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Auf den Spuren Goethes in die Schweiz

erstellt am: 02.06.2018 | von: beke | Kategorie(n): Rückblick

„Auf den Spuren Goethes in der Schweiz“

Im Oktober 2014 wurde unsere Erfurter Goethe-Gesellschaft gegründet. Seit dieser Zeit haben wir viele interessante Vorträge, Debatten und Exkursionen erlebt, die alle von unserem Vorsitzenden Bernd Kemter organisiert wurden. In diesem Jahr sollte uns unsere Studienfahrt auf Goethes Spuren in die Schweiz führen. Am 13. Juni 2018, morgens um 7.45 Uhr, kam der Bus mit den Geraer Goethe-Freunden am Erfurter Domplatz an. Nun waren wir 26 Reisende zu Goethes Erinnerungsorten.

Unsere erste Station war Hünfeld, eine mittelalterliche Stadt, in der wir u. a. das vor kurzem errichtete Goethe-Denkmal besichtigten. Hier erfuhren wir auch, dass der in Hünfeld gebürtige Prof. Konrad Zuse den ersten Rechenautomaten der Welt, den Computer, erfand. Er stellte ihn 1941 in Berlin vor.

Unser nächster Halt galt Sessenheim mit einem Besuch des kleinen Goethe-Museums, des Goethe-Memorials und selbstverständlich der „Goethe-Scheune“.

Kemter las uns Geschichten, Geschehnisse vor, die sich um Goethe und Friederike Brion rankten, ebenso einige „Sesenheimer Lieder“. In diesem Ort lernte er die Pfarrerstochter kennen, sie lieben, er pflegte einen regen Briefverkehr mit ihr. Auch neue dichterische Einfälle, eine neue geistige Sicht erhielt er durch diese Liebe, d. h. er schrieb und dichtete über das „Liebesidyll“ in Sessenheim.

Auch über den Ort selbst erzählte uns Kemter Geschichtsträchtiges. Hier hatten sich die „Sassen“ aus dem Elsass, die „sesshaften Leute“ also, niedergelassen. 1341 gab es also schon das Dorf Sessenheim (Goethe schrieb es lieber mit einem s) mit einer uralten, schönen Kirche, die wir uns ansahen, es gibt ein weiteres Gotteshaus. Nach dem Aufenthalt in Sessenheim fuhren wir weiter nach Mulhouse, um im dortigen Novotel zu übernachten.

Am nächsten Tag, dem 14. Juni, war Biel unser nächstes Reiseziel. Nach kurzer Stadtbesichtigung fuhren wir weiter, unserer Schiffsreise zur Petersinsel entgegen. Sie dauerte leider nur zehn Minuten. Hier, auf der grünen Insel, wanderten wir zu einem Kloster mit Cafe, denn wir hatten nach der Wanderung den Wunsch nach einer Pause mit Mittagsimbiss.

Auf der Petersinsel, so erfuhren wir, hielt sich zeitweise der streitbare Philosoph Jean Jacques Rousseau auf. Näheres über sein Leben erfuhren wir wieder von unserem Reiseleiter, der uns während der Weiterfahrt im Bus einige Kapitel aus seinen „Bekenntnissen“ und dem „Gesellschaftsvertrag“ vorlas.

Der Bus fuhr nun von Neuveville nach Lausanne. Hier im Novotel in Lausanne Bussigny waren drei Übernachtungen gebucht.

Am Freitag, dem 15. Juni, fuhren wir mit dem Bus Richtung Genf, machten aber in Rolle einen kurzen Stadtbummel, denn auch hier war Goethe gewesen. Fasziniert hat uns ein uraltes Schloss am See, welches Louis II. de Savoie um 1319 erbauen ließ. Gegen 9.45 Uhr kam unser Bus in Genf an. Mit einer örtlichen Reiseführerin begann ein Altstadtbummel. Genf ist die zweitgrößte Stadt der Schweiz und zeigt einige Besonderheiten. So ist das Rathaus – bedingt durch den See – zweigeteilt, eine Brücke verbindet beide Seiten. Eine weitere Besonderheit erblickten wir: eine Blumenuhr, sehr schön! Eine Kathedrale konnten wir ebenfalls besichtigen. Zwischen 1160 und 1250 wurde sie im romanischen und gotischen Stil erbaut. 1536 wurde sie nach der Reformation evangelisches Gotteshaus.

Nun besichtigten wir das Rot-Kreuz-Museum und erfuhren hierbei, dass 1864 im Genfer Rathaus die Konvention des Roten Kreuzes unterzeichnet und diese Organisation damit gegründet wurde.

Weitere Institutionen, die hier in der Schweiz ihren Sitz haben, sind zum Beispiel: der zweite Hauptsitz der UNO (193 Mitgliedsstaaten), die Weltgesundheitsorganisation, die Genfer Flüchtlingskonvention UNHCR, der Weltkirchenrat, das IOC,

Nach dem Museumsgang besuchten wir Park und Schloss Ferney, das Goethe während seiner zweiten Schweizreise besucht hatte.

Am Sonnabend, dem 16. Juni, stand auf unserem Programm eine Stadtführung in Lausanne mit einem örtlichen Stadtführer. Lausanne, einst ein Dorf, ist heute eine schöne, alte Stadt mit einer Metro, Fünf-Sterne-Hotels, Parkanlagen, Olympischem Museum. Vier offizielle Landessprachen sind hier vertreten: 64 Prozent Deutsch, 23 Prozent Französisch, acht Prozent Italienisch und 0,5 Prozent Rätoromanisch sowie weitere.

Wir besichtigten den Dom, der 1275 erbaut wurde und sahen sehr moderne und viele uralte Häuser – eine wirklich sehenswerte Stadt! Auch Goethe war natürlich hier und wusste diese Stadt zu schätzen. Sie besteht aus Ober- und Unterstadt, nur durch Treppen und Tunnel, auch durch Brücken verbunden.

Danach fuhren wir weiter zur Weinverkostung nach Lavaux – und per Schiff ging es wieder zurück ins Hotel.

Am Sonntag, dem 17. Juni, nahmen wir Abschied von der Schweiz, fuhren über Bern, Zürich, um beim Rheinfall Schaffhausen einen Halt einzulegen. Fantastisch, was die Natur hier geschaffen hat, es wurde seinerzeit auch von Goethe bewundert. Während unserer Rückreise gab es für alle eine Überraschung: Frau Kemter hatte ein Picknick organisiert – unentgeltlich – worüber wir uns alle freuten und bedankten. Spendiert wurde es übrigens vom Reisebüro TRI TOURS.

So konnten wir gestärkt an unseren Heimatorten Erfurt und Gera eintreffen. Es war eine sehr schöne, erlebnisreiche Reise.

Renate Dalgas

 

Und hier noch einen Bericht von Bernd Krüger

 

GGG – Goethegesellschaft Gera

Zweite Schweizreise 13.06.2018 bis 17.06.2018

Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.

Unvergesslich die erste Schweizreise vom 28.06. bis 01.07.2012 über Kochel am See/ Murnau und Schaffhausen nach Zürich, Luzern und Bern. Ganz lebendig die Erinnerung an unseren Schwur auf der Tellsplatte:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern [und Schwestern],

in keiner Not uns trennen und Gefahr.

Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,

eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.

Wir wollen trauen auf den höchsten Gott

und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

Vera kannte ihn auswendig, die Erinnerung daran macht mir noch heute eine Gänsehaut.

Und nun endlich die zweite Reise auf Goethes Spuren in die Schweiz. Lange vorbereitet, von Bernd Kemter gut, ach was heißt gut – nein: perfekt geplant. Dieses Mal reisen wir zusammen mit den Erfurter Goethefreunden im großen Bus, der aber mit 25 Teilnehmern nicht überlastet ist.

Für mich war die Zeit vor der Abreise ein wenig hektisch, eben Rentnerkalender voller Termine. Im Stadtrat ging es um die Verabschiedung von Frau Dr. Hahn aus dem Amt der Oberbürgermeisterin, die Stadtratssitzung dazu werde ich verpassen, weil ich in der Schweiz bin. Dazu gehört die Diskussion um den Stil unserer Begrüßung des neuen Oberbürgermeisters und Zuarbeiten für das Referat zur Amtseinführung. Viel Aufwand hatten wir im Stadtrat noch mit einigen umstrittenen Immobilienverkäufen, mit den Vorlagen zu Geras Neuer Mitte sowie Auftragsvergaben im Rechnungsprüfungs- und Vergabeausschuss. Dann waren noch ein paar Steuerfälle zu bearbeiten und im Garten reiften die Kirschen und Beeren.

Vom 8. bis 10. Juni, also unmittelbar vor der Schweizreise gab es noch unsere Exkursion zum Abschluss des Wintersemesters 2017/ 2018 zur Religionskritik von Karl Marx und Max Weber, ein fulminantes, anstrengendes Wochenende mit hohem Bildungswert und gutem Wein in Hummelshain und Neustadt/ Orla. Ich musste einige Termine dann einfach auslassen. Gut so.

Mittwoch 5:30 Uhr früh starten wir mit dem Auto zum Bahnhof, laden das Gepäck aus und ich bringe das Auto zurück, um dann gepäckfrei unbeschwert zum Bahnhof zu laufen.

In Erfurt nehmen wir in Linderbach und am Domplatz die zentralthüringischen Goethefreunde auf, die Hauptstädter schließen sich den Provinzlern aus Ostthüringen an, weil sie mit der Regierung ohnehin soviel Verantwortung schleppen, dass sie nicht auch noch einen eigenen Vorstand für die Erfurter Goethegesellschaft tragen können. Hätte nie gedacht, dass wir vom Rand des Landes so souverän führen können!

Lange Fahrt – erster Halt in Hünfeld, Hessen, hier war ER auf der Durchreise.

Bernd hatte uns das Gedicht „Der Markt zu Hünfeld“ vorgelesen und es ist auf einer Plastik am ehemaligen Markt des Städtchens verewigt. Das Versmaß erscheint uns nicht ganz „goethisch“ und der ganze Sinn erschließt sich nur schwer, liegt das an unserer heutigen Oberflächlichkeit oder hat der große Meister auch mal etwas fabriziert, das nicht seinen hohen Ansprüchen genügen musste?

Über Hessen nach Frankreich

Am frühen Nachmittag erreichen wir Sessenheim im Elsass, die Grenze war kaum zu merken. Das war anders, als Anni und ich vor 26 Jahren zum ersten Mal nach Frankreich fuhren, da war noch richtig Douane.

Friederike Brion – ja, gehört haben wir diesen Namen als eine der zahlreichen Geliebten des Genies. Aber so, wie wir es jetzt erfahren und begreifen, war es sicher nicht jedem der Mitreisenden bewusst.

Nicht irgendeine Liebesgeschichte war das, nein, es war DIE Liebesgeschichte, die mich noch heute – und ich habe sie ja erst jetzt erfahren – zu Tränen rührt.

Bernd Kemter bereitet uns im Bus darauf vor – haben wir alle gewusst, dass „Willkommen und Abschied“ nur dieser einzigartigen Liebe gewidmet war? Ich wusste es nicht und ich hatte einen guten Deutschlehrer und interessierte mich sehr für Goethe.

In Sessenheim sind wir zunächst auf der Suche nach den historischen Stätten, die unsere Neugier befriedigen und die Wissbegier stillen sollten. Bernd und ich gehen ein paar Häuser weiter, Bernd fragt in seinem recht ordentlichen französisch über den Garten eine ältere Frau, die uns antwortet: “ich verstehe kein französisch!“ So kann´s gehen.

Ein niedliches, liebevoll gestaltetes Museum (kann man das so sagen?) – also ein kleiner Pavillon erzählt über Friederike und Goethe, es gibt Bilder, Sinnsprüche aus eben jener kurzen Zeit 1770/ 1771, ein kleiner Garten, eine Scheune, in der sie sich geliebt haben sollen und ein Goethezimmer im zentralen Touristhotel.

Mich lässt diese Geschichte fortan nicht mehr los, immer muss ich an Friederike denken, es ist beschreiben, wie sie auf ihn wirkte bei der allerersten Begegnung, es musste wie ein Blitz eingeschlagen haben, bei Beiden, wunderschön, und dann kriegen sie sich nicht, wie das so ist und Heinrich Heine beschreibt es am schönsten.

Und Goethe sagt es so:

Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Wie schön ist das! So schlicht und doch so vollkommen und von einzigartiger Größe, es wird immer Schönes über die Liebe gesagt werden, aber das scheint mir unübertroffen.

Ich möchte diese Verse allen sagen, die da ehrlich und ernsthaft lieben, damit sie es bewahren und niemals leichtfertig aufs Spiel setzen.

Friederike ist für mich ein ganz neues Sinnbild, sie ist mir tief ins Herz gegangen und begleitet mich fortan auf der ganzen Schweizreise. Und danach immer noch.

Friederike hat nie geheiratet. Mehr Kommentar braucht es nicht.

Obwohl wir in Frankreich sind, ziehen wir es vor, ins französische Sausheim, dort ist unser Hotel, mit ein paar Kilometern Umweg über Deutschland zu fahren, weil wir uns vor der französischen Maut fürchten. Na gut, die hätte man auch in den ohnehin nicht ganz billigen Gesamtpreis einkalkulieren können.

(Lieber Bernd, das ist nicht gemeckert, Du weißt, dass ich nicht geizig bin, nur als Hinweis)

Das Novotel Sausheim ist einfach eine Enttäuschung, Abendessen und Frühstück niveaulos, die Zimmer wirken ungepflegt, das Fenster ist kaputt, das Wasser fließt im Waschbecken nicht ab.

Ich schlafe schlecht, was aber nicht am Hotel liegt, sondern an mir selber, mir erscheinen im Traum Ungeheuer nach Hieronymus Bosch, sicher eine Nachwirkung auf die Vernissage von Alexandra Müller-Jontschewa am 07.06.2018 anlässlich ihres 70. Geburtstages bei Carqueville in Töppeln.

Aber jetzt in die Schweiz, Donnerstag, 14.06.2018

8:15 Uhr ab Sausheim nach Biel, vorbei an Basel – auffallend große Industrie- und Gewerbestandorte, auch bei der Vorbeifahrt an weiteren Städten zu sehen, die Schweizer wahren ihre Autarkie, kann man das so sagen? Auch sie kommen nicht an der Globalisierung vorbei und mit ihrem Geld sind sie an allen Vorgängen weltweit beteiligt, Schweizer Geld ist mit vollen Händen an Rüstung und Krieg und Intervention und damit auch an allem Elend dieser Welt beteiligt. Nix unschuldig!

In Biel ist die Ausschilderung jeweils noch zweisprachig französisch und deutsch. Wir finden die Goethe – Gedenkgasse und die Sandsteinplatte mit der Inschrift, dass Goethe hier übernachtete.

Weiter nach Ligarz und von hier mit dem Boot zur Petersinsel/ St. Pierre im Bieler See. Bernd hat uns auf dieses Erlebnis gut vorbereitet, denn hier treffen wir auf Jean Jacques Rousseau, den wunderbaren Philosophen und Vordenker der französischen Revolution, Rousseau ist natürlich mehr, als „zurück zur Natur“. Bernds Lesung im Bus macht neugierig aber auch betroffen hinsichtlich Rousseaus Schicksal, die erschütternde Art und Weise, wie er verraten wurde.

Das Inselparadies St. Pierre

Die Idylle, oder Arkadien? Ein wunderschönes vielstimmiges oder vielsprachiges Konzert der Vogelstimmen, darunter auch scheinbar unbekannte, aber kann es in so relativ geringer Distanz von zu Hause schon ganz fremde Vögel geben? In Texas und Neuseeland da sahen und hörten wir Vögel, die es nun wirklich nicht bei uns gibt, aber hier? Wir genießen es und lauschen und lächeln uns an. Wie wir uns freuen, hier zu sein und das zu erleben! Die Gruppe haben wir verloren, wir werden uns wieder finden, die Insel ist klein, etwa wie die Insel Vilm, die wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben haben.

Riesige alte Bäume, vor allem Buchen, aber auch Fichten, Tannen, Ahorn – alles was zum europäischen Wald gehört, und eine besonders ausladende Linde haben wir fotografiert. Das Totholz bleibt liegen, also ein Totalreservat, ein vollständiges Biotop, dieser Wald ist ernsthaft naturbelassen.

Wir finden eine alte moosbewachsene Kalksteinmauer, später erfahren wir, dass diese schon im 18. Jahrhundert zum Schutz der Insel gegen Hochwasser und Wellenschlag errichtet wurde. Die Bauarbeiter waren Häftlinge.

Wie bei unseren Tatra-Wanderungen machen wir auch hier unsere Naturbeobachtungen und finden einen prächtigen Pilz, den wir aber nicht kennen, dafür erkennen wir den Fruchtstand eines Aronstabgewächses.

Nicht weit vom Kloster, am Ufer des Sees finden wir das Denkmal für Jean Jacques Rousseau, der 1770 hier kurze Zeit Zuflucht fand vor den französischen Verfolgern. Wie schon erzählt, war er einer der Wegbereiter der französischen Revolution, deren großartige Ziele und Ideale „Liberte, Egalite, Fraternite“ für lange Zeit in Blut ertränkt wurden. Wurde der König guillotiniert, um Frankreich einen Kaiser zu geben? Die Revolutionäre haben niemals ihre Ziele erreicht, es waren immer andere, die von den neuen Verhältnissen profitierten.

Warum Voltaire, der weltgewandte Aufklärer und zeitweilige Freund Friedrichs des Großen einer der Feinde Rousseaus war, habe ich nicht verstanden und will ich noch herauskriegen bzw. erlesen und erfragen.

Im Kloster mit seiner großen Gastronomie ist liebevoll eine kleine Rousseau – Ausstellung eingerichtet.

Von hier musste er nach 16 Tagen Aufenthalt vor seinen Verfolgern weiter fliehen, so entging er Verhaftung und Zuchthaus und weiterem Ungemach.

Vor dem Kamin hatte er sich in weiser Voraussicht eine Falltür anlegen lassen, um beim Auftauchen der Häscher schnell verschwinden zu können.

Unser Wanderweg führt auf die Spitze der Insel mit dem Pavillon aus dem Jahr 1728, in welchem den Erläuterungen nach fröhlich gefeiert wurde, was dem Pavillon den Namen „Tanzhaus“ einbrachte.

Drei dreieckige Granitsäulen mit mystischer Symbolik umgeben den Pavillon, sie erinnern mich an den Film „Das fünfte Element“.

Über einen steilen, roh gepflasterten Weg, der wie eine Straße aussieht, geraten wir überraschend direkt ins Kloster, das sich mit typischem Gaststättenlärm ankündigt.

Unsere Bedienung ist eine flotte Erfurterin, die sich über die Landsleute freut. Norda Wiedemann macht ihre Sache sehr gut, sie hat tatsächlich jede Bestellung genau im Kopf und stellt ohne nachzufragen alles richtig zur Person passend hin. Das macht sie cool, flink und souverän, ebenso freundlich und resolut. Schon zehn Jahre lebt sie hier, hat ein Kind und wohnt in der Stadt, fährt täglich zur Insel, freut sich, hier Landsleute zu bedienen, möchte jedoch auf keinen Fall auf der Insel leben.

Die Preise sind, wie überall in der Schweiz, für uns etwas „ungewohnt“ – eine Miniportion Essen 15,00 Schweizer Franken, das ganze Essen ab 30,00 SF.

Aber wie wir später hören, verdient man hier das dreifache gegenüber den Nachbarländern, insofern stimmen die Preise, nur nicht für uns.

Wir können uns vorstellen, ein paar Tage auf dieser Insel zu verbringen, sehr romantisch, ich würde dann Rousseau lesen.

Beim Warten auf das Schiff zur Überfahrt auf die Insel sahen wir an einem Gebäude die Verkaufswerbung für eine Eigentumswohnung: 1,5 Mio Franken für den Kauf einer Maisonettewohnung an der Bahn….

Die Rückfahrt führt uns nach La Neuveville, hier wartet der Bus auf uns.

Vorbei am Lac de Neuchâtel, dem Neuenburger See mit kurzem Halt in Neuchâtel, das ist eine erstaunliche Stadt, wohl nur eine Kleinstadt aber durchaus mit dem Habitus einer Großen.

Und immer wieder, wie in allen Städten in der Schweiz, die wir schon auf der ersten Reise kennen lernten, bewundern wir die prächtigen, meist farbenfrohen Brunnenfiguren sowie die vielfältige, niveauvolle Stadtkunst von Barock bis modern. Da denke ich mit Wehmut an Gera, seit 1990 verschwanden schöne Brunnen und anspruchsvolle Stadtkunst aus dem Stadtbild, dabei trauere ich keineswegs Hinterlassenschaften der DDR wie z. B. der „Mauer der Arbeitsproduktivität“ nach. Ich bedauere den Geist der Verwahrlosung und feigen Verantwortungsflucht mit dem geistlosen Totschlagargument „Wir haben kein Geld“ – das kann es nicht sein!

Der Lac Neuchâtel, der Neuenburger See erscheint uns riesig. Bei Yverdon-les-Bains verlassen wir den See in Richtung Lausanne am Lac Léman

Das Hotel am Rande von Lausanne ist baugleich dem Novotel Sausheim, dankenswerter Weise mindestens eine Liga besser, große Erleichterung, denn hier bleiben wir.

Am Abend kosten im Hotel ein Bier und ein kleines Glas Wein 15 SF.

Freitag 15.06.2018

Die Weltstadt Genf und Goethe

Wieder habe ich schlecht geschlafen, das muss wohl an mir liegen, nicht an der Schweiz. Es geht nach Genf mit kurzem Aufenthalt in Rolle, hier hat Goethe einmal übernachtet, wir finden leider keinen Hinweis auf unseren Geheimrat und bis auf eine Festung am See, dem Lac Léman, der manchmal auch Genfer See genannt wird, aber das mögen einige See- Anrainer nicht.

Bis auf eine Festung am See und einen hübschen Markt haben wir nichts Nachhaltiges für uns mitgenommen.

Aber Genf! Unsere Stadtführerin Antoinette, pensionierte Lehrerin, fragt uns charmant, ob sie uns in französisch, schwyzerdeutsch oder deutsch unterhalten soll, sie kann auch italienisch und englisch. Ihr Akzent ist stark französisch geprägt und klingt angenehm, überhaupt ist sie sofort sehr sympathisch.

Eckdaten zu Genf:

Der zweitkleinste Kanton (nach der Fläche), 496.000 Einwohner sagt Antoinette, damit nach Zürich die zweitgrößte Stadt der Schweiz. (nach Wikipedia hat Genf 201.800 Einwohner und Zürich 402.700 Einwohner).

Über 100.000 Einpendler überwiegend aus Frankreich, über 40 % Nichtschweizer

104 km Grenze zu Frankreich, nur 4 km mit der Schweiz, diese Daten hören wir noch ein paar Mal von Antoinette.

Nicht alles zur wechselhaften Geschichte der Stadt konnten wir uns merken, nur soviel, dass Genf lange Zeit eine freie Stadt war, dann zu Frankreich gehörte und seit 1815 endgültig zur Schweiz kam.

Noch heute wird der legendäre Sieg über die immer wieder angreifenden Savoyer im Jahre 1602 gefeiert. In der Nacht vom 11. zum 12. Dezember 1602 griffen die Savoyer die Stadt überraschend an. Obwohl scheinbar überlegen, konnten sie die Stadt nicht einnehmen und wurden von den Genfern zurück geschlagen. Spektakuläres Detail: eine beherzte Hausfrau soll den Angreifern, die mit Leitern die Stadtmauer überwinden wollten, einen Kessel mit heißer Suppe über die Köpfe gegossen haben, das war entscheidend für den Ausgang der Schlacht. Immer wieder schön, solche friedensfördernden Legenden.

Schon lange wollte ich Genf kennen lernen, weil es die UNO – Stadt ist. Antoinette unternimmt mit uns einen Stadtspaziergang.

Der See Lac Léman ist der größte See Westeuropas, deutlich größer, als der Bodensee, bis über 300 Meter tief, ca. 30 Fischarten leben im See.

Genf liegt zu beiden Seiten der Rhône, die über 800 km entfernt ins Mittelmeer mündet.

Als erstes bei der Einfahrt in die Stadt fiel uns die riesige Fontäne auf, wir schätzten vorsichtig: die ist bestimmt über 20 Meter hoch. Antoinette erklärt uns, dass sie mehr als 120 Meter hoch ist und als technische Notwendigkeit entstand, sie dient dem Druckausgleich im städtischen Trinkwassernetz. Ein beeindruckendes Wahrzeichen, das jedoch bei starkem Wind abgestellt werden muss, der Druckausgleich ist dann anders zu kompensieren.

Genf ist in der Tat eine überwältigende Stadt, ausgesprochen weltstädtisch.

Das Ufer des Sees war schon ca. 3.000 Jahre vor der Zeitrechnung besiedelt, besonders viele Zeugnisse sind aus der Römerzeit überliefert und erhalten, so auch ein Teil der römischen Stadtmauer aus der Zeit um das Jahr 200.

Und Genf hat in seiner bewegten Geschichte immer mit vielen Flüchtlingen gelebt, das waren, so betont Antoinette, immer wohlhabende und hochgebildete Zuwanderer, welche der Stadt Wachstum und Wohlstand brachten. Diese Zuwanderung ist sogar in der Bauweise manifestiert, die Häuser wurden zur Aufnahme der neuen Einwohner nachträglich im jeweils aktuellen Baustil aufgestockt, so sind die geschichtlichen Ereignisse mitunter an einem einzigen Gebäude ablesbar.

Große Teile der Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert sind unterirdisch konserviert, wir bestaunen sie beim Aufstieg auf den Gründungshügel der Stadt. Neben den archaischen Zeugen errichtetem die findigen Stadtplaner eine mehrgeschossige Tiefgarage.

Natürlich sind der Rundgang und Antoinettes Erläuterungen viel zu kompakt, zu schnell, zu flüchtig, gern würde ich alles festhalten wollen, mir aufnotieren, noch mal erzählen lassen und ganz viel fragen. Wie sagte unsere Begleiterin so schön unter dem ehemaligen Getreidespeicher am Rathaus?

„Wenn Sie diese 3 Bilder, diese 3 Mosaiken gesehen haben, wissen Sie schon alles über Genf.“ Ganz so einfach ist es wohl leider nicht. Sie erklärt auch die Platanen, die nach meiner Auffassung brutal beschnitten wurden – zum ersten Mal sahen wir das 1992 in Strasbourg – und trotzdem einen gewaltigen Stammdurchmesser entwickelten: sie sind standhaft gegen Umweltverschmutzung und spenden im Sommer den sichersten, dichtesten Schatten. Wir erreichen den Park, der der Geschichte der Stadt gewidmet ist, eine etwa 100 Meter lange und ca. 10 Meter hohe Wand mit Figuren, Jahreszahlen, Sinnsprüchen und Erläuterungen zur Geschichte. Einst protestantische Hochburg von Calvin und Zwingli ist Genf heute wieder, auch durch die zahlreichen Zuwanderer, überwiegend katholisch.

Besonders beeindruckend finden wir die urigen Bronzeskulpturen verschiedener Tiere, zuerst gleich am Ausstieg das Nashorn, dann ein Bär, drei Rinder und sicher noch viele andere, die wir nicht sahen, sie nehmen sich gut aus im Stadtbild und laden nicht nur die Kinder zum Anfassen ein.

Mit dem Bus geht es weiter zum UNO – Zentrum, das vor allem wollte ich mir ausgiebig ansehen, darauf war ich gespannt, leider wird daraus nur eine Vorbeifahrt in dichtem Verkehrsgedränge. Da ist das Tagungsgebäude mit den 193 Flaggen der Mitgliedsländer, davor der übergroße dreibeinige rote Stuhl, sein viertes Bein ist zerfetzt, als Mahnung und Gedenken für die weltweiten Opfer von Landminen.

Dort das Gebäude des Weltflüchtlingsrates UNHCR, das Gebäude des Weltrates der Ökumene, dem über 230 Kirchen und religiöse Gemeinschaften angehören, zahlreiche Botschaften sowie der elegante Park einer internationalen Privatschule, in der ein Schuljahr für den Sprössling 20.000 Franken kostet. Würde ich mir das für meine Kinder oder Enkel wünschen? Ich denke, eher nicht.

Alles exklusiv, mondän, großartig und großzügig, in mein Staunen und meine Bewunderung schleichen sich Skepsis und kritische Gedanken, verstärkt durch Antoinettes Erläuterungen über Preise in dieser Gegend: Eigentumswohnungen ab einer Million bis aufwärts zu 50 Millionen bzw. Mietpreise ab 2.500 SF.

Wider den Krieg – die Waffen nieder!

Unser nächstes Ziel ist das auch hier in diesem Stadtteil gelegene Rot-Kreuz-Museum.

Über die Entstehung bzw. die Gründung des Roten Kreuzes durch Henri Dunant hatte Bernd Kemter uns im Bus vorgelesen. Ich wusste zumindest aus meiner Zeit als Junger Sanitäter, wer der Gründer des Roten Kreuzes war und wie das Symbol entstand: einfach aus der Farb-Umkehr der Schweizer Flagge. Das erzählte uns vor 56 Jahren unsere Gemeindeschwester, die uns Erste Hilfe und Wundversorgung beibrachte.

Dunant sah in der Schlacht von Solferino 1859, Sardinien-Piemont und Frankreich unter Führung des Kaisers Napoleon III. gegen Österreich die entsetzlich leidenden Verwundeten und Halbtoten, um die sich niemand kümmerte.

[…] Die Sonne des 25. Juni beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken läßt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät. Getreide und Mais sind niedergetreten, die Hecken zerstört, die Zäune niedergerissen, weithin trifft man überall auf Blutlachen. […]“

(Henry Dunant: Eine Erinnerung an Solferino.)

Da muss man doch etwas tun, er tat es mit der Gründung der Hilfsorganisation, die in den zahllosen späteren Kriegen das Leiden der Opfer linderte und Menschen rettete, Überlebens-chancen ermöglichte und sicherte.

Die Einsicht und Erkenntnis, dass Kriege als Ursache dieser furchtbaren Leiden, nicht nur bei der kämpfenden Truppe sondern vielmehr unter der Zivilbevölkerung, überhaupt nicht erst stattfinden sollten, bleiben der Menschheit die wirklich Verantwortlichen in den Bank- und Konzernvorständen bis heute schuldig. Denn nicht der unwissende und betrogene Otto Normalverbraucher macht den Krieg. Für Kaiser, Führer, Volk und Vaterland????

Das Museum ist supermodern, der Audio – Guide schaltet sich im Gehen jeweils zu dem Thema zu, welches in dem Raum, den wir gerade betreten, vorgestellt wird. Äußerlich ist das Gebäude in der Sanierung, das schränkt den Besuch und das ergreifende Erlebnis nicht ein.

Die Einsicht, das Leiden, Töten und getötet werden durch Kriegsverhinderung zu vermeiden, hat Bertha von Suttner auf den Punkt gebracht mit ihrer Forderung „Die Waffen nieder!“

Ihre eigenen schmerzvollen Erlebnisse führen sie zur Erkenntnis, dass nationalistische Treueschwüre für Kaiser und Vaterland verlogene Phrasen sind, welche erst den „kleinen Mann“ in der Masse dazu bringen, mit Hurrageschrei gegen den „kleinen Mann“ auf der anderen Seite anzurennen und zu schießen.

Tief ergriffen sind wir von Bernd Kemters Lesung aus Bertha von Suttners Lebensbericht, besonders erschütternd die Szene, als sie vom Tod ihres Ehemannes erfährt – aus dem Brief, den der Ehemann ihrer Freundin schrieb. Zuvor hatte sie sich mit den täglichen Todeslisten auseinander gesetzt, jedes Mal froh und erleichtert, wenn sein Name nicht dabei war. Aber gleichzeitig verstehend, dass für alle anderen Namen trauernde, entsetzte, schockierte Witwen, Mütter, Schwestern standen. Ihre Erleichterung also, dass es Arno bisher nicht getroffen hatte, bedeutete zugleich den Schmerz der Anderen, der Betroffenen. Und nun sie selber, entgegen aller Hoffnungen und Selbsttröstungen, dass es ihn und damit sie nicht treffen möge.

Voltaire und Goethe sind sich nicht begegnet

Zu einem leuchtenden Kleinod an diesem bereits jetzt schon erlebnisreichen Tag wird der Abstecher nach Ferney, eben kurz noch mal nach Frankreich, das ja ohnehin rundherum allgegenwärtig ist. In Ferney besuchen wir Schloss und Park Voltaires, er war offensichtlich vermögend. Angekündigt war nur der Besuch des Parks, da das Schloss noch in Renovierung befindlich sei, aber: Überraschung! Die Sanierung ist abgeschlossen, zumindest zum großen Teil und wurde erst kürzlich, pünktlich zu unserer Ankunft, von Staatspräsident Macron und der französischen Kulturministerin eröffnet.

Wir genießen die schöne Parkanlage mit dem hübschen Schloss, einem Gartenhaus (ähnlich dem von Goethe, nur prunkvoller), eine eigen Kapelle (die hätte Goethe sich vermutlich nicht bauen lassen), ein künstlicher Teich, der noch nicht ganz fertig saniert ist, Orangerie und wunderschöne Bronzeskulpturen.

Unzählige Portraits von Karikatur bis zum Gemälde des Philosophen, Schriftstellers und Zeitaufregers zieren die Wände, er immer lächelnd, es wirkt fast immer süffisant, ironisch, dieses Lächeln und scheint den Betrachter verunsichern zu wollen, weil die Pose zwischen Lächeln und Grinsen zu liegen scheint. Lacht der mich jetzt an oder aus oder will er mir sagen „Was weißt du armes Würstchen schon vom Leben!“ der alte Fuchs, der Voltaire – immer lächelnd, oft auch, wie schon bemerkt, grinsend, die vorauseilende Nase, diesen prächtigen Gesichtserker immer markant und wissend in Szene gesetzt- herrlich!

So ist Voltaire, vielleicht auch das ein Grund, weshalb er sich nach 3 Jahren am Hofe Friedrichs des Großen unbeliebt machte und 1753 nach Frankreich zurückkehren musste. Von der Zeit in Potsdam zeugt ein Portrait Friedrichs im Kaminzimmer, es ist nur ein kleines Portrait, auch das wieder eine typische Anspielung des Philosophen, er will es sich leisten, den Großen in für die damalige Zeit unangemessener Kleinheit zu präsentieren.

Späte Rache für die ungnädige Entlassung aus Sanssouci?

Abschließend lassen wir uns in dem wunderschönen Park zur Lesung nieder, Bernd liest aus Voltaires „Candide“, sehr anregend, ich werde es lesen.

Ich ging im Walde so für mich hin

Die Rückfahrt sollte über Nyon gehen mit etwas Freizeit dort. Bernd brachte die Frage auf, ob wir ein wenig in den Wald und den Berg hinauf fahren wollen, weil – na endlich! – Goethe mit seinem Begleiter (war es der junge Carl August?) diesen Berg hinauf geritten war, um die Aussicht von oben zu genießen.

Geteilte Zustimmung, gemurmelte Unlust, Bernd hielt es für eine ausreichende demokratische Mehrheit und so folgte unser netter Busfahrer David (ich kenne noch drei weitere Davids, die wollen alle, auch der Busfahrer, Devid genannt werden, verstehe ich nicht, der biblische David hieß David und nicht Devid!) dem Votum, hinauf auf den Berg, eine zunehmend kurvenreiche Strecke, die in Serpentinen mit scharfen Spitzkehren übergeht, auf der sich Motorradfahrer mit irrem Tempo, haarsträubender Schräglage und heulenden Motoren gegenseitig mit idiotischen Überholmanövern überbieten. Es gab keinen Unfall. David fährt, wenn es die Möglichkeit hergibt, rechts ran, um den hinter uns aufgelaufenen Stau vorbei zu lassen.

Wir wollen nun zu dem Aussichtspunkt, an dem auch Goethe verweilt haben soll, finden nach anfänglichen Irritationen den richtigen Weg.

Unsere Wanderung durch den Wald wird nun zum ganz besonderen Erlebnis, der anfänglich vereinzelt aufgetretene Widerwillen verfliegt, fast alle sind dabei und es macht Spaß, die Bewegung tut gut nach stundenlangem Sitzen im Bus und überhaupt eklatantem Bewegungsmangel in den vergangenen Stunden.

Entdeckungen am Wegesrand lassen Freude aufkommen, am Waldsaum freue ich mich über die Schattenblume, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, dann das gefleckte Knabenkraut, immer schönere Exemplare, das noch nicht voll erblühte aber bereits gut identifizierbare weiße Waldvögelein begeistern mich ebenso, wie die Bergwiesen mit einer universellen Blütenvielfalt, wie wir sie zu Hause kaum noch kennen. Niemand klagt über die Anstrengung, nur fröhliche und entspannte Gesichter, das ist doch ein schöner Gewinn! Unsere Fröhlichkeit wird stimmgewaltig vom Gezwitscher der Vogelwelt begleitet.

„Ich ging im Walde so für mich hin….“ Wie und wo könnten wir Goethe näher sein, als in diesem Moment?

Endlich finden wir den phantastischen Ausblick, es ist in der Tat atemberaubend, der Extralohn für unsere halbherzige Entscheidung für den Wald und den Berg. Jetzt, nachdem wir das erleben, können wir die Abstimmung von vorhin korrigieren: natürlich sind wir für den Wald und den Berg und zwar einstimmig!

Vieles haben wir heut erlebt, viel Schönes, der Tag war wirklich übervoll, aber diese Wanderung war die unerwartete und unbeabsichtigte Krönung des Tages, den wir nun zufrieden beschließen können.

Zu allem Überfluss wurde auch noch der Bus nach oben bestellt, so dass wir uns um den Genuss des Abstieges brachten. Der eigentliche Wanderweg zweigt von der asphaltierten Straße ab, von diesem Abzweig bis zum Dorf sind es höchstens anderthalb bis zwei Kilometer.

Sonnabend, 16. Juni 2018, Lausanne und Montreux

Lausanne ist nach seiner Einwohnerzahl etwa so groß wie Gera zur Wendezeit, nach einem Einwohnerrückgang ab 1970 ist die Stadt in den letzten 15 Jahren wieder deutlich gewachsen.

Architektur und Städtebau sind ausgesprochen großstädtisch.

Wir treffen uns am alten Hafen im Stadtteil Ouchy (das wird so ausgesprochen, wie meine Schwester Uschi, nur auf der zweiten Silbe betont) mit unserer Stadtführerin Franziska, die sich leider etwas verspätet.

Die Kathedrale Notre Dame mit ihrem imposanten Hauptturm überragt die Stadt vom Zentrumshügel aus. Später haben wir Gelegenheit, die Kathedrale auch von innen zu besichtigen. Das Chateau Saint Maire beeindruckt uns ebenso, wie das Bundesgericht, das Olympische Museum und das bunte Leben in den teils engen Gassen des Zentrums. Ich freue mich über die Plakate, die zur Fête de la musique einladen und sende ein Foto davon an Professor Hoffmann in Gera, der sich prompt dafür bedankt. Er ist ja der Vater der Gerschen Fête de la musique.

Die Eindrücke sind außerordentlich vielfältig, die Baukultur erstaunlich, manchmal erscheint sie uns auch brutal, zum Beispiel mit der Überdeckung des Flüsschens Flon oder der Beseitigung alter, nach meinem Verständnis durchaus erhaltenswerte Häuser, um neuen Platz zu machen, aber in dieser Frage wird es wohl immer und überall die unterschiedlichsten Meinungen geben.

Wenig Gelegenheit bleibt für einen Freizeitbummel in dieser schönen Stadt, wir schaffen es nicht, noch einmal in eines der zahlreichen Straßencafes einzukehren, weil wir zur Weinprobe verabredet sind. Das Weingut Lavaux liegt inmitten der Weinberge, die sich hier an den Südhängen des Nordufers des Lac Léman ausdehnen.

Über die Weinprobe lautet die abschließende Bewertung, dass 22,00 € für ein knappes Glas Wein ohne weitere Bewirtung – nicht mal eine Kleinigkeit zum Knabbern, geschweige denn ein kleiner Imbiss- doch ein sehr großzügiges Salär seien.

Da wir in der Zeit knapp sind und die Abfahrt des Schiffes in Montreux nicht verpassen wollen, fallen die vorgesehenen Freizeiten in Vevey und Montreux aus. Die geringe Verspätung des Dampfers in Montreux hätte auch nicht gereicht, um einen Eindruck von der Stadt zu bekommen, vielleicht ein andermal.

Beschaulich und gemütlich wird die Fahrt auf dem See, fast über die gesamte Strecke sehen wir den Mont Blanc, es dauert eine Weile, bis wir uns sicher sind, dass es sich nicht um eine weiße Wolke sondern tatsächlich um den höchsten Berg Westeuropas handelt. Überhaupt genießen wir die Traumlandschaft, die sich vor uns ausbreitet, das ist Seelenbalsam, schon lange habe ich mich nicht mehr so leicht und locker gefühlt. Nur den Goethe habe ich etwas vermisst. Knapp anderthalb Stunden dauert die Reise mit dem Raddampfer bis nach Lausanne, alter Hafen Ouchy, hier waren wir am Morgen mit Franziska gestartet.

Bleibt uns nur noch das Kofferpacken.

Mit dem Hotel waren wir zufrieden, es war alles in Ordnung, vor allem für den krassen Qualitätsunterschied zum Novotel Sausheim sind wir froh und dankbar. Hier haben uns die gut gestalteten und damit einladenden Freianlagen des Hotels besonders gefallen.

Sonntag, 17. Juni 2018, durch die Schweiz in einem Ritt

Nur einen Aufenthalt neben den obligatorischen Pausen haben wir auf der Rückfahrt noch vorgesehen, einen Abstecher zum Rheinfall, dass fand auch damals 2012 schon statt, als wir ja in Schaffhausen übernachteten.

Immer wieder durchfahren wir teils heftige Regenschauer, dann wieder sommerliche Etappen mit blauem Himmel und viel Sonnenschein, am Rheinfall dann wieder Regen. Leider haben wir es verpasst, Eintritt zu bezahlen, so sehen wir das Naturschauspiel nur von oben, na gut, wir waren schon zweimal hier, trotzdem kann man es immer wieder bestaunen, zumal ja die Ansichten je nach Wasserführung durchaus anders sind.

David (Devid), der ja als Busfahrer viel herumkommt, kennt den Rheinfall noch nicht und nimmt die Gelegenheit wahr, die ganze Ansicht mitzunehmen, das gönnen wir ihm und warten deshalb gern auch mal auf ihn.

Bernd und Angelika hatten sich tags zuvor bereits um unser großes Picknick gekümmert, das wir auf einem Autobahnparkplatz mit Schweizer Käse, Wurst, Schinken, frankoschweizerischen Baguettes und deutschem Sekt genießen.

Danke, Bernd und Angelika, nicht nur für diesen kulinarischen Teil der Reise, sondern für die großartige fürsorgliche Vorbereitung und perfekte Organisation, für den hohen Bildungswert und das tolle kulturelle Niveau, danke auch für das Wetter, das Bernd taktisch und strategisch abgesichert hatte.

Wenn auch ein bisschen weniger Goethe war, als in der ersten Schweizreise, so war es doch ausreichend (was will ich denn – ich habe endlich Friederike richtig kennen gelernt!), und überdies kam soviel Neues und Anderes hinzu, dass für uns der Sinn und Zweck der Reise absolut erfüllt ist.

– E N D E-

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