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Sigmund Freud – Leiden an der Kultur

erstellt am: 07.01.2020 | von: beke | Kategorie(n): Rückblick

Vortrag von Richard Dollinger, Gera, am 8. Januar 2020

Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.“ Mit diesen Worten übergibt der vierte Rufer im Mai 1933 in Deutschland und im November 1938 in Österreich die Schriften des Juden Freud den Flammen.

Sigismund Schlomo Freud wird als Sohn chassidischer Juden am 6. Mai 1856 in der österreichisch-ungarischen Monarchie, in Mähren, geboren, er verstirbt am 23. September 1939 in London. Am 4. Juni 1938, im Alter von 82 Jahren, muss er seine Wohnung und Praxis in Wien, in der er seit 47 Jahren wohnte und arbeitete, verlassen. Von 16 Juden, die in der Berggasse 19 in Wien wohnten, überlebten nur drei die Konzentrationslager. Kurz vor seiner Ausreise wird Freud von der Gestapo genötigt eine Erklärung zu unterschreiben, dass er nicht misshandelt worden sei. Freud unterzeichnete und fügte hinzu: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.“

Während andere dicke Bücher über das Leben des jüdischen Wissenschaftlers im antisemitischen Wien schreiben, notiert er selbst,: „Mein Leben ist äußerlich ruhig und inhaltslos verlaufen und mit wenigen Daten zu erledigen.“ So schmal wie seine biographische Notiz, so schmal sind die Ehrungen die ihm zu Lebzeiten zuteil werden, es sind gerade eben einmal deren zwei. 1935 wird er Ehrenmitglied der Britischen Gesellschaft für Medizin. 1930 steht er, auf Betreiben und mit Einflußnahme von Thomas Mann und Alfred Döblin, auf der Nomininierungsliste für den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Mit 4:3, einem denkbar knappen Ergebnis und begleitet von heftigen antisemitischen Angriffen, wird ihm der Preis zu teil. Seit 1964 vergibt die Deutsche Akademie für Sprache einen Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Es ist ein Hinweis, dass Freud gut lesbar ist und Alfred Döblin, Neurologe wie Freud, schreibt über seinen Kollegen und Freund: „Man beachte den einfachen, klaren Stil; er sagt ungekünstelt und phrasenlos, was er meint; so spricht einer, der etwas weiß.“

Eine Ehrenmitgliedschaft, ein Goethepreis der Stadt Frankfurt/Main, seit 1964 ein nach ihm benannter Preis und erst 1984 wird man in Wien einen hausnummernlosen Park nach ihm benennen. Freud war zu Lebzeiten eine persona non grata, er ist es für nicht wenige heute immer noch. Zugleich aber ist er in aller Munde. Noch jeder kennt die Freud’sche Fehlleistung, den Freud’schen Versprecher – es kommt alles zum Vorschwein und vermutlich hat sich jeder schon einmal in Küchenpsychologie versucht. In der Literatur, mehr noch im Film wird heute unendlich psychologisiert und dass nicht wenige Krankheiten eine psychologische Ursache haben ist heute, nachdem das lange tabuisiert und stigmatisiert war, so unzweifelhaft wie die Tatsache, dass die Erkrankungen der Psyche eine enorme Steigerungsrate haben und zwischenzeitlich den dritten Rang unter den Krankschreibungen einnehmen. Im Amtsdeutsch heißt das nicht Krankschreibung, sondern Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die amtliche Definition von krank ist arbeitsunfähig, wobei nicht zu übersehen ist, dass die rastlose Arbeit im Hamsterrad, gelegentlich mit den Folgen eines burnouts nicht eben gesund ist.

Freud ist kein Frühstarter, seine Theorie ist kein intuitiver Geniestreich, nicht das Heureka des Archimedes, es ist das Ergebnis langer praktischer ärztlich-medizinischer und wissenschaftlicher Arbeit. Erst nach einer langen Inkubations- und Latenzzeit, 14 Jahre nach Eröffnung seiner Praxis, erst im Jahre 1900, Freud ist 44, erscheint „Die Traumdeutung“, die Gründungskurkunde der Psychoanalyse. Freud nennt diese Schrift seine via regia zur Kenntnis über das Unbewusste des Seelenlebens. 1901 in der „Psychopathologie des Alltags“ und 1905 mit „Der Witz“ zeigt er die Freisetzung von unbewussten Triebkräften, wie Unbewusstes im Alltäglichen als wirkmächtige Kraft aufscheint. Als er schließlich 1905 in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie verkündet, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist, und dem Unbewussten, den Trieben, und hier wiederum insbesondere der Sexualität eine hohe Bedeutung zukommen lässt und dann noch feststellt, dass Kinder Sexualität haben … Freuds wissenschaftlichen Tätigkeit ist gepflastert mit Skandalen.

Das Buch mit dem Titel „Das Unbehagen in der Kultur“, von dem heute die Rede sein soll, ist ein schmales Werk von eben mal 70 Seiten über das Thomas Mann, ein Kenner und emsiger Verwerter von Freud, Thomas Mann nannte das höheres Abschreiben, Thomas Mann urteilt in einem Brief an Freud mit höchst anerkennenden Worten: „Nur aufs Dürftigste kann ich Ihnen, im Trubel einer, Dank den Herdeninstinkten der Welt katastrophal angeschwollenen Korrespondenz (das ist 1930 geschrieben, da gab es keine email, kein face-book, kein whattsapp und kein twitter) für das außerordentliche Geschenk ihres Buches danken. Dieses Werk, dessen innerer Umfang seinen äußeren so mächtig übertrifft. (70 Seiten) Ich habe es in einem Zuge gelesen, ergriffen von einem Wahrheitsmut, in dem ich, je älter ich werde, mehr und mehr die Quelle aller Genialität erblicke.“ (Thomas Mann, Briefe, 1924-1932, S. 441)

1930 geschrieben, eine Spätschrift, auch eine Zusammenfassung dessen, was die Psychoanalyse bis dahin geleistet hat, ergänzt um die Einsicht, dass der Mensch neben dem Bedürfnis nach Lust auch eine starke Neigung zur Aggression hat. Das Buch ist zu lesen auf dem Hintergrund der geistesgeschichtlichen Entwicklung, und da muss, und den kannten sie um 1900 alle, mit Nietzsche begonnen werden: Nietzsche: „Die Verdüsterung der pessimistischen Färbung kommt notwendig im Gefolge der Aufklärung.“ Verdüsterung im Gefolge der Aufklärung, das dürfte für alle, die in der Aufklärung den Fortschritt und das helle Licht der menschlichen Zukunft sehen, ein starkes Stück sein. Freud ist Naturwissenschaftler und Positivist, Aufklärer, und ausgerechnet er bringt uns manches, mehr als manchem lieb ist, an Pessimismus über unsere Gattung bei.

Schon bei den Romantikern spürbar, wird jetzt, um 1900, nach den Hochrufen auf die Aufklärung, wieder erkannt, dass im Menschen nicht nur das Licht der Aufklärung, sondern auch seine Natur, das triebhaft Animalische steckt. Das animalische! Das ist aktuell, denn das Animalische hat bei uns seine Ordnung, während die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, wird, im aufgeklärten 21. Jahrhundert, der Mensch dem Menschen ein Wolf. Alle 20 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger, und wir lassen Hilfe- und Schutzsuchende zu Hunderten im Mittelmeer ersaufen. Weltweit werden Kriege geführt, und um all das zu ertragen, verlangt man vom Menschen nicht Kenntnis, Wissen und Vernunft, sondern fördert Dummheit: 20 Prozent der Schüler, so die jüngste Pisa-Untersuchung können nicht richtig lesen.

Aufklärung, das ist der vernunftbegabte Mensch. Apriori, von Haus aus, quasi genetisch ist er mit Vernunft und humaner Ethik ausgestattet und jetzt erklärt Freud, daß dieser vernunftbegabte Mensch nicht Herr im eigenen Hause ist. Freud im Unbehagen in der Kultur: „Normalerweise ist uns nichts gesicherter als unser Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbstständig, einheitlich. Daß dieser Anschein ein Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenzen in ein unbewußt Seelisches fortsetzt, das, was wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns die psychoanalytische Forschung gelehrt.“ Das wusste auch schon Goethe, der in einem Brief an Eckermann schreibt: „Der Mensch ist ein dunkles Wesen. Er weiß nicht, woher er kommt, noch wohin er geht, er weiß wenig von der Welt, am wenigsten von sich selbst.“ Bei Büchner im Wozzeck liest man: „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hineinschaut.“

Kant postuliert: „Die Welt ist vernünftig und schön“, und Leibniz sekundiert zuvor: „Wir leben in der besten aller Welten.“ Die Hoffnung der Aufklärung, Taschenlampe heraus, hingucken, dann wissen wir, wie alles richtig läuft, und wenn man das richtige Bewusstsein hat, dann obsiegt die Vernunft. Freud hält diese Hoffnung für eine Illusion. Sein pessimistischer Blick: Die Rückfallquote in die Dummheit ist ziemlich hoch, und die Einsicht in die Vernunft könne soviel nicht bewirken, nicht einmal Einsicht führt zur Besserung.

Freud, selbst Aufklärer und Positivist, bricht mit seinem Positivismus, weil ihn seine Erkenntnisse dazu nötigen. Er gerät in Widerspruch zu der These, zu der fast problem- und konfliktlosen Anthropologie der Aufklärung, daß der Mensch ein ausschließlich vernünftiges Wesen sei und er seine Vernunft nur einsetzen müsse.

Die zentralen Sätze aus der Schrift vom Unbehagen in der Kultur: „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. … Man möchte sagen, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. … Es ist ein stetiger Konflikt zwischen dem Lust- und dem Realitätsprinzip.“

130 Jahre früher schreibt Goethe in einer Logenrede: Wenn der Mensch über sein Körperliches und Sittliches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. Wir leiden alle am Leben. An Christian Gottlob Voigt schreibt Goethe: Von der Vernunfthöhe herunter sieht das ganze Leben wie eine böse Krankheit aus und die Welt gleicht einem Tollhaus.“ Freud: „Das Leben ist Schmerz, Enttäuschung.“ Goethe: „Wir leiden alle am Leben.“ Mit Recht schreibt Freud in seiner Ansprache anlässlich der Preisverleihung, die, weil er selbst zu gebrechlich ist, von seiner Tochter Anna verlesen wird: „Ich denke, Goethe hätte nicht, wie so viele unserer Zeitgenossen, die Psychoanalyse unfreundlichen Sinnes abgelehnt.“

Freuds Credo: Das Leben ist leiddurchsäuert, es ist dulden und leiden. Die Leitfiguren von Freud sind Moses, er leidet unter seinem Volk und bekommt das gelobte Land nicht zu sehen. Ödipus, der Getäuschte, der unverschuldet Schuld auf sich lädt. Odysseus, Homer nennt ihn nicht zufällig den Dulder und schließlich Hiob, den uns Joseph Roth in seinem gleichnamigen Roman als den Erdulder schlechthin vorstellt.

Mit Freud ist es sinnvoll, sich nicht für einen klinisch-medizinisch engen, sondern für einen weiten Begriff von Leiden zu entscheiden und unter diesem größeren Dach, da individuell unterschiedlich empfunden, ganz absichtsvoll wahllos durcheinander, ohne Hierarchie einige Symptome des Leidens zu nennen: Ärger, Angst, Sorgen und Phobien aller Art. In Leidenschaft steckt das Leid bereits im Wort, und dass in unserem Lande täglich ein Mann versucht, eine Frau zu erschlagen und es jeden dritten Tag auch gelingt, zeigt, dass wir es hier mit besonderen Quälgeistern zu tun haben. Goethe in der Gedichte-Nachlese: „Die Eifersucht quält manches Haus“. Für Goethe ist die Sehnsucht, aus der man dann auch schöne Gedichte machen kann, eine weitere Quelle des Leids, im Wilhelm Meister heißt es: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“. Und selbst die Freiheit kann für Goethe Quelle des Leides sein, wenn er in den Zahmen Xenien schreibt: „Ich habe die Tage der Freiheit gekannt, ich habe sie Tage der Leiden genannt.“

Zum Leid gehört die Angst vor der Diagnose beim Arzt. Vorbeugekranke, solche, die vor Angst krank zu werden, krank werden. Das hat, hier wird es offensichtlich, immer auch mit Erwartungen zu tun. Wenn ich als Raucher zum Lungenarzt gehe, habe ich keinerlei Erwartung, die meisten aber, die zum Arzt gehen, wollen eine gute Diagnose und beste Heilungsaussichten. Für schlimmste Nöte, Angst und Qualen und häufig damit alleine gelassen sorgt das Warten auf den histologischen Befund. Am Rande angemerkt ein bemerkenswertes Paradoxon: Ist der Befund positiv, ist es für den Patienten negativ.

Ganz zweifellos: Angst und Schuldgefühle sind ein wichtiges kulturelles Steuerungssystem. Die drei Weltreligionen setzen die Schuld an den Beginn ihrer Erzählung, und auch die Aufklärung beginnt mit der Schuld, mit Kants Satz von der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Man darf nicht übersehen: Angst- und schuldfrei leben würde heißen: Man erzieht Verbrecher. Angstfrei leben heißt: Mach mal – du musst keine Angst vor der Strafe haben. Kultur, das Zusammenleben der Menschen braucht die Angst, die Angst vor der Strafe der Gesellschaft. Die Geschichte der Menschheit zeigt deutlich: Wo das Morden gesellschaftlich erlaubt ist, wird es trotz des biblischen Verbotes, trotz religiöser und weltlicher Ethik, trotz aller Aufklärung getan. Erst nach der Zerschlagung des Faschismus wurden die Massenmörder von Ausschwitz zu Verbrechern. Bis dahin waren es, ihrer gesellschaftlichen Pflicht bewusste, pflichtbewusste, anerkannte und geachtete Mitglieder der Gesellschaft.

Leid, als Form der conditio humana, manifestiert sich in zahllosen Formen von Symptomen und Leiden, und das ist wichtig, weil es in unserer eurozentristischen Sicht oft übersehen wird, es variiert nach Geschichtsepochen und Kulturen. Leid variiert auch temporal. Zeitweises Leiden, getragen von der Hoffnung es möge vergehen, chronische Leiden, dauerhaft und wiederkehrende Leiden und nicht wenige kennen den Zwang zur Wiederholung, sind Wiederholungstäter.

Leid wird sichtbar in der Trauer, aber auch im Zweifel. Bei Brecht ist vom Lob des Zweifels die Rede, bei Descartes läßt sich nachlesen, wer zuviel zweifelt, verzweifelt. Wir kennen die Qual der Wahl, bei Buridans Esel endet sie tödlich. Gewissensnot, Langeweile, der unerfüllte Wunsch, nicht nur bei schreienden Kindern am Quengelregal im Supermarkt zu beobachten, der Neid, Störungen und Qualen aller Art und nicht zu unterschätzen, der Ekel, wenn es gruselig wird. Existenzangst und Unsicherheiten generell, sonst gäbe es nicht soviel Versicherungswirtschaft, Versicherungen sind Leidvorsorge.

Hört man bei Freud genau hin, dann ist die menschliche Existenz in anthropologischer Perspektive von Grund auf gekennzeichnet durch den Mangel oder mit Goethe: Ach, es versucht uns nichts so mächtig als der Mangel;

Was ist Mangel – es reicht vom Mangel Obdach und Nahrung bis zum Mangel an Zuneigung. Es ist eine breite Skala von Mangel und defizitären Zuständen. Ausdruck des Mangels ist das Bedürfnis. Der Mensch ist bedürftig von der Wiege bis zur Bahre. Welt- und menschheitsgeschichtlich steigert sich das Bedürfnis nach Erlösung vom Leiden – Erlösungsreligionen treten ins Licht, am Kreuz nimmt Jesus das Leiden der Menschen auf sich. Das Leid ist eine Variable der fragilen, zerbrechlichen, gefährdeten menschlichen Existenz aber auch eine Variable der Erwartungen an das Leben. Hochgeschraubte Erwartungen haben eine eminente Fallhöhe. Goethe im Faust: „Beschwichtige meine Gedanken, erleuchte mein bedürftig Herz.“

Die Psychoanalyse hat sich zunächst als Mittel zur Minderung und Aufhebung von Leid, als medizinisch-klinische Heilungsmethode für das Individuum entwickelt, und ihr erster wertvoller Beitrag war die Erkenntnis, dass neben dem Bewussten ein Unbewusstes, neben dem Ich ein Es existiert. Ein Es, von dem wir nichts wissen und zu dem wir, was wir nicht wissen wollen, was wir verdrängen, hinab befördern. Ein Es, das aber, wiederum ohne dass wir es merken, eminenten Einfluss auf unser Bewusstsein und Tun hat und sich bis in Kleinigkeiten, ins Verlegen, Vergessen und Versprechen, im Lachen und Erröten, im Zucken der Augenbrauen und vielen anderen körperlichen Zeichen bis hin zur ernsthaften Krankheit bemerkbar macht. Das Es hat einen biochemischen Anteil, der sich mit dem, was wir verdrängen verschränkt.

Für den biochemischen Anteil hat Freud einen lateinischen Ausdruck, er nennt ihn Libido. Die Libido als unser aller Energie und Antriebskraft mit dem Zentrum des Sexualtriebes, somatisch, körperlich-medizinisch. Von daher bei Freud auch immer die Neigung, seine Erkenntnisse naturwissenschaftlich-biosomatisch zu erklären. Es ist der Expansionsdrang eines Spezialisten, wir kennen das heute von den Hirnspezialisten, die ebenfalls versuchen, alles und jedes unter ihre eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu subsumieren.

Das Es, Freud nennt es auch das Lustprinzip, wird beherrscht vom Ich. Erlebbar wird das Es, wenn sich der Druck des Unbewussten in kleinen psychischen Symptomen, aber auch in Krankheit äußert oder auch in Situationen, in denen wir uns fragen, was nur in uns gefahren ist. Es ist aber nichts in uns hineingefahren, es kam aus uns heraus, was wir an Unbewusstem, Biochemischen und an Verdrängtem, Sozialem in uns aufgesammelt hatten. Freud: „Es gibt Prozesse in uns, die stärker sind als das, was Ich sagt.“ Hinzugefügt werden darf, was offensichtlich ist, dass durch unterschiedliche Sozialisation die Ich-Stärke und Ich-Schwäche individuell sehr unterschiedlich ausgebaut sind. Hinzugefügt auch: In der Sprache des Alltags heißt es: Da stand ich neben mir, ich kenne mich selbst nicht mehr, oder etwas veraltet, aber sehr schön: Sie hat sich vergessen. In der Descartschen Maschinensprache heißt es, da habe ich nicht richtig getickt, da bin ich ausgerastet, ich hatte mich nicht im Griff. Aber dann doch auffallend, häufig geht die Sprache hier direkt ins Tierreich: Ich wurde vom Affen gebissen, da ging der Gaul mit mir durch, ich wurde von der Tarantel gestochen, ich habe die Sau rausgelassen. Für das Bewusste haben wir seit Descartes die Maschinensprache, für das Unbwusste greifen wir häufig zu Metaphern aus dem Tierreich.

Freuds Modell der Psyche bestand am Beginn nur aus Es und Ich. Erst im Laufe des Entwicklungsprozesses der Psychoanalyse wird es erweitert durch das Über-Ich, durch die Repräsentanz der Gesellschaft, das ist bei Freud, seiner Zeit geschuldet, noch häufig auf die Familie gemünzt, insbesondere die familiäre Autorität in uns, auf eine Figur, die es zu Freuds Lebzeiten noch gab, auf den starken Vater. Wir tun Freud nicht Unrecht, wenn wir diese Verengung erweitern, und mit Freud im Rücken lassen sich ganz unerschrocken google, twitter und face-book, aber auch die Autoritäten des Konsumzwangs und der Unterhaltungsindustrie hinzurechnen.

Die Instanz des Über-Ich, die Gesellschaft, Zivilisation und Kultur sorgen dafür, dass wir lernen, uns unsere Triebe und Wünsche zu versagen, wenigstens aber auf eine sofortige Triebabfuhr zu verzichten. Dass die Arbeit vor dem Vergnügen kommt, muss erst gelernt werden. Es entwickelt sich Schuldbewusstsein, die Vorstellung von Schuld und Scham. Es entwickelt sich der innere Skrupel, abgeleitet von scrubus, dem spitzen Stein und damit gemeint. Hemmung, Besorgnis, Gewissensbiss.

Das Über-Ich wird verinnerlicht, es wird zum Richter, dessen: Was darf ich und dessen: Was soll ich machen? Es funktioniert als Gewissen, und es funktioniert als Selbstbeobachtung und bildet aus, was wir Ideal nennen. In der heute um sich greifenden Extremform wird es pathologisch, wird zum Wahn, verbunden mit allerlei technischen Messinstrumenten zum Selbstbeobachtungs- und Selbstoptimierungswahn.

Mit der Einführung des Über-Ich, mit der Erweiterung des Modells, mit der gesellschaftlichen Repräsentanz ist der Weg für die Psychoanalyse offen, sich über den medizinisch-klinischen Bereich des Heilens hinaus und zur Kulturtheorie, zu einer Anthropologie zu entwickeln. Thomas Mann: „Die PA ist dem bloß medizinischen Bezirk längst entwachsen und zu einer Weltbewegung geworden, von der alle möglichen Bereiche sich ergriffen zeigen.“

Das Ich, auf das viele stolz und selbstverliebt blicken, wird uns von Freud vorgestellt in einer Sandwich-Funktion, in einem Abwehrkampf, als Vermittler zwischen Es und Über-Ich, als der Diener dreier gestrenger Zwingherren. 1. Unsere Ausßenwelt, die Natur. 2. das Realitätsprinzip, das Über-Ich, die Gesellschaft und 3. das Es mit dem Verdrängten und dem Bios. Freud spricht vom armen Ich, vom Ich als Kaspar und Clown im Abwehrkampf gegen das, was der Mensch an Schuld und Gewissen von der Gesellschaft mitbekommen hat, und das ist nicht nur die ethisch-aktuelle Regulierung, das ist auch Alp und tiefer Ziehbrunnen der Geschichte. Das arme Ich hat sich auseinanderzusetzen erstens mit der Realität, zweitens mit dem Ererbten, drittens mit der Ethik, die als Handlungsrichtschnur zwar vorteilhaft ist, aber das „Du sollst“ und das „Du sollst nicht“ lastet schwer.

Das Ich im Abwehrkampf mit den eigenen Trieben, dem Es, mit dem, was man an Leiblichkeit mit sich herumschleppt. Bei allen Leidenschaften, wenn alles hoch kommt, erst da sieht man, was im Es für Schutt verwaltet wird. Manchmal kommt das schon hoch, wenn es nur ein klein wenig unbequem wird. Das Ich ist damit beschäftigt, alle Ansprüche und Wünsche, die von den Trieben ausgehen, immer dann, wenn diese nicht dem Realitätsprinzip entsprechen, zu berichtigen oder wenigstens zu dämpfen. Nicht jetzt, später, oder auch: Gar nicht, mach was anderes, sublimiere, grabe den Garten um, gehe deinem Hobby nach, schreibe ein Gedicht oder eine Klage in Moll. Das Ich ist ununterbrochen damit beschäftigt, Unlust von uns fern zu halten und das Leben halbwegs erträglich im Realitätsprinzip einzurichten, den Konflikt zwischen Lust- und Realitätsprinzip auszubalancieren.

Gegenüber der äußeren Realität hat das Ich die Funktion der Realitätsprüfung, und was es aus dem Geprüften macht, ist sehr verschieden. Fällt die Prüfung der Realität so aus, dass sie Unlust bereitet, dann kann man entweder etwas verändern, oder man versucht es zu vermeiden. Unlustvermeidung, Unlustabwehr, Linderungsmittel: Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“.

Freud notiert über das Programm der PA: „Ihre Absicht ist es, das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern, seine Organisation auszubauen, so daß das Ich sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo es war, soll ich werden, es ist Trockenlegung der Zuydersee.“

Was heißt Trockenlegung? Die Feuchtgebiete entfeuchten, die Triebe dämpfen, die Libido umlenken. Es beginnt mit der Beschneidung, Einhegung und Zentrierung der Partialtriebe. Unser kindliches anales Lustempfinden wird uns ausgetrieben, wir müssen lernen, unseren Schließmuskel zu beherrschen. Wir werden getrennt von der lust- und nahrungsspendenden Brust, unsere Zeige- und Schaulust wird gezähmt, alle Partialtriebe werden beschnitten und auf den Genitaltrieb konzentriert, bestenfalls als Mittel der Vorlust gestattet, schlimmstenfalls als Perversion gebrandmarkt. Wir haben eine domestizierte Vielheit, eine Verstümmelung der Partialtriebe. Erich Kästner: „Die Entwicklung geht vom Früchtchen zum Spalierobst.“ Wer die Hecke kultivieren will, muss sie beschneiden, die wilden Triebe müssen gebändigt werden. Brecht läßt seinen Herrn Keuner einen Lorbeerbaum zu einer Kugel beschneiden, und am Ende fragt der Gärtner enttäuscht: „Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?“ Adorno zeigt das sehr schön an einer Musikform, an der Aufstellung des Jazz. Da dürfen im regressiven, kurzzeitig stets die Partialtriebe, die falschen Noten, die dirty notes, für sich selber springen, werden dann aber wieder in den Ordo gebracht. Es sind domestizierte Partialtriebe, im Jazz nennt man das Improvisation jeder tut seines, danach klatschen die Leute, und dann wird alles wieder schön in die Reihenfolge gebracht, bis es am Ende wieder im gemeinsamen Thema gebändigt ist.

Neben Es, Ich und Über-Ich wird, wenngleich spät, das Modell mit dem Aggressionstrieb weiterentwickelt. Allerdings ist Freuds Aggressionstheorie schwankend und unklar bleibt: Ist die Aggression eingelagert in unsere Ausstattung der Selbsterhaltung, also biologische Veranlagung und/oder ist es die Folge von Zivilisation? Trotz dieser Ambivalenz gehört zu Freuds großen Leistungen seine Einsicht und Erkenntnis in die Verstümmelung unserer Triebe. Kultur und Zivilisation heißt Verzicht und Versagung, heißt Unterdrückung von Triebelementen und damit Herausbildung von Aggression. Und ungeachtet seiner Versuche, die Aggression auf das Biologische zurückzuführen, war er dann doch auch der Auffassung, dass die Zivilisierung, weil Triebverzicht fordernd, einen nicht unwesentlichen Einfluss hat.

Freud entwickelt für Es und Ich zunächst eine Topic, eine Ortsbeschreibung, um dann mit der Einführung des Über-Ich die Topic in ein dynamisches Modell zu überführen. Seine Leistung ist, das hat der eingangs zitierte Rufer bei der Bücherverbrennung durchaus richtig erkannt, die Zerstörung und Auflösung der organischen Einheit der Seele. Die Konflikte, die sich für das Individuum ergeben, äußern sich in Krankheitssymptomen, im Konflikt; bei Freud allerdings immer mit der Neigung zum naturwissenschaftlich-positivistischen, dem Versuch, es ins Biologische zu verlegen. Gleichwohl stößt er paradoxerweise bei dem, was er als angewandte Psychoanalyse verstanden wissen will, auf die inneren psychologischen Zellen der Gesellschaft. Er wollte nur PA machen, hat aber zeigen können, fast möchte man sagen, wider eigenem Willen, dass in den innersten Zellen, im Unbewussten, in den kleinsten Regungen sehr viel Form von Gesellschaft steckt

Freud ist Konflikttheoretiker, und der entscheidende Konflikt, die entscheidende Ursache für das Entstehen von Leid, ist für Freud der Antagonismus, der unauflösliche Konflikt, zwischen Triebanforderungen und Kulturanforderungen, zwischen Trieb und Zivilisation, zwischen Lust und Realitätsprinzip.

Freud: „Das Wesen der Kultur, deren Glückswert in Zweifel gezogen wird, wir werden keine Formel fordern, die dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, es genügt uns, daß das Wort Kultur die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: Dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelungen der Beziehungen der Menschen untereinander.“

Mit den zwei Zwecken nennt Freud drei Quellen des Leides:

1. Leid an der unbezwungenen Natur, an vielerlei Arten von Naturkatastrophen. Die Unterwerfung der Natur, eine jahrhundertalte Sehnsucht, mit Alfred Döblin, aus seinem Roman 1919: „Wir können in der Natur nichts liegen lassen, ohne es aufzuheben, zu wiegen zu messen, zu berechnen“. Der Mensch wirkt auf die Natur ein, verändert sie, schafft sich seine Existenzbedingungen. Die Veränderungen der Natur gehen ohne menschliches Zutun unmerklich langsam vor sich, sind unberechenbar klein, aber das Werk des Menschen hat Erdoberfläche, Klima, Vegetation, Fauna, ja auch den Menschen selbst in großer Rasanz verändert. Zugleich aber erfahren wir: Die Natur rächt sich für jeden Sieg, den wir über sie erlangen mit Folgen, die oft erst in zweiter oder dritter Linie erkennbar werden (Engels). Goethe zu Eckermann: Die Natur versteht keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen. Hat man früher gesagt: Der Mensch denkt, Gott lenkt, heißt heute der moderne Fachbegriff not expected consequenzes, unerwartete Folgen. Mit jedem Schritt werden wir daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand der außer der Natur steht – sondern daß wir selbst Teil der Natur sind. (Engels)

Unbestreitbar, die Beherrschung der Natur ist in großen Teilen gelungen, unbestreitbar aber auch, trotz allem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verursacht, was wir mit unserem Planeten anstellen vielerorts Angst und Leid. „Unbestreitbar,“ und jetzt zitiere ich Freud, „der Mensch hat es in Wissenschaft und Technik weit gebracht, er hat es weit gebracht bei der Beherrschung der Natur und bei der Beherrschung seiner körperlichen Leiden, er hat sich Wissen und Kenntnisse angeeignet, er hat es soweit gebracht, daß er in der Lage ist sich und seine Planeten zu vernichten“. Schon bei Voltaire, in Candide und der Optimismus findet sich: „Die Menschen müssen sich schon von der Natur entfernt haben, denn sie werden zu reißenden Wölfen, obwohl sie nicht als solche auf die Welt kommen. Gott hat ihnen weder Vierundzwanzigpfünder noch Bajonette gegeben, sondern sie haben alles beides selbst erfunden, um sich gegenseitig zu vernichten.“

Es zeigt sich: Aller Fortschritt der Naturbeherrschung konnte das menschliche Glück nicht auf Dauerbetrieb stellen, das Glück bleibt im Sparmodus, es bleibt Episode.

2. Zur unbezwungenen Natur gehört die Hinfälligkeit des Körpers, Schmerz, Krankheit und Tod. Zweifellos: Der Mensch ist besser denn je gegen die Gebrechen seines Körpers, gegen Krankheit gewappnet, die Lebenserwartung steigt. Aber, das längere Leben, so scheint es, wird nur allzu oft erkauft, und erkauft weist darauf hin, dass das ein Geschäft ist, erkauft für ein Leben mit dem Schmerz und mit der Krankheit. Ein Grund, warum der Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod, nach Selbsttötung zunimmt. Auch Freud stellt die Frage: „Was soll uns ein langes Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freuden und so leidvoll ist, daß wir den Tod als Erlöser bewillkommen können“. Der Tod als Erlöser, ein Wunsch, dem man allerdings in unserem Lande, auch wenn es für den Einzelnen zur Leidprüfung wird, aus guten historischen Gründen nicht nachgeben sollte.

3. Leid am anderen Menschen.

Goethe im Gespräch mit Eckermann: „Ja, mein Guter, man hat an seinen Freunden zu leiden gehabt.“ Freund sehr viel pointierter: „Viele Menschen seien eher hassenswert.“ Mit dem christlichen Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, konnte sich Freud nicht anfreunden. Wir haben es heute, wo sich jeder selbst der Nächste ist, leichter, und zu fragen bleibt, wie entfernt der Nächste, der geliebt werden soll, ist. Noch wird um das verstorbene Haustier mehr getrauert, als um das Kind, das in Afrika an Hunger stirbt.

Freud: „Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrieben des Menschen Schranken zu setzen. … Daher das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.“ Das ist Thomas Hobbes: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf geworden, und zur heutigen Lage in der Welt lässt sich sagen, dass diese Grundfiguration sich gebessert hat, seit Hobbes das im 17. Jhdt., Voltaire dies im 18. Jhdt. und Freud im Jahre 1930 geschrieben hat?

Auch bei den sozialen Beziehungen muss man die triebischen Befriedigungsmöglichkeiten einschränken, und Freud knüpft hier an Thomas Hobbes und seine pessimistische Anthropologie an. Der Satz bei Freud lautet: „Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert.“ Die Anarchie der Triebe, das wäre individuelle Freiheit, frei zu sein, seine Triebe auszuleben.

Folgendes leuchtet vielleicht ein: Das nächstbeste, schlimmer noch des Nächsten Weib nicht nur begehren, sondern auch nehmen dürfen, das muss ich jetzt nicht weiter ausführen. Ich zitiere lieber Freud: „Wir haben von der Kulturfeindlichkeit gesprochen, erzeugt durch den Druck, den die Kultur ausübt, die Triebverzichte, die sie verlangt. Denkt man sich die Verbote aufgehoben, man darf also jetzt zum Sexualobjekt jedes Weib wählen, das einem gefällt, darf seinen Rivalen beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, ohne Bedenken erschlagen, kann dem anderen auch irgendeines seiner Güter wegnehmen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, wie schön, welch eine Kette von Befriedigungen wäre das Leben. Der Freiheitsdrang (gemeint ist der impulsive, der triebische, man darf auch die Buchstaben verwechseln und der tierische sagen) der Freiheitsdrang richtet sich gegen bestimmte Formen und Ansprüche der Kultur oder gegen die Kultur überhaupt.“ Alle sozialen Beziehungen, der Umgang mit- und untereinander verlangt Zähmung, mit Freud: „Kultur, erfordert permanenten Triebverzicht.“

Um den Kulturanforderungen gerecht zu werden muss man gegen die eigene Natur angehen – im Extrem, bis es kippt und pathologisch wird. Zugleich: Es ist immer wieder daran zu erinnern, dass Kultur historisch, politisch, sozial ist, dass es eine immerwährende Kultur nicht gibt, und schon gar nicht, dass sie dem Menschen innewohnt. Nicht wenige leiden an sich selbst, an Perfektionismus, Ordnungszwang, Pedanterie. Das alles ist angelernte Kultur, Natürlichkeit hingegen, Reste davon, finden wir, je weiter wir nach Süden kommen, das wäre Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit, Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit. Angemerkt: Es schon auffällig, dass der Hang zu Ordnung, vor allem aber zu Sauberkeit bei den Frauen entschieden stärker ausgeprägt ist. Offensichtlich ist das nicht genetisch, nicht geschlechtsspezifisch, es ist Sozialisation.

Waschzwang und Ordnungszwang, dafür gibt es bei den Krankenkassen einen Therapieschlüssel. Einen Therapieschlüssel gibt es auch für eine weitere Anforderung unserer Kultur, die da lautet: Du musst glücklich sein. R 45.2, dieser Therapieschlüssel steht für: Unglücklich sein. Für die Mediziner, aber keineswegs nur für sie, gilt nur als gesund, wer glücklich ist, Unglückliche sind krank. In unserer zivilisierten Gesellschaft herrscht ein Kultus des Glückes, und wer aus dem Urlaub zurückkommt und sagt, er habe schlechtes Wetter gehabt, ist schon ein Unglücksvogel. Glücklich sein und glücklich werden wird zum Leistungsdruck zur gesellschaftlichen Norm. Don’t worry, be happy!

Glücklich zu sein, ist Pflicht geworden, und der Hilfsmittel sind viele. Morgens Vitasprint um fit für den Tag zu sein und abends hilft Melaton gegen Stress und Erschöpfung beim guten Einschlafen. Freud: „Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen unserer Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel gezogen wird“,denn so Freud: „Daß der Mensch glücklich sei ist im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen“

Glück hat vier Dimensionen:

1. Glück als Ereignis. Auf gut Glück etwas tun und mit Göttin Fortuna im Bunde stehen.

2. Glück als Magie, sichtbar in der Dekoration des Interieurs. Feng shui, die Buddhastatue, Glücksbringer aller Art oder die muslimische Variante Amulette, die antijüdische wäre das Glücksschwein und die aktuelle Mode ist das Tätowieren, wofür bei Moses, weil es als Magie galt, die Todesstrafe gestanden hat.

3. Glück als Eigenschaft. Bei Maupassant, Bel Ami, da ist das Glück bei Frauen eine Eigenschaft. Ödipus, der wird von Sophokles vorgestellt als Kind des Glückes. Ein Glückspilz also, wer sich selbst täuscht.

4. Schließlich: Glück als Zustand, als innerweltliche zeitenthobene Seligkeit. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Aber mit Hemingway wissen wir, wem die Stunde schlägt, alle Glückszustände sind befristet, sind Episode. Glück als Zustand ist wesentlich befristet. Die französische Sprache kann das besser: Dort heißt die glückliche Stunde bonheur, und beendet wird sie zumeist vom Malheur, von der Fehlhandlung.

Nicht übersehen werden kann: Glück ist subjektiv. Waren die Menschen früher glücklicher? Wir wissen es nicht, denn wir schauen mit unserem psychischen Haushalt zurück. Und Glück ist immer subjektiv, und einfühlen in ein Subjekt der Vergangenheit ist unmöglich. Der heute unentwegt erklingende Ruf nach Empathie wäre ein Hinweis darauf, dass wir schon große Schwierigkeiten mit dem Einfühlen in unsere Zeitgenossen haben.

Glück, Streben nach Glück, das ist ím weitesten Sinne sowohl positiv wie negativ: Negativ als Leidminderung: Glück als Abwesenheit von Schmerz und Leid. Das kenne ich von Müttern, die auf die Frage, wie es ihnen geht, zumeist damit antworten, dass das Kind Krankheit, schulische oder andere Probleme überwunden hat. Positiv, aber das findet sich, vermutlich wegen der immer noch vorherrschenden Tabuisierung seltener: Die Bedeutung starker Lustgefühle.

Die Psychoanalyse will heilen, zweifellos, Freud ist Mediziner, aber es findet sich bei Freud keine Stelle, die auf die Abschaffung des Leids insistiert. Er hat auch große Zweifel, dass dies gelingen könnte, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse ändert. Für Freud ist das eine Illusion, eine Wunschvorstellung. Der Grundtenor bei Freud ist nicht Erlösung vom Leid, sondern vielmehr Leidminderung. Die Psychoanalyse ist jedenfalls kein Abschied vom Leid und auch keine Schule des Glücksversprechens, kein Rezept für Glück als Dauerzustand. Mehr noch: Die Psychoanalyse, wie sie sich nach Freud entwickelt, die Mehrheit der Psychotherapeuten unserer Zeit haben zum Ziel, dass der Mensch in der ihn krank machenden Gesellschaft wieder funktionieren kann. Am häufigsten, durchaus erfolgreich angewendet, Verhaltenstherapien, das bessere Wort wäre Anpassungstherapien, Anpassung an das, was uns krank macht, und wenn das nicht hilft, dann gibt es ein paar rosa Pillen.

Was Freud zur Leidminderung empfiehlt, und damit komme ich zum Schluss, das Leiden unter dem Vortrag hat für Sie ein absehbares Ende, was Freud empfiehlt, sind Lockerungen, Ermäßigungen, Erleichterungen, und er beginnt dieses Kapitel mit Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ und er nennt uns dann drei Möglichkeiten:

Erstens: „Mächtige Ablenkungen, die unser Elend gering schätzen lassen“ und für Freud gilt: Je mächtiger die Ablenkung, um so größer das Leid und der Riss zwischen Lust- und Realitätsprinzip. Ohne Zweifel: Das große Geschäft unserer Zeit: Spaß- und Unterhaltung. Überbordende Event- und Illusionsindustrie. Schon Hegel wusste: Was heute als Kunst präsentiert wird, dient der Unterhaltung, ist flüchtiges Spiel. Sehr schön demonstriert, wenn das Kunstwerk durch den Schredder läuft. Als Literatur zu empfehlen. Neill Postman: Wir amüsieren uns zu Tode.

Die zweite Möglichkeit, die uns Freud nahe legt: Ersatzbefriedigungen jeglicher Art. Freud nennt ausdrücklich, zu seiner Zeit hat das sofort einen Skandal erregt: Masturbieren! Wer davor Angst hat, weil das, wie man mir noch beigebracht hat, Rückenschmerzen verursacht, dem empfiehlt Freud Heimwerken oder was Voltaire bereits seinem Candide empfiehlt: Gartenarbeit. Unübersehbar: Bau- und Gartenmärkte sind wie die Unterhaltungsindustrie ein großes Geschäft. Hilfreich auch: Hobbies und Steckenpferde aller Art, vor allem aber so Freud: Kunst als Illusion gegen die Realität, psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelenleben spielt. Das könnte er von Liszt haben der bereits wusste: „Es ist die Mission der Kunst, die Triebe zu besänftigen und zu veredeln.“

Drittens empfiehlt Freud ganz unerschrocken Rauschstoffe, toxische Stoffe aller Art, die uns für unser Elend unempfindlicher machen sollen. Einen Liter reinen Alkohol trinkt der Deutsche, wobei der riskante Alkoholkonsum bei den Frustiertesten, bei den 45- bis 65-Jährigen am höchsten ist. 550.000 werden jährlich wegen Alkoholmißbrauch ins Krankenhaus eingeliefert, die jährliche Zahl der Verkehrstoten liegt bei 3.200, die wegen Alkoholmißbrauchs bei 74.000.

Wie groß das Leid sein muss, zeigt sich daran, dass die Industrie, die uns die Linderungsmittel bereitstellt, ein hochprofitabel florierender Geschäftszweig ist. Der Mensch ist ein unermüdlicher Lust- und Glückssucher. Die Leute rennen nach dem Glück, das Glück läuft hinterher, dichtet Brecht.

Freud schreibt diese Arbeit nach Nietzsche, und der hat die Frage gestellt, was ist der Sinn des Lebens, wenn Gott tot ist? Die Antwort der Warenwirtschaft: Konsum, besser Konsumzwang und Unterhaltung, aber auch: Abwesenheit und Linderung von Schmerz oder die Erlebnissteigerung, der Kick. Dann stehen sie Schlange beim Bungie-Springen, und am Mont Everest erfrieren die Leute, weil der Aufstieg durch einen Stau verzögert wird. Die Mehrheit aber, so Freud, und das wäre, was an Glück möglich ist, richtet sich im lauen Behagen ein.

Im Grunde genommen sagt Freud: Gebt den Glauben an das Glücksversprechen und die eigenen Erwartungen an das Glück auf. Was man machen kann ist, dass man sich ein klein wenig entschädigt, und es gibt die Leidvermeidung durch Flucht in die Krankheit, in die Neurose. Eine Versöhnung mit dem Leid als Krankheitssymptom. Es ist nicht falsch, auch nicht paradox, dass die Kranken die Gesunden sind, weil sie verspüren noch, was ihnen angetan wird. Der Rest ist Milderung im Rausch des Alkohols, des Konsums, der Unterhaltung, und das Wort Rausch deutet daraufhin: Es ist pathologisch.

Virginia Woolf, Zeitgenossin von Freud, machte auf den verheerenden Zustand unserer Kultur aufmerksam, sie schreibt: „Heute kann kein einzelner Mensch mehr dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse widerstehen. Sie fegen über ihn hinweg und vernichten ihn. Sie lassen ihn gesichtslos, namenlos, lediglich als ihr Instrument zurück.“

Es ist eine pessimistische Anthropologie die uns Freud vorlegt. Freud hat keinerlei Illusionen, was an Versöhnung zwischen menschlicher Natur und menschlicher Kultur möglich ist, es gibt für ihn keinen Ausweg aus der Notwendigkeit des Triebverzichtes: Freud: „Das Lustprinzip ist ein Programm – und es liegt im Hader mit der ganzen Welt, nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihmDie Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. Glück ist seiner Natur nach nur ein episodisches Problem“

Das mag einem nicht gefallen, richtig ist gleichwohl, dass in der bisherigen Weltgeschichte die Abschaffung des Leidens nicht gelungen ist, und in jedem Falle ist ausdrücklich zu warnen vor Büchern und Rezepten von Gurus jeglicher Art, die Ratschläge geben, wie das Glück und die guten Gefühle entstehen. Aber vielleicht hält man es dann doch mit dem, was Goethe im Wilhelm Meister“ uns nahelegt und was bei Freud als Leidminderung gegolten hätte: „Man sollte“, sagte Goethe, alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“

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