Goethes Eroticon für das Jahr 2026
Karl August Varnhagen von Ense (1785 – 1858)
Vortrag von Steffi Böttger, Leipzig, am 7. Oktober 2026
Er war Publizist, Diplomat und Chronist. Ehemann der berühmten Salonniere Rahel von Ense. Zwischenzeitlich war er so gut wie vergessen, da auch von seinen jugendlichen Schriften nichts übrig geblieben war. 1876 schenkte seine Nichte der Königlichen Bibliothek zu Berlin ein Konvolut, das neben ihren eigenen Papieren und Kunstwerken mehrere literarisch Nachlässe und die von ihrem Onkel angelegte Autographensammlung enthält. Die Sammlung „Varnhagen“ galt lange als verschollen, befand sich aber in Krakow. Eine Rückführung erscheint derzeit illusorisch.
Zeitlebens blieb ihm die Sympathie für die Französische Revolution lebendig. Er studierte in Düsseldorf. Sein Vater musste die Stadt jedoch verlassen und zog ins freiheitliche Hamburg. Als Karl 14 war, starb der Vater. Er studierte Medizin in Berlin, Halle und Tübingen, denn insbesondere Militärärzte wurden gebraucht. Doch dies behagte ihm nicht, er wurde alsbald Hauslehrer. So konnte er viel lesen. In jener Zeit gaben junge Romantiker den Almanach „Polarsternbund“ heraus, initiiert von Varnhagen und Adelbert von Chamisso. Er lernte auch die Salonniere Rahel Levi kennen, widmete ihr ein Sonett. Es entwickelte sich ein zaghaftes Liebesverhältnis. Sie war bereits 37. Sie wechselte eifrig Briefe. Bis dahin verlief sein Weg ziellos, er wusste, dass er niemals ein berühmter Dichter werden würde. Rahel hatte sich durch intensives Selbststudium eine umfangreiche Bildung erworben. Sie verkehrte mit berühmten Persönlichkeiten wie Goethe, Jean Paul, Motte, Fouqueund anderen. Mit Freundinnen traf sie siich zu geistreichem Gespräch.
Es entwickelten sich kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Österreich. Er wurde als Fähnrich verletzt, bezeichnete sich jedoch als Leutnant. Auch ein „von“ legte er sich zu. Im Juni 1809 meldete sich Varnhagen als Freiwilliger beim österreichischen Heer und wurde gleich als Fähnrich im Regiment des Obersts Wilhelm von Bentheim aufgenommen. Bei der Schlacht bei Wagram (5./6. Juli 1809) wurde er verwundet, ebenso wie Oberst von Bentheim. Den pflegte Varnhagen dank seiner medizinischen Kenntnisse so geschickt, dass er von ihm zu seinem persönlichen Adjutanten gemacht wurde. Im Juni 1810 begleitete er von Bentheim nach Paris.
Varnhagen war ab 1810 in Prag stationiert, wo sich zu der Zeit auch Freiherr von Stein aufhielt, zu dem Varnhagen engen Kontakt pflegte. Varnhagen verließ im August 1812 Prag, ging nach Berlin. Dort bewarb er sich beim Staatskanzler Hardenberg und bekam eine Zusage als Offizier in der preußischen Armee. Als jedoch Ende Februar und ein zweites Mal am 5. März 1813 ein russischer Vortrupp unter der Leitung des Oberst Tettenborn, den Varnhagen von seinem Paris-Aufenthalt kannte, in Berlin einrückte, beschloss Varnhagen sich dessen Regiment anzuschließen, zumal auch sein Freund von Pfuel als Major und Adjutant Tettenborns dabei war. Am 22. März 1813 trat Varnhagen als russischer Hauptmann seinen Dienst in Hamburg an, das fünf Tage vorher von Tettenborn besetzt worden war. Zuvor hatte er in Breslau, wohin die Regierung ausgewichen war, von Hardenberg persönlich die Übernahme in preußische Dienste nach dem Krieg zugesichert bekommen. Für die „Befreiung“ Hamburgs bekam Tettenborn von der Bürgerschaft 5000 Louis d’or und seine Mannschaft 500 Louis d’or, von dem wohl auch Varnhagen einen guten Anteil erhielt. Allerdings erschien dem Senat diese „Befreiung“ recht schlimm und verantwortungslos. Tettenborn stellte eine Hanseatische Legion auf, bei der Varnhagen für die Organisation des Sanitätsdiensts verantwortlich war. Außerdem sollte Varnhagen durch Pressearbeit die Bevölkerung zum Aufstand gegen die französische Besatzung motivieren. Bereits einen Tag nach der Eroberung Hamburgs erschien die renommierte Zeitung Hamburgischer Correspondent, die während der Besatzungszeit nur französisch erscheinen durfte, wieder auf Deutsch. In der veröffentlichte Varnhagen zahlreiche Beiträge. Nachdem Jakob Daevel, ein Mitarbeiter im Stab von Tettenborn, im Frühjahr 1813 die Zeitung Deutscher Beobachter gegründet hatte, nutzte Varnhagen diese für seine Publikationen. Am 30. Mai 1813 wurde Hamburg durch französische Truppen zurückerobert und Tettenborn zog sich nach zurück.
Den Waffenstillstand im Sommer 1813 nutzte Varnhagen um die Geschichte der hamburgischen Begebenheiten während des Frühjahrs 1813 zu verfassen. Im September 1813 erschien zum ersten Mal seine Zeitung aus dem Feldlager, ein Propaganda-Blatt, das über die militärischen Erfolge im Kampf gegen die französische Besatzung informierte und in hoher Auflage kostenlos verteilt wurde. Mitte Oktober 1813 nahm Varnhagen an der Befreiung Bremens teil. Tettenborns Regiment marschierte gleich nach dem Friedensschluss Richtung Rhein und über Köln und Trier in die Champagne, um sich dort am Kampf gegen Napoleon zu beteiligen. Varnhagen blieb von April bis Mitte Juni in Paris, danach ging er zur Erholung nach Teplitz. Dort schrieb er das Buch Die Geschichte der Kriegszüge des General Tettenborns während der Jahre 1813–14, das 1815 erschien. Für seine Verdienste als kaiserlich-russischer Kapitän in den Befreiungskriegen wurde ihm vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. der Orden Pour le Merite verliehen. All dies befähigte ihn zu hohen Ämtern. So wurde er 1815 zum preußischen Gesandten in Karlsruhe berufen, aber 1819, „demokratischer Neigungen“ verdächtig, abberufen und ließ sich darauf in Berlin nieder.
Er schrieb für Cottas Almanach, leben konnte er von seiner publizistischen Tätigkeit jedoch nicht. Wichtig in seinen „Erinnerungen“ wurde seine Reise 1811 nach Teplitz. In Dresden erhielt er jedoch die Nachricht, seine Verlobte Rahel sei unpässlich. So fuhr er kurzerhand nach Berlin, kehrte mit ihr nach Dresden zurück. Man blieb zwei Tage dort, begegnete er dem berühmten Gemäldesammler, Kunst- und Architekturhistoriker Sulpiz Boisseree. In Teplitz durchstreifte er Wälder und Parks. Er begegnete Clemens Brentano. Brentanos Judenfeindlichkeit führte zum Zerwürfnis, Varnhagen gab Brentano eine Ohrfeige. Daraufhin verbreitete Brentano das Gerücht, Ense habe während der Schlacht bei Wagram keinen Oberschenkeldurchschuss, sondern einen Lendendurchschuss erlitten – dessen Männlichkeit folglich in Zweifel gezogen. Wichtiger war Enses Begegnung mit Beethoven.
Varnhagen sorgte für eine Neubelebung der nachlassenden Wirkung Goethe’scher Werke. Er sprach sich zudem für Landesverfassungen aus. 1815 wurde er Legationsrat am Badener Hof. Er bekam über vier Jahre ein jährliches Gehalt von 3000 Talern. Es erschienen die „Denkwürdigkeiten“, Briefe an Prominente. Mit den tödlichen Attentat Sands auf den Dichter Kotzebue endete zunächst die Zeit liberaler Ideen. Man wollte ihn entfernen. Hierzu bot man ihm eine Stelle als Gesandter in den USA, also weit weg, an. Er überlegte lange. Da aber die USA selbst keine diplomatische Vertretung in Berlin unterhielten,zerschlug sich die Sache. 1818 erhielt er ein Ruhegehalt über 3000 Reichstaler, und er ging in den Ruhestand. Seit 1826 wuchsen Zweifel hinsichtlich seines Adelsprädikats, die preußischen Behörden verfügten nachträglich die Nobilitierung.
„Rahel“ – ein Buch des Andenkens an ihre Freunde“ wurde ein überwältigender Erfolg. Insbesondere die Autoren des Jungen Deutschland studierten diese Briefe. Somit erwies sich Rahel als Vorkämpferin der Frauenemanzipation. Goethe nannte Varnhagen angesichts seiner großen historischen Werke den „deutschen Plutarch“. Er verstand es zudem, allen Parteien in die Karten zu schauen. 1835 schrieb er für Brockhaus historische Miniaturen. Er übersetzte Novellen Puschkins.
In seinen späteren Lebensjahren entwickelte sich Varnhagen von Ense zu einem scharfzüngigen Chronisten und entschiedenen Befürworter der Revolution von 1848/49, die er als „unvergänglichen Festtag“ (Tagebuch vom 6. Januar 1854) der deutschen Geschichte bezeichnete.
1858 starb er an Lungenembolie. Es gab auch abschätzige Urteile der Nachwelt. So ließ Hannah Arendt kein gutes Haar an ihm, neben dichter Darstellung der politischen Atmosphäre seiner Zeit gab es in seinen Publikationen eben so viel Klatsch und Tratsch.
Zu Goethes Gedankenreisen nach Lateinamerika und in die Südsee
Vortrag von Dr. Dieter Strauss, Offenbach am 2. September 2026
Von 1799 bis 1804 hielt sich Alexander von Humboldt in Lateinamerika auf Die Reise fand Goethes lebhaftes Interesse, er galt ja seit den 40-er Jahren selbst als „Brasilianer“, denn er beschäftigte sich sehr mit diesem Land. Auch die Reise von Georg Heinrich von Langsdorff war für ihn interessant. Selbiger war zwischen 1822 – 29 dort unterwegs, seine lange Tour führte ihn von Rio Janeiro, Belem an den Amazonas. Er fertigte viele Zeichnungen vom Stamm der Bororos an. Strauss hat diese Expedition nachgemacht. Einige Künstler haben ihn begleitet. Doch zunächst ging er in seinem Vortrag auf Reisen Goethes ein, nach Italien, in die Schweiz, während der Kampagne in Frankreich und in die böhmischen Bäder ab 1793. Besprochen wurde ebenfalls Goethes „Späher in die Welt“: zum Beispiel Alexander und Wilhelm von Humboldt und Karl Friedrich Graf von Reinhard. In Goethes Münzkabinett befanden sich auch einige Stücke aus Brasilien. Während seines Aufenthalts in Mexiko-Stadt 1804 empfahl Humboldt dem mexikanischen Präsidenten den Bau des Panama-Kanals.
Goethe pflegte Kontakte zu mehreren Reiseforschern. Zu entsprechender Lektüre verhalfen ihm der Bertuch-Verlag und die die heute so genannte Anna Amalia Bibliothek. Alexander von Humboldt hat ihn mehrfach besucht. Auch Georg Forster, der Weltumsegler, war Goethe bekannt. Die zweite Reise 1775 führte über das Kap der Guten Hoffnung über Australien bis in die Antarktis; damals der am weitesten unternommene Vorstoß in diese Gefilde. Forster schrieb „Reise um die Welt“. Er erwies sich als exakter Wissenschaftler.Goethe besuchte Forster 1790 in Kassel, doch schon 1785 erfolgte ein Besuch Forsters mit seiner Frau in Weimar. Ein weiteres wichtiges Buch war „Ansichten von Niederrhein“. Die gegenseitige Korrespondenz ist umfangreich. 1807 unternimmt Humboldt eine Reise zum Amazonas, er besucht aber auch Kuba, Lima und Mexiko. Von Washington reist er nach Frankreich. Es erscheint Humboldts „Idee zu einer Geographie der Pflanzen“. Er widmet sie 1807 dem Goethe. „Ich habe den Band schon mehrmals mit großer Aufmerksamkeit gelesen“, lobt Goethe.
Humboldts Reise über Spanien nach Teneriffa brachte ihn bei der Besteigung eines Vulkans auf die Erkenntnis von Vegetationszonen. Sie wird mit zunehmender Höhe immer spärlicher. Daraus folgt: „Der Himmel ist leer“. Diese Ansicht brachte ihn bei der Kirche in Verruf, zumal er postulierte: Der Mensch ist nicht Krone, sondern Teil der Schöpfung. Auch Faust strebt wie Humboldt nach Erkenntnis.
„Die Tropen sind mein Element“, schreibt Humboldt begeistert. Er erkundet die Guachara-Höhle. Die Guácharo-Höhle, die Cueva del Guácharo, liegt etwa 13 Kilometer westlich der kleinen Gemeinde Caripe im Grenzgebiet der venezolanischen Bundesstaaten Monagas und Sucre. Sie wurde 1799 von Alexander von Humboldt erforscht und gilt als die größte Tropfsteinhöhle Südamerikas. Die Höhle ist auf eine Länge von 10,2 Kilometern untersucht, wovon etwa 1.200 Meter für Besucher freigegeben sind. Zu besichtigen sind drei Kammern: Die Guácharo-Galerie, die Galerie der Stille und Precious Hall. Bewohner der ersten Galerie sind insbesondere die Guácharos (Fettschwalme). Es sind nachtaktive Vögel, deren dicke Fettschicht den Ureinwohnern dazu diente, ein besonderes reines Öl zu gewinnen. Die Inios, die Huboldt begleiten, werden zunehmend unruig. Humboldt weiß warum. Der hintere Teil der Höhle ist den Seelen der verstorbenen Ahnen vorbehalten. Humboldt zeigt Respekt und zieht sich zurück.
Er begibt sich in den Westen von Caracas, erlebt dort den Maracaibo-See, der sich als bedeutend größer als der Bodensee erweist. Er entdeckte aber auch eine wüste gerodete Gegend und ahnte künftigen menschengemachten Klimawandel.Er bereiste den Orinoco und den Rio Negro bis in die Nähe des Amazonas. Weiter ging es nicht, denn man näherte sich portugiesisch-kolonialem Indianergebiet. Höhepunkt der Reise war am 23. Juni 1802 der Aufstieg zum Chimborazo, dem „Himmelsthron“, mit den Naturforschern Aime Bonpland und Carlos Montufar. Sie erreichten eine Höhe von zirka 5600 m (ihre eigene damalige Höhenmessung ergab 5880 m). Der Beschreibung des Aufstiegs durch Humboldt verdanken wir die erste genaue Schilderung der Symptome von Höhenkrankheit. Humboldt verbrachte mehrere Tage am Berg. Er skizzierte ihn und ließ sich mit ihm im Hintergrund abbilden. Hier erweiterte er seine Erkenntnis über die Vegetationszonen, auch zur Vermeidung interkultureller Grenzüberschreitungen und menschengemachten Klimawandel.
1829 unternahm Humboldt eine Forschungsreise in den Altai bis an die chinesische Grenze. Auch diese Expedition stieß auf Goethes Interesse.
Ein weiterer wichtiger Forschungsreisender war Wilhelm von Eschwege. Im Jahre 1817 wurde er zum General-Direktor der brasilianischen Goldbergwerke und Vorstand des königlichen (ab 1822 kaiserlichen) Mineralienkabinetts in Rio de Janeiro ernannt. Eschwege nutzte seinen Aufenthalt in Brasilien, um das Land zu bereisen und geognostische Forschungen zu betreiben. Er wurde einer der gründlichsten Diamantenkenner seiner Zeit, brachte auch einige Exemplare nach Deutschland mit, zeichnete die ersten Profile und die erste farbige geologische Karte von Minas Gerais, und veröffentlichte die Ergebnisse seiner Erkundungen in zahlreichen Schriften.
Weiterhin unternahm Maximilian zu Wied-Neuwied 1815 bis 1817 eine Expedition in Brasilien. In den Jahren 1815 bis 1817 führte er seine Expedition nach Brasilien durch. Er dokumentierte die Flora, Fauna und die indigene Bevölkerung, insbesondere den Stamm der Botokuden. Die Ergebnisse dieser Expedition veröffentlichte er 1820/21 unter dem Titel Reise nach Brasilien in den Jahren 1815 bis 1817. Insbesondere interessierte sich Wied für die dortige Vogelwelt und legte eine entsprechende Sammlung an. Zurück in Deutschland beschrieb er zahlreiche Arten erstmals für die Wissenschaft. Auch Goethe begeisterte sich für diese eindrucksvollen Schilderungen der Natur Brasiliens. Das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach plante nun selbst eine kleine Expedition, sie kam jedoch nicht zustande.
Weitere Brasilienreisen unternahmen 1817 bis 1820 Carl Friedrich Philipp von Martius im Auftrag von König Maximilian I. von Bayern gemeinsam mit Johann Baptist von Spix. Die Gelegenheit dazu ergab sich, als Maria Leopoldine von Österreich den Kronprinzen und späteren Kaiser von Brasilien Dom Pedro heiratete und der bayerische König der österreichischen Erzherzogin zwei Naturforscher als Mitglieder der östrreichischen Brasilien-Expedition empfahl.
Während der Brasilienreise erkundete Martius unter anderem den Amazonas und unternahm umfangreiche Forschungen zur tropischen Pflanzenwelt. Mit besonderer Aufmerksamkeit widmete er sich hierbei den Palmen, was dazu führte, dass Martius auch als der „Vater der Palmen“ bekannt wurde.
In seinen „Reisen der Söhne Megaprazons“, in „Hermann und Dorothea“ sowie in den „Wanderjahren“ hat Goethe selbst Bezug auf Amerika genommen.
Goethes Eroticon
Vortrag von Jens-Fietje Dwars, Jena, am 6. Mai 2026
Der Referent zitierte zunächst Goethes „Heidenröslein“. Es handelt sich hierbei tatsächlich um eine Vergewaltigung. Kritiker sprachen von Vergewaltigung im Trällerton eines Volksliedes. Ein weiteres Beispiel stellt das Gedicht „Das Schreien“ 1767 dar: „Einst ging ich meinem Mädchen nach/ Tief in den Wald hinein…“ Sie droht zu schreien, doch dann lispelt sie: „… Geliebter, still,/ dass dich ja niemand hört“. Auch weitere Gedichte jener Zeit widmen sich der Erotik, so in den Sesenheimer Liedern, zum Beispiel: „Es schlug mein Herz …“ Im Dickicht des Waldes irrt der Dichter wie im Dickicht seiner Triebe. Er brennt in Leidenschaft. Dabei tragen „Willkommen und Abschied“ ursprünglich einen völlig anderen Bezug: Ein „Willkommen“ erlebte der ankommende Häftling im Zuchthaus mittels Peitschenhieben und ebenso beim „Abschied“. Dies geschah vor allem bei sexuellen Delikten.
Was wäre, wenn aus einem solchen Delikt heraus ein Kind entstanden wäre? Da gab es den Fall der Margarethe Brandt, Mörderin ihres unehelich geborenen Kindes. Sie war vom Knecht eines Durchreisenden geschwängert worden. Goethe hat dies selbst als Rechtspraktikant erlebt und in der Gretchentragödie verarbeitet. Schon im „Urfaust“ findet sich der berühmte Gretchenmonolog. Goethe bringt das Erwachen weiblicher Liebe an den Tag. Dies ist durchaus etwas Neues/Revolutionäres. “Meine Ruh ist hin,/ Mein Herz ist schwer … Und küssen ihn,/ So wie ich wollt,/An seinen Küssen/Vergehen sollt.“
Diesen Monolog übernimmt Goethe in den Faust I.
Goethe galt zwar als Fürst der Dichter, nichts durfte bei ihm Anstoß erregen. Großherzogin Sophie ließ zu ihren Lebzeiten gewisse Texte nicht zu, auch Goethe strich manches. Auch strich man noch in den 1980-er Jahren in der berühmten Hamburger Ausgabe die Walpurgisnacht, versah einige Stellen mit Strichen, die Mephisto stottern ließen: „Einst hatt’ ich einen wüsten Traum/ Da sah ich einen gespaltnen Baum / Der hatt’ ein — / So – es war, gefiel mir’s doch.“ Worauf eine muntere Hexe ebenso kryptisch erwiderte: „Ich biete meinen besten Gruß / Dem Ritter mit dem Pferdefuß! / Halt Er einen — bereit, / Wenn Er — nicht scheut.“ In einem kleingedruckten Kommentar heißt es hierzu: „ … Die Handschrift hat ungeheures Loch; groß; rechten Pfropf; das große Loch.“ Dies ist bis ins Obszöne gesteigerte Liebeslust. Hexen und Teufel wirken gleichberechtigt. Teils obszöne Texte hinterließ Goethe in einer Mappe „Erotica“, die Kanzler Müller aufbewahrte. Einem Besucher gewährte er Einblicke. Selbiger merkte sich die Texte, und so wurden sie auch veröffentlicht.
Das Possenstück „Hanswursts Hochzeit“ oder „Der Lauf der Welt“ wurde ebenso wenig in die Hamburger Ausgabe aufgenommen wie das berühmt-berüchtigte Gedicht „Das Tagebuch“, ein Liebesabenteuer. Auf einer Reise geht der Wagen zu Bruch. Man muss ein Zimmer nehmen. Gast und Zimmermädchen finden Gefallen aneinander. Sie entscheidet, ihn zu lieben. Goethe mutete hierbei dem Publikum recht viel zu, verlor jedoch allmählich die Lust weiterzumachen. Immerhin erwies er sich als Genie nicht nur des Erhabenen (Werther), sondern auch des Gassenjargons, selbiges allerdings auf literarischem Niveau.
Eigentlich war der Hanswurst dank Gottsched und Neuberin von der deutschen Bühne vertrieben worden. Goethe holt die Figur wieder zurück. Er verbindet die Tragödie mit der Komödie. So war es auch in der griechischen Antike: Auf Tragödien folgten Satyrspiele, die dem antiken Menschen natürlich auch dessen tierische Natur verdeutlichten.
In Weimar gab es drei Kindsmordsfälle. Goethe schloss sich der Ansicht an, man solle die Todesstrafe verhängen, wie in seinen Amtlichen Schriften ersichtlich. Sein Gretchen lässt er nicht retten. Ihr Verhalten ist geradlinig, sie nimmt die Schuld am Tod des Kindes wie auch der Mutter auf sich. Damit spielt sie den Männerbund Faust/Mephisto an die Wand. Sie steht zu ihrer Tat, bleibt hellsichtig und lässt sich nicht in die Freiheit verführen; nicht noch einmal verführen. In Faust II erscheint sie nochmals als Gretchen. Zurück zur Walpurgisnacht im Faust I. Die Böcke und Ziegen haben sich verlustiert. Es ist eine Massenorgie, und die christliche Messe verkehrt sich in dieser Welt zur Messe des Satans.
Großherzogin Sophie hatte einige der Erotica unterdrückt. Erst nach ihrem Tod erschienen 1910 „Das Tagebuch“ und die Venezianischen Epigramme; gedruckt wurden sie nun endlich aus „wissenschaftlichem Interesse“. Es erschienen ebenfalls die „Römischen Elegien“. Sehr erotisch kommt zum Beispiel die fünfte Elegie daher. Dort heißt es am Schluss: „… Überfällt sie der Schlaf, lieg‘ ich und denke mir viel,/ Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet/ Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,/ Ihr auf dem Rücken gezählt, sie atmete in lieblichem Schlummer …“
Ist dies Pornographie? Nein. Pornographie ist derb, obszön, auf kurzen Genuss aus. Erotik ist das glatte Gegenteil. Sie ist ein wechselseitiges Spiel, ein gegenseitiges sinnliches Bereichern. Schiller streicht, hat die Elegien in seiner Zeitschrift „Die Horen“ veröffentlicht, was Herder zu der Bemerkung veranlasste statt mit O müsste man die Horen jetzt mit U schreiben.
Auch mit den Venezianischen Epigrammen geht es ebenso, sie vermengen sinnenfrohes Heidentum mit der Kritik an der christlichen Lehre, aber auch an den Weltverbesserern. Alle Freiheitsapostel waren Goethe zuwider.
Auch im „West-Östlichen Diwan“ wird das Recht der Frau, Suleika, auf freie Liebesentscheidung offenbar.