar, dass die Somatisation seiner Psyche zur siebenten lebensbedrohlichen Gesundheitskrise durch ein angeblich blutendes Ulkus (tiefliegendes Geschwür) geführt hat. Seine lebenslange Trinklust und Heines Beobachtung des gelben mumienhaften Gesichts machen eine chronische Lebererkrankung mit Blutung aber wahrscheinlicher.
Goethes Ende, seine achte Lebenskrise, wird von seinem Arzt Carl Vogel im Detail beschrieben und in Hufelands Journal veröffentlicht: „Fürchterlichste Angst und Unruhe trieben den seit lange nur in gemessenster Haltung sich zu bewegen gewohnten, hochbejahrten Greis mit jagender Hast bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu erlangen vergeblich versuchte, bald auf den neben dem Bett stehenden Lehnstuhl. Die Zähne klapperten ihm vor Frost. Der Schmerz, der sich mehr und mehr auf der Brust festsetzte, presste dem Gefolterten bald Stöhnen, bald lautes Geschrei aus. Die Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz aschgrau, die Augen tief in ihre lividen Höhlen gesunken, matt, trübe; der Blick drückte die grässlichste Todesangst aus. Das Rasseln in der Brust verwandelte sich in lautes Röcheln. Abends war der ganze Körprer kalt, der Schweiß durch vielfache, meistens wollene Bekleidung und Bedeckung gedrungen. Die lichten Zwischenräume von Besinnung kamen weniger häufig und dauerten immer kürzere Zeit. Die Kälte wuchs, der Puls verlor sich fast ganz, das Antlitz wurde aschgrau …“
Goethe stirbt am 22. März 1832 am „Stickfluss infolge eines nervös gewordenen Katarrhalfiebers“. Die Beobachtungen Vogels sind die klassische Beschreibung eines finalen Herzinfarktes, dessen Symptomatik und Pathophysiologie aber erst 70 Jahre später bekannt wurden.
Schwiegertochter Ottilie hält Goethes Hand. Als sie glaubt, nun sei der alte Mann gestorben, löst sie die Umklammerung. Da flüstert Goethe seine letzten Worte: „Nun, Frauenzimmerchen, gib mir dein gutes Pfötchen!“ Sekunden später ist er tot.
„Und möchte gern im besten Sinn entstehn“ – Zum Bildungsprozess der Homunculus-Figur in Goethes Faust II
Vortrag von Prof. Rudolf Dux, Köln, am 7. Juni 2023
In der Szene „Laboratorium“ in Faust II stellt Goethe dar, wie der „hochgelehrte“ Magister Wagner „durch chemische Künste einen Menschen zu machen im Begriff ist“. Dessen begeisterte Schilderung ist klar zu entnehmen, was sich „in der innersten Phiole“ ereignet. Darin
Erglüht es wie lebendige Kohle,
Ja wie der herrlichste Karfunkel,
Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.
Ein helles weißes Licht erscheint!
Sichtbar wird im Spiel der Farben, dass Wagner das Destillationsverfahren der Alchimisten zur Läuterung und Umwandlung von Stoffen anwendet: Die in der Flasche in strahlendem Rot erglühende und in ein „helles weißes Licht“ verfeinerte Kohle zeigt die Umwandlung der materia prima an, aus der sich nach anfänglicher Schwärzung (negrido) durch Aufhellung (albedo) der Homunculus (Menschlein) entwickelt, womit das alchimistische opus magnum verrichtet ist.
Klar wird die Genese des Homunkel (mit alchimistischen Fachbegriffen) beschrieben:
Es leuchtet! Seht! – Nun lässt sich wirklich hoffen,
Dass, wem wir aus vielen hundert Stoffen
Durch Mischung, denn auf Mischung kommt es an,
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren,
Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.
(verlutiert – mit Lehm verschlossen; kohobiert – mehrfach destilliert)
1828, ein gutes Jahr, bevor er die Homunculus-Episode endgültig niederschrieb, gelang es Friedrich Wöhler, eine organische Substanz, den Harnstoff, synthetisch herzustellen, womit durch „Kristallisieren“ (wie damals die mechanische Veränderung anorganischer Stoffe bezeichnet wurde) das größte Geheimnis der „organisierenden Natur“ enthüllt zu sein schien.
Dass Goethe nicht viel von solch „pergamentenem“ Erkenntnisoptimismus hielt und die Überzeugung des Adepten Wagner ablehnte, auf den natürlichen Zeugungsakt zu Gunsten eines „höhern Ursprungs“ des Menschen verzichten zu können, das gibt auf der Handlungsebene des Dramas der weitere Werdegang des „Männleins“ in vitro zu verstehen: Als Galatea, der Meerestöchter Schönste, am Ende der Klassischen Walpurgisnacht erscheint, zerschellt es mit seiner Phiole „von Pulsen der Liebe gerührt“ an ihrem Muschelwagen – die Schönheit der Göttin, Signum vollkommener Körperlichkeit, nach der sich Homunculus im Bewusstsein seiner Unvollkommenheit als reines Geistwesen sehnt, treibt ihn ins Meer, wo alles Lebendige seinen Ursprung hat. Indem er so den ehernen Gesetzen der Natur gehorcht, kann er seinen dringlichsten Wunsch erfüllen und wirklich „im besten Sinn entstehn“.
Das Begehren, „weislich zu entstehn“ ist leitmotivisch mit Homunculus verbunden; dass er „voll Ungeduld“ den „geschloßnen Raum“verlassen möchte, auf den er als „künstlich“ Geschaffener angewiesen ist, rechtfertigt „der große Zweck“ völliger Menschwerdung. Zum Schluss geht das Feuer seines reinen Geistes in den Urkörper des Ozeans ein, was die Sirenen, im Duktus einer rhetorischen Frage mit Daktylen und Alliterationen als „ägäisches Fest“ hymnisch preisen:
Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
Die gegeneinander such funkelnd zerschellen.
Im Spiel der sich vereinigenden Elemente, das zugleich mit der Verbindung von Männlichem und Weiblichem als Koitus (also wiederum sehr körpernah) konnotiert ist, wird Homunculus zur organischen Ganzheit und bringt damit das Geheimnis des Lebens zur Anschauung.
Von daher lässt sich nachvollziehen, dass bei der Suche nach der Bedeutung des Homunculus auch eine Nachlass-Notiz seines Sekretärs Riemer herangezogen wurde: Goethe habe mit dieser Figur „die reine Entelechie darstellen wollen, (…) den Geist des Menschen, wie er vor aller Erfahrung ins Leben tritt“, d. h. jene Einheit des Lebens, die das Ziel (telos) seiner Entwicklung als Anlage in sich trägt, seine materielle Form organisierend und gestaltend.
Doch auch auf der seichteren Ebene eines literaturkritischen Diskurses ist Homunculus ausgemacht worden: Das reine Geistgeschöpf, das nach einem Körper strebe, sei eine Parodie auf die romantische Universal-Poesie, die laut einem Diktum ihres Programmatikers Friedrich Schlegel beständig „im Werden“ und durch die Mischung der Gattungen („auf Mischung kommt es an“) gekennzeichnet sei. Diese Dichtung hat aber nach Meinung des alten Goethe nur theoretische Entwürfe, Schemen, Kopfgeburten statt lebendiger Werke aus Fleisch und Blut hervorgebracht.
Früherer Gewährsmann der Homunculus-Herstellung war der Hohenheimer Arzt und Naturphilosoph Paracelsus mit seiner Rezeptur, wie ein „Mensch außerhalb des weiblichen Leibes und einer natürlichen Mutter geboren werden könne“. Dabei muss „das Sperma eines Manns“ in einem dicht verschlossenen kürbisartigen Gefäß durch Einlagerung in Pferdemist einem intensiven Fäulnisprozess unterzogen werden. Wenn es „in steter gleicher Wärme“ des Dungs verbleibe und mit dem geheimnisvollen Menschenblut genährt werde, entstehe nach vierzig Wochen „ein recht lebendig menschlich Kind“, das jedoch viel kleiner sei als ein natürliches. Auf die Frau wird also verzichtet. Bis 1875 (Entdeckung der weiblichen Eizelle) galt, dass allein der Vater für die Nachkommenschaft bestimmend sei.
Insofern nun Homunculus nur aus „dem Sperma des Mannes“ bzw. aus einem spirituellen Prozess hervorgeht, der Mann aber in philosophischen Schriften etwa von Anaxagoras oder Aristoteles mit dem Verstand, mithin der prägenden Form, der strukturierenden Kraft korrelliert ist, muss der ohne stoffliche Weiblichkeit Geborene zwangsläufig geistiges Potenzial in Reinkultur aufweisen.
Und in der Tat, der frei von störender Weiblichkeit in vitro erzeugte Homunculus verfügt durchweg über herausragende geistige Fähigkeiten, die er auch bei Goethe demonstriert, wenn er als reines Geistwesen in der Phiole über die Bühne schwebt. Zum einen vermag er sich in Fausts Traum einzuschleichen und ihn als „die lieblichste von allen Szenen“ auszulegen, spielt sich in ihr doch eine weitere mythische Zeugung ab, nämlich die der schönen Helena, deren Mutter Leda von Zeus höchstpersönlich, „der Schwäne Fürsten“, beglückt wird; zum anderen ist er in der Lage, den Helena begehrenden Faust in die Antike zu geleiten. So bewährt sich Homunculus als Traumdeuter, Reiseleiter und Allheilnittel, d h. er nimmt genau die Aufgaben wahr, die die Alchemie dem Stein der Weisen zuschreibt (Homunculus wird auch als Stein der Weisen gesehen).
Dennoch empfindet er vom Augenblick seiner Entstehung an ein starkes Unbehagen an seiner Körperlosigkeit, die ihn als unvollkommenes Erzeugnis alchimistischer Laborarbeit stigmatisiert. Eben deshalb vermischt er sich, seinem „Bildungstrieb“ folgend, zum Höhepunkt des zweiten Aktes in der Klassischen Walpurgisnacht mit den Wellen des Meeres, aus dem das Leben „entsprungen“ ist, bevor es sich „in tausend, abertausend Formen entfaltet“ – und holt damit für sich die Evolution nach. So setzt Goethe der Urzeugung, der Entwicklung von Organismen aus anorganischen Stoffen im Labor das organische Wachstum „nach ewigen Normen“ in der Natur entgegen – das ist für das volle Menschsein unabdingbar.


